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Alexander Skrzipczyk - Die narratologische Kategorie des "Modus" anhand Ludwig Tiecks "Der Blonde Eckbert"

Essay 2011 6 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Aufgabe: Erläutern Sie die erzähltheoretische Kategorie „Modus“ und wenden Sie sie auf eine literarische Vorlage ihrer Wahl an.

In der vorliegenden Arbeit soll zunächst die Kategorie „Modus“ nach Martinez/Scheffel erläutert werden, wonach die frühromantische Novelle „Der blonde Eckbert“ von Ludwig Tieck dahingehend analysiert wird.

Zunächst ist wichtig zu sagen, dass die moderne Erzähltheorie nach Genette zwischen Diegese (dem „Was“ der Darstellung) und Erzählung/Narration (dem „Wie“ der Darstellung) unterscheidet. In den ersteren Bezirk gehört die erzählte Handlung (Geschichte/Geschehen) in ihrer kausalen und chronologischen Struktur, während zweiterer die formale Anordnung und Ausformung der Diegese thematisiert.

Die Kategorie des „Modus“, die etymologisch schon auf das „Wie“ der Darstellung verweist, ist ein Begriff, der neben den Kategorien „Zeit“ und „Stimme“ auf die ausgeformte Erzählung angewandt wird.

„Modus“ unterteilt sich wiederum in die Unterkategorien „Distanz“ und „Fokalisierung“.

Wenn nach der „Distanz“ gefragt wird, fragt man, wie unmittelbar das Erzählte wiedergegeben wird, wohingegen man bei der „Fokalisierung“ danach fragt, aus welcher Perspektive das Erzählte wahrgenommen wird, kurz also: „Wer sieht?“. Galt früher die Konstruktion eines „auktorialen Erzählers“ als verbreitet, der allwissend sieht und spricht, haben Textbeispiele dieses Konzept zugunsten der Unterscheidung der Fragen „Wer sieht?“ und „Wer spricht?“ wanken lassen.

Die Person, durch die jeweils fokalisiert wird, nennt man zudem „focalizer“, wobei natürlich viele Texte nicht durch eine spezifische Figurensicht charakterisiert sind. Diesen Fall fasst Genette unter „Nullfokalisierung“, bei der der Erzähler mehr sagt, als alle handelnden Personen wissen können. Dem entspricht also das Bild eines „Kameraauges“, das sich durch auktoriale Übersicht über die Erzählsituation auszeichnet.

Sagt die Erzählinstanz genauso viel, wie eine Person weiß, spricht man von „interner Fokalisierung“, die ebenso als aktoriale Mitsicht charakterisiert werden kann, wobei natürlich in der Literatur der Fall eintreten kann, dass der Erzähler den Horizont verschiedener Protagonisten überblickt. Daher hat man zwischen fixierter, variabler und multipler interner Fokalisierung unterschieden. Erstere ist im Laufe eines Textes an eine Person gebunden, zweitere sieht nacheinander aus der Perspektive verschiedener Menschen, und letztere tritt dann ein, wenn ein und dasselbe Geschehen aus der Perspektive verschiedener Protagonisten vermittelt wird. Hierbei wird vielleicht eine Schwierigkeit der Genettesches Typologie deutlich, denn rapide, häufige Wechsel der internen Fokalisierung sind als solche schwer von einer Nullfokalisierung unterscheidbar. Variable und multiple interne Fokalisierung können unter Stanzels Begriff des „multiperspektivschen Erzählens“ subsumiert werden, was mit seinen Fokalisierungswechseln z.B. typisch für expressionistische Prosa ist. Schließlich kann auch die neutrale Außensicht des Erzählers auftreten, der weniger sagt, als die Figur weiß. In solchen Textpassagen ist die Erzählinstanz wie eine weitere Figur zu verstehen, die das Geschehen beobachtet. Die Personen handeln, sprechen und fühlen, aber der konkrete kognitive Inhalt ist dem Erzähler unzugänglich.

Diese „externe Fokalisierung“ ist gewissermaßen eine behavioristische Position, die den Leser mit Unsicherheit und Raum für Spekulationen versorgt, einem eher „schwachen Erzähler“ geschuldet, wohingegen die relative Kongruenz von Erzählersicht und Figurensicht bei der internen Fokalisierung poetologisch als Mittel zur Identifikation des Lesers mit der Erzählinstanz denkbar wäre. Die Nullfokalisierung wäre so gesehen eine Art „Gottesperspektive“ des Erzählers, was für die Leserschaft ein willkommenes IdentifikationsSpiel sein könnte, eine Art ungestrafte, zugelassene Hybris.

Was die Unterkategorie der Distanz angeht, ist vorwegzuschicken, dass diese zwischen den beiden Polen des „Narrativen Modus“ und des „Dramatischen Modus“ aufgespannt ist, wobei ersterer den größten Gehalt an Mittelbarkeit, letzterer den höchsten Gehalt an Unmittelbarkeit widerspiegelt. Martinez/Scheffel legen den Fokus ihrer Untersuchung auf die Erzählung von Worten und Gedanken, wobei die Narration von Ereignissen, die ja einen überwiegenden Teil einschlägiger Erzählungen bildet, wenig Erwähnung findet. Es wäre sicherlich aufschlussreich den Grad der Mittelbarkeit in Ereignisschilderungen genauer zu untersuchen, denn ein Ereignis kann ja auch unterschiedlich detailliert, gerafft und akzentuiert - also vermittelt - erzählt werden. Ein und dasselbe Ereignis kann so nüchtern als Aneinanderreihung von Tatsachen beschrieben werden, oder aber als detailgetreue Schilderung mit tatsächlich zum Ereignis gehörenden Implikationen aus verschiedenen Seinsbereichen.

Was die Erzählung von Figuren - und Gedankenrede anbelangt, differenziert man zwischen der „Erzählten Rede“ als der vermitteltesten Form, der „Transponierten Rede“ als einer Mischform aus Zitat und Paraphrasierung und schließlich der „Zitierten Rede“ als unmittelbarste Wiedergabe einer sprachlichen Struktur durch den Erzähler.

Nach Cohn ist der „Bewusstseinbericht“ die mittelbarste Form der erzählten Gedankenrede, bei dem der Erzähler lediglich Bewusstseinsinhalte der Person aufzählt, wobei diese den Intellekt der Person weit übersteigen können, sodass der Inhalt eines Bewusstseinsberichts von den Personen oft nicht einmal stumm ausdrückbar ist.

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Details

Seiten
6
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640962921
Dateigröße
444 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v175391
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für Deutsche Philologie
Note
1,0
Schlagworte
Erzähltheorie Genette Tieck Eckbert Narratologie

Autor

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