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Jean Baudrillard: „Kool Killer oder Der Aufstand durch Zeichen“ - Eine kritische Textanalyse

Hausarbeit 2009 18 Seiten

Literaturwissenschaft - Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Textanalyse: „Kool Killer oder Der Aufstand durch Zeichen“
2.1 Abschnitt 1: Die Entstehung der Graffiti
2.2 Abschnitt 2: Der Wandel von der historischen Stadt hin zur symbolischen Destruktion
2.3 Abschnitt 3: Haben Graffiti eine politische Aussage?
2.4 Abschnitt 4: Graffiti im Vergleich mit alternativer Wandgestaltung
2.4.1 Die Wandfresken und ihre ästhetische Funktion
2.4.2 Die „City Walls“ und ihre ästhetische Wirkung
2.4.3 Haben die Graffiti eine ästhetische Funktion?
2.5 Abschnitt 5: Zwei Typen der Vereinnahmung
2.5.1 Die Graffiti als Kunst
2.5.2 Die Interpretation der Graffiti

3 Abschlussbemerkung

4 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Der Aufsatz „Kool Killer oder Der Aufstand durch Zeichen“ aus dem Jahre 1978 stammt aus dem Hauptwerk Jean Baudrillards „Der symbolische Tausch und der Tod“, in welchem er die Veränderungen des Symbolsystems in der modernen Gesellschaft untersucht. Baudrillard (1929-2007), französischer Medientheoretiker, Philosoph und Soziologe, gilt als einer der wichtigsten Autoren der Postmoderne und ein zentrales Thema in seinen Werken ist das strukturalistische Zeichensystem1.

Ich möchte in dieser Hausarbeit versuchen den Aufsatz von Baudrillard zu analysieren und hingehend zu der Frage nach der Bedeutung der Graffiti in der Gesellschaft der 1970er Jahre untersuchen. Orientieren werde ich mich an die insgesamt fünf Abschnitte des Aufsatzes, welche durch eine bestimmte Markierung vorgegeben sind. Um jedoch eine Unterscheidung zwischen den Abschnitten treffen zu können, werde ich versuchen kurze, aber treffende Überschriften zu finden, welche den Inhalt wiedergeben sollen. Zuerst möchte ich die Abschnitte einzeln nach ihrem Inhalt betrachten, bevor ich in einer Schlussbemerkung sie alle zusammen in ihrem Kontext betrachten werde. Ich werde mich in dieser Hausarbeit ausschließlich auf diesen Aufsatz von Baudrillard stützen und versuchen die grundlegenden Gedanken Baudrillards herauszuarbeiten.

2 Textanalyse: „Kool Killer oder Der Aufstand durch Zeichen“

2.1 Abschnitt 1: Die Entstehung der Graffiti

Im ersten Abschnitt, welcher die gesamte Seite 120 und wenige Zeilen der Seite 121 einnimmt, benennt Baudrillard den Ursprungsort- und Zeitpunkt der Graffiti,2 nämlich New York im Frühjahr 1972. Es folg eine Aufzählung der verschiedenen Anbringungsmöglichkeiten für Graffiti, u.a. U-Bahnen, Korridore oder auch Monumente. Was jedoch an diese verschiedenen Lokalitäten angebracht wird, hat für Baudrillard in diesem ersten Abschnitt weder pornographischen noch politischen Inhalt, denn es scheinen einfach nur Bezeichnungen zu sein, die weit entfernt sind von reellen Namen und Bedeutungen. Diese Pseudo-Namen orientieren sich an Underground-Comics und die Graffitisten fügen noch weitere, attributive Bezeichnungen, wie in etwa eine Straßennummer oder eine römische Ziffer hinzu. Jedoch variiert dieses „Benennungssystem“3, je nach Sprayer und Gegend.

Im folgenden Absatz benennt Baudrillard die Vorgehensweise der Sprayer, besonders die Bemalung und Verzierung von U-Bahn Waggons, die durch die Verwendung von Magic Markern oder Sprühdosen erreicht wird. Diese Waggons tragen die „rudimentären oder komplexen Graphismen“4 dann weiter in die Stadt hinaus, sobald sie am nächsten Morgen ihr Depot verlassen und von den vielen tausenden Pendlern täglich genutzt werden. Somit werden sie von einer großen Bevölkerungsgruppe realisiert.

Die Hilflosigkeit der verantwortlichen Behörden führt er dem Leser ebenfalls vor Augen, denn obwohl die verschiedensten Versuche und Möglichkeiten zur Bekämpfung der Sprayer und ihrer Werke unternommen werden, entwickeln die Graffitisten einen Einfallsreichtum, welcher es ihnen ermöglicht, jeden Tag bzw. jede Nacht auf Neue damit zu beginnen5.

Baudrillard zieht nun nach wenigen Sätzen bereits die Schlussfolgerung, dass es sich bei dieser Form der Graffiti um eine sehr „ungewöhnliche Gewalt“ gehandelt hat, welche es in dieser Form nun zur Zeit des Aufsatzes, also fünf Jahre später, nicht mehr gibt. Im Laufe der Zeit, besser gesagt innerhalb eines einzigen Jahres, hat sich die eigentliche Form der Graffiti sehr gewandelt. Wo es sich zu Beginn noch um „rudimentäre Graphismen“6 gehandelt hat, zeugen nun sehr kunstvolle, manchmal barock anmutende Gebilde nun von dieser Weiterentwicklung. Die Graffiti in New York sind einzigartig in den USA und vielleicht auch weltweit. Denn obwohl auch in anderen Städten diese Bewegung des Graffiti genau wie in New York oft „durch junge Schwarze und Puertoricaner“7 ausgeht, so ist sie dort doch immer geprägt von „vielen Wandmalereien mit ethnopolitischem Inhalt“8, jedoch weniger oder fast nie von Graffiti, welche wie es scheint, ohne politische Aussage oder Tendenzen sind.

Im vierten und somit letzten Absatze dieses Kapitels sieht Baudrillard die Graffiti als eine Art „wilde Offensive“9 an, die nun in die Stadt eindringen, was z.B. besonders gut an den abfahrenden U-Bahn Waggons hinein in die Stadt verdeutlicht wird, und diese somit infiltrieren. Die Stadt kann also nicht länger als das Zentrum ökonomischer und somit politischer Macht bleiben, sondern wird sich einem Wandel hingeben müssen, der sie zu einem Zeit/Raum machen wird, der bestimmt ist, von der „terroristischen Macht der Medien, der Zeichen und der herrschenden Kultur“10.

2.2 Abschnitt 2: Der Wandel von der historischen Stadt hin zur symbolischen Destruktion

Im nächsten seiner fünf Abschnitte beschreibt Baudrillard die Stadt als ökonomisches und politisches Zentrum, also die Geschichte der Stadt vor dem Wandel.

Die Stadt hat sich verändert. Sie ist nicht mehr nur ein Ballungszentrum für Arbeitskraft und der damit verbundenen Produktion, sondern diese ehemals primäre Funktion tritt nun „zurück hinter der gesamten Stadt als Raum des Codes“11. Aber wie ist es letztendlich zu diesem Wandel gekommen? Früher war die Stadt geprägt von Fabriken, welche als das Symbol für das Kapital, den damit verbundenen Klassenkampf und somit einem „unversöhnlichen gesellschaftlichen Gegensatz“ standen. Handel und Produktion beherrschten das Erscheinungsbild. Baudrillard wählt in diesem Zusammenhang den Begriff der „Metallurgie“12 um die Historie der Stadt näher zu beschreiben und, wobei er meiner Meinung nach noch stark auf den Menschen/Arbeiter als Individuum abzielt.

Die Stadt jedoch, wie wir sie heute kennen, ist in keinster Weise geprägt von Individualität, denn aufgrund von Zeichen und Codes ist sie vollkommen „durchstrukturiert und homogenisiert“13, was bedeutet, dass Individualität in der Indifferenz der Masse aufgeht und verschwindet. Dies geschieht durch das Erscheinen einer dritten Ebene, welche sich zu den beiden bereits vorhandenen, nämlich der horizontalen und vertikalen Ebene einer Stadt, hinzugesellt und sie stark beeinflusst. Es handelt sich hierbei um die Ebene der „Besetzung, der Vernetzung und der Demontage jeder Gesellschaftlichkeit durch die Zeichen“14. Einem oberflächlichen Betrachter mögen in diesem Zusammenhang zuerst nur die „rassischen Ghettos an der Peripherie und in den Zentren der Städte“15 auffallen, denn hier zeigt sich das wahre Ausmaß dieses Wandels wohl zuerst und auch am deutlichsten. „Die Stadt, das Urbane, ist gleichzeitig ein neutralisierter, homogenisierter Raum der Indifferenz und der sich durchkreuzenden Segregation der städtischen Ghettos, der Zuweisung von Vierteln, Rassen, bestimmten Altersgruppen; der zerstückelte Raum der unterscheidenden Zeichen. Alle Gewohnheiten, alle Augenblicke des Alltagslebens werden durch vielfältige Codes auf einen bestimmten Zeit/Raum festgelegt“16. Aber das Zitat beweist, dass nicht nur diese Ghettos stark von dem Wandel beeinflusst sind, sondern die gesamte Stadt sich dem Ausmaß stellen muss, denn sie ist in ihrer Gesamtheit von diesem Phänomen betroffen und keiner kann etwas dagegen unternehmen, denn alle sind unbewusst involviert. Jeder Bewohner der Stadt ist durch verschiedene Zeichen und Codes an eine bestimmte Gegend gebunden, was bedeutet, dass alle seine Handlungen und Tätigkeiten im Alltag auf einen bestimmten Zeit/Raum festgelegt sind. Der Mensch bewegt sich also in ihm vorgegebenen Grenzen, ohne sie überwinden zu können. Für Baudrillard kommt diese Einengung bereits einem Rassismus gleich, denn er schreibt:

„Darin berührt sich die städtische Planung mit dem Rassismus, denn es macht keinen Unterschied, ob man die Leute aufgrund einer rassistischen Definition in einem homogenen Raum, Ghetto genannt, einschließt, oder ob man sie aufgrund einer funktionalen Definition ihrer Bedürfnisse in einer neuen Stadt homogenisiert. Das ist ein und dieselbe Logik.“17 Die städtische Planung ist also die eigentliche dritte Ebene, denn sie erschafft ja erst die Räume für die Menschen, welcher sie bedürfen, um überhaupt ein Leben führen zu können. Denn „Wohnen, Verkehr, Arbeit, Freizeit, Spiel, Kultur - [sind] lauter Begriffe, die auf dem Schachbrett der Stadt austauschbar sind, in einem homogenen Raum, der als totales Environment definiert ist.“18 Die Stadt wird zum anonymen Ort, wo jeder Mensch nur noch für sich selbst und von den anderen isoliert ist. In der historischen Stadt waren die Menschen noch solidarisch miteinander, was nichts anderes heißt, als dass sie für die gleichen Ziele und Forderungen eingetreten sind. In der neuen Stadt gibt es dieses Solidaritätsprinzip nicht mehr. „Es ist verschwunden“19. Stattdessen gibt es nun die Desozialisierung, welche sich durch alle Klassen und strukturalen Räume hindurch zieht.

Abschließend zu diesem zweiten Abschnitt möchte ich mich der Frage widmen, in wie weit die Graffiti bezüglich der neuen Stadt eine Rolle spielen, bzw. warum sie gerade in einer solchen Umbruchs-Phase aufgetaucht sind.

Obwohl die Graffiti auch durch eine gewisse Anonymität hervortreten, lösen sie die durch Zeichen und Codes neu geschaffene Anonymität auch wieder auf. Ihre Pseudo-Namen bestehen zwar nur aus irgendwelchen Phantasmen mit zusätzlichen Straßen- oder römischen Nummern, aber innerhalb der Graffiti- Sprayer Szene sind diese Namen eben bekannt. So kann die eine Gang z.B. die andere erkennen, denn sie weiß, wie diese ihre Graffiti gestaltet und wer die wirklichen Personen hinter diesen Werken sind. Und gerade deswegen treten sie aus der Anonymität hervor, erhalten wieder ein Gesicht und werden zu einer reellen Person im Gegensatz zu den anderen Menschen, die die gleiche Stadt bewohnen, aber dennoch nur eine anonyme Masse sind. Deswegen werden diese

[...]


1 Baudrillard, Jean: Der symbolische Tausch und der Tod, Berlin 2005, S. 120-130. Alle hier verzeichneten Fußnoten beziehen sich auf dieses eine Buch. Es handelt sich ausschließlich um eine kunsthistorische Interpretation des Aufsatzes.

2 Baudrillard (2005), S. 120-121.

3 Baudrillard (2005), S. 120-121.

4 Baudrillard (2005), S. 120-121.

5 Baudrillard (2005), S. 120-121.

6 Baudrillard (2005), S. 120-121.

7 Baudrillard (2005), S. 120-121.

8 Baudrillard (2005), S. 120-121.

9 Baudrillard (2005), S. 120-121.

10 Baudrillard (2005), S. 120-121.

11 Baudrillard (2005), S. 121-123.

12 Baudrillard (2005), S. 121-123.

13 Baudrillard (2005), S. 121-123.

14 Baudrillard (2005), S. 121-123.

15 Baudrillard (2005), S. 121-123.

16 Baudrillard (2005), S. 121-123.

17 Baudrillard (2005), S. 121-123.

18 Baudrillard (2005), S. 121-123.

19 Baudrillard (2005), S. 121-123.

Details

Seiten
18
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640964420
ISBN (Buch)
9783640964192
Dateigröße
476 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v175469
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Kunsthistorisches Seminar und Kustodie
Note
1,7
Schlagworte
jean baudrillard killer aufstand zeichen“ eine textanalyse

Autor

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Titel: Jean Baudrillard: „Kool Killer oder Der Aufstand durch Zeichen“ - Eine kritische Textanalyse