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Die Handlungstheorien von Alfred Schütz und G. H. Mead im Vergleich

Seminararbeit 2011 13 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Handlungstheorie von Alfred Schütz
2.1. Sinnzusammenhang einer alleinigen Handlung
2.2. Motivzusammenhang einer alleinigen Handlung
2.3. Fremdverstehen und Typisierung

3. Die Handlungstheorie von G. H. Mead
3.1. Gesten und Signifikante Symbole
3.2. Sinn eines signifikanten Symbols
3.3. Universalität
3.4. verallgemeinerter Anderer

4. Vergleich und Kritik

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Gegenstand dieser Hausarbeit ist es, die Handlungstheorien von Alfred Schütz und George Herbert Mead zu vergleichen. Beide waren dem Verstehen von menschlichen Handlungen und deren Konstitution nachgegangen. Im Zentrum steht dabei bei beiden die Frage, wie intersubjektives Verstehen von Handlungen möglich ist, was die Grundvoraussetzung für gelingende Interaktion darstellt.

Obwohl davon auszugehen ist, dass sich die beiden nicht kannten und auch nicht voneinander gewusst haben (Mead hat zu Lebzeiten kaum publiziert, sein Hauptwerk „Geist, Identität und Gesellschaft“ wurde erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhun- derts bekannt), ähneln sich die Ansätze in ihren Grundzügen. Dennoch sind einige Unterschiede festzustellen, von denen die wichtigsten im vierten Abschnitt beschrie- ben werden. Dabei wird sich herausstellen, dass sich Meads Interaktionstheorie als scharfsinniger und insgesamt leistungsfähiger erweist, auch wenn beide Ansätze Schwächen aufweisen.

Alfred Schütz gilt als Vertreter der phänomenologischen Soziologie, die einzelne Phänomene betrachtet und daraus gesamtgesellschaftliche Konzepte formuliert. Schütz baut dabei seine Handlungstheorie auf Max Webers Begriff des subjektiven Sinns und die phänomenologische Philosophie Edmund Husserls auf. Schütz setzte sich mit dem Strukturfuktionalismus von Talcott Parcons auseinander, eine Annäherung scheiterte jedoch, wie ein Briefwechsel dokumentiert. Seine Schüler Peter Berger und Thomas Luckmann erweiterten seinen Ansatz, für Harold Garfinkels Ethnomothodologie lieferte Schütz die theoretische Grundlage, George Herbert Mead wird der Strömung des symbolischen Interaktionismus zugerechnet, als deren Begründer sein Schüler Herbert Blumer gilt. Mead gehört neben Charles Peirce, William James und John Dewey zu den frühen Pragmatisten der Chicagoer Schule. Seine Publikationen hielten sich in engen Grenzen, sein in dieser Hausarbeit oft behandeltes Hauptwerk „Geist, Identität und Gesellschaft“ basiert auf Vorlesungsmitschriften seiner Studenten.

Sowohl bei Schütz als auch bei Mead steht die Handlungstheorie nicht im Mittelpunkt des Gesamtwerkes, sie dient aber in beiden Fällen als wichtige Grundlage für weitere Überlegungen. Bei Schütz zur Herausarbeitung des Konzepts der alltäglichen Lebenswelt, bei Mead zur Erklärung von Sozialisation und Identitätsbildung. Diese Themen stellen nicht das wesentliche Interesse dieser Hausarbeit dar.

2. Die Handlungstheorie von Alfred Schütz

Alfred Schütz entwickelt seine Handlungstheorie anhand Max Webers Begriff des sozialen Handelns und führt sie in seinem ersten großen Werk „Der Sinnhafte Aufbau der sozialen Welt“ aus. In erster Linie geht es Schütz darum, Webers Begriff des subjektiven Sinns einer Handlung genauer zu explizieren. Webers Konzept des Sinnzusammenhangs einer Handlung führt letztlich nicht zu einer Interaktionstheorie. Ein zeitgenössischer Vorwurf an Weber lautete daher, er stelle sich die soziale Welt zu sehr als eine „Ansammlung isolierter Individuen“ vor und versäume es so, Intersubjektivität zu erklären. (s. Auer 1999: 116).

Vor diesem Hintergrund versucht Schütz, Webers Handlungstheorie dahingehend zu erweitern, dass ein intersubjektiver Sinn einer Handlung feststellbar ist. Zunächst soll der Sinnzusammenhang einer Handlung nach Schütz im Falle einer isolierten Handlung ohne weitere direkt beteiligte Personen skizziert werden.

2.1. Sinnzusammenhang einer alleinigen Handlung

Ausgehend von Bergsons Konzept der dure é unterscheidet Schütz zwischen einem kontinuierlichen Erlebnisstrom, in dem keine Erlebnisse als solche erkennbar sind, und dem Erinnern an ein konkretes Erlebnis. Erst durch Erinnerung an vergangene Erlebnisse, durch ihr Heraustrennen aus dem kontinuierlichen Erlebnisstrom, verlei- hen wir ihnen Sinn: „ Nur das Erlebte ist sinnvoll, nicht aber das Erleben. “ (Schütz 1974: 69)

Zunächst unterscheidet Schütz zwischen Handeln und Handlung dahingehend, dass nur eine Handlung entworfen werden kann, jedoch nicht das Handeln an sich (vgl. Schütz 1974: 78f.). Vor diesem Hintergrund kommt er zu dem Schluss „(…) daß der Sinn des Handelns die vorher entworfene Handlung“ (Schütz 1974: 79) ist. Handeln vollzieht sich also mit einem Vorentwurf einer bereits abgeschlossenen Handlung im Hinterkopf. Die Wahl der Mittel zur Erlangung des Handlungsziels folgen erst, nachdem der Handlungsentwurf feststeht (vgl. Schütz 1974: 80).

Der Erfahrungsschatz an vergangenen - im weiter oben skizzierten Sinne sinnvollen - Erlebnissen wird nach Schütz zur Grundlage für Entwürfe nachfolgender, sinnhafter Handlungen:

»Für uns ist vor allem die Einsicht von Wichtigkeit, daß auch alle Entwürfe zukünftigen Handelns wesensmäßig auf ein vergangenes, abgeschlossenes Handeln gerichtet sind (…)« (Schütz 1974: 80)

Dieser Denkform gibt er den Namen des „ Denkens modo futuri exacti “ (Schütz 1974: 81).

2.2. Motivzusammenhang einer alleinigen Handlung

Schütz‘ Kritik an Weber lautet nun, dass dieser mit dem Begriff des subjektiven Sinns nicht zwischen dem Handlungs motiv des Handelnden und der Sinn zuschrei- bung durch einen Beobachter unterscheide (vgl. Schütz 1974: 115f.). Hierzu führt Schütz die beiden Begriffe Um-zu-Motiv und Weil-Motiv ein, die ebenso beim Erfas- sen des kompletten Sinn- und Motivzusammenhangs einer Handlung berücksichtigt werden müssen.

»Wenn ich also das Motiv meines konkreten Handelns angebe, daß dieses einem Um-zu diene, so meine ich damit, daß das Handeln selbst nur Mittel im Sinnzusammenhang eines Entwurfes sei, in welchem die Handlung als das durch mein Handeln zu Bewirkende modo futuri exacti als abgelaufen sein werdend phantasiert wurde.« (Schütz 1974: 119)

Die Entwicklung des Um-zu-Motivs setzt also einen Handlungsentwurf voraus, der Handelnde muss bereits eine Vorstellung davon haben, wie seine abgeschlossene Handlung aussehen wird. Hier kommt das Weil-Motiv ins Spiel:

»Indessen das Um-zu-Motiv, ausgehend vom Entwurf, die Konstituierung der Handlung erklärt, erklärt das echte Weil-Motiv aus vorvergangenen Erlebnissen die Konstituierung des Entwurfes selbst.« (Schütz 1974: 123)

Hier schließt sich der Kreis: Der Erfahrungsschatz an (sinnhaften) Erlebnissen führt zum Handlungsentwurf mittels eines Weil-Motivs. Auf Grundlage dieses Handlungs- entwurfs entwickelt sich das Um-zu-Motiv. Schütz erklärt den Motivzusammenhang einer Handlung mit folgendem (bekannten) Beispiel: Wenn es regnet, spannt man den Schirm auf, um nicht nass zu werden. Diese Handlung erfolgt aber nur deshalb, weil man aus vorangegangener Erfahrung weiß, dass es möglichst zu vermeiden gilt, nass zu werden, da so Unbehagen entsteht (vgl. Schütz 1974: 123ff).

Zusammenfassend lässt sich bisher sagen, dass sich nach Schütz der Sinn einer Handlung nicht nur auf die Handlung an sich richtet, sondern auch auf das ursprüng- liche Handlungsmotiv und dass die Erfassung des echten Weil-Motivs nur über die Frage nach der Erzeugung des Handlungsentwurfs gelingt (vgl. Schütz 1974: 126f).

Wie entsteht nun aber Intersubjektivität, wie ist Interaktion im Alltag überhaupt möglich, wenn nur der Handelnde selber den Sinn und das Motiv seiner Handlung kennt? Ein detailliertes Nachfragen nach dem Handlungsmotiv im Schütz‘schen Sinne dürfte in den meisten alltäglichen Situationen nämlich eher fehl am Platz sein und ist e- her dem Sozialforscher vorbehalten.

2.3. Fremdverstehen und Typisierung

Schütz stellt fest, dass vollkommenes Fremdverstehen nicht möglich ist, denn dann müssten Akteur und Beobachter dieselbe Person mit demselben Erfahrungsschatz sein. Nur so könne der Beobachter die Handlung, zu der wie oben erläutern zwin- gend auch der Handlungsentwurf gehört, vollständig verstehen (vgl. Schütz 1974: 146f.). Wir erreichen im Alltag jedoch eine Annäherung daran, indem wir uns in den Akteur hineinversetzen und seine Handlung durchspielen, als wäre es eine von uns selbst entworfene:

»Wir entwerfen also das fremde Handlungsziel als Ziel unseres eigenen Handelns und phantasieren nun den Hergang unseres an diesem Entwurf orientierten Handelns.« (Schütz 1974: 158)

Da wir aber nur die im eben vergangenen Moment vollzogene Handlung des Akteurs beobachten können, ist es uns auf diese Weise nur möglich, sein Um-zu-Motiv zu erahnen. Das Weil-Motiv kann nur verstanden werden, wenn dem Beobachter zu- gänglich ist, wie der Akteur seine Handlung entworfen hat (vgl. Schütz 1974: 160ff.). Alltägliches Fremdverstehen ist also mit einer „Minderung der Ansprüche“ (Schnei- der 2002: 243) verbunden.

Schütz transferiert nun Webers ursprünglich methodologisches Konzept des Idealty- pus in die Alltagswelt. Er erklärt, wie intersubjektives Verstehen und somit Interakti- on im Alltag mittels Typisierungen geschieht. Hierzu unterscheidet er zwischen Handlungen in der Umwelt und der Mitwelt, wobei in der umweltlichen Situation ego und alter gleichzeitig und am selben Ort anwesend sind (vgl. Schütz 1974: 227f.). Auch hier geschieht Fremdverstehen durch phantasierendes Entwerfen des Handelns von alter, jedoch ist es mir - ego - möglich „(…) die Ergebnisse meiner Deutung fremder Bewußtseinserlebnisse zu verifizieren“, denn „(…) in der umweltlichen Be- ziehung (…) ist das Du prinzipiell befragbar“ (Schütz 1974: 238), ich kann mich also direkt bei meinem Handlungspartner vergewissern, ob sich der von mir phantasierte Handlungsentwurf mit seinem deckt. Aber auch anhand äußerer Erkennungsmerkma- le wie Mimik und Gestik können sich phantasierte Vorentwürfe als richtig oder falsch herausstellen (Schütz 1974: 241).

In der Mitwelt jedoch ist alter nicht mehr leibhaftig anwesend, könnte dies aber sein. Mitweltliche Interaktion meint, dass das Gegenüber zur gleichen Zeit lebt und daher auch theoretisch zu einem umweltlichen alter werden könnte. Kommunikation er- folgt hier über Typen, also Generalisierungen, die sich auf Vorerfahrungen aus um- weltlichen Interaktionen gründen (vgl. Schütz 1974: 252ff.). Mitweltliche Interaktion ist daher zunehmend anonym (vgl. Schütz 1974: 283). Ein Verstehen des subjektiven Sinn- und Motivzusammenhangs ist nach Schütz - wenn überhaupt und auch dort nur annäherungsweise – in der umweltlichen Situation, also bei gegebener räumlicher und zeitlicher Koexistenz von ego und alter möglich:

[...]

Details

Seiten
13
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640970131
Dateigröße
417 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v175887
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Institut für Soziologie
Note
1,3
Schlagworte
handlungstheorien alfred schütz mead vergleich

Autor

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