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Quo vadis Afghanistan 2011?

Konfliktanalyse und Perspektiven

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 24 Seiten

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1 Einleitung

2 Konfliktanalyse Afghanistan
2.1 Konfliktgeschichte
2.2 Konfliktparteien
2.2.1 Hauptakteure
2.2.2 Nebenakteure
2.3 Konfliktgegenstand
2.4 Konfliktursachen
2.4.1 Strukturelle Faktoren
2.4.2 Sozioökonomische Faktoren
2.4.3 Politische Faktoren
2.4.4 Kulturelle Faktoren

3 Perspektiven für Afghanistan

4 Resümee

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Anfang des Jahres rückte Afghanistan wieder in den Blickpunkt der deutschen Politik, da die Abstimmung des Bundestags über eine weitere Verlängerung des Bundeswehrmandats anstand. Im Vorfeld der Debatte bezeichnete Bundesaußenminister Westerwelle 2011 als ein entscheidendes Jahr für Afghanistans Zukunft - einem Jahr, in dem die Übergabe der Verantwortung an die afghanische Regierung vorangetrieben und die Reduzierung des Bundeswehrkontingents eingeleitet werde (vgl. Fokus online 2011). Am 28. Januar unterstützte schließlich der Bundestag mit einer breiten Mehrheit den Antrag der Bundesregierung auf Mandatsverlängerung. Die umstrittene Frage, ob ein konkreter Abzugsplan vorgeschrieben werden solle, wurde dabei entschärft, indem die Abzugsperspektive für das Jahr 2011 an die Lage in Afghanistan angepasst wurde. So heißt es im Mandatstext: „Die Bundesregierung ist zuversichtlich, im Zuge der Übergabe der Sicherheitsverantwortung die Präsenz der Bundeswehr ab Ende 2011 reduzieren zu können und wird dabei jeden sicherheitspolitisch vertretbaren Spielraum für eine frühestmögliche Reduzierung nutzen, soweit die Lage dies erlaubt (…)“ (Deutscher Bundestag 2011: 6). Unabhängig aber von der geplanten Truppenreduzierung hat sich der Bundestag in seinem Mandat klar und deutlich für ein dauerhaftes ziviles Engagement Deutschlands in Afghanistan ausgesprochen - auch über den Zeitraum der Übergabe der Sicherheitsverantwortung im Jahr 2014 hinaus soll zivile Aufbauhilfe geleistet werden (vgl. Deutscher Bundestag 2011). Das angestrebte Ziel bleibt die Entwicklung eines souveränen und stabilen Afghanistans, „das die in seiner Verfassung verankerten Menschenrechte achtet, das sich wirtschaftlich und sozial entwickeln kann und von dessen Boden keine Gefahr für die Region und die Staatengemeinschaft ausgeht“ (Deutscher Bundestag 2011: 4). Mit dieser Zielsetzung hat die Politik die Perspektive für Afghanistan vorgegeben und Deutschland zur langfristigen Unterstützung mit verschiedenen Mitteln (Einsatz der Bundeswehr, zivile Aufbauhilfe etc.) verpflichtet. Doch wie wahrscheinlich ist das Eintreten des politischen Willens?

Mit Blick auf den „Failed State Index“ der letzten Jahre scheint eine gewisse Skepsis angebracht: darin wird das Land seit 2007 kontinuierlich schlechter benotet und liegt nun nach neun Jahren internationalem Engagements auf Platz 6 der Liste der gescheiterten Staaten - knapp hinter Somalia, Tschad, Sudan, Zimbabwe und dem Kongo (vgl. Foreign Policy 2011). Die Entwicklung der Sicherheitslage fördert den Zweifel zusätzlich. Seit 2006 wird eine stetige Verschlechterung der öffentlichen Sicherheit in ganz Afghanistan (auch im deutschen Verantwortungsbereich) beobachtet, so dass 2010 das blutigste Jahr seit Beginn der Intervention darstellt (vgl. Bundesregierung 2010: 9, Steinberg & Wörmer 2010).

Aufbauend auf der Skepsis gegenüber der „politisch verordneten“ Perspektive möchte die Arbeit klären, welche Perspektiven sich aus einer wissenschaftlichen Konfliktanalyse für Afghanistan ergeben. Im Gegensatz zur politischen Vorgehensweise werden die Zukunftsaussichten nicht im Voraus festgelegt, sondern aus dem komplexen System der aktuellen Konfliktsituation abgeleitet. Dazu wird in Kapitel 2 mit dem Instrumentarium der Friedens- und Konfliktforschung eine fundierte Analyse der Konfliktlage in Afghanistan durchgeführt, wobei einzelne Aspekte des Konflikts systematisch mit Hilfe der einschlägigen Literatur untersucht werden. Darauf aufbauend erfolgt in Kapitel 3 die Ableitung möglicher Perspektiven für Afghanistan und deren kritischer Reflexion hinsichtlich ihrer Prognosefähigkeit. Das abschließende Resümee bietet Platz für einen Blick in die „Kristallkugel“.

Auch wenn die Fragestellung politisch brisant ist, stehen die wissenschaftlichen Aspekte der Arbeit im Fokus. Fragen der politischen Praxis wie z.B. die Angemessenheit der angestrebten Ziele oder der eingesetzten Mittel werden nicht thematisiert und es wird bewusst darauf verzichtet, Handlungsempfehlungen für die Politik zu formulieren.

2 Konfliktanalyse Afghanistan

Zur Untersuchung von nationalen und internationalen Konflikten hat sich in der Friedens- und Konfliktforschung ein systematisches Analysemuster etabliert, mit dessen Hilfe der Konflikt in seine wesentlichen Bestandteile zerlegt wird und somit deren komplexe Zusammenhänge sichtbar werden. Das lehrbuchmäßige Vorgehen gliedert den zu untersuchenden Fall in die Konfliktgeschichte, die Konfliktparteien, den Konfliktgegenstand, die Konfliktursachen und die Konfliktregelung auf (vgl. Imbusch & Zoll: 2006). Daran orientiert sich auch die Analyse des Afghanistankonflikts, wobei der Aspekt der Konfliktregelung ausgeklammert wird, da die Regelung eine Aufgabe der Zukunft und folglich Teil der Perspektiven ist (Kap.3).

2.1 Konfliktgeschichte

Wo beginnt die Geschichte des Afghanistan-Konfliktes? Man könnte spontan das Jahr 2001 als Beginn des Afghanistankonfliktes ansehen, da in diesem Jahr die Intervention in Afghanistan als Folge des Terroranschlags vom 11. September begann. Diese Sichtweise konzentriert sich auf die Ereignisse nach der militärischen Intervention, vernachlässigt aber die geschichtlichen Hintergründe, die die Zusammenhänge zwischen Vergangenheit und Gegenwart nachvollziehbar und erklärbar machen (z.B. zwischen 9/11, Al-Qaida und Afghanistan). Daher wird auch die Vorgeschichte Afghanistans zur Konfliktgeschichte hinzugezählt. Zur besseren Übersichtlichkeit findet die Unterteilung in den Zeitraum vor und nach 2001 statt. Aus der Fülle der historischen Ereignisse werden nur die Aspekte ausgewählt, die für die heutige Lage besonders relevant erscheinen.

Konfliktgeschichte vor 2001

In ihren Fallstudien zu Afghanistan haben Polk (2007) und Rashid (2010) dessen Geschichte ausführlich analysiert und eindrucksvoll aufgezeigt, wie bedeutsam die Beschäftigung mit der konfliktreichen Geschichte des Landes ist, um die heutige Situation verstehen und erklären zu können. Aus deren Analyse und unter Berücksichtigung weiterer Literatur ergibt sich folgendes:

- Der Staat Afghanistan entstand Ende des 19. Jahrhunderts durch die Übereinkunft der damaligen Kolonialmächte Großbritanniens und Russlands. Die Staatsformierung folgte keiner internen nationalen Idee, sondern externen Interessen, wodurch „Stämme und ethnische Gruppen zwischen verschiedenen Ländern aufgeteilt [wurden]“ (Rashid 2010: 27). Die künstliche Bildung des Nationalstaats von außen hat dazu geführt, dass die Loyalität zum Staat historisch betrachtet sehr gering ist: Aufgrund der fehlenden inneren Dynamik konnte nie eine stabile wechselseitige Durchdringung von Staat und Gesellschaft stattfinden, was bis in die heutige Zeit einen schwachen Staat und eine mangelnde politisch-kulturelle Einheit bedingt (vgl. Kühn 2010: 265). An Stelle einer staatlichen Zentralmacht herrschte stets „the concept that every village, clan, or tribe was a separate entity, virtually a miniature nation-state“ (Polk 2007: 191). Nach Polk sei in Afghanistan nur in den Zeiten so etwas wie eine Einheit zwischen den Clans und Stämmen entstanden, in denen ausländische Invasoren als gemeinsamer Feind bekämpft wurden (vgl. Polk 2007: 182).
- Afghanistan verfügt über eine Tradition der intensiven Einmischung ausländischer Mächte, die zur Durchsetzung ihrer Interessen kriegerischen Auseinandersetzungen führten. In den letzten 150 Jahren gab es drei Britisch-Afghanische Kriege (zwischen 1839 und 1919) und einen Sowjetisch-Afghanischen Krieg (1979-1989). Da die Invasoren nie die Kontrolle über das Land gewinnen konnten, entstand ein „Mythos (…), dem zufolge Afghanistan militärisch nicht zu befrieden ist. Dieser spielt für den Verlauf der westlichen Intervention eine nicht zu unterschätzende Rolle“ (Bliesemann & Kühn 2010: 116).
- Das heutige Afghanistan ist ein vom Krieg geplagtes Land: seit dem Beginn der sowjetischen Invasion 1979 bis zum Ende der Talibanherrschaft 2001 leidet die afghanische Bevölkerung unter einer Spirale von Gewalt in allen Ausprägungen (Krieg, Bürgerkrieg, Massaker, Folter, Zerstörung, Vertreibung) (vgl. Rashid 2010: 29ff.). Bei einem Durchschnittsalter von 18 Jahren (vgl. CIA 2011) kennt die derzeitige Generation überwiegend nur Krieg. Da eine Aussöhnung bisher nicht stattgefunden hat, kann man von tiefen gesellschaftlichen Gräben ausgehen.
- Die massive Unterstützung von „Warlords“ und religiösen Fanatikern (Al-Qaida) während des Sowjetisch-afghanischen Krieges durch westliche Mächte (insbesondere der USA und Saudi Arabiens) hat zu einer Vormachtstellung von „Warlords“ und der Verbreitung eines islamistischen Fundamentalismus geführt (vgl. Rashid 2010: 30ff.). Nach dem Abzug der Sowjetunion stellten die USA und deren Verbündete ihre Förderung ein und überließen das Land dem Bürgerkrieg der „Warlords“, in dessen Verlauf die Talibanbewegung als Gegenreaktion gegen die Willkürherrschaft der „Warlords“ erst entstand (vgl. Rashid 2010: 34). Den damaligen Ansehensverlust der westlichen Mächte und insbesondere der heutigen Interventionspartei USA macht Rashid deutlich: „das afghanische Volk wurde im Stich gelassen – und es fiel dem Land später schwer, das zu verzeihen“ (Rashid 2010: 32).

Afghanistan nach der Intervention bis heute

Als Antwort auf die Terroranschläge des 11. Septembers wurde die „gegenwärtige Runde des Krieges (…) durch die Eroberung Afghanistans und den Sturz der Taliban durch die USA und ihre lokalen Verbündeten der Nordallianz eingeleitet“ (Hippler 2008: 2). Nach einer Phase der Beruhigung und scheinbaren Stabilisierung des afghanischen Staates (Etablierung einer Interimsregierung, Erarbeitung einer afghanischen Verfassung, Vorbereitung demokratischer Wahlen) ließ sich ab 2003 ein zunehmendes Erstarken des gewaltsamen Widerstands feststellen (vgl. Hippler 2008). Weder die Ausweitung des 2001 beschlossenen ISAF- Mandats auf ganz Afghanistan (ab 2004) noch die deutliche Erhöhung der internationalen Soldaten (von anfangs 3000 auf ca. 133 000 Ende 2010) konnten verhindern, dass sich die Sicherheitslage in ganz Afghanistan stetig verschlechterte und im letzten Jahr ihren negativen Höhepunkt erreichte (vgl. Bundesregierung 2010: 9f.). Auch die seit 2001 parallel laufende Mission Operation Enduring Freedom (OEF) gegen den Terrorismus, in die Ende 2009 geschätzte 28 300 amerikanische Soldaten eingebunden waren (vgl. Masadykov et al. 2010: 2), stoppte diesen Trend nicht. In historischer Perspektive scheint die OEF der USA für die heutige Lage sogar mitverantwortlich, da im Kampf gegen Al-Qaida die regionalen Warlords als Partner benutzt und dementsprechend militärisch stark gemacht wurden (vgl. Rashid 2010: 81). Durch die „Warlord-Strategie“ der Amerikaner konnten die regionalen Machthaber in dem neu entstehenden Staat ihre Machtbasis weiter ausbauen und sich als „freiberufliche Sicherheitsunternehmer“ neben den staatlichen Strukturen etablieren - mit gravierenden Nebenfolgen: „Indem sie die Warlords finanzierten, die ihrerseits Tausende Milizionäre rekrutierten, die dann als Landstreitkräfte, Leibwächter und Spione der Amerikaner agierten, sorgte die CIA für noch mehr Chaos im Land“ (Rashid 2010: 88). Die Loyalität der Warlords gegenüber der afghanischen Regierung blieb aufgrund ihrer eigenen Stärke schwach, im Vordergrund standen persönliche, wirtschaftliche und machtpolitische Interessen. Deren mächtige Position führte zu einem schwachen Staat, der sich mit den untereinander rivalisierenden „Warlords“ arrangieren musste, und zu einer frustrierten Bevölkerung, deren Hoffnungen auf einen guten Neuanfang enttäuscht wurden (vgl. Rashid 2010).

Nicht nur bei der öffentlichen Sicherheit wurden seit 2001 nur geringe bis keine Erfolge erzielt. Der Fortschrittsbericht der Bundesregierung weist auch auf Fehlentwicklungen in anderen relevanten Bereichen hin. Demnach werden gravierende rechtsstaatliche Defizite bei der Legitimität der Regierungsführung und bei der Bekämpfung der Korruption festgestellt, und auch der auf Rekordniveau gestiegene Drogenanbau bleibt eine ungelöste Aufgabe (vgl. Bundesregierung 2010). Die Analyse von Kfir (2010) liefert abschließend eine umfassende Einschätzung der aktuellen Lage:

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Details

Seiten
24
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640962358
ISBN (Buch)
9783640962624
DOI
10.3239/9783640962358
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Universität Augsburg
Erscheinungsdatum
2011 (Juli)
Note
1,0
Schlagworte
Konfliktanalyse Konfliktforschung Afghanistan

Autor

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Titel: Quo vadis Afghanistan 2011?