Lade Inhalt...

Wachstumsperspektiven ausgewählter Entwicklungs- und Schwellenländer

Diplomarbeit 2010 113 Seiten

VWL - Konjunktur und Wachstum

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entwicklungslander
2.1 Klassifizierung der Vereinten Nationen
2.2 Klassifizierung der Weltbank
2.3 Gemeinsame Merkmale von Entwicklungslandern
2.4 Schwellenlander

3. Wirtschaftswachstum
3.1 Theoretische Entwicklungsansatze
3.1.1 Exogene Wachstumstheorie
3.1.2 Endogene Wachstumstheorie
3.1.3 Grenzen des Wachstums
3.2 Determinanten des Wirtschaftswachstums
3.3 Nahere Betrachtung der wachstumstreibenden Determinanten
3.3.1 Bildung
3.3.2 Technischer F ortschritt
3.3.3 Politische Rahmenbedingungen
3.3.4 Infrastruktur
3.3.5 Okonomische Rahmenbedingungen
3.3.6 Soziale Rahmenbedingungen
3.3.7 Demographie

4. Auswahl der chancenreichsten Entwicklungslander
4.1 Definition des untersuchten Landeruniversums
4.2 Indikatoren
4.2.1 Okonomische Indikatoren
4.2.2 Politische Indikatoren
4.2.3 Demographische Indikatoren
4.2.4 Soziale Indikatoren
4.2.5 Infrastrukturindikatoren
4.2.6 Bildungsindikatoren
4.2.7 Forschungsindikatoren
4.3 Bewertung des Landeruniversums hinsichtlich seiner Wachstumsperspektiven

5. Fazit

6. Anhang
6.1 Ergebnistabellen
6.2 Ergebnisvisualisierung

7. Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Verteilung der groBten Agglomerationen in der Welt

Abbildung 2: Solow-Modell

Abbildung 3: Solow-Modell mit modifizierter Sparfunktion

Abbildung 4: Umweltverschmutzungstrends in den USA im Zeitraum 1900-2000

Abbildung 5: Kuznet-Kurve

Abbildung 6: Pro-Kopf-Einkommen und Alphabetisierungsrate im Jahr 2007

Abbildung 7: Veroffentlichungen wissenschaftlicher Artikel im Jahr 2004...

Abbildung 8: Vergleich zwischen Ausgaben fur Forschung und Entwicklung und Militarausgaben von OPEC-Landern und Entwicklungslandern im Bezug zum Weltdurchschnitt

Abbildung 9: Pro-Kopf-Einkommen und Anzahl der Internetnutzer im Jahr 2005

Abbildung 10: Wachstum des BIP und der Primarenergieversorgung der Nicht- OECD-Lander im Zeitraum 2004-2008

Abbildung 11: Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens und der Investitionsquote im Jahr 2005

Abbildung 12: BIP pro Beschaftigtem und gesamte Gesundheitsausgaben im Jahr 2004

Abbildung 13: Pro-Kopf-Einkommen und Lebenserwartung im Jahr 2008

Abbildung 14: Gesundheitsausgaben pro Person und Urbanisierungsgrad im Jahr 2006

Abbildung 15: Fertilitat und Lebenserwartung im Jahr 2006

Abbildung 16: Entwicklung und Prognose von Haushaltssaldo und Staatsverschuldung in den Industrie- und Entwicklungslandern

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Klassifizierung der Vereinten Nationen

Tabelle 2: Klassifizierung der Weltbank

Tabelle 3: Jahrliche Wachstumsraten verschiedener Industrielander

Tabelle 4: Pro-Kopf-Einkommen, Anzahl eingereichter Patente und Ausgaben fur F&E ausgewahlter Lander

Tabelle 5: Das definierte Landeruniversum

Tabelle 6: Gewichtung der okonomischen Indikatoren

Tabelle 7: Anwendung okonomischer Indikatoren

Tabelle 8: Gewichtung der politischen Indikatoren

Tabelle 9: Anwendung politischer Indikatoren

Tabelle 10: Gewichtung der demographischen Indikatoren

Tabelle 11: Anwendung demographischer Indikatoren

Tabelle 12: Gewichtung der sozialen Indikatoren

Tabelle 13: Anwendung sozialer Indikatoren

Tabelle 14: Gewichtung der infrastrukturellen Indikatoren

Tabelle 15: Anwendung infrastruktureller Indikatoren

Tabelle 16: Gewichtung der Bildungsindikatoren

Tabelle 17: Anwendung der Bildungsindikatoren

Tabelle 18: Gewichtung der Forschungsindikatoren

Tabelle 19: Anwendung der Forschungsindikatoren

Tabelle 20: Bewertung des Landeruniversums hinsichtlich seiner Wachstumsperspektiven

Tabelle 21: Ergebnistabelle der okonomischen Indikatoren

Tabelle 22: Ergebnistabelle der politischen Indikatoren

Tabelle 23: Ergebnistabelle der sozialen Indikatoren

Tabelle 24: Ergebnistabelle der demographischen Indikatoren

Tabelle 25: Ergebnistabelle der infrastrukturellen Indikatoren

Tabelle 26: Ergebnistabelle der Bildungsindikatoren

Tabelle 27: Ergebnistabelle der Forschungsindikatoren

Tabelle 28: Lander mit hohen Wachstumsperspektiven

Tabelle 29: Lander mit mittleren Wachstumsperspektiven

Tabelle 30: Lander mit geringen Wachstumsperspektiven

Abkurzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Die Finanzkrise 2008/2009 fuhrte zu einem dramatischen Einbruch der weltweiten wirtschaftlichen Aktivitat. Wahrend die Industrie lander derzeit erste Stabilisierungsanzeichen aufzeigen, jedoch zum Teil immer noch rezessive Tendenzen aufweisen, konnten zahlreiche Entwicklungs- und Schwellenlander bereits wieder ihren Wachstumskurs der vergangenen Jahre aufnehmen. Neben institutionellen und privaten Investoren richten zunehmend auch Wissenschaftler ihren Blick auf die rasante Entwicklung der Entwicklungslander. Wahrend die Einen auf wachsenden Wohlstand und wirtschaftliche Konvergenz spekulieren, furchten derweil die Anderen eine Beschleunigung des Klimawandels durch steigenden Ressourcenverbrauch und B evolkerungswachstum.

Tatsachlich nahm die wirtschaftliche Bedeutung der Entwicklungs- und Schwellenlander im Laufe der vergangenen Jahre signifikant zu. Ihr Anteil am Welt- Bruttoinlandsprodukt stieg 2007 auf 25,9%.[1] Doch bilden die Entwicklungs- und Schwellenlander keine homogene Gruppe. Die zunehmende weltwirtschaftliche Verflechtung und der globale Technologieaustausch wirken auf viele Teile der Welt ungleich. So gelang es zahlreichen Landern ihren Lebensstandard deutlich zu erhohen und an das Niveau der Industrielander anzuknupfen, wohingegen andere Lander noch immer nicht die Barrieren hin zu einem nachhaltigen Wachstum durchbrechen konnten.

Innerhalb des Wachstumsprozesses und der Wachstumsdynamik verschiedener Lander existieren offenbar grofie Unterschiede, so dass die Erklarung des Wirtschaftswachstums die zentrale Herausforderung der Wachstums- und Entwicklungsokonomik darstellt. Das breite Spektrum entwicklungstheoretischer Meinungen und die hohe Komplexitat des Entwicklungsprozesses erschweren dabei die Identifizierung der wachstumstreibenden Faktoren.

Insofern besteht die Zielsetzung dieser Arbeit darin, die Determinanten des Wachstums mithilfe verschiedener Wachstumstheorien und erganzender empirischer Erkenntnisse herauszuarbeiten, um im weiteren Verlauf allgemeingultige Indikatoren abzuleiten. Auf einer mehrdimensionalen Basis wird anschliefiend ein definiertes Landeruniversum hinsichtlich seines Entwicklungsstandes analysiert. Zu diesem Zweck erfahren die Indikatoren aufgrund der unterschiedlichen Bedeutsamkeit im Entwicklungsprozess einer Volkswirtschaft eine Gewichtung, bevor die Lander einem Bewertungsverfahren unterzogen werden. Jedoch finden Interdependenzen und Korrelationen der Indikatoren untereinander in der Bewertung keine Berucksichtigung.

Die Ergebnisse sollen letztlich dazu dienen, Niveauunterschiede und Defizite der Lander aufzuzeigen und langfristige Wachstumsperspektiven herauszuarbeiten.

Der nachste Abschnitt bietet zunachst einen Uberblick uber gangige Klassifizierungen von Entwicklungslandern verschiedener Institutionen und der Prazisierung ihrer Merkmale.

2. Entwicklungslander

Im allgemeinen Sprachgebrauch versteht man unter dem Begriff „Entwicklungsland“ eine unabhangige Volkswirtschaft, die in ihrer wirtschaftlichen, sozialen und politischen Entwicklung vergleichsweise unterentwickelt ist.[2]

Als Vergleichskriterium wird typischerweise die westliche Welt, die in der Literatur als Gruppe der „Industrielander“ bezeichnet wird, herangezogen.

Alle wissenschaftlichen Versuche der entwicklungstheoretischen Literatur eine allgemein gultige Definition zu finden, erwiesen sich als wenig ergiebig, da die Entwicklungslander untereinander erhebliche Unterschiede aufweisen und keine homogene Gruppe bilden. Zudem zeigen sich bei der Abgrenzung und Einteilung der Lander Probleme, da es keine allgemein akzeptierten Indikatoren fur Unterentwicklung und Armut gibt.[3]

Infolgedessen etablierten sich in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche Klassifizierungen unterschiedlicher Institutionen. Mafigebend fur diese wissenschaftliche Arbeit werden die Landereinteilungen der Vereinten Nationen und der Weltbank sein, die in den folgenden Unterkapiteln naher erlautert werden.

2.1. Klassifizierung der Vereinten Nationen

Als Folge des Zusammenschlusses zahlreicher Entwicklungslander zu den „Blockfreien Staaten“ wahrend des Ost-West-Konfliktes, bildete sich auf Initiative der Vereinten Nationen der Begriff der „Dritten Welt“ heraus, welcher fortan als Synonym fur Entwicklungslander verwendet wurde. Die „Erste Welt“ wird in diesem Modell von marktwirtschaftlich-orientierten Volkswirtschaften und die „Zweite Welt“ von planwirtschaftlich-orientierten reprasentiert.[4] Nach dem Ende des Kalten Krieges und dem Verschwinden der „Zweiten Welt“ wurde dieses ideologisch-gepragte Modell zugunsten eines anderen Modells aufgegeben, das auf soziookonomischen Kriterien basiert. Die Entwicklungslander wurden fortan als „Least Developed Countries" gefuhrt. Dabei handelt es sich um die armsten und strukturschwachsten Lander.

Daneben existieren weitere Einteilungen. Wenig entwickelte Inselstaaten (Small Island Developing States) und entwicklungsfahige Binnenstaaten (Landlocked Developing Countries) werden aufgrund ihrer jeweiligen besonderen Situationen in eigene Landergruppen zusammengefasst.

Zeitgleich sind 28 der 49 besonders strukturschwachen Lander entweder Mitglied der Gruppe der Binnen- oder der Inselstaaten, was vor allem die erschwerten Entwicklungsbedingungen der genannten Gruppen widerspiegelt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Klassifizierung der Vereinten Nationen (Quelle: Eigene Darstellung)

2.2. Klassifizierung der Weltbank

Eine der wichtigsten Institutionen der Entwicklungshilfe ist die Weltbank. Zu ihren Kernaufgaben gehort es, durch Beratung und finanzielle Hilfe zur wirtschaftlichen Entwicklung weniger entwickelter Mitgliedstaaten beizutragen.[5]

Die Landereinteilung der Weltbank beruht auf einem Modell, in dem das Pro-Kopf- Einkommen den zentralen Wohlfahrtsindikator darstellt und folglich die Zusammensetzung der Landerklassen entscheidet:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Klassifizierung der Weltbank (Quelle: Eigene Darstellung)

Die Entwicklungslander gehoren in diesem Modell zu jenen Staaten mit niedrigem und mittlerem Einkommen.

2.3. Gemeinsame Merkmale von Entwicklungslandern

Wie bereits erwahnt, handelt es sich bei der Gruppe der Entwicklungslander um heterogene Volkswirtschaften, die uber unterschiedliche Voraussetzungen hinsichtlich ihrer Faktorenausstattung, ihrer geographischen Lage und ihrer geschichtlichen Entwicklung verfugen.[6] So gehoren sowohl Zwergstaaten als auch bevolkerungsreiche Staaten zur Familie der Entwicklungslander. Ebenso wie rohstoffreiche und rohstoffarme Lander.

Gleichwohl weisen Entwicklungslander eine Fulle gemeinsamer Merkmale auf. Auffallig ist, neben einer niedrigen Produktivitatsrate, eine tiefgreifende Massenarmut, die weite Teile der Bevolkerung erfasst. Letztere fufit zudem auf einer hohen Ungleichverteilung der Vermogensverhaltnisse. Fur Entwicklungslander ist eine gegenlaufige Entwicklung der Einkommens- und Vermogensverteilung zwischen arm und reich typisch.[7]

Weitere okonomische Merkmale fur Entwicklungslander sind eine hohe Arbeitslosigkeit, eine hohe Auslandsverschuldung und eine niedrige Sparquote, die wiederum ein schlechtes Klima fur Investitionstatigkeiten schaffen.

Infolge einer betrachtlichen Fertilitat wachsen die Bevolkerungen der Entwicklungslander sehr schnell. Schatzungen zufolge wird deren Anteil an der Weltbevolkerung von den heutigen 80% bis 2050 auf bis zu 87% steigen.[8]

Der dadurch entstehende und immer grofier werdende Bevolkerungsdruck heizt die fortschreitende Urbanisierung und Migration weiter an, wodurch die Stadte unkontrolliert wachsen und an ihre Grenzen stofien.[9]

Von den 27 grofiten Stadten der Welt werden sich im Jahr 2025 schatzungsweise 21 in heutigen Entwicklungslandern befinden.[10] Einen Uberblick uber die grofiten Agglomerationen der Welt verschafft Abbildung 1, die alle Stadte mit mehr als funf Millionen Einwohnern kreisformig darstellt. Es ist zu erkennen, dass schon heute die Entwicklungslander viele grofie Agglomerationen beinhalten.

Als Folge der Uberbevolkerung und einer geringen wirtschaftlichen Potenz weisen alle Entwicklungslander, neben einer Ernahrungsproblematik, auch Defizite in der Gesundheitsversorgung auf. So liegen sowohl die Lebenserwartung als auch die Sauglingssterblichkeit weit unter westlichen Werten.[11]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Verteilung der groBten Agglomerationen der Welt

(Quelle: Entnommen aus: http://www.yearofplanetearth.org/content/downloads/Megacities.pdf, Stand 19.03.2010)

Ein weiteres Zeichen fur Unterentwicklung ist eine massive Zerstorung der Umwelt. So fuhren ein stetig wachsender Strafienverkehrs und die Verwendung minderwertiger Technologien in der Industrie zu einer immer starkeren Luftbelastung. Hinzu kommen gewaltige Verunreinigungen des Bodens und der Gewasser, wodurch der Lebensraum vieler Tierarten gefahrdet und die Versorgung der Bevolkerung mit sauberem Trinkwasser eingeschrankt wird.

Neben einer okonomischen, demographischen und okologischen Ahnlichkeit von Entwicklungslandern gibt es auch in politischer Hinsicht Gemeinsamkeiten. Entwicklungslander zeichnen sich ublich durch instabile politische Verhaltnisse aus, welche zum Beispiel durch Burgerkriege, autoritare Regime oder religiose Konflikte genahrt werden.

2.4. Schwellenlander

Eine besondere Stellung in der Gruppe der Entwicklungslander nehmen die Lander ein, die infolge eines erfolgreichen, wirtschaftlichen Entwicklungsprozesses an der Schwelle[12] [13] zum Industrieland stehen.[14] Sie werden gemeinhin auch Schwellenlander genannt und werden somit begrifflich von den Entwicklungslandern getrennt. Jedoch existiert keine eindeutige definierte „Schwelle“, wodurch eine einheitliche Abgrenzung nicht moglich ist.[15]

Wenngleich keine verbindliche institutionsubergreifende Liste von Schwellenlandern existiert, ordnet die Weltbank die Schwellenlander innerhalb ihrer bereits vorgestellten Klassifizierung in die Gruppe der Lander mit mittlerem Einkommen der oberen Kategorie ein. Somit handelt es sich bei allen Landern mit einem Pro-Kopf-Einkommen von mindestens 3856 $ und hochstens 11905 $ um Schwellenlander.

Schwellenlander weisen eine hohe wirtschaftliche Eigendynamik auf und konnten in der Vergangenheit beachtliche Industrialisierungsfortschritte erzielen. Dennoch weisen meist die sozialen Entwicklungsindikatoren, wie z.B. die Lebenserwartung, der Alphabetisierungsgrad und der Aufbau politischer Strukturen, Defizite auf und hinken demzufolge der wirtschaftlichen Entwicklung hinterher.

Eine Ausnahme bildet dabei der Spezialfall der Transformationslander, die strukturell ahnliche Eigenschaften aufweisen, jedoch im Falle der sozialen Indikatoren ein deutlich hoheres Niveau erreicht haben. Der Begriff der Transformationslander bezieht diejenigen Lander ein, die vormals im Einflussbereich der Sowjetunion standen und sich nun in einem politischen und wirtschaftlichen Transformationsprozess befinden.[16] Da die meisten Transformationslander noch nicht den Status eines Industrielandes erreicht haben und einen ahnlichen Entwicklungsstand wie die amerikanischen und asiatischen Schwellenlander vorweisen, werden sie im weiteren Verlauf dieser Arbeit der Gruppe der Schwellenlander zugeordnet.

3. Wirtschaftswachstum

Unter Wirtschaftswachstum versteht man in der Regel die Steigerung des BIP oder der Produktionsleistung eines Landes.

„Das BIP erfasst die gesamte Wertschopfung, die in einem bestimmten Zeitraum hergestellt wurde.“[17]

Eine hohere Aussagekraft hinsichtlich der Veranderung des Lebensstandards einer beobachteten Volkswirtschaft wird jedoch durch das Pro-Kopf-Einkommen abzuglich der Preissteigerung gezeigt. Das Pro-Kopf-Einkommen wird ublicherweise zum internationalen Vergleich herangezogen. Seiner Verwendung als Wohlstandsindikator stehen jedoch zahlreiche Kritikpunkte gegenuber. So wird weder die Schattenwirtschaft erfasst noch Freizeit und offentliche Guter, da diese sich nur schwer in Marktpreisen ausdrucken lassen. Trotz der begrenzten Aussagekraft, stellt das Pro-Kopf-Einkommen, nicht nur aufgrund mangelnder Alternativen, einen zentralen Indikator der gesamtwirtschaftlichen Produktionsaktivitat dar.[18]

Historisch betrachtet, handelt es sich bei dem Wirtschaftswachstum um ein recht junges Phanomen. Die Pro-Kopf-Produktion stieg erst in den 1950er und 1960er Jahren rasant an, nachdem sie jahrhundertelang auf einem sehr niedrigen Niveau stagnierte bzw. moderat wuchs.[19]

Heute sind die Menschen in den industrialisierten Volkswirtschaften in der Folge weitaus wohlhabender als es ihre Grofieltern und Ur-GroBeltern noch vor hundert Jahren waren. Demgegenuber entwickelten sich andere Volkswirtschaften weniger rasant. Menschen in Norwegen oder Singapur erzielen beispielsweise im Durchschnitt ein 25-mal hoheres Einkommen als Menschen in Nigeria.

Die Ursachen dieser weltweiten Einkommensunterschiede versuchen sich Wachstumstheoretiker seit hunderten von Jahren zu erklaren.

Den Grundstein der modernen Wirtschaftstheorie legte Anfang des 18.Jahrhunderts Adam Smith, der erstmals die Bedeutung von Gutern, Menschen und Institutionen fur den Wohlstand von Nationen erkannte und sie in den Vordergrund seiner Theorie stellte.[20] Dabei erkor er als Motor der wirtschaftlichen Entwicklung nicht den Staat, sondern die individuellen Anstrengungen der einzelnen Marktakteure aus.

Auf seinem wissenschaftlichen Werk aufbauend, verfeinerten zahlreiche Okonomen seine Theorien oder schlugen gar andere Wege ein.

3.1. Theoretische Entwicklungsansatze

Zielsetzung dieses Kapitels ist die Presentation der bedeutendsten Wachstumsmodelle, mit deren Hilfe die Determinanten des Wirtschaftswachstums herausgearbeitet werden. Dabei werden schwerpunktmafiig die neoklassische und die endogene Wachstumstheorie behandelt.

3.1.1. Exogene Wachstumstheorie

Analog zur klassischen Entwicklungstheorie nach Smith, wird der Markt in der Neoklassik als funktionsfahig und vollkommen interpretiert, so dass sich Angebot und Nachfrage fortwahrend im Gleichgewicht befinden bzw. zum Gleichgewicht streben. Im Mittelpunkt der neoklassischen Theorie steht der Homo Oeconomicus, ein unverruckbar rational und nutzenmaximierend handelndes fiktives Wirtschaftssubjekt. Aufgrund von Informationssymmetrien wird in der neoklassischen Theorie grundsatzlich von konstanten Guterpreisen ausgegangen.

Das neoklassische Wachstumsmodell nach Robert M. Solow basiert auf drei Bausteinen: Einer aggregierten Sparfunktion, einem aggregierten Finanzierungssektor und einer aggregierten Produktionsfunktion mit den Faktoren Arbeit und Kapital, die substituierbar und beliebig teilbar sind. Ziel des Modells ist die Erklarung langfristigen Wachstums.

Die Produktionsfunktion ist durch abnehmende, jedoch positive Grenzertrage der Produktionsfaktoren gekennzeichnet. Das erzielte Einkommen der Beschaftigten findet seine Verwendung im Konsum und im Sparen. Es wird eine konstante Spar- und Konsumquote angenommen, so dass die Ersparnis proportional zum Einkommen und gleich den Bruttoinvestitionen ist.

Zentrale Grofie des Modells ist der Kapitalstock pro Kopf, der durch Investitionen in seinem Wert erhoht, aber durch Abschreibungen vermindert wird. Um ihn konstant zu halten, muss er mindestens von den Investitionen ausgeglichen werden.[21] [22]

Langfristig bewegt sich der Kapitalstock pro Kopf in Richtung seines langfristigen Gleichgewichts, des sogenannten Steady States.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: Entnommen aus: http://www.mathematik.uni-ulm.de/wipo/lehre/ss2005/aussenwirtschaft/W&A- U5.pdf, Stand 22.03.2010)

In Abbildung 2 ist zu erkennen, wie die Abschreibungen von den Investitionen der Beschaftigten im Steady State (k*) uberkreuzt werden. Der Kapitalstock pro Kopf weist nun kein Wachstumspotential mehr auf und verwehrt dem Pro-Kopf-Einkommen (y*) eine weitere Steigerung.

Lander, die den Steady State erreicht haben, konnen sich aus diesem Wachstumsdilemma durch eine Erhohung der Sparquote befreien, was in Abbildung 3 deutlich wird. Eine Zunahme der Sparquote fuhrt zu starkeren Investitionen, wodurch der Kapitalstock pro Kopf, infolge eines kurzfristigen Wachstumsprozesses ein hoheres Niveau erreicht (k2*). Langfristig ist die Wachstumsrate jedoch gleich Null, unabhangig von Hohe der Sparquote, da diese das Pro-Kopf-Einkommen nicht ubersteigen kann.[23]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Solow-Modell mit modifizierter Sparfunktion (Quelle: Entnommen aus: http://www.mathematik.uni-ulm.de/wipo/lehre/ss2005/aussenwirtschaft/W&A-

Bislang unberucksichtigt blieb die langfristige Wachstumsrate der Produktionsleistung. Im neoklassischen Modell nach Solow ist der Anstieg der Produktion nur durch technischen Fortschritt moglich. Unter technischem Fortschritt wird die Erhohung des Outputs bei gleichbleibenden Inputfaktoren verstanden.[24] Dabei nimmt der technische Fortschritt gleichermafien Einfluss auf die Faktoren Arbeit und Kapital und sorgt fur eine konstante Wachstumsrate der Produktionsleistung.

Negativ auf das Pro-Kopf-Einkommen wirkt sich indes ein hohes Bevolkerungswachstum aus. Durch Zunahme der Bevolkerung teilt sich der vorhandene Kapitalstock auf mehr Personen auf. Demzufolge mussen zusatzliche Investitionen getatigt werden, um neben dem Verschleifi auch das Bevolkerungswachstum zu kompensieren.

Gemafi der Wohlfahrtsokonomik misst die Konsumentenrente die okonomische Wohlfahrt der Kaufer und sollte daher im Mittelpunkt wirtschaftspolitischer Entscheidungen stehen.[25] Die Hohe des Konsums ergibt sich aus der Differenz von Ersparnissen und Pro-Kopf-Einkommen. Nach Solow und der „Goldenen Regel der Kapitalakkumulation“ ist die Sparquote dann optimal, wenn der Konsum maximiert wird.[26] Die optimale Sparquote zeigt demnach jene Spar- und Konsummoglichkeiten auf, die langfristig zum dauerhaft hochstmoglichen Konsumniveau fur lebende und zukunftige Generationen fuhren.[27]

Aus dem Solow-Modell folgt, dass Lander mit geringem Kapitalstock, innerhalb ihres Anpassungsprozesses hohe Wachstumsraten aufweisen konnen, jedoch irgendwann ihr individuelles Gleichgewicht erreichen. Solow bewies empirisch, dass langfristiges Wachstum nicht ausschliefilich auf Kapitalakkumulation basieren kann, sondern es eines stetigen technischen Fortschritts bedarf.[28]

Tabelle drei zeigt in mehreren Zeitperioden die durchschnittlichen jahrlichen Zuwachsraten von 16 Industrielandern. Es ist zu erkennen, dass das BIP stetiger anstieg als die Arbeitskraft. Die Differenz muss sich demnach durch verbesserte Kapital- und Technologieausstattung erklaren lassen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 3: Jahrliche Wachstumsraten verschiedener Industrielander (Quelle: Entnommen aus: Samuelson, P.A. (2005): Volkswirtschaftslehre: Das internationale Standardwerk der Makro- und Mikrookonomie, S.779)

Aus der obigen Abbildung lasst sich ableiten, dass dauerhaftes Wachstum eine Wirtschaftspolitik bedingt, die technischen Fortschritt begunstigt und zu erreichen sucht. Aufgrund der exogenen Eigenschaft des technischen Fortschritts, wird in diesem Modell das Wirtschaftswachstum nicht selbst erklart.

An dieser Stelle erkennt man das Hauptdefizit des Modells, das vor allem die Verfechter der endogenen Wachstumstheorie aufgreifen. Sie kritisieren, dass die Erfassung des technischen Fortschritts nur unzureichend erfolgt und die Steady-State Wachstumsrate ausschliefilich auf exogen bestimmten Parametern beruht.[29]

Desweiteren wird der installierte Konvergenzmechanismus bemangelt, da er empirisch keine universelle Bestatigung erlangt hat.[30] Beispielsweise weisen einige Entwicklungslander nur sehr geringe und zum Teil auch negative Wachstumsraten auf und konvergieren dementsprechend nicht mit okonomisch erfolgreichen Volkswirtschaften.

3.1.2. Endogene Wachstumstheorie

Nachdem das neoklassische Wachstumsmodell mehr als drei Jahrzehnte die okonomischen Vorstellungen dominierte, wuchs die Unzufriedenheit uber die theoretische und empirische Unzulanglichkeit des Modells.[31] In der Folge fuhrte dies zu einer Reihe neuer wachstums- und entwicklungstheoretischer Ansatze, die im Kern das gleiche Anliegen hatten.

Im Solow-Modell wird die Determinante des technischen Fortschritts als exogen bestimmt. Dieses Defizit versuchen die neuen Wirtschaftstheorien zu uberwinden, indem das Wachstum aus dem Modell heraus erklart werden soll, d.h. es wird als endogen determiniert.

Wahrend im Solow-Modell abnehmende Grenzertrage ein zentrales Element darstellen, kennzeichnen sich die neuen Modellentwicklungen durch positive Grenzertrage, worin ebenfalls ein Bruch mit der Neoklassik deutlich wird.

Eine bedeutende endogene Wachstumstheorie findet sich im AK-Modell, das auf Sergio Rebelo zuruckgeht. Die im Modell verwendete lineare Produktionsfunktion,

Y = AK,

setzt sich aus zwei Variablen (A und K) zusammen, die den Output (Y) generieren. Die eine Variable ist das Kapital (K), das sich aus samtlichen produktiven Ressourcen einer Volkswirtschaft zusammensetzt und die andere ist ein gesamtwirtschaftlicher konstanter Technologieparameter (A).

Die konstanten Grenzertrage ermoglichen eine langfristige Kapitalakkumulation und sind Ursache fur den im Gegensatz zur Neoklassik nicht vorhandenen Konvergenzmechanismus.[32]

Daraus ergibt sich, dass keine Uberkreuzung zwischen Sparquote und Abschreibungsgeraden erfolgt, wie sie in Abbildung 2 zu sehen war. Je hoher also die Sparquote, desto hoher die Kapitalakkumulation und desto hoher das Wirtschaftswachstum.

Ein weiterer Baustein des Modells und der endogenen Wachstumstheorie ist der Spillover-Effekt. Der Spillover-Effekt tritt als positive Externalitat bei Investitionstatigkeiten auf und verursacht zum Beispiel, dass von Unternehmen erzeugtes Wissen, fruher oder spater als offentliches Gut trotz Patentrecht oder Geheimhaltung zu anderen Unternehmen diffundiert. Folglich erhoht dieser Ubertragungseffekt den gesamtgesellschaftlichen Wissensstand.[33]

Das AK-Modell erklart dauerhafte divergente Einkommensunterschiede der Volkswirtschaften und liefert klare wirtschaftspolitische Empfehlungen.

Kritiker sehen das AK-Modell aufgrund seines breitgefacherten Kapitalbegriffes als zu realitatsfern an, da Sach- und Humankapital nicht auf dieselbe Weise gewonnen werden.[34]

Diesen Ansatz greift das Uzawa-Lucas-Modell auf. Basierend auf zwei Sektoren werden Sach- und Humankapital voneinander getrennt betrachtet. Der Produktionssektor stellt sowohl Konsum- als auch Investitionsguter mit konstanten Skalenertragen her. Das zur Produktion benotigte Humankapital wird im Ausbildungssektor durch Aus- und Weiterbildung der Beschaftigten aufgebaut und ist mafigeblich abhangig von der investierten Zeit, der Abschreibungsrate und der Effizienz des Ausbildungssektors. Der Anreiz zur Aus- und Weiterbildung findet sich in den Eigenschaften des Humankapitals. Aufgrund der Personengebundenheit ist es als privat und rival zu klassifizieren, wodurch individuelle Einkommensverbesserungen erzielt werden konnen.[35]

Beide Sektoren konkurrieren indes um Humankapital. Wird es verstarkt im Ausbildungssektor eingesetzt, werden Ressourcen aus dem Produktionssektor abgezogen und die Guterproduktion wird zu Gunsten der Humankapitalakkumulation verringert. Andererseits erhoht sich dadurch die zukunftige Humankapitalausstattung.

Insgesamt ergibt sich aus dem Modell, dass das Humankapital, selbst bei konstanter Technik und Bevolkerung, langfristiges Wirtschaftswachstum ermoglicht.

Somit liefert das Modell Begrundungen fur das Ausbleiben einer unbedingten Konvergenz und hebt die Produktivitat der Bildungssektoren in den Vordergrund.[36]

3.1.3. Grenzen des Wachstums

Im Marz des Jahres 1972 publizierte ein 17-kOpfiges Forscherteam im Auftrag des „Club of Rome“ ihre langfristige Prognose zur Entwicklung der Weltwirtschaft in der Studie „Die Grenzen des Wachstums“. Auf Basis von funf makrookonomischen GroBen (Bevolkerung, Kapital, Nahrungsmittel, Rohstoffvorrate und Umweltverschmutzung) und unter Berucksichtigung ihrer Wechselwirkungen wurden, mithilfe der Datenverarbeitung, verschiedene Szenarien simuliert. Sie fuhren gemeinhin zu dem Ergebnis, dass die Weltwirtschaft, mit fortschreitendem exponentiellem Bevolkerungswachstum und zunehmendem Raubbau der naturlichen Weltressourcen, seine Wachstumsgrenzen bis zum Jahr 2100 erreichen werde und mit einem Kollaps zu rechnen sei.[37]

Die Validitat dieser malthusischen Simulationsergebnisse soll innerhalb dieser wissenschaftlichen Arbeit nicht naher behandelt werden. Jene Studie greift jedoch die Umweltproblematik auf, die seitdem fur kontroverse Diskussionen in der Wirtschaftswissenschaft sorgt.

Die Veroffentlichung der Studie und die darauf folgende hohe Resonanz ermoglichten als Initialzundung eine gesellschaftliche Neuausrichtung und ein Umdenken in der Wirtschaftspolitik, so dass ein okologisch nachhaltiges Wirtschaftswachstum angestrebt und gefordert wurde. Die Olkrise 1973 untermauerte zudem die Ansicht, dass die naturlichen Ressourcen die aggregierten Produktionsmoglichkeiten einer Volkswirtschaft maBgeblich beeinflussen.[38]

Mit dem Waldsterben und der Entdeckung des Ozonlochs sowie die durch Haufung extremer Wetterphanomene kam die Erkenntnis, dass die Erde bzw. die Umwelt nur limitierte Assimilations- und Absorptions fahigkeiten besitzt. In den Fokus gerieten indes die negativen Externalitaten, die z.B. durch Produktion und Uberbevolkerung entstehen.

Die Empirie zeigt, dass mit zunehmendem Bevolkerungswohlstand die Nachfrage nach umweltschonenderer und effizienterer Technik wachst. Zusatzlich steigt die Nutzung internalisierbarer und regenerativer Ressourcen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Umweltverschmutzungstrends in den USA, 1900-2000
(Quelle: Entnommen aus: Samuelson, P.A. (2005): Volkswirtschaftslehre: Das internationale Standardwerk der Makro- und Mikrookonomie, S.522)

Bestarkt wird diese These durch Abbildung 4, welche den langfristigen Umweltverschmutzungstrend der USA wiederspiegelt.

Der Zusammenhang zwischen Pro-Kopf-Einkommen und Verschmutzungsgrad wird in
der sogenannten Kuznets-Kurve, die in Abbildung 5 zu sehen ist, deutlich. Sie beschreibt, dass die Umweltproblematik nicht durch wirtschaftliches Wachstum entsteht, sondern erst durch dieses im Zuge eines Strukturwandels uberwunden wird.[40]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Kuznet-Kurve (Quelle: Eigene Darstellung)

Insofern werden, im weiteren Verlauf dieser Arbeit, okologische Gesichtspunkte im wirtschaftlichen Wachstumsprozess weitgehend ausgeblendet.

3.2. Determinanten des Wirtschaftswachstums

Das folgende Kapitel wird die Erkenntnisse der bereits vorgestellten Wirtschaftstheorien resumieren und die elementaren Faktoren fur dauerhaftes Wachstum naher erlautern.

Sowohl in der exogenen als auch in der endogenen Wachstumstheorie speist sich langfristiges Wirtschaftswachstum aus den Inputfaktoren Humankapital, Sachkapital und technisches Wissen.

Beide Wachstumstheorien versuchen die weltweiten Einkommensunterschiede zu ergrunden und kommen dabei zu unterschiedlichen Ergebnissen. Wahrend die sinkenden Grenzertrage im Solow-Modell einen Konvergenz-Mechanismus bewirken, existiert dieser in der endogenen Wachstumstheorie nicht.

Die Ansatze der endogenen Wachstumstheorie tragen insgesamt zu einem besseren Verstandnis der komplexen Entwicklung des technischen Fortschritts und des Wachstumsprozesses bei und liefem Erklarungen fur Defizite der Neoklassik. Letzteres ermoglicht es wirtschaftspolitische Empfehlungen genauer zu spezifizieren.

Um die wachstumstreibenden Determinanten der bereits aus der Theorie bekannten, Inputfaktoren zu ermitteln, erfolgt nun eine nahere Betrachtung empirischer Ergebnisse. Im Fokus dieser Untersuchung stehen die Punkte Bildung, technischer Fortschritt, politische Rahmenbedingungen und die Infrastruktur. AuBerdem werden der Einfluss der okonomischen Rahmenbedingungen einerseits und der sozialen wie demographischen Entwicklung einer Volkswirtschaft andererseits auf das Wirtschaftswachstum betrachtet.

3.3. Nahere Betrachtung der wachstumstreibenden Determinanten

3.3.1. Bildung

Der Begriff des Humankapitals wurde bereits in den 1960er Jahren durch Schultz analysiert. Er untersuchte die Rolle des Humankapitals als Motor der Wirtschaftsentwicklung im Wachstumsprozess und stellte die Bedeutung von Bildung und Wissen in den Vordergrund.[41] Wie bereits erwahnt, nimmt das Humankapital in den bereits vorgestellten Wachstumstheorien eine groBe Bedeutung ein. Wichtige EinflussgroBen auf die Akkumulation von Humankapital sind die gesamtgesellschaftliche Bildung, sowie die Effizienz und das Angebot des Bildungssystems. Ein Blick auf Abbildung 6 zeigt, dass die Alphabetisierungsrate stark mit dem PKE korreliert ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6: Pro-Kopf-Einkommen und Alphabetisierungsrate im Jahr 2007
(Quelle: Entnommen aus: http://www.gapminder.org/, Stand 20.03.2010)

Die zentrale Herausforderung von Volkswirtschaften mit geringem Bildungsstand ist also die Bekampfung des Humankapitaldefizits. Als angemessene Strategie zur Humankapitalbildung haben sich umfangreiche staatliche Investitionen in das Schul- und Universitatssystem zur Verbesserung der Ausbildungsqualitat und der Ausbildungsmoglichkeiten herausgestellt.[42]

3.3.2. Technischer Fortschritt

Ein wichtiger Baustein fur eine fortschreitende Entwicklung ist, neben dem Humankapital, die Ausweitung des technologischen Wissens. Es ist sinnvoll diese beiden EinflussgroBen voneinander abzugrenzen, obwohl sie in einem engen Zusammenhang stehen.[43] Wahrend das Humankapital die individuellen Erfahrungen und Fertigkeiten der Arbeitskrafte erfasst, sind mit dem technischen Wissen die Kenntnisse uber Produktionsverfahren und uber die Herstellung von Gutern gemeint.[44] Es ist demnach als offentliches Gut anzusehen.

Bei der Vorstellung der endogenen Wachstumstheorie wurde der Mechanismus der
Wissensdiffusion bereits naher analysiert. Der Spillover-Effekt und das Learning-by- Doing verursachen als externe Effekte einen Produktivitatsanstieg, der den sinkenden Grenzproduktivitaten entgegenwirkt und Wachstum erzeugt.[45]

Technischer Fortschritt ist auch ein Prozess vieler kleiner und mittlerer Innovationen von Wissenschaftlern und Ingenieuren, welcher uberwiegend innerhalb der Privatwirtschaft stattfindet. Nicht unbeachtet sollte zudem der Einfluss des Staates bleiben, der diesen Prozess finanziell und politisch unterstutzen kann.

Das Ergebnis von Forschungsanstrengungen sind Patente und wissenschaftliche Veroffentlichungen. Abbildung 7 stellt die Anzahl der jahrlichen wissenschaftlichen Veroffentlichungen im weltweiten Vergleich dar. Je mehr wissenschaftliche Artikel eine Volkswirtschaft jahrlich veroffentlicht, desto mehr Flache nimmt sie auf der gezeigten Weltkarte ein.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 7: Veroffentlichungen wissenschaftlicher Artikel im Jahr 2001 (Quelle: Entnommen aus: http://www.worldmapper.org/display.php?selected=205, Stand 25.03.2010)

Es ist zu erkennen, dass die Wissenschaftler erfolgreicher Volkswirtschaften, wie der der USA, der Europas und der Japans, einen besonders grofien Output vorweisen konnen, wahrend der Nahe und Mittlere Osten, Afrika und Mittelamerika auf der Weltkarte nur schwer erkennbar sind und somit Defizite aufweisen.

Ein Vergleich der Anzahl der eingereichten Patente zwischen verschiedenen Landern offenbart ebenfalls, dass Volkswirtschaften mit hohen Forschungs- und Entwicklungsausgaben und einem effektiven Bildungssystem einen deutlichen Vorsprung haben, wie in Tabelle 4 zu sehen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 4: Pro-Kopf-Einkommen, Anzahl eingereichter Patente und Ausgaben fur F&E ausgewahlter Lander

(Quelle: Eigene Darstellung)

3.3.3. Politische Rahmenbedingungen

Zu beachten ist auch der Zusammenhang zwischen dem Wirtschaftswachstum und den politischen Verhaltnissen einer Volkswirtschaft. So verfugen wirtschaftlich erfolgreiche Lander uber ein faires Rechtssystem, haben wenig Korruption und meist demokratisch- marktwirtschaftliche Regime.[46] Dies markiert, wie schon in Kapitel 2.3 beschrieben, gleichzeitig einen der grofien Unterschiede zwischen Industrie- und Entwicklungslandern.

In autokratisch regierten Volkswirtschaften ist Korruption und Vetternwirtschaft oft anzutreffen, da fur die politische Elite, zum Zwecke des Machterhalts, der Anreiz besteht, vorhandene Ressourcen und Renten an seine Klientel zu verteilen.[47] Daraus resultiert, dass schlecht ausgebildete Institutionen dazu neigen die Neigung, die falschen Schwerpunkte bei ihren Investitionstatigkeiten zu setzen.[48] So ist es nicht unublich, dass Entwicklungslander einen hohen Verteidigungsetat vorweisen, der daher als gebundene Ressource der Regierung nicht fur andere Tatigkeiten zur Verfugung steht (siehe Abbildung 8).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 8: Vergleich zwischen Ausgaben fur Forschung und Entwicklung und Militarausgaben von OPEC- Landern und Entwicklungslandern im Bezug zum Weltdurchschnitt (Quelle: Entnommen aus: Bardt, H. (2005): Rohstoffreichtum - Fluch oder Segen?, S.8)

Dagegen sind kompetitive politische Systeme mit ihren funktionierenden politischen Institutionen und Freiheitsrechten, besser geeignet die Akkumulation von Humankapital zu ermoglichen.[49] Indem sie den Grad an politischer, sozialer und wirtschaftlicher Unsicherheit verringern, begunstigen sie wirtschaftliches Handeln, das seinerseits auch hohere Kapitalertrage mit sich bringt.[50] Unabhangig vom vorherrschenden politischen System, ist zudem die politische Stabilitat zu betrachten. Revolutionen, soziale Spannungen und haufig auftretende Putschversuche dampfen, aus Angst vor zukunftigen politischen Zerwurfnissen, die Investitionsbereitschaft.[51] [52]

3.3.4. Infrastruktur

Als Infrastruktur wird die Gesamtheit der materiellen, institutionellen und personalen Anlagen, Einrichtungen und Gegebenheiten, die den Wirtschaftseinheiten im Rahmen einer arbeitsteiligen Wirtschaft zur Verfugung stehen, bezeichnet.

Unter anderem umfasst diese Definition samtliche klassischen Verkehrsnetze sowie alle Ver- und Entsorgungseinrichtungen. Im Vordergrund dieses Kapitels wird die materielle Infrastruktur stehen, da die Bedeutungen der institutionellen und personalen Infrastruktur bereits in den Kapiteln „Bildung“ und „Politische Rahmenbedingungen“ beleuchtet wurden. Die materielle Infrastruktur ist essentiell notwendig um makrookonomische Ziele, wie die Produktivitatssteigerung und die Forderung des AuBenhandels, der Urbanisierung und der Industrialisierung, zu erreichen.

Investitionen in die Verbesserung der offentlichen Infrastruktur haben weitreichende Folgen. Einerseits profitieren Personen- und Guterverkehr und damit der AuBenhandel von einem effizienteren und dichteren Transportnetz und andererseits werden bisher unterentwickelte Regionen gefordert und an das wirtschaftliche Netz angebunden. Der direkte Nutzen besteht also in einer Erhohung des Gesamtpotentials der Nutzungsmoglichkeiten. Demgegenuber steht der indirekte Nutzen. Infolge des Produktivitatsanstiegs, erhoht sich der Nutzen privater Investitionen, womit weitere Kapazitatseffekte verbunden sind.

GemaB der endogenen Wachstumstheorie, stellen die Generierung und die Diffusion neuen Wissens Schlusselvariablen im Wachstumsprozess dar. Vor diesem Hintergrund erscheinen Investitionen ins Kommunikationsnetz sinnvoll.

[...]


[1] Vgl. o.V. (2008b), S. 388.

[2] Vgl. http://www.bpb.de/popup/popup_lemmata.html?guid=49PYLU, Stand 16.03.2010.

[3] Vgl. Lachmann, W (2003), S.2.

[4] Vgl. Lachmann, W. (2003), S.15.

[5] Vgl. Wildmann, L. (2007), S.210.

[6] Vgl. Lachmann, W. (2003), S.3.

[7] Vgl. Kung, E. (1983), S.159.

[8] Vgl. http://www.prb.org/pdf09/09wpds_eng.pdf, Stand 18.03.2010.

[9] Vgl. Diesfeld, H.J. (2001), S.24.

[10] Vgl. o.V. (2008c), S.10.

[11] Vgl. o.V. (2008a).

[12] Vgl. Lemke, C. (2008), S.77.

[13] Vgl. Kevenhorster, P. (2008), S.237.

[14] Vgl. Guida, J.J. (2007), S.25.

[15] Vgl. Dulfer, E., Jostingmeier, B. (2008), S.77.

[16] Vgl. Guida, J.J. (2007), S.25.

[17] Vgl. Blanchard, O., Illing, G. (2009), S.51.

[18] Vgl. Blanchard, O., Illing, G. (2009), S.56.

[19] Vgl. Blanchard, O., Illing, G. (2009), S.321.

[20] Vgl. Wildmann, L. (2007), S.24.

[21] Vgl. Gobel, E. (2002), S.23.

[22] Vgl. Bretschger, L. (2004), S.25.; Kyrer, A., Penker, W. (2000), S.169.

[23] Vgl. Blanchard, O., Illing, G. (2009), S.343.

[24] Vgl. Bretschger, L. (2004), S.32.

[25] Vgl. Bretschger, L. (2004), S.36.

[26] Vgl. Gupta, G.S. (2008), S.438.

[27] Vgl. Farmer, K., Wendner, R. (1999), S.64.; Barro, R.J., Sala-i-Martin, X. (2004), S.35.

[28] Vgl. Dombusch, R., Fischer, S., Startz, R. (2003), S.66.

[29] Vgl. Ziegler, B. (2008), S.142.

[30] Vgl. Lachmann, W. (2006), S.199.

[31] Vgl. Dornbusch, R., Fischer, S., Startz, R. (2003), S.88.

[32] Vgl. Christiaans, T. (2004), S.192.; Vgl. Barro, R.J., Sala-i-Martin, X. (2004), S.65.

[33] Vgl. Bretschger, L. (2004), S.92.

[34] Vgl. Berg, R. (2008), S.132.; Vgl. Barro, R.J., Sala-i-Martin, X. (2004), S.211.

[35] Vgl. Brummerhoff, D. (2007), S.155.

[36] Vgl. Berg, R. (2008), S.132.

[37] Vgl. Ott, K., Doring, R. (2004), S.28.

[38] Vgl. Bretschger, L. (2004), S.181.

[39] Vgl. Weber, M. (2004), S.36.

[40] Vgl. Basili, M., Franzini, M., Vercelli, A. (2006), S.18.

[41] Vgl. Kamaras, E. (2003), S.40.

[42] Vgl. Berg, R. (2008), S.192.

[43] Vgl. Mankiw, N.G. (2004), S.588.

[44] Vgl. Gorgens, E., Ruckriegel, K. (2007), S.275.

[45] Vgl. Gorgens, E., Ruckriegel, K. (2007), S.275.

[46] Vgl. Obinger, H. (2004), S.60.

[47] Vgl. Obinger, H. (2004), S.44.

[48] Vgl. Bardt, H. (2005), S.6.; Sunde, U. (2006), S.8.

[49] Vgl. Obinger, H. (2004), S.60.

[50] Vgl. Sunde, U. (2006), S.7.

[51] Vgl. Baer, W. (1997), S.106.; Obinger, H. (2004), S.146.

[52] Vgl. Albers, W. (1978), S.201.

[53] Vgl. Kyrer, A., Penker, W. (2000), S.92.

[54] Vgl. Czernich, N., Falck, O., Kretschmer, T., Woessmann, L. (2009), S.2.

Details

Seiten
113
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640967957
ISBN (Buch)
9783640967797
Dateigröße
2.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v175641
Institution / Hochschule
FOM Hochschule für Oekonomie und Management gemeinnützige GmbH, Hochschulstudienzentrum Hamburg
Note
1,0
Schlagworte
Schwellenländer Entwicklungsländer Wachstumstheorie

Autor

Zurück

Titel: Wachstumsperspektiven ausgewählter Entwicklungs- und Schwellenländer