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Vergleich der Modernisierung in der Türkei und im Iran im 20. Jahrhundert

Hausarbeit 2008 22 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Modernisierung in der Türkei
II.1 Vorgeschichte
Fall des osmanischen Reiches
II.2 Die Modernisierung
Mustafa Kemal
Die Prinzipien des Kemalismus
II.3 Entwicklung des neuen türkischen Staates

III. Iran
III.1 Vorgeschichte
Zerfall des persischen Reiches
III.2 Die Modernisierung
III.3 Der islamische Staat

IV. Vergleich Iran Türkei
Ausgangslage:
Handelnde Personen:
Verlauf der Modernisierung:

V. Schluss und Fazit

VI. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

In der nachfolgenden Hausarbeit werde ich die Modernisierungsversuche in der Türkei und im Iran vergleichen. Ich habe diese beiden Länder gewählt, da sie eine ähnliche Ausgangslage haben, sich aber trotzdem vollkommen konträr entwickelt haben. Diese Arbeit soll herausfinden was die Gründe für diese unterschiedliche Entwicklung sind.

Um dies zu erreichen betrachte ich zuerst die beiden Nationen einzeln, beleuchte deren Geschichte und stelle den Verlauf der Modernisierung dar.

Im Anschluss werden in Bezugnahme auf die Geschichte die Modernisierungsversuche verglichen und die aufgeworfene Frage durch das Gegenüberstellen beantwortet.

II. Modernisierung in der Türkei

II.1 Vorgeschichte

Um die Geschichte und den Werdegang der Türkei besser nachzuvollziehen werde ich mich im ersten Kapitel mit der Vorgeschichte der Türkei auseinandersetzen und aufzeigen wie der Wille zur Modernisierung in der türkischen Gesellschaft entstehen konnte. Ich beginne diesen kurzen geschichtlichen Abriss mit dem Fall des osmanischen Reiches.

Fall des osmanischen Reiches

Der Zerfall des osmanischen Reiches umfasst viele verschiedene Einflüsse, die zusammengenommen zum Niedergang des Reiches geführt haben. Diese Einflüsse kann man in drei Bereiche unterteilen: „They will be considered in three main groups – those relating to government, to economic and social life, and to moral cultural and intellectual change.[1]

Zur ersten Gruppe, der Regierungsstruktur, zählen einige Faktoren, die im Laufe der Zeit geschwächt wurden.

Ein Problem liegt in der wachsenden Inkompetenz der Sultane: „ If the first ten sultans of the house of osman astonish us with spectacle of a series of able and intelligent men rare if not unique in the annals of dynastic succession, the remainder of the rulers of that line provides an even more astonishing series of incompetents, degenerates and misfits.”[2] Auch der bürokratische Apparat krankte an mangelnder Effizienz und Kompetenz. „ These suffered a catastrophic fall in efficiency and integrity, which was accentuated by the growing change in methods of recruitment, training and promotion.”[3]

Das Schicksal des osmanischen Reiches geht einher mit dem Siegeszug und dem Zusammenbruch des Militärs. Während man durch die militärischen Erfolge ein immer größeres Reich sein eigen nennen konnte, entstanden dadurch Probleme die zu einer Schwächung der Zentralregierung führten. „ Die Schwäche der Zentralgewalt sowie die Aufgabe der traditionellen Versetzungspolitik der Großwürdenträger in der ersten Hälfte des 18.Jahrhunderts, begünstigte die Entstehung von autonomen Tendenzen und erlaubte den örtlichen Herrschern eine fast unumschränkte Herrschaft auszuüben. Diese Machtfülle der Talfürsten wuchs soweit an, dass die mächtigsten von ihnen, schon über ein eigenes Heer verfügten. „Pasvanoglu von Vidin soll 1798 einer 100.000 Mann starken Armee des Sultans erfolgreich Widerstand geleistet haben…“[4].

Im Zuge dessen wurden die Talfürsten durch neue Kompetenzen, wie zum Beispiel Autonomie in der Fiskalpolitik, beschwichtigt. Diese Kompetenzen führten allerdings nicht zu einer Stabilisierung des Reiches. „Diese Art der Steuerpacht wurde 1699 eingeführt um die negativen Begleiterscheinungen der ursprünglich auf drei Jahre befristeten Steuerpacht zu mindern, was allerdings die Dezentralisierungstendenzen verstärkte“[5]

Im 16. Jahrhundert erreichten die militärischen Eroberungsfeldzüge aber ihr Ende und das osmanische Reich ihre maximale Ausdehnung. Die militärischen Rivalen die sich nun an den Grenzen des Reiches befanden waren nicht zu bezwingen. „Zu nennen wären die Perser im Osten, die Seemacht Portugal in den umliegenden Gewässern und die Russen im Norden“.[6] Ein Meilenstein bildet die Niederlage im Kampf um Wien 1683 und der somit ausgehandelte Frieden von Karlowitz 1699. „Auch für Udo Steinbach ist die Niederlage vor Wien ein epochales Ereignis das den europäischen Gegnern des osmanischen Reiches mit einem Schlag dessen Schwäche aufgezeigt habe“[7]. Zudem gelang es den Europäern ab dem 17. Jahrhundert einen technologischen Vorteil in der Kriegskunst zu erarbeiten, den die Osmanen nicht aufholen konnten. „The decline in alertness, in readiness to accept new technologies is an aspect – perhaps the most dangerous- of what became a general deterioration in professional and moral standards in the armed forces, parallel to that of the bureaucratic and religious classes…”[8]

Im Zuge dieser Entwicklung bedrohte auch der wachsende europäische Kolonialismus und aufkommende Handel mit Asien und Amerika die osmanische Wirtschaft, was uns zum zweiten Faktor, der ökonomischen Entwicklung führt.

Lebte diese zuvor von ihren zahlreichen Silbervorkommen und dem Handel damit, wurde der Markt nun von den Edelmetallen aus Amerika überschwemmt. Diese wurden preisgünstiger von den Europäern nach Asien gebracht und bildeten somit direkte Konkurrenz für den osmanischen Handel. „Like other Mediterranean and European states, the Ottoman Empire suffered from recurring shortage of precious metals, which at times threatened its silver-based monetary system. To meet these difficulties, the ottoman Sultans resorted to such well-tried measures controlling the silver mines, discouraging the export and encouraging the import of coin und bullion, extending the non-monetary sector of the state economy, and alternately debasing and reissuing the currency. This situation was suddenly transformed when the flow of precious metals from the New World reached the eastern Mediterranean.[9] Auch die Industrie und Landwirtschaft begann langsam zu zerfallen. Vor allem die Landwirtschaft litt unter technologischem Rückstand und dem Aufbau des Agrarsystems: „Much of this decline in agriculture can be attributed to the causes named by the Ottoman memorialists: the squeezing out of the feudal siphahis the mainstay of the early Ottoman agrarian system and their replacement by tax-farmers and others with no long-term interest in peasnt welfare or land conservation.[10]

Auch die Industrie litt unter ähnlichen Problemen. „On the one hand a sufi religious habit of passivity and surrender of self on the other hand swift fiscal retribution for any sign of prosperity , combined to keep industrial production primitive, static and inert utterly unable to resist the competition of imported manufactures“[11]

Ein weiteres Problem in der ökonomischen Entwicklung führt zum dritten Grund des Zerfalls des osmanischen reiches.

Es waren durchhaus einige Geschäftsleute und Bänker im osmanischen Reich ansässig (zum Beispiel der Grieche Michel Cantacuzenos und der Portugiese Joseph Nasi) doch war deren Stellung aufgrund ihres anderen Glaubens zu sehr geschwächt um die osmanische Wirtschaft zu beleben. „ Many of these merchants- especially those trading in Europe- were Christians or Jews- tolerated but second-class subjects of the Muslim state. However great their economic power, they were politically penalized and socially segregated.” So war es ihnen nicht möglich nachhaltige und stabile Handelsstrukturen auf politischem Wege zu etablieren.

Das osmanische Reich verweigerte sich zunehmend den technologischen Errungenschaften in Europa und wähnte sich als weiterhin unbesiegbar und verpasste somit den Anschluss. „ Masked by the still imposing military might of the ottoman Empire, the peoples of Islam continued to cherish the dangerous, but comfortable illusion of the immeasurable and immutable superiority of their own civilization to all others.“[12].

„Der Niedergang verlief jedoch nicht stetig, es gab einige Versuche den drohenden Zerfall des Reiches zu unterbinden, so gab es die Konsolidierungsphase in der Ära der Körprülü-Wesire, die gegen anhaltende Korruption und Ungehorsam vorgingen und die Staatsfinanzen neu zu ordnen.[13]

Auch die Tulpenzeit von 1703-1730 besticht durch Reformwillen und Übernahme von neuen Ideen aus dem Ausland.

Diese Phasen sorgten jedoch nur zu einer Verlängerung des osmanischen Reiches ohne die aufgezeigten Probleme wirksam zu bekämpfen.

So war es letztendlich nur logisch dass die Sultane gegen immer stärkere Proteste und Unruhen kämpfen mussten, die schlussendlich die Überhand gewannen.

Den größten Unruheherd bildete hierbei die Balkanregion: „Nationalistische Strömungen, sowie das Eindringen der Ideologie des Panslawismus aus Russland machten es für die osmanischen Zentralmacht in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer schwieriger, die balkanischen Gebiete zu beherrschen“[14].

Im Zuge dieser Konflikte und um den europäischen Mächten den Willen zur Veränderung zu signalisieren und ein Eingreifen in die Balkankrise zu vermeiden, wurde diese zu einer internationalen Konferenz in Istanbul eingeladen.

Dort wurde nun „die Abschaffung des osmanischen Absolutismus und die Einführung eines parlamentarischen Systems“[15] verkündet.

Nachdem Russland 1877 dem osmanischen Reich den Krieg erklärte und diesen für sich entscheiden konnte, folgte 1878 die Berliner Konferenz in der den Gebieten Serbien, Montenegro und Rumänien die Unabhängigkeit gegeben wird und Bulgarien die Autonomie anerkannt wird.

In den nachfolgenden Jahren folgten weitere Gebietsverluste: Zypern und später Ägypten fielen an England und Tunesien an Frankreich. Die Aufstände in Zypern und Armenien wurden blutig niedergeschlagen.

Im Zuge der Kriegswirren und Gebietsverluste gelang es Abdülhamit II. das Parlament aufzulösen und von 1878 bis 1908 eine Diktatur aufzubauen.

Gestürzt wurde diese 1908 von den „Jungtürken“ eine Gruppe von Studenten „der militärarztlichen Akademie in Istanbul“[16].

Sie nannten sich Komitee für Einheit und Fortschritt und nutzten eine 1908 ausgebrochene Revolte um den Sultan zu zwingen die Verfassung zu reaktivieren.

Die nachfolgende Parlamentswahl konnte das Komitee für sich entscheiden und so die Macht übernehmen.

„ „Einheit“ war eines der Schlagworte der Jungtürken gewesen, Diese glaubten sie nun gewaltsam herbeiführen zu können. Alle regionalen verbände oder Vereinigungen von Minderheiten die Klubs der Armenier, der Bulgaren etc. wurden verboten“[17].

Somit wurde eine Diktatur durch eine andere ersetzt.

1913 wurde diese dann von Gruppe „germanophilen Armeeoffizieren“[18] gestürzt und durch ein „Triumvirat bestehend aus den Stabsoffizieren Enver und Cemal sowie dem Telegraphenbeamten Talat“.[19] ersetzt.

Zu Beginn des ersten Weltkrieges schlug sich das osmanische Reich auf die deutsche Seite und musste somit ihr Reich an mehreren Fronten verteidigen. Dieser Mehrfrontenkrieg führte zur Kapitulation am 30. Oktober 1918 und zum ersten Auftritt Mustafa Kemals auf der politischen Bühne.

II.2 Die Modernisierung

Mustafa Kemal

Der damalige General Mustafa Kemal wurde nach Anatolien geschickt um die dortigen Unruhen zu bekämpfen und die Bedingungen des Friedensvertrags von Sevres einzuhalten, ein Vertrag der von der Türkei nicht ratifiziert wurde.

Kemal hatte jedoch andere Pläne und bildete einen „nationalen Widerstand gegen die Besatzungsmächte der Siegermächte –vornehmlich Griechenland- und die Unterwerfung des Landes unter die Bestimmungen des Vertrags von Sevres.

Dank rascher militärischer Erfolge gelang es den Widerständlern einen neuen Friedensvertrag auszuhandeln. In diesem Vertragswerk von 1923, unterschrieben in Lausanne einigten sich die Parteien auf die heutigen Grenzen der Türkei.

Mustafa Kemal übernahm, nachdem er 1922 das Sultanat und 1924 das Kalifat abschaffte, 1923 die Regierungsgeschäfte und leitete die Modernisierung ein.

Die Prinzipien des Kemalismus

Um die Türkei an die Moderne anzupassen benötigte man eine radikale Anpassung an die neuen weltpolitischen Gegebenheiten und so versuchte Mustafa Kemal die Türkei soweit umzubauen.

Hier stellt sich nun die Frage wie groß der Bruch mit den traditionellen Werten und wie groß die Anpassung an den Westen sein soll: „A widespread view of kemalism holds that it constitutes a radical break from the past, which transformed Turkey from a theocratic empire into a modern nation-state in which the secular-nationalist doctrine replaced Islam as the cultural foundation and overall ideology of the country’s polity. Another opinion, also based on the opposition between nationalism-secularism and Islam , is that the Kemalist modernisation consisted mainly of importing from the West a number of alien values and institutions into an Islamic society with it´s own sophisticated cultural traditions.[20]

Merkmal von beiden Thesen über den Weg den die Türkei eingeschlagen hat, ist die grundsätzliche Abkehr einer theokratischen Regierungsform und die Etablierung eines säkularen-nationalistischen Systems dass sich sogar dem Laizismus verschreibt und somit die Trennung von Staat und Kirche konsequent durchzieht. Dies bildet einen großen Unterschied zu anderen Modernisierungsprozessen im arabischen Raum und zeugt von einer westlich beeinflussten Strategie.

[...]


[1] Lewis, Bernard: The emergence of modern turkey S. 22

[2],Lewis, Bernard: The emergence of modern turkey S. 23

[3],Lewis, Bernard: The emergence of modern turkey S. 23

[4] Marcinkowski, Marcin: Die Entwicklung des osmanischen Reiches S. 19

[5] vgl. Marcinkowski, Marcin: Die Entwicklung des osmanischen Reiches S. 20

[6] Vgl. Lewis, Bernard: The emergence of modern turkey S.24

[7] Marcinkowski, Marcin: Die Entwicklung des osmanischen Reiches S. 9

[8] Lewis, Bernard: The emergence of modern turkey S. 26

[9] Lewis, Bernard: The emergence of modern turkey S. 29

[10] Lewis, Bernard: The emergence of modern turkey S. 33

[11] Lewis, Bernard: The emergence of modern turkey S. 34

[12] Lewis, Bernard: The emergence of modern turkey S.35

[13] Vgl. Marcinkowski, Marcin Die Entwicklung des osmanischen Reiches S.10

[14] Marcinkowski, Marcin Die Entwicklung des osmanischen Reiches S.80

[15] Marcinkowski, Marcin Die Entwicklung des osmanischen Reiches S. 81

[16] Marcinkowski, Marcin Die Entwicklung des osmanischen Reiches S.93

[17] Marcinkowski, Marcin Die Entwicklung des osmanischen Reiches S. 94

[18] Marcinkowski, Marcin Die Entwicklung des osmanischen Reiches S.95

[19] Marcinkowski, Marcin Die Entwicklung des osmanischen Reiches S. 95

[20] Kazancigil, Ali. Atatürk, Founder of a modern State S. 37

Details

Seiten
22
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640970100
ISBN (Buch)
9783640970377
DOI
10.3239/9783640970100
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Erscheinungsdatum
2011 (Juli)
Note
3
Schlagworte
vergleich modernisierung türkei iran jahrhundert

Autor

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Titel: Vergleich der Modernisierung in der Türkei und im Iran im 20. Jahrhundert