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Das Orpheus-Motiv in Christopher Nolans Filmen

Seminararbeit 2011 18 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Das Medium Film als eine Form interpretativer Auslegungen

2. Die Basis des Mythos von „Orpheus und Eurydike“

3. Das Orpheus-Motiv in Memento

4. Das Orpheus-Motiv in The Dark Knight

5. Das Orpheus-Motiv in Inception

6. Heteronomie und Autonomie von Erzählungen

7. Literaturverzeichnis

1. Das Medium Film als eine Form interpretativer Auslegungen

Über den Dramatiker und Schriftsteller Henrik Ibsen heißt es in wissenschaftlichen Kreisen, dass „all of his plays could be called Ghosts.“[1] Für Marvin Carlson war dies der Einstieg über seinen Text The Haunted Stage, in welchem er darüber resümiert, dass jede Theater-Inszenierung mit Erinnerungen verknüpft ist, dass jedes neue Werk als neue Montage vom Material eines älteren Werks betrachtet werden kann.[2] Diese Feststellung kann auch auf das Medium Film zutreffen.

Auf den folgenden Seiten soll dargelegt werden, inwiefern sich das „Orpheus-Motiv“ durch die Filme von Christopher Nolan zieht. Dabei ist von entscheidender Bedeutung, dass diese Arbeit nicht aus einer vergleichenden Analyse zwischen einem literarischen Text und einer filmischen Adaption bestehen soll. Die Filmbeispiele sind keine direkten Erzählungen über „Orpheus und Eurydike“. Stattdessen offerieren sie eine Darstellung von Handlung, welche dem Rezipienten die Perspektive ermöglicht, die jeweiligen Filme in einer freien Interpretation mit einem eigenen Narrativ zu vervollständigen.

In den meisten Spielfilmen des Regisseurs Christopher Nolan lassen sich Parallelen zu der antiken Sage „Orpheus und Eurydike“ finden. An dieser Stelle sollte noch einmal verdeutlicht werden, dass es hierbei zu keinem direkten intermedialen Vergleich kommen wird, da eine formale Untersuchung sich als marginal erweist. Möglicherweise lässt sie sich an manchen Stellen nicht vermeiden, doch die zentrale Analyse bezieht sich in diesem Fall auf eine inhaltliche Gegenüberstellung.

Um die analoge Erzählung herauszuarbeiten, wird vorerst ein kurzer Überblick über den Mythos von Orpheus gegeben, um ihn dann auf zentrale Kriterien zu reduzieren, welche sich auf die Handlung der jeweiligen Spielfilme Memento, The Dark Knight und Inception übertragen lassen. Im Anschluss daran werden die Filme nacheinander auf die Kriterien des Orpheus-Motivs hin untersucht.

Auch wenn es sich hierbei um keine Literaturverfilmung handelt, kann das Medium Film hier ebenso „als eine Form interpretativer Auslegung und als eine populäre Möglichkeit der Rezeption literarischer Werke“[3] betrachtet werden.

In diesem Zusammenhang soll die Arbeit anhand des „Orpheus-Beispiels“ der Frage nachgehen, ob es möglich ist, unterschiedliche Verfilmungen auf ein einziges Narrativ zu beschränken, welches bereits in ganz anderer Form künstlerischer Medien gegeben ist.

Um es in den Worten von Marvin Carlson zu sagen: „all plays in general might be called Ghosts “.[4]

2. Die Basis des Mythos von „Orpheus und Eurydike“

Wie es Christine Mundt-Espin treffend formuliert, hat kaum „eine Figur der griechisch-römischen Mythologie (…) eine Rezeptionsgeschichte aufzuweisen, die hinsichtlich Dauer, Kontinuität, Menge, geographischer Streuung und Variantenreichtum derjenigen des Orpheus gleichkäme.“[5] Allein die Figur Orpheus aus dem Mythos selbst divergiert zwischen verschiedenen Ausdrucksformen der Kunst, wie beispielsweise der Literatur, der Musik oder der Malerei. Auf den folgenden Seiten soll ein kurzer Überblick der herausragenden Darstellungen der Orpheus-Aspekte gegeben und auf ein paar Prämissen reduziert werden, welche sich auf die jeweiligen Spielfilme von Christopher Nolan transportieren lassen.

Die erste Überlieferung, die sich von Orpheus finden lässt, ist ein Dichtungsfragment aus dem sechsten Jahrhundert vor Christus.[6] Bereits in diesem Text scheint Orpheus seit längerem als Mythos zu existieren, denn der „süditalienische Dichter Ibykos nennt Orpheus „onomaklytos“, „der wegen seines Namens Berühmte.“[7] In anderen Quellen lässt sich erkennen, dass Orpheus „vor allen Dingen (als) der älteste Sänger, der mythische Vater der Musik“[8] bekannt ist. Auch in einigen Erzählungen über die Argonauten ist er von Bedeutung, indem er Iason durch sein Leierspiel dabei unterstützt, das goldene Vlies zu gewinnen.[9]

Am wirkungsmächtigsten in der europäischen Kunsttradition hat sich jedoch die Geschichte von Orpheus und Eurydike erwiesen, „die love-story zwischen Orpheus und Eurydike, „die berühmteste aller romantischen Sagen“.[10] Die umfassendsten Versionen dieser Sage lassen sich dabei in Vergils Georgica und Ovids Metamorphosen finden.[11]

In seinem Lehrgedicht über den Ackerbau geht Vergil unter anderem auf die Bienenzucht ein und erzählt in diesem Zusammenhang von Aristaeus, der die Ursache für den Tod seiner Bienen herauszufinden versucht. Der Meergott Proteus gibt ihm zu verstehen, dass dies eine Bestrafung sei. Denn während Eurydike vor Aristaeus fliehen wollte, wurde sie Opfer eines Schlangenbisses. In seiner Trauer um die Ehegattin steigt Orpheus in die Unterwelt hinab und erwirkt durch sein Klagelied die Rückgabe der Eurydike. Als er jedoch das aufgestellte Gebot der Götter, sich auf dem Weg zur Oberfläche nicht nach seiner Gattin umzudrehen, missachtet, ist diese für immer für ihn verloren.

Der Orpheus-Mythos bei Ovid unterscheidet sich kaum von der Sagenversion Vergils, „aber (obwohl) seine Erzählungen und Schilderungen (…) detailreicher (sind)“,[12] bleibt Aristaeus bei ihm unerwähnt. Doch auch in Vergils Georgica wird das Schuldmotiv des Aristaeus, seine lüsternen Nachstellungen, lediglich angedeutet.[13] Alles, was er diesbezüglich berichtet, findet sich in dem einen Satz „dum te fugeret per flumina“, was man frei mit „als sie vor dir durch den Fluß floh“ übersetzen kann.[14] Dennoch bleibt diese Erfindung Vergils Ausgangspunkt für viele andere Erzählungen, wie zum Beispiel „Calderons Drama El Divino Orfeo, eine christlich-allegorische Interpretation des antiken Mythos“[15], in der Aristaeus als Satan und Eurydike als Eva fungieren. Ein weiteres Beispiel wäre die Persiflage Offenbachs, in welcher sich die gelangweilte Ehefrau Eurydice für ihren Nachbarn, den Honigfabrikanten Aristée, interessiert.[16]

Unternimmt man den Versuch, diese Erzählungen auf einen Punkt zu reduzieren, kristallisiert sich heraus, dass Orpheus ein Rivale gegenübersteht, der sexuelles Interesse an seiner Ehegattin Eurydike aufzeigt. Ob dieses Interesse von ihr erwidert wird oder ob Aristaeus bei dem Versuch, sie zu vergewaltigen, scheitert, bleibt in diesem Fall marginal. Einzig von Bedeutung ist die Tatsache, dass dem Helden Orpheus ein anderer Mann entgegengesetzt wird, dessen Präsenz den ersten Verlust der Gattin Eurydike zur Folge hat. Aristaeus ist dafür verantwortlich, dass Orpheus seine Ehefrau das erste Mal verliert. Um den zweiten Verlust näher in Augenschein zu nehmen, ist vorerst eine genauere Betrachtung der Figur Orpheus erforderlich.

In erster Linie lässt sich klar erkennen, „(…) (gleich) in welche Mythen Orpheus verflochten wurde, stets ist es die Macht seiner Musik, die ihn auszeichnet.“[17] Dabei ist er nicht nur irgendein Sänger. Denn die Kunst seiner Musik ist so herausragend, dass er, indem sein Leierspiel den Lockgesang der Sirenen übertönt und die Argonauten dabei vor dem Verderben bewahrt, das goldene Vlies gewinnt.[18] Essentieller für diese Arbeit ist der Mythos von Eurydikes vorübergehender Rettung. Denn allein die Kunstfertigkeit seiner Klagelieder gibt Orpheus die Möglichkeit, seine Ehefrau zurück zu gewinnen. Seine herausragende Fähigkeit im Singen bewegt die Götter der Unterwelt dazu, ihm Eurydike wieder zu geben. Festzuhalten ist, dass der Held – in diesem Fall Orpheus – eine Eigenschaft besitzt, welche ihn dazu befähigt, die geliebte Frau retten zu können.

Dass dieser Versuch misslingt, ist dabei genauso charakteristisch, wie seine Fähigkeit.

Denn die Auflehnung Orpheus’ gegen eine Autorität zeigt „sich sowohl in seinem Abstieg in den Hades wie in der Übertretung des Verbots sich umzudrehen.“[19]

Dementsprechend begeht der Held den Fehler, etwas, das von Bedeutung ist, zu unterschätzen, beziehungsweise zu missachten. Diese Missachtung verschuldet den Tod seiner Frau Eurydike. Andere Charakteristika des Orpheus erweisen sich ebenso als erwähnenswert, werden jedoch nur kurz aufgeführt, da sie für den weiteren Verlauf der Arbeit eine geringfügige Rolle spielen.

Da wäre zum einen der religiöse Bezug. Denn unter anderem ist Orpheus auch für seine „Verbindung zum Dionysoskult, und anderen Kulten (…), als deren Stifter er gilt“[20], bekannt. Häufig wird er mit Christus gleichgesetzt, da bei beiden vor allem das Prinzip der Wiederauferstehung, beziehungsweise der Rückkehr aus dem Totenreich, eine Rolle spielt.[21] Ein anderes Merkmal von Orpheus ist der Zerreißungstod, wobei „Aischylos (…) der erste Autor gewesen zu sein (scheint), der den Zerreißungstod des Orpheus literarisch dokumentiert.“[22] Die Ursache seiner Bestrafung fällt in den einzelnen Werken unterschiedlich aus, doch die Art und Weise seines Todes läuft immer darauf hinaus, dass er von rasenden Frauen zerrissen wird.[23]

[...]


[1] Carlson, Marvin: The Haunted Stage. The Theatre as Memory Machine. Michigan 2003, S.1

[2] vgl. Carlson, Marvin: The Haunted Stage. The Theatre as Memory Machine. Michigan 2003, S.4

[3] Hurst, Matthias: Erzählsituationen in Literatur und Film. Ein Modell zur vergleichenden Analyse von literarischen Texten und filmischen Adaptionen. Tübingen 1996, S.1

[4] Carlson, Marvin: The Haunted Stage. The Theatre as Memory Machine. Michigan 2003, S.1

[5] Mundt-Espin, Christine: So viel Orpheus war nie. Vorbemerkungen. In: Mundt-Espin, Christine (Hg.): Blick auf Orpheus. 2500 Jahre europäischer Rezeptionsgeschichte eines antiken Mythos. Tübingen und Basel 2003, S.7

[6] vgl. Schlesier, Renate: Orpheus, der zerrissene Sänger. In: Avanessian, Armen/ Brandstetter, Gabrielle/ Hofmann, Franck (Hg.): Die Erfahrung des Orpheus. München 2010, S.46

[7] Schlesier, Renate: Orpheus, der zerrissene Sänger. In: Avanessian, Armen/ Brandstetter, Gabrielle/ Hofmann, Franck (Hg.): Die Erfahrung des Orpheus. München 2010, S.46

[8] Deufert, Marcus: Orpheus in der antiken Tradition. In: Deufert, Marcus/ Deufert, Kattrin (Hg.): Mythos Orpheus. Texte von Vergil bis Ingeborg Bachmann. Stuttgart 2010, S.264

[9] vgl. Deufert, Marcus: Orpheus in der antiken Tradition. In: Deufert, Marcus/ Deufert, Kattrin (Hg.): Mythos Orpheus. Texte von Vergil bis Ingeborg Bachmann. Stuttgart 2010, S.264

[10] Reinhardt, Udo: „prendique et prendere certans“. Orpheus’ und Eurydikes Trennung: Bilder von der Antike bis zum Fin de siècle. In: Mundt-Espin, Christine (Hg.): Blick auf Orpheus. 2500 Jahre europäischer Rezeptionsgeschichte eines antiken Mythos. Tübingen und Basel 2003, S.77

[11] vgl. Blänsdorf, Jürgen: Vorstellung des Mythos: Orpheus und Eurydike in der Dichtung Vergils und Ovids. In: Mundt-Espin, Christine (Hg.): Blick auf Orpheus. 2500 Jahre europäischer Rezeptionsgeschichte eines antiken Mythos. Tübingen und Basel 2003, S.23

[12] Blänsdorf, Jürgen: Vorstellung des Mythos: Orpheus und Eurydike in der Dichtung Vergils und Ovids. In: Mundt-Espin, Christine (Hg.): Blick auf Orpheus. 2500 Jahre europäischer Rezeptionsgeschichte eines antiken Mythos. Tübingen und Basel 2003, S.24

[13] vgl. Maurer Zenck, Claudia: Der Orpheus-Mythos von der Antike bis zur Gegenwart. Frankfurt am Main 2004, S.62

[14] vgl. Blänsdorf, Jürgen: Vorstellung des Mythos: Orpheus und Eurydike in der Dichtung Vergils und Ovids. In: Mundt-Espin, Christine (Hg.): Blick auf Orpheus. 2500 Jahre europäischer Rezeptionsgeschichte eines antiken Mythos. Tübingen und Basel 2003, S.24

[15] Maurer Zenck, Claudia: Der Orpheus-Mythos von der Antike bis zur Gegenwart. Frankfurt am Main 2004, S.79

[16] vgl. Maurer Zenck, Claudia: Der Orpheus-Mythos von der Antike bis zur Gegenwart. Frankfurt am Main 2004, S.79

[17] Deufert, Marcus: Orpheus in der antiken Tradition. In: Deufert, Marcus/ Deufert, Kattrin (Hg.): Mythos Orpheus. Texte von Vergil bis Ingeborg Bachmann. Stuttgart 2010, S.264

[18] vgl. Deufert, Marcus: Orpheus in der antiken Tradition. In: Deufert, Marcus/ Deufert, Kattrin (Hg.): Mythos Orpheus. Texte von Vergil bis Ingeborg Bachmann. Stuttgart 2010, S.264

[19] Mundt-Espin, Christine: So viel Orpheus war nie. Vorbemerkungen. In: Mundt-Espin, Christine (Hg.): Blick auf Orpheus. 2500 Jahre europäischer Rezeptionsgeschichte eines antiken Mythos. Tübingen und Basel 2003, S.10

[20] Maurer Zenck, Claudia: Der Orpheus-Mythos von der Antike bis zur Gegenwart. Frankfurt am Main 2004, S.45

[21] vgl. Deufert, Marcus: Orpheus in der antiken Tradition. In: Deufert, Marcus/ Deufert, Kattrin (Hg.): Mythos Orpheus. Texte von Vergil bis Ingeborg Bachmann. Stuttgart 2010, S.270

[22] Schlesier, Renate: Orpheus, der zerrissene Sänger. In: Avanessian, Armen/ Brandstetter, Gabrielle/ Hofmann, Franck (Hg.): Die Erfahrung des Orpheus. München 2010, S.48

[23] vgl. Schlesier, Renate: Orpheus, der zerrissene Sänger. In: Avanessian, Armen/ Brandstetter, Gabrielle/ Hofmann, Franck (Hg.): Die Erfahrung des Orpheus. München 2010, S.47-51

Details

Seiten
18
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640967667
ISBN (Buch)
9783640967308
Dateigröße
511 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v175723
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut der Germanistik
Note
2,0
Schlagworte
orpheus christopher nolan spielfilm the dark knight memento inception

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