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Die Kopernikanische Wende - Immanuel Kant

Essay 2011 9 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

Die Kopernikanische Wende. Immanuel Kant.

Mit Kant vollzieht sich ein zweites Mal in der deutschen Geistesgeschichte eine Wendung nach innen, vielmehr eine Verinnerlichung, nicht mehr mit der Form des religiösen, sondern mit der Form des wissenschaftlichen Bewusstseins. Seit Beginn der Neuzeit, der Renaissance, häufte die abendländische Wissenschaft ein nahezu nicht zu bewältigendes Material aus naivem Forschen und Denken, von Tatsachen und Sachbezügen an und nutzte es ebenso naiv zur Komposition eines metaphysischen Weltbildes. Wie die Scholastik - diese Rationalisierung, diese Systematisierung des christlichen Glaubens und Dogmas - das innere Heiligtum des Geistes zu einer begrifflichen Außenwelt verkehrt, zu einer dinghaften, gegenständlich gedachten Begriffswelt veräußerlicht hatte - so errichtete auch das Zeitalter der Aufklärung, welches wir präzise das rationale nennen, welches ich aber das rationalistische nennen möchte, ein System des Verstandes, ein Konstrukt von gegenständlich, begriffsrealistisch gedachten Wesenswahrheiten und Relationen, in welchem der Mensch Sicherheit haben sollte, aber indem sein Geist nicht zu Hause war, auch kein Zuhause zu finden vermochte. Es wurde an diesem Konstrukt mehrfach gerüttelt, es drohte sogar einzustürzen, konkret, wo es sich um theologische Bausteine handelte, Bauart und Baumaterial blieben sich letztlich ähnlich, es war eine selbstlose seelenlose Hülle, in der Geist selbst entfremdet wurde. Vergleichbar mit der Erschütterung des scholastischen Weltbildes durch Nominalismus und Mystik, die es auch teils überwanden, führte auch Kant eine Revolution des Denkens durch, welche mit einem Paukenschlag das Zeitalter der puren Verstandesherrschaft beendete. Das Kantische Denken setzte sich mit derartiger Wirkung durch, so dass das gesamte gebildete Deutschland das Ungeheure seiner Tat wirklich begriff. Der Begriff des „Alleszermalmers“ wurde Kant zugeordnet, zurecht, denn betrachte man das gesamte Schicksal des Begriffsrealismus, so hat wahrscheinlich auch Nietzsche noch allein damit zu tun, die stehengebliebene Ruine eines Konstrukts zu stürzen, welches Kant schon fundamental zum Wanken brachte. Die Resonanz seines Werkes, seiner Tat wurde damals mit Recht der der französischen Revolution gleichgesetzt. Diese veränderte gründlich die politische Wirklichkeit, indem sie Jahrhunderte langes Bestehen geheiligter Rechte, Konventionen und Institutionen einfach verwarf. Kant gab dem menschlichen Denken, der Denkungsart eine neue Grundlage, indem er mit uralten Traditionen der Philosophie brach, sich von ihnen löste.

Als 1781 sein Hauptwerk „Kritik der reinen Vernunft“ erschien, eröffnete er diese neue Dimension. Diese bot erstmalig die neuen Gedanken, die wahrscheinlich ebenso bedeutsam, vielleicht noch wirksamer als die des Sturm und Drang sein werden. Er drängte den machtvollen Gegner Aufklärung zurück, nicht einfach beiseite, er suchte sich nicht außerhalb ihres Gebietes und Geltungsbereiches - im religiösen Gefühlsleben, nahe dem Pietismus oder dem dichterisch kreativen Schaffen, wie eben der Sturm und Drang, - ein eigenes, neues Tätigkeitsfeld, sondern griff den Gegner da an, wo er Wirklichkeit war, wo er zu Hause war, in der Philosophie, auf dem Schlachtfeld des Verstandes. Er drang in das Machtgefüge, das Stellungssystem des Rationalismus selbst ein; er kämpfte auf dem Boden des Gegners mit dessen Waffen und hierin gelang ihm als einzigem gegenüber der Aufklärung, was eigentlich der Sinn eines jeden Messens, eines jeden Kampfes ist: keinesfalls die Selbstbehauptung, sondern die Überwindung des Gegners. Auf ihrem Boden, mit ihren Waffen gelang ihm ihre wahrhafte Widerlegung.

Der Anlass der Revolution des Denkens war nach Kant selbst die erkenntnistheoretische Deutung des Kausalitätsproblems des englischen Philosoph David Hume. Diese wird kurz erläutert. Jeder Mensch hält es für selbstverständlich, dass jede Veränderung eine Ursache haben müsse, dass Veränderung also Wirkung einer Ursache sei. Ursache und Wirkung, Grund und Folge, diese Kausalität denken wir immer zusammen. Eben diese Selbstverständlichkeit des Kausalitätsverhältnisses ist für einen Erkenntnistheoretiker, für den, der nach den Grundlagen, Möglichkeiten und Grenzen der menschlichen Erkenntnis forscht, das Problem. Denn er will wissen, welche Herkunft die beiden Begriffe Ursache und Wirkung haben, mit welcher Rechtfertigung und in welchem Umfang wir sie gebrauchen dürfen. Jene Frage ist transzendental. Dieses Wort ist Kants eigene Charakterisierung seiner Philosophie. Folglich übersteigt also die Fragestellung des Erkenntnistheoretikers die Erfahrung, das Empirische, und zwar insofern sie sich auf sie richtet. Es bildet sich also ein Gegenbegriffspaar: transzendental und empirisch. Jene transzendentale Fragestellung übersteigt die Empirie in Bezug darauf nicht, als das sie sich von ihr abwendet, sich flüchtet in das Gebiet des Übersinnlichen, Transzendenten, von dem es nach Kant keine präzise, konkrete und schließlich verlässliche Erkenntnis gibt. Kants Denken bleibt auf die Erfahrung bezogen. Ein weiterer Gegenbegriff zu dem Transzendentalen ist daher das Transzendente, jenes, über die menschliche Erkenntnispotenzialität hinausgehende, das Grenzen überschreitende: das Jenseits. Kant schwebt in seiner Transzendentalphilosophie zwischen Diesseits und Jenseits, denn er glaubt nur so zu erkennen, welche Relevanz die menschliche Erkenntnis hat. Hume leitete den Kausalbegriff, welcher grundlegend für unser Erkennen, besonders das der Natur ist, ab aus einer sich wiederholenden Abfolge dessen, was passiert, was vorgeht und einer daraus resultierenden Gewohnheit, also bloß subjektiven Notwendigkeit, Vorstellungen zu verbinden. Mit anderen Worten: der Kausalbegriff stammt nach Hume von innen, aus der so titulierten Psyche - der so titulierten, weil die Psyche schon Produkt, ein Zusammenkommen von außen und innen, eine Synthesis von Objekt und Subjekt ist. Der Mensch beobachtet lediglich eine Abfolge in der Natur, er nimmt dieses oft wahr und bildet sich - präziser: bildet sich ihm - eine bestimmte Art der connexion von einem und einem anderen heraus. Durch eine Gewöhnung an diese Art der connexion glaubt er letztlich, dass diese eine notwendige, die einzige, die einzig notwendige sei. Diesen Gewöhnungsprozess nennt Kant subjektive Notwendigkeit. Für Hume ist das Verhältnis von Ursache und Wirkung ein psychologisch erklärbarer Weg des Betrachtens der Dinge, von dem wir jedoch niemals sagen können, ob ihm in den Dingen selbst etwas entspricht. Dies endet im Skeptizismus. Kant könnte es sich leicht machen, indem er auch der objektiven Notwendigkeit des Kausalitätsverhältnisses Gültigkeit widerfahren lassen hätte, beispielsweise in Bezug darauf, dass keine Veränderung bekannt war, die nicht ihre Ursache hatte, folglich nach menschlichem Ermessen, also alles nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung sich ereigne und folgendermaßen eine gedankliche Verknüpfung der Begriffe zur Gewohnheit wurde. Die psychologisch subjektive Erklärung würde durch den Beweis aus der Erfahrung, durch objektiv empirische Erklärung, ergänzt werden. Kant lässt diese naiv realistisch empirische Erklärung nicht zu. Er arbeitet heraus, dass Menschen als vernünftig denkende Wesen in Beziehung auf jegliche wirkliche und mögliche Gegenstände zwanghaft im Zusammenhang von Ursache und Wirkung denken, dass dieser Zusammenhang eine Form ist, welche der menschliche Verstand beim Erkennen mitbringt, eine reine, weil nicht sinnliche, von der Erfahrung unabhängige Form des Verstandes. Weil diese ausschließlich im Menschen liegt, nennt er sie subjektiv. In ihr liegt jedoch auch eine spezielle Objektivität, nicht, weil alles in der Welt dafür spricht, dass diese die richtige Form sei, sondern, weil alle Menschen zu aller Zeit in Bezug auf alle möglichen Gegenstände diese Form anwenden müssen.

Solche Denkformen gibt es mehrfach. Diese komponiert Kant zu einer Tafel von Urteilen, von Urformen, in die sich das Wirkliche teile und somit theoretisch beherrsche und entwickelt aus der Tafel der Urteile die Tafel der Kategorien, reiner Verstandesbegriffe. Jene sind nicht aus der Erfahrung erklärbar, sie gehen als angeborenes Eigentum des Geistes aller Erfahrung, nicht zeitlich, sondern dem Wesen nach, voraus. Diese sind a priori: von vorneherein - gegensätzlich zu dem, was später aus Erfahrungen hinzukommt, also a posteriori - im Nachhinein - ist und gibt ihnen, weil der Geist sie nicht von außen, passiv aufnimmt, sondern von innen her aktiv auf die Sinneswelt anwendet, Spontanität. In der Lehre der Spontanität der reinen Verstandesbegriffe legt Kant die eine Quelle jeder möglichen menschlichen Erkenntnis frei. Bei der Untersuchung der anderen, der sinnlichen Voraussetzung des Erkennens, ergab sich eine schier undenkbare Wendung nach innen. Kant stellt heraus, dass auch unsere Vorstellung von Raum und Zeit nicht aus der Erfahrung entnommen, sondern Formen, welche wir um Erfahrung überhaupt machen zu können, voraussetzen müssen. Raum und Zeit sind reine Formen der Sinnlichkeit, Raum der äußeren, Zeit der inneren Anschauung.

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Details

Seiten
9
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640963881
ISBN (Buch)
9783640964055
Dateigröße
395 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v175444
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
Schlagworte
kopernikanische wende immanuel kant

Autor

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Titel: Die Kopernikanische Wende - Immanuel Kant