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Medien und vermittelte Interaktion - Gefahr der Vereinsamung?

Hausarbeit 2011 17 Seiten

Soziologie - Medien, Kunst, Musik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EinleitungS

2. Medien und vermittelte Interaktion:
2.1 Theoretische GrundlagenS
2.2 Befragung zur Nutzung von Facebook: Diskussion der Fragen, Darstellung des Ergebnisses und einige Kritikpunkte

3. Schluss: Facebook und Co.- Gefahr der Vereinsamung?

4. Literaturverzeichnis

5. Anhang: Fragebogen

1. Einleitung:

„Wo ich bislang zur kritischen Prüfung riet, welche Entscheidung man für sich selbst treffen wolle, bin ich längst Teil des Räderwerks geworden, das den soziokulturellen Prozess bis an den Punkt brachte, an dem man heute Internet für unausweichlich halten kann.“

(Drindenberg 2002: 4)

Das Leben eines modernen Menschen ist stark durch die verschiedensten Medien geprägt. Zu den unverzichtbaren Begleitern im Alltag zählen insbesondere Mobiltelefon, Personal Computer und Internet. Die zunehmende Mediatisierung und Modernisierung des alltäglichen Lebens haben Auswirkungen auf das Soziale. Sie beeinflussen die zwischenmenschliche Kommunikation und Interaktion, aber auch das Zeit- und Raumverständnis. Craig Calhoun sagt dazu: "The modern world is constituted in part by the radical expansion and transformation of such capacity to coordinate action across time and space" (Calhoun 1991: 97).

Die neuen Medien bringen neue Ritualisierungen der Alltagshandlungen hervor z.B wenn man sich jeden Tag zu einer bestimmten Zeit in Facebook einloggt. Damit wird laut Drindenberg die „nötige Beständigkeit und Sicherheit des Alltags und die Offenheit für jeweils neue, irgendwie günstigere oder aufregendere Arrangements im Zusammenhang technikvermittelter Kommunikation gewährleistet“ (Drindenberg 2002: 38).

Nach Friedrich Krotz führt die Mediatisierung dazu, „[…] dass durch das Aufkommen und durch die Etablierung von neuen Medien für bestimmte Zwecke und die gleichzeitige Veränderung der Verwendungszwecke alter Medien sich die gesellschaftliche Kommunikation und deshalb auch die kommunikativ konstruierten Wirklichkeiten, also Kultur und Gesellschaft, Identität und Alltag der Menschen verändern" (Krotz 2005: 39). Können wir heutzutage von einer Ablösung der traditionellen Kommunikationsformen zugunsten einer medial vermittelten Interaktion sprechen? Führt die Mediatisierung und die Veränderung der Kommunikations- und Interaktionsformen und Möglichkeiten zu einer Vereinsamung der Individuen?

In dieser Arbeit wird der Versuch unternommen, die oben gestellte Frage zu beantworten. Als Beispiel für eine medienvermittelte Interaktion wurde die Netzwerk- und Kommunikationsplattform Facebook ausgesucht, weil es laut einer Studie der Trend Research Gesellschaft für Markt- und Kommunikationsforschung mbH im August 2010 das am häufigsten genutzte soziale Netzwerk ist.[1]

Ursprünglich ging es dem Begründer dieser Plattform Mark Zuckerberg um eine Online-Version der Universitäts-Jahrbücher (Facebooks). So wurde Facebook im Jahre 2004 von einem Harvard University Student ins Leben gerufen. Derzeit registriert Facebook über 500 Millionen aktiver Nutzer und ist somit das größte soziale Netzwerk im Internet weltweit[2]. Es ist somit ein hervorragendes Exempel für eine medienvermittelte Kommunikationsform.

Um die Entwicklung der Mediatisierung nachvollziehen zu können wird kurz ihre Geschichte skizziert. Davon ausgehend werden die wichtigsten Begriffe diskutiert und grundlegende theoretische Aspekte erläutert. Im nächsten Schritt folgt eine Auswertung eigener durchgeführten qualitativen Online- Befragung zur Nutzung von Facebook mit Darstellung methodischer Vorgehensweise und einiger Kritikpunkte.

Auf Basis theoretischer Grundlagen und eigener Befragung wird am Schluss die am Anfang aufgeworfene Frage zu den Folgen der Mediatisierung und vermittelter Interaktion für die Menschen noch ein Mal aufgegriffen und beantwortet.

Die Mediengeschichte zeichnet sich durch drei Phasen aus (Vgl. Kübler 2003: 93f). Die erste Phase beginnt mit der Erfindung des Buchdrucks in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts. Es sind vor allem schriftliche Medien, die langsam in den Alltag der Menschen Zugang finden- Bücher, Zeitungen, Flugblätter. Sie charakterisieren sich aber besonders am Anfang durch eine hohe Exklusivität.

Die zweite Phase fand ihren Ursprung in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts und revolutionierte den Alltag der Menschen. Die neuen Medien- Fotografie, Film, Hörfunk, Telefon- tragen zur Veränderung der Kommunikationsformen und -stilen bei. In erster Linie bedeuten sie eine Demokratisierung der Umgangsformen und bessere Möglichkeiten zur Pflege der Fernkommunikation.

Die letzte Phase (etwa ab 1940 Jahre) kennzeichnet das Zeitalter der Universalrechner, später der Personal Computers, des Internet und des Mobiltelefons. Sie ist der Inbegriff einer technikvermittelten Kommunikation – SMS- Nachrichten und E- Mails gehören längst nicht nur dem geschäftlichen Bereich. Sie sind ein fester Bestandteil der alltäglichen Interaktionen. "Actually, once you start using the Internet, it is almost impossible to live without it" (Kanaev in Geser 2007: 7).

Bühl sprich sogar von einer „virtuellen Gesellschaft“ (Vgl. Bühl In Drindenberg 2002: 28). Er berichtet von einem „Nebeneinander von realen und virtuellen Räumen in unserer Gesellschaft, wobei seiner These nach die virtuelle Welt zunehmend die reale überlagert.“ (ebd.) Ist denn die virtuelle Welt wirklich so bedeutungsvoll und präsent heutzutage?

2. Medien und vermittelte Interaktion

2.1 Theoretische Grundlagen:

Für das Thema dieser Arbeit ist an der Stelle wichtig, eine klare Begriffsstruktur zu schaffen, um in dem nächsten Schritt die Ergebnisse einer eigenen Befragung präsentieren zu können.

Es geht um den Einfluss von Medien auf Interaktionsformen und Kommunikationsmöglichkeiten und es geht um den Einfluss der vermittelten Interaktion auf Individuen. Doch was ist überhaupt eine Interaktion? Eine Kommunikation? Was versteht man unter Medien?

Eine Interaktion wird im Sinne einer wechselseitigen Wahrnehmung und Beeinflussung der Beteiligten verstanden. Die Kommunikation meint hingegen eine Informationsübertragung bzw. -aufnahme und gegenseitiges Verständnis der Kommunikationsteilnehmer d.h. sie ist weniger auf handelnde Individuen bezogen, sondern auf Zeichen- und Symbolsysteme fokussiert.

Unter einer medialen Kommunikation wird eine Kommunikationsform verstanden, bei der Zeichen (Texte, Grafiken, Töne, Bilder) privat oder öffentlich durch technische Verbreitungsmittel analog oder digital bei räumlicher Distanz ein- oder wechselseitig an einzelne, mehrere oder viele (Adressaten/Zielgruppen) vermittelt werden (Vgl. Kübler 2003: 124f). Bei der Facebook- Kommunikation handelt es sich demnach um eine mediale Kommunikation, die durch Medien ermöglicht und bestimmt wird.

Berliner Publizist und Kommunikationswissenschaftler H. Ross unterscheidet drei Typen der Medien: primäre Medien (Sprache, Mimik, Gestik), sekundäre Medien (alle schriftlichen und bildlichen Darstellungen) und tertiäre Medien (technische Geräte, alle elektronischen Kommunikationsmittel ). Sein Konzept wurde später von R. Burkhard erweitert. Zu den quartären Medien sollen die digitalen netzbasierten Medien zählen, die durch eine Mutimedialisierung (Bild, Ton und Schrift- Verknüpfung) gekennzeichnet sind (Vgl. Kübler 2003: 81f).

Führt der Einsatz von Medien zur einer Vereinsamung des Einzelnen oder bloß zu einer Pluralisierung der Interaktionsformen und Kommunikationsmöglichkeiten?

Unter einer Pluralisierung wird in dieser Arbeit eine „Vergrößerung der Heterogenität in der Zeit“ verstanden (Vgl. Huinink/Wagner 1998: 88). Diese Definition lässt sich auf Kommunikations- und Interaktionsformen übertragen, die sich in der bereits dargestellten geschichtlichen Entwicklung immer mehr ausdifferenzierten und spezialisierten.

Die Pluralisierung wird oft synonym mit der Individualisierung verwendet. Hier soll unter Individualisierung ein Prozess verstanden werden, der folgendes in Gang brachte:

- Herauslösung aus gewohnten Sozialbindungen (Freisetzung)
- Sicherheitsverlust (Entzauberung)
- neue soziale Einbindungen (Kontrolle oder Reintegration)

(Vgl. Drindenber 2002: 20)

Die Individualisierung fasst demzufolge folgende Phänomene zusammen:

- eine Vergrößerung der Handlungsoptionen der Akteure v.a als Effekt der Enttraditionalisierung
- eine (mögliche) Entwicklung des Einzelnen zu einem autonomen und entscheidungsfähigen Akteur
- zunehmende Herauslösung aus kulturell geprägten sozialen Bindungen

(Vgl. Huinink/Wagner 1998: 87f)

Huinink/Wagner sehen den Grund für die Individualisierung darin, „[…] dass sich individuelle Identität immer weniger aus selbstverständlichen gemeinschaftlichen Gruppenbezügen ableiten kann, der Einzelne in seiner Identitätskonstruktion immer mehr auf seine persönliche Erfahrungen verwiesen ist, die durch vielfältige soziale Bezüge geprägt sein können." (ebd.)

Das Facebook bietet eine Individualisierungsmöglichkeit im Bezug auf die Gestaltung der eigenen Seite- Bilder, Communities, Freunde sind frei wählbar und jede Zeit veränderbar.

Davon abzugrenzen ist der Begriff der Individualität. Simmel entwickelte das Konzept der Kreuzung sozialer Kreise, welches besagt, dass die Individuen ihre Individualität durch die Zugehörigkeit zu bestimmten sozialen Kreisen entfalten können. Diese Möglichkeit ist nur mit steigender Heterogenität und Ausdifferenzierung (hier aber im Bezug auf Lebensformen!) vorhanden. "Die Möglichkeit der Individualisierung wächst auch dadurch ins Unermessliche, dass dieselbe Person in den verschiedenen Kreisen, denen sie gleichzeitig angehört, ganz verschiedene relative Stellungen einnehmen kann" (Simmel 1992: 476). d.h die Individualität wird als eine „Besonderheit des Einzelnen (als Element des sozialen Ganzen)“ gedeutet (Drindenberg 2002: 8).

Im Bezug auf das oben vorgestellte Thema stellt sich die Frage, ob die Individualisierung die Vereinsamung der Individuen beschleunigt, die in der Moderne beinahe auf sich allein gestellt sind. Löst die Individualisierung einen Vorgang der "Isolierung, Singularisierung und Entsolidarisierung der Individuen“ (Huinink/Wagner 1998: 84?) aus, der durch die neuen Medien maßgeblich gestärkt wird? "Das Internet wird zur ultimativen Rettung vor den Folgeproblemen der Moderne- es ermöglicht Heimatgefühl trotz zunehmender Anonymisierung, Lokalität im Dicklicht der Städte, persönliche Bindung trotz Zunahme indirekter Beziehungen, und es überschreitet soziale und kulturelle Grenzen, indem es die Seelen der Menschen in dem einen weltumspannenden "globalen Dorf" zusammenführt" (Kübler 2003: 188).

Vorerst gilt es zu untersuchen, was eine Eine Face- To- Face- Interaktion von einer durch Medien vermittelte Interaktion unterscheidet.

Die wichtigsten Unterschiede betreffen das Aspekt der Kontrolle und der kommunikativen Verständigung. In einer Interaktion, in der die Interaktionsteilnehmer physisch präsent und so für einander komplett wahrnehmbar sind, ist die Möglichkeit der Kontrolle geringer als in einer medienvermittelten Interaktion z. B in dem sozialen Netzwerk Facebook. Mein Gegenüber, der mich „live“ erlebt, nimmt nicht nur das Gesagte wahr, er nimmt auch meine Gestik und äußeres Erscheinungsbild zur Kenntnis. Und dasselbe nehme auch ich von ihm wahr. Es findet ein "Kreislauf reflexiver Wahrnehmung" in der Face- To- Face- Interaktion statt (Vgl. Esposito 1995: 228). In diesem Fall muss ich beinahe schauspielerisches Talent besitzen, um nicht aus meinem Image zu fallen und ich muss mich selbst sehr unter Kontrolle haben. "Die Grundelemente des Verhaltens sind Blicke, Gesten, Haltungen und sprachliche Äußerungen, die Leute ständig in die Situation einbringen, unabhängig davon, ob diese Situation gewünscht ist oder nicht“ (Goffmann: 1971: 7).

In einer Facebook- Interaktion sind meinem Interaktionspartner meine Gestik und mein äußeres Erscheinen in diesem einen konkreten Moment nicht sichtbar, so kann ich ihn bei Bedarf z. B leichter irreführen. "Von den für die elementare Interaktion zentralen Komponenten des Ausdruckshandelns- Anwesenheit, persönliche Erscheinung, Gestik und Sprache […] - ist nur die Sprache geblieben, und zwar in verschriftlichter Form. Damit fehlen wichtige Indizien, die in der Realwelt Verständigung und Orientierung erleichtern“ (Heinz 2004: 202). Man kann zwar ein Bild von jemand anhand der Fotos und angegebenen Interessen machen, jedoch ist der Authentizitätsgrad in einer vermittelten Interaktion wesentlich geringer.

Eine medienvermittelte Kommunikation bring auch oft Verständigungsschwierigkeiten mit sich. Man weiß z.B nicht immer, ob ein Satz ernst oder ironisch gemeint ist. "Im Alltagsleben unterstellen die Beteiligten in den meisten Fällen, dass sie sich verstehen. Nur in Ausnahmefällen wird Nachfragen, Reformulieren, expliziertes Sprechen über den gemeinten Sinn notwendig." (Auer in Gebhardt 2008: 175). Es ist auch um einiges schwieriger, die Situation schnellstmöglich zu klären, weil es an Indizien wie Gesichtsausdruck oder Ton fehlt.

Außerdem ist eine medienvermittelte Interaktion (zumindest im Falle von Facebook und anderen sozialen Netzwerken) weniger gefühlsbetont. Es wird versucht, diesen Nachteil durch Smilieys oder bestimmte Redewendungen und/oder -art auszugleichen.

Es handelt sich aber in einer Face- To- Face- Interaktion sowie in einer medienvermittelten Interaktion um eine zweiseitige Kommunikation, also um die Interaktivität, die besonders in einer medienvermittelten Interaktion hervorzuheben ist. Das Facebook ist unter anderem deswegen so attraktiv, weil er eine aktive Teilnahme am Geschehen ermöglicht. Man trifft selbständige Entscheidungen und wird nicht in eine passive Rolle gedrängt, wie es beispielsweise beim Fernsehen der Fall ist (Vgl. Luhmann 2004: 130f).

Doch allein aus diesen Differenzen der beiden Interaktionformen kann keine Aussage darüber gemacht werden, ob die Medien und medienvermittelte Interaktionen eine Pluralisierung der Kommunikationsformen oder Vereinsamung des modernen Menschen im Züge immer abnehmender direkter Kontakte bewirken. Man stellt sich die Frage, ob die Kommunikation in einem sozialen Netzwerk wie Facebook eine Ergänzung oder ein Ersatz der „wirklichen“ Kommunikation meint. Warum kommunizieren Menschen über Facebook?

Der Linquist K. Brinker unterscheidet fünf essentielle Typen kommunikativer Kontakte.

Als erstes nennt er die Informationsfunktion d.h. die Kommunikation dient einer Informationserhaltung und/oder -übergabe, wie es sicherlich auch bei Facebook der Fall ist (Chat, Statusmeldungen, Werbungsfenster etc.).

[...]


[1]. Vgl. http://www.marktforschung.de/information/nachrichten/marktforschung/studie-zu-sozialen-netzwerken-fast-zwei-drittel-64-der-befragten-nutzen-soziale-netzwerke/34/

[2]. Vgl. Facebook Pressebereich: http://www.facebook.com/press/info.php?statistics

Details

Seiten
17
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640968497
ISBN (Buch)
9783640968343
Dateigröße
448 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v175735
Institution / Hochschule
Technische Universität Berlin
Note
2,3
Schlagworte
medien interaktion gefahr vereinsamung vermittelte Interaktion internet facebook Pluralisierung Individualisierung

Autor

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