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Sprache und Integration bei russischsprachigen Migranten in Deutschland

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 20 Seiten

Deutsch - Deutsch als Fremdsprache / Zweitsprache

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretische Grundlagen und Definitionen
2.1 Integration und Sprache im Integrationsprozess
2.2 Der Zusammenhang zwischen Spracherwerb und Integration

3 Der Sprachgebrauch im Einwanderungskontext: Russisch-deutsche Zweisprachigkeit in Deutschland

4 Zum Projekt des IDS „Sprachliche Integration von Aussiedlern“

5 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die vorliegende Arbeit stellt einen Überblick über theoretische Grundlagen und Situationen im Bereich der Sprache und Integration im Einwanderungskontext. Insbesondere wird auf die Konstellation der russischsprachigen Migranten und deren sprachliche Integrationssituation in Deutschland eingegangen.

Zu Beginn sollen die Relevanz und Aktualität der Arbeit erörtert werden. Das Thema ist insofern von großer Bedeutung, da die Integrationsdebatte in Deutschland in letzter Zeit viel Interesse und Aufmerksamkeit seitens der Politiker und Wissenschaftler verschiedenster Richtungen geweckt hat. Wie trägt die Aneignung von Sprache des Aufnahmelandes zur Integration der Immigranten in dieses Land bei? Können gesellschaftliche und sprachliche Integration gleichgesetzt werden? Wer trägt die Verantwortung dafür, dass die Integration der Menschen mit Migrationshintergrund gelingen kann? Was sind Immigrantensprachen und wie charakterisiert sich der Sprachgebrauch im Einwanderungskontext? Welche Rolle spielt die Erstsprache des Migranten im Integrationsprozess? Das sind Fragen, die ich in der vorliegenden Arbeit in Bezug auf die russischsprachigen Migranten in Deutschland näher betrachten möchte.

In der Einführung werde ich die Bedeutung von Sprache im Integrationskontext allgemein erläutern. Dafür stütze ich mich im Wesentlichen auf die theoretischen Überlegungen des deutschen Soziologen Hartmut Esser (2006), Kai-Uwe Beger (2000) sowie Hans-Jürgen Krumm (2004). Im Folgenden wird auf den russisch-deutschen Sprachgebrauch in Deutschland und auf die in diesem Zusammenhang in der Forschung beobachteten Phänomene eingegangen. Dabei werde ich die statistischen Daten aus dem Migrationsbericht des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) zur Konstellation der russischsprachigen Migranten in Deutschland zusammenfassend anführen. Die Faktoren, die die Ausprägung der russisch-deutschen Zweisprachigkeit im Migrationskontext beeinflussen, werden nach Achterberg (2005) erläutert. Des Weiteren wird auf die daraus entstehenden Folgen für den russisch-deutschen Sprachgebrauch stützend auf Protassova (2007) und Brehmer (2007) näher eingegangen. Zum Schluss möchte ich das Projekt des Instituts für Deutsche Sprache (IDS) in Mannheim „Sprachliche Integration von Aussiedlern“, dass 1992 bis 1998 unter der Leitung von Prof. Dr. Katharina Meng durchgeführt wurde, kurz vorstellen. In der Zusammenfassung werde ich noch einige Fakten und Überlegungen zur Integrationsdebatte in Deutschland anführen. Dafür verwende ich den Artikel von Christoph Schroeder (2007), in welchem u. a. die Ergebnisse zu den bisherigen Erfahrungen mit den Integrationskursen in der BRD dargestellt werden.

2 Theoretische Grundlagen und Definitionen

2.1 Integration und Sprache im Integrationsprozess

Die Sprache bildet einen zentralen Aspekt der Integration von Migranten, womöglich sogar den wichtigsten. Sie ist selbst Teil wie auch Bedingung und Folge anderer Prozesse der Integration (Esser 2006, S. 23).

Integration ist in der heutigen politischen und gesellschaftlichen Debatte ein vieldiskutiertes Thema. Besonders die Art und Weise, wie sich Zuwanderer in der Bundesrepublik Deutschland integrieren lassen und welche Verantwortung dabei die Bereiche Politik, Bildung oder auch das einzelne Individuum tragen, bestimmen wesentlich die Auseinandersetzung mit diesem Problem. Die Meinungen der Migrationsforscher unterscheiden sich sehr stark voneinander in Bezug auf die Fragen, wie Integration abläuft und inwiefern, wenn überhaupt, eine Eingliederung der Zuwanderer in eine Aufnahmegesellschaft erfolgen kann oder soll.

So findet man im Lexikon der Bundeszentrale für politische Bildung folgende Definition der Integration: „Integration ist eine politisch-soziologische Bezeichnung für die gesellschaftliche und politische Eingliederung von Personen oder Bevölkerungsgruppen, die sich bspw. durch ihre ethnische Zugehörigkeit, Religion, Sprache etc. unterscheiden.“1

Eine generelle Definition des Begriffs findet sich bei Beger (2000): „Integration kann allgemein als die Verbindung von Einzelpersonen/Gruppen zu einer gesellschaftlichen Einheit - bei Anerkennung und Akzeptanz von kulturellen Verschiedenheiten - bezeichnet werden“ (Beger 2000, S. 10). Mit dieser Definition wird Integration nicht als eine komplette Verschmelzung mit der Aufnahmegesellschaft verstanden. Beger weist darauf hin, dass diese Verbindung nur unter der Toleranz und Wertschätzung von kulturellen Unterschieden zustande kommt.

Es ist also festzuhalten, dass Integration nicht eine völlige Anpassung vorsieht, sondern vielmehr ein friedliches Zusammenleben unter Berücksichtigung der kulturellen, religiösen oder politischen Differenzen, so dass sich daraus eine Gemeinschaft und Einheit entwickeln kann. Beger betont ebenfalls die Tatsache, dass Integration sich als Prozess darstellt, der oft nicht in einer Generation durchlaufen wird, sondern häufig über mehrere Generationen hinweg stattfindet und in dessen Verlauf Zuwanderer und Einheimische stärker konvergieren, d.h. die Unterschiede zwischen den einzelnen Gruppen abnehmen (vgl. ebd., S. 10f.). Es wird damit deutlich, dass Integration ein ständig fortschreitender Prozess ist, dessen Entwicklung sich auf unbestimmte Zeit erstreckt.

Bei Esser findet sich folgende Begriffsbestimmung: „Integration bedeutet allgemein die Existenz von systematischen Beziehungen von Teilen zueinander und in Abgrenzung zu einer Umgebung“ (Esser 2006, S. 23). Dabei unterscheidet Esser zwei Perspektiven im soziologischen Zusammenhang, nämlich den „Bezug auf die Individuen und ihre Beziehungen zu einem bestehenden gesellschaftlichen Kontext, darunter auch die Beziehungen zu anderen Individuen, und den Bezug auf ein soziales System und dessen Zusammenhalt als kollektive Einheit insgesamt“ (ebd., S. 23f., Hervorhebungen im Original). Den ersten Aspekt bezeichnet Esser als Sozialintegration, den zweiten als Systemintegration.

„Es gibt inzwischen einen durchaus breiten Konsens darüber, dass die intergenerationale Integration das zentrale Problem im Zusammenhang der inzwischen entstandenen internationalen Migrationsbewegungen darstellt und dass dabei der Sprache eine Schlüsselfunktion zukommt“ (ebd., S. 11). Die Sprache gehört zu einem der Bestandteile „der kulturellen Dimension der sozialen Integration von Migranten, hat aber eine weit darüber hinausgehende Bedeutung“ (ebd., S. 52). Ferner lassen sich nach Esser drei spezielle Funktionen der Sprache angeben. Erstens ist die Sprache eine wertvolle Ressource, über die andere Ressourcen erlangt werden können und in die man investieren kann (oder auch nicht), also ein Teil des Humankapitals der Akteure. Sie ist zweitens ein Symbol, das Dinge bezeichnen, innere Zustände ausdrücken, Aufforderungen transportieren und (darüber) Situationen ’definieren’ kann, einschließlich der Aktivierung von Stereotypen über den Sprecher mit eventuell daran hängenden Diskriminierungen, etwa über einen Akzent. Und sie ist drittens ein Medium der Kommunikation und der darüber verlaufenden Transaktionen und hat dabei die besondere Funktion der kommunikativen Sicherstellung von Abstimmungen und „Verständigung“ […] Vor diesem allgemeinen Hintergrund ist der Erwerb der Sprache des Aufnahmelandes eine zentrale Bedingung zunächst jeder weiteren Sozialintegration der Migranten außerhalb des ethnischen Kontextes: Bildungserfolg, die Platzierung auf interessanten Positionen, die Aufnahme von Kontakten und die Strukturierung von Identitäten hängen allesamt deutlich von sprachlichen Kompetenzen ab und wirken, wenigstens teilweise, darauf wieder zurück (ebd., S. 52, Hervorhebungen im Original).

Nach Krumm ist Integration „ein zweiseitiger Prozess, der eine Respektierung der mitgebrachten Sprach- und Kulturerfahrungen durch die Mitglieder der Aufnahmegesellschaft sowie die Bereitschaft zur tatsächlichen Gleichstellung, rechtlich, wirtschaftlich, kulturell und politisch einschließt“ (Krumm 2004, S. 24).

„Das friedliche Miteinander, nicht das distanzierte Nebeneinander“ charakterisiert eine solche integrative „multikulturelle Demokratie“2, die durchaus einer Möglichkeit der Auseinandersetzung, der Verständigung, d. h. auch einer gemeinsamen Sprache als Voraussetzung für Begegnung und Interaktion, für Konsens- und Kompromissaushandlung bedarf, aber eben nicht im Sinne der Verdrängung von Unterschieden, im Sinne einer Assimilation der einen an die anderen. Im Gegensatz zu der Forderung nach Assimilation zielt der sozialwissenschaftliche Integrationsbegriff auf „die Vereinigung einer Vielheit zu einer Ganzheit“3 (ebd., S 24, Hervorhebungen im Original).

Nach den oben erwähnten Definitionen lässt sich also zunächst zusammenfassen, dass Integration ein Prozess ist, der in unterschiedlich langen Phasen abläuft und alle Bereiche des Alltags betrifft, die wiederum in wechselseitiger Beziehung stehen. Der wichtigste Moment ist aber, dass Integration nicht nur das Zugehen einer Gruppe auf die andere bedeutet, sondern dass alle Teile der Gesellschaft die Aufgabe haben, die unterschiedlichen kulturellen Aspekte und Weltanschauungen des jeweils anderen zu schätzen und zu respektieren und diese Haltung mit in ihre eigene Lebenssituation einzubeziehen (vgl. Fath 2009, S. 40).

2.2 Der Zusammenhang zwischen Spracherwerb und Integration

Der Erwerb kulturell üblicher Verhaltensweisen und Orientierungen einschließlich des Spracherwerbs und der Eingliederungsprozess in die Aufnahmegesellschaft durch Teilhabe an den gesellschaftlichen Prozessen (Zugang zum Arbeitsmarkt, zu Wohnraum, zu politischen Rechten und Pflichten) sind sich ergänzende Prozesse, von denen keiner ohne den anderen funktioniert (Stefanski 1994, zit. nach Krumm 2004, S. 24).

Nach Krumm „wollen Zuwanderer in der Regel die Sprache des Einwanderungslandes lernen, vorausgesetzt, es gibt positive Integrationsanreize und angemessene Sprachlernbedingungen“ (Krumm 2004, S. 25). Krumm erklärt die Sprachlernmotivation der Zuwanderer weiter dadurch, dass sie am Arbeitsmarkt, Wohlstand und Errungenschaften der Aufnahmegesellschaft teilhaben wollen; „sie beugen sich daher vielfach dem bestehenden Anpassungsdruck“ (ebd., S. 25). In seinem Artikel, der die Bedingungen für einen integrationsfördernden Sprachunterricht erläutert, führt Krumm Beispiele einiger empirischer Untersuchungen an, die die hohe Sprachlernmotivation der Zuwanderer belegen. Dabei kritisiert der Autor die Politik, die kaum Bedingungen dafür schaffe, den Wunsch der Zuwanderer, Deutsch zu lernen, zu verstärken: „Eine Politik, die seit Jahren eher die Separierung der ausländischen von der deutschsprachigen Wohnbevölkerung betreibt, die Ghettoisierung in bestimmten Wohngebieten verstärkt, den Zugang der Zuwanderer am Arbeitsmarkt behindert, schafft damit selbst erst einen Teil jenes Mangels an Motivation zum Deutschlernen und an Deutschkenntnissen, der nun beklagt wird“ (ebd., S. 26). Es ist jedoch zu bedenken, dass dieser Artikel von Krumm vor sieben Jahren geschrieben wurde und sich seitdem in der Politik einiges geändert hat. Zu erwähnen ist beispielsweise das 2005 in Kraft getretene neue Zuwanderungsrecht, das die Einrichtung der Integrationskurse mit sich gebracht hat. Nichtsdestotrotz liefert er einige sehr gute Überlegungen zum Zusammenhang zwischen Spracherwerb und Integration im Einwanderungskontext. Weiter weist der Autor darauf hin, dass Spracherwerb nur dann erfolgreich funktionieren kann, „wenn die Lernenden wissen, zu welchen Zwecken, zur Erreichung welcher außersprachlichen Ziele diese Sprache benötigt wird und wenn Unterricht diese außerunterrichtlichen Zwecke und Ziele vorwegnehmend zum Übungsanlass nimmt“ (ebd., S. 26). Auch der Europarat geht im Europäischen Referenzrahmen für Sprachen davon aus, dass sich das Lehren und Lernen von Sprachen „an der Motivation, den Dispositionen und den Lernmöglichkeiten“ der Lernenden orientieren muss (Europarat 2001, zit. nach ebd., S. 26).

Krumm betont in seiner Arbeit die Wichtigkeit des mehrsprachigen Faktors, den die Migranten mit in die Aufnahmegesellschaft bringen und weist darauf hin, dass man die Fähigkeiten der Zuwanderer in verschiedenen Sprachen als eine Einheit sehen soll, „in der sich Kommunikationsfähigkeiten aus diesen verschiedenen Sprachen auch ergänzen können“ (ebd., S. 28). Weiter führt der Autor folgende Überlegungen an:

Der Erwerb der deutschen Sprache ist ein notwendiger, jedoch ganz und gar nicht hinreichender Bestandteil von Integrationsförderung. Er bedarf eines weit über die Sprache hinausgehenden Integrationskonzeptes. Und es bedarf eines Gesamtsprachenkonzeptes, das auch die Herkunftssprachen der Zuwanderer, sowie die Einstellung der Deutschsprachigen zu diesen umfasst (ebd., S. 29).

Zusammenfassend stellt Krumm fest, dass „der Erwerb der deutschen Sprache zwar ein notwendiger Bestandteil jener Maßnahmen sein muss, die zur Integration von Zuwanderern beitragen, dass Deutschkurse allein aber überhaupt nicht ausreichen“ (ebd., S. 29).

Gerade weil Sprache durchaus eine wichtige Hilfe zur Integration sein kann und von vielen Zuwanderern auch so gesehen wird, ist es unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Sprachförderung qualifiziert erfolgt und dass sie nicht abgeschnitten wird von begleitenden Angeboten der Beratung und Betreuung, ohne die die Sprachförderung ihren integrativen Zweck nicht erreicht (ebd., S. 34).

3 Der Sprachgebrauch im Einwanderungskontext: Russischdeutsche Zweisprachigkeit in Deutschland

Etwa 10 Millionen Einwohner Deutschlands benutzen neben dem Deutschen täglich noch eine andere Sprache (Gogolin/Reich 2001 zit. nach Achterberg 2005, S. 11). Die Sprachen der Immigranten sind mittlerweile fester Bestandteil deutscher Gesellschaft geworden, sie verändern die Sprachenkarte Deutschlands:

[...]


1 Schubert, K./Klein, M. (2006): Das Politiklexikon. (URL: http://www.bpb.de/popup/popup_lemmata.html?guid=O0SMIR)

2 Popp 1992.

3 Stefanski 1994.

Details

Seiten
20
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640967599
ISBN (Buch)
9783640967162
Dateigröße
507 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v175704
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Institut für Germanistik
Note
1,0
Schlagworte
Sprachliche Integration Sprache im Einwanderungskontext Sprachliche Integration von Aussiedlern Integrationsprozess bei Menschen mit Migrationshintergrund

Autor

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Titel: Sprache und Integration bei russischsprachigen Migranten in Deutschland