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Anforderungen an Lehrkräfte im Dualen System beim Einsatz von Wikis in Lehr-Lern-Arrangements

Bachelorarbeit 2011 52 Seiten

BWL - Didaktik, Wirtschaftspädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Vorwort

2 Aufbau und Inhalt der Arbeit

3 Web 2.0

4 Wikis
4.1 Funktionen
4.2 AnforderungenbeimEinsatzvon Wikis

5 Das Duale System
5.1 Systemorganisation desDualenSystems
5.2 Lehrkräfte an Berufsschulen

6 Anforderungen beim Einsatz von Wikis in der Berufsschule
6.1 Anforderungenan dieBerufsschule
6.2 Anforderungen an die Lehrkräfte
6.2.1 Technische Anforderungen
6.2.2 Erfahrungen und Motivation
6.2.3 Didaktische Integration

7 Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

abb.1: Operationalisierung von Medienkompetenz nach Prof. Dr. Dieter Baacke (Groeben / Hurrelmann 2002, S.153).

abb.2: Schichten-Modell der Wiki-Beteiligten (Ebersbach / Glaser / Heigl / Warta 2008, S. 22).

abb.3: Duales System (Bundesverband der Lehrerinnen und Lehrer an beruflichen Schulen e.V. 2000, S. 6).

1 Vorwort

Hinsichtlich der aktuellen Dynamik des Web 2.0 steht das deutsche Bildungssystem vor der Herausforderung, auf diese Entwicklungen zu reagieren. Dies erfordert ein Lernver­ständnis, das insbesondere aus konstruktivistischer Perspektive seit Jahren gefordert, aber in der Praxis kaum durchgesetzt wird. Die Aufgabe der Wissensvermittlung steht in einem konstruktivistisch orientierten Unterricht nicht im Vordergrund. Vielmehr werden Lehrerinnen und Lehrer zu Experten für die Gestaltung von Lernsituationen, in denen sie Lernprozesse moderieren, passiv begleiten und damit den Erkenntnisgewinn der Ler­nenden unterstützen (vgl. Roll 2010, S. 246). Dementsprechend ist eine Orientierung an bestehende Wahrnehmungsstrukturen und Lernpräferenzen von Lernenden unumgäng­lich. Die Integration von Web 2.0-Technologien, wie das Wiki, eröffnet die Möglichkeit einen Unterricht nach diesen Anforderungen zu gestalten und kann dem pädagogischen Alltag innovative Impulse ermöglichen (vgl. Roll 2010, S. 201). Meine eigene Berufs­schulzeit vor einigen Jahren kann ich zusammenfassend als ein Treffen beschreiben, das dazu diente, unsere Schulbücher zu lesen und daraus Aufgaben zu bearbeiten. Die Unterrichtsinhalte nahm ich keinesfalls in einer Beziehung zu meiner Ausbildung wahr. Daraus folgte mein Desinteresse zu vielen Themen und meine einzige Lernmotivation war letztlich die Note als Evaluation meiner Leistungen. Aus diesen Erfahrungen sowie mit der Motivation nach meinem Studium an der Universität Paderborn Berufsschulleh­rerin zu werden, sehe ich das Medium Wiki als eine Chance, einen effektiven und pra­xisnahen Unterricht sowohl auf der Schüler- als auch auf der Lehrerseite zu gewährleis­ten.

Die ursprüngliche Aufgabe von Lehrerinnen und Lehrern ist es, Wissen zu vermitteln und zu teilen. Das Produkt der Arbeit von Lehrkräften steckt in den Köpfen der Schüle­rinnen und Schülern. Wir alle definieren uns über unser Wissen, das aber per se nicht sichtbar ist. Sichtbar wird es erst, wenn es festgehalten wird. Dies geschieht mit Büchern, der Wandtafel, dem Overheadprojektor und gelegentlich auch mit dem Bea- mer. Diese Medien sind alltäglicher Bestandteil von zahlreichen Schulen, haben aber eine örtliche und zeitliche Begrenzung. Mit Wikis werden beide Grenzen überwunden: Wissen wird weltweit, zeitgleich undjederzeit sichtbar.

Ziel meiner Bachelorarbeit ist es zu erarbeiten, welche Anforderungen Lehrkräfte im Dualen System erfüllen müssen, um ein Wiki in eine komplexe Organisation von Lern­inhalten und -Zusammenhängen etablieren zu können. In dieser Arbeit verzichte ich dabei auf eine Ausführung der Gestaltung von Lehr-Lern-Arrangements mit Wikis, stelle jedoch Aspekte der Didaktik in Bezug auf die Funktionalitäten von Wikis auf­grund der unmittelbaren Beziehung zueinander dar. Darüber hinaus ermöglicht meine Bachelorarbeit einen komprimierten Überblick über das Medium Wiki sowie eine parti­elle Einführung in die didaktische Perspektive. Diese Grundlage gestattet eine konkrete und übersichtliche Einschätzung der Einsatzmöglichkeit von Wikis im Unterricht einer Berufsschule.

2 Aufbauundlnhaltder Arbeit

Die vorliegende Arbeit gliedert sich in sieben Kapitel. Das Vorwort im ersten Kapitel dient der Darstellung des Wikis als Lehr- und Lerninstrument sowie der Präsentation der Zielvorstellung dieser Arbeit. Im dritten Kapitel wird das Thema Web 2.0 behandelt, um anschließend im vierten Kapitel auf das zugehörige Medium Wiki einzugehen. Das Web 2.0 bezieht sich primär auf eine veränderte Nutzung und Wahrnehmung des Internets und umfasst gegenwärtige Anwendungen und Dienste, die das WWW als technische Plattform nutzen, um darauf Inhalte und Programme zur Verfügung zu stellen (vgl. Alpar/ Blaschke 2008, S. 4). Wikis können der Entwicklung des WEB 2.0 zugeordnet werden und sind Werkzeuge zum gemeinsamen, öffentlichen und einfachen Gestalten von Internetseiten und zur Entwicklung und Sicherung von Informationen (vgl. Moskaliuk 2008, S. 24). Wesentliche Eigenschaften von Wikis sind ihre Flexibilität, Aktualität und Nutzerfreundlichkeit. Funktionen, wie das Editieren, die Verlinkung, die Suchfunktionen, die Versionsgeschichte und die SandBox stellen eine Grundausstattung bei Wiki-Software dar. Sonstige Funktionen, wie beispielsweise die Diskussion, die Kompatibilität zu anderen Anwendungen und Blogs unterscheiden sich bei den Softwa­res (vgl. Moskaliuk 2008, S. 18-20). Abhängig vom Verwendungszweck des Wikis ist die Skalierung der Prinzipien Offenheit, flache Hierarchien und Selbstorganisation, Freiwilligkeit und Interesse sowie Unterschiedlichkeit. Hierbei sind selbst- von fremd­gesteuerten Wikis zu unterscheiden (vgl. Ebersbach / Glaser / Heigl / Warta 2008, S. 22).

Die Nutzung eines Wikis erfordert und fördert eine Medienkompetenz bei allen Betei­ligten (vgl. Sutter 2010, S. 47). Der Begriff der Medienkompetenz wird in der Literatur vielfach verwendet und es existieren dementsprechend divergente Definitionen. Ein für diese Arbeit nützlicher Ansatz, den Begriff der Medienkompetenz theoretisch zu veror- ten, stammt von Baacke. Die Auswahl seines Modells wurde aufgrund der Applikabilität bezüglich der Neuerungen im Umgang mit Medien getroffen. Es gilt beispielsweise nach wie vor, dass Medien mithilfe von bestimmtem Hintergrundwissen erfasst und kri­tisch betrachtet werden (Medienkritik). Für alle Dimensionen zählt, dass gegenwärtig mehr Werkzeuge zur Verfügung stehen, die aber im Sinne von Web 2.0 leicht zu bedie­nen und nach einer kurzen Experimentierphase anwendbar sind. Zudem bezieht Baacke sein Konzept der Medienkompetenz auf Menschen im Allgemeinen, was bei der Beschreibung aller Wiki-Beteiligten von Vorteil ist (vgl. Baacke 1996, S. 109). Weitere Anforderungen beim Einsatz von Wikis unterscheiden sich bei den Wiki-Teilnehmern. Hierzu werden alle Beteiligten mithilfe des Modells von Ebersbach, Glaser, Heigl und Warta untersucht: Wikis eignen sich zur Organisation und Erarbeitung von bestimmten Inhalten und Aufgaben und ermöglichen eine kollaborative orts- und zeitunabhängige Zusammenarbeit verteilter Autoren, die von einem Wiki-Administrator koordiniert und von einem Web- und System-Administrator technisch realisiert wird (vgl. Ebersbach / Glaser / Heigl / Warta 2008, S. 11-34).

Zwecks einer Übertragung der erörterten Anforderungen an den Einsatz von Wikis in Kapitel 4.2 auf die Lehrkräfte an Berufsschulen, wird im fünften Kapitel das Duale Sys­tem beschrieben. Das Duale System ist durch die Lernorte Betrieb und Berufsschule geprägt (vgl. BMBF 2003, S. 2). Diese Organisationseinheiten sind durch ihre rechtli­che und institutionelle Trennung gekennzeichnet. Die Ausbildung im Betrieb steht unter staatlicher Aufsicht und wird auf Bundesebene durch die Ausbildungsordnung, auf Lan­desebene durch den Ausbildungsrahmenplan und auf Ortsebene durch den Ausbildungs­plan koordiniert (vgl. BMBF 2003, S. 1-5). Für den berufsschulischen Bereich sind die Länder verantwortlich. Nach Verabschiedung der Rahmenlehrpläne durch die KMK können die einzelnen Bundesländer diese in landesspezifische Lehrpläne umsetzen. Anschließend werden die Besonderheiten der Aufgabenbereiche von Lehrkräften an Berufsschulen thematisiert. Die einzelnen Bundesländer regeln aufgrund der Länderho­heit im Schulwesen die Ausbildung und Einstellung von Lehrkräften (vgl. BMBF 2003, S. 1-5). Hierzu formuliert die KMK einige Richtlinien und Rahmenvereinbarungen, um ein grobes Abweichen zwischen den Ländern zu verhindern (vgl. KMK a-h). Besonder­heiten des Aufgabenbereiches der Lehrkräfte an Berufsschulen ergeben sich aus der Heterogenität der Berufsschüler, der Kooperation mit Betrieben, Kammern und weiteren internen und externen Organen sowie der Gestaltung der Lehrpläne durch ein Lernfeld­konzept (vgl. Pahl 2007, S. 217).

Die Ergebnisse aus dem vierten und fünften Kapitel finden im sechsten Kapitel ihre Anwendung. Hierbei werden die Anforderungen an die Teilnehmer beim Einsatz eines Wikis, wie in Kapitel 4.2 erläutert, auf die Organisationsstruktur der Berufsschule nach Aufgabenbereichen und Kompetenzen verteilt. Des Weiteren ergeben sich zusätzliche Anforderungen, wie die Notwendigkeit von materiellen, personellen und zeitlichen Res­sourcen. Aus Gründen der Konkretisierung dieser Ergebnisse werden die Rahmenbedin­gungen der Berufsschulen der Bezirksregierung Detmold in NRW zugrunde gelegt. Die Berufsschule erfüllt beim Einsatz von Wikis den infrastrukturelle Rahmen und dessen Support. Zur Personalressource gehören in diesem Zusammenhang die Lehrkräfte sowie ein oder mehrere von der Berufsschule ernannte/r Medienbeauftragte/r. Die Inanspruch­nahme von Arbeitszeit durch das Bildungspersonal erfolgt in Bezug auf die technische Realisation, die Entwicklung von notwendigen Fähigkeiten und bezogen auf die didakti­sche Integration des Wikis in Lehr-Lern-Arrangements.

Hinsichtlich der Übertragung der Anforderungen aus dem vierten Kapitel auf die Anfor­derungen an die Lehrkräfte an Berufsschulen, ergibt sich die Notwendigkeit einer Ver­tiefung des Verständnisses über Medienkompetenz. Baacke bezieht sein Konzept der Medienkompetenz, wie bereits erläutert, auf Menschen im Allgemeinen. Sein Medien­kompetenz-Konzept reicht nicht aus, um ein Anforderungsprofil für Lehrende zu spezi­fizieren (vgl. Aufenanger 1996, S. 460). Ein praxisorientierter Ansatz ist das Konzept der mediendidaktischen Handlungskompetenz von Ziep. Hier liegt ein nutzbringender Ansatz für die Fragestellung der entwicklungsbezogenen Qualifizierung der Lehrenden vor und wird innerhalb des Kapitels näher beschrieben.

Zudem ist die Differenzierung Alter von Neuen Medien erforderlich. Nach einer Begriffsdefinition von Klimsa versteht man unter Neuen Medien „solche hybriden Medien, die auf der Mikroprozessortechnik, der Speichertechnik und/oder der Übertra- gungstechnik basieren und Eigenschaften der Interaktivität, der Individualität, der Asyn- chronität sowie der Multifunktionalität aufweisen. Sie schaffen zwischen allen Formen von Kommunikationsprozessen - von intra- und interpersonalen bis zu massenmedialen - ein Kontinuum" (Klimsa 1993, S. 119). Die Neuen Medien basieren im Gegensatz zu den Alten, wie die Wandtafel, der Overhead-Projektor und Lehrbücher, auf digitalen Formen der Informationsaufbereitung, -weiterleitung sowie -darstellung. In dieser Arbeit wird durchgehend der Begriff Neue Medien entsprechend dieser präziseren Kennzeichnung für computerbasierte Medienangebote verwendet und dem Ausdruck der digitalen Medien gleichgesetzt.

Das Fazit im siebten Kapitel beschreibt die Methodik und Ergebnisse dieser Arbeit. Hierzu wird durch einen Bezug zum Vorwort eine kritische Stellungnahme zu dem Thema bezogen.

3 Web 2.0

Die gegenwärtigen Technologien und Anwendungen im Internet lassen sich durch das Web 2.0 charakterisieren. Der Begriff Web 2.0 entstand im Jahr 2004 als Ergebnis eines Brainstormings zwischen Tim O'Reilly und der Event Agentur Media Live International zur Bezeichnung aller aktuellen Entwicklungen und Fortschritte im Internet und wurde 2005 durch den Artikel „What is Web 2.0“ von O'Reilly populär (vgl. O'Reilly Verlag GmbH & Co. KG). Darin erfasste er typische sich vom Web 1.0 abgrenzende Eigen­schaften und Anwendungen, wie die Nutzung des Internets als Plattform, die Anwender­freundlichkeit (Usability) und die Verwendung einer kollektiven Intelligenz durch eine aktive Nutzerbeteiligung (vgl. Back / Gronau / Tochtermann 2008, S. 3). Das Web 2.0 kennzeichnet Anwendungen und Dienste, die das WWW als technische Plattform nut­zen, um darauf Inhalte und Programme zur Verfügung zu stellen und bezieht sich primär auf eine veränderte Nutzung und Wahrnehmung des Internets. Software ist damit unab­hängig vom genutzten Computer einsetzbar, sodass die Web-Dienste auch auf variablen Endgeräten abgerufen werden können (vgl. Alpar/ Blaschke 2008, S. 4). Die Inhalte der Webseiten werden nicht mehr ausschließlich zentralisiert von großen Medienunterneh­men, Providern und öffentlichen Institutionen erstellt und über das Internet verbreitet, sondern auch von einer Vielzahl von Nutzern, die sich mithilfe von spezieller Software zusätzlich untereinander vernetzen können. Die Grenzen von einzelnen Internetplattfor­men und Anwendungen verschwimmen dabei zunehmend (vgl. Alpar/ Blaschke 2008, S. 4). Im Vordergrund der aktuellen „Generation Internet“ steht die direkte und indirekte Kommunikation und Interaktion sowie der Aufbau von sozialen Netzwerken (vgl. Alpar/ Blaschke 2008, S. 3-5 und O'Reilly Verlag GmbH & Co. KG). Die gesellschaft­liche Bedeutung von Web 2.0-Anwendungen lässt sich anhand der hohen Mitgliederzah­len, der enormen Popularität und der Häufigkeit der Nutzung belegen. Unter den zehn meistbesuchten Websites in 2011 befinden sich laut Alexa die Web 2.0-Anwendungen Google, Facebook, Youtube, Ebay und Wikipedia (vgl. Alexa). Die Anwendungen und Dienste des Web 2.0 werden besonders häufig von jungen Besuchern im Alter von 14 bis 29 Jahren genutzt (vgl. Ard / ZDF-Onlinestudie 2009).

4 Wikis

Wikis sind der Entwicklung des WEB 2.0 sowie der Social Software zuzuordnen und sind neben Blogs, Communitys und Foren, Vertreter der Neuen Medien. Durch ihre enorme Flexibilität und individuellen Anpassungsmöglichkeiten lassen sie sich mannig­faltig anwenden. Das betrifft sowohl die Vielfalt der Funktionen als auch die Menge der Daten, die verwaltet werden können (vgl. Moskaliuk 2008, S. 24). Wikis werden heute in zahlreichen Unternehmen und Institutionen, wie Schulen, Behörden und Universitä­ten und zu unterschiedlichen Zwecken, wie beispielsweise in Form der bekannten Onli- ne-Enzyklopädie Wikipedia, eingesetzt (vgl. Moskaliuk 2008, S. 13). Die grundlegende Eigenschaft von Wikis ist ihre Aktualität. Vorteil und maßgeblicher Bildungswert der Nutzung ist im Gegensatz zu beispielsweise traditionellen Wörterbüchern und Lexika, dass die Inhalte im Wiki schnell und einfach aktualisiert werden können. Bei einer regelmäßigen Pflege von Beiträgen durch alle Nutzer ist die Aktualität des Wissens gewährleistet (vgl. Marotzki/ Jörissen 2010, S. 33-34).

Das Wort "Wiki" stammt aus dem Hawaiianischen und bedeutet „schnell“ (vgl. Pukui / Elbert / Pukui 1986, S. 489). Das Wiki wird auch synonym für WikiWiki oder WikiWeb verwendet und ist ein auf den WWW- Standards HTTP und HTML aufbauender Server­dienst, der eine Sammlung von miteinander verknüpften Seiten verwaltet. Diese können mithilfe der Wiki-Software vom Betrachter gemäß ihrer Wortbedeutung online geändert werden und sind unverzüglich in veränderter Form für jeden Nutzer abrufbar (vgl. Marotzki / Jörissen 2010, S. 33-34). Dabei bleibt jederzeit nachvollziehbar, welcher Nutzer zu welcher Zeit welche Änderungen vorgenommen hat. Zum Bearbeiten der Inhalte wird meist eine leicht zu erlernende Auszeichnungssprache verwendet. Im Gegensatz zu HTML wird mit einer vereinfachten Syntax gearbeitet, die eine mühelose Bedienung des Wikis ermöglicht (vgl. Gabler Verlag a). Diese Nutzerfreundlichkeit stellt ganz im Sinne des Web 2.0 einen wesentlichen Charakter von Wikis dar. Typisch für ein Wiki sind ein einheitlicher Seitenaufbau, eine Verlinkung zu anderen Wiki-Bei- trägen, eine Bearbeitungsfunktion, eine Versionshistorie, eine Möglichkeit zur Diskus­sion über einen Beitrag und eine Integration von weiteren Medien, wie beispielsweise Videos und Fotos (vgl. Seemann 2009, S. 9). Die Nutzer eines Wikis erwerben bei der Erstellung von Inhalten grundsätzlich ein Urheberrecht. Eine Veröffentlichung von eige­nen und fremden Werken im Internet ist deshalb an eine Zustimmung gebunden und sollte beim Einsatz von Wikis nicht vernachlässigt werden (vgl. Marotzki / Jörissen 2010, S. 33-34).

Das erste im Web gehostete Wiki wurde 1995 vom US-amerikanischen Softwareent­wickler Ward Cunningham entwickelt. Cunningham nannte es WikiWikiWeb, weil er am Flughafen auf Hawaii die Bezeichnung „Wiki Wiki“ für den dortigen Schnellbus ken­nengelernt hatte. Dabei übernahm er die Verdoppelung, die im Hawaiischen für eine Steigerung von „schnell“ steht. Sein Ziel war es eine möglichst einfache Software zu entwickeln, die es ermöglichen sollte, gemeinschaftlich an Software-Codes zu arbeiten und diese unverzüglich zu veröffentlichen. Alle Bearbeitungsschritte sollten automa­tisch dokumentiert werden, damit Änderungen leichter nachvollziehbar sind. Anschlie­ßend gab es zahlreiche Weiterentwicklungen von Cunninghams erstem Wiki (vgl. Ebersbach / Glaser / Heigl / Warta 2008, S. 13-15 und Google Video). Die Popularisie­rung des Wiki-Konzeptes erfolgte maßgeblich durch die aktuell bekannteste Wiki-An- wendung: die Online-Enzyklopädie Wikipedia des amerikanischen Unternehmens Bomis. Durch einige Weiterentwicklungen und Publikationen wuchs Wikipedias Internetpräsenz bis 2005 sehr stark an und wurde zu einer der meistbesuchten Websites. Freiwillige Autoren aus der ganzen Welt gestalten dieses Projekt, indem jede Seite beliebig geschrieben undjederzeit leicht und schnell verändert werden kann. Die im März 2001 gegründete Wikipedia in deutscher Sprache ist eine von vielen WiKiPEDiA-Ausgaben. Mit 1.234.326 Artikeln ist sie die zweitgrößte Wikipedia nach der englischen, die über 3,6 Millionen Artikel enthält (vgl. Seemann 2009, S. 8-9 und Wikipedia). Die Autoren von Wikipedia veröffentlichen ihre Texte unter der Creative-Commons-Lizenz und der Gnu­Lizenz für freie Dokumente. Danach darf jeder Leser und Nutzer die Wiki-Texte und -Inhalte unter Angabe der Autoren und der freien Lizenz frei kopieren und verwenden. Die GNu-Lizenz für freie Dokumentation ist eine Copyleft-Lizenz, die für freie Softwa­re-Dokumentationen gedacht ist, die aber auch für andere freie Inhalte verwendet wird. Die Lizenz wird von der Free Software Foundation, der Dachorganisation des Gnu-Pto- jekts, herausgegeben (vgl. Wikipedia).

4.1 Funktionen

Wikis weisen neben ihren Grundprinzipien der Flexibilität, Aktualität und Nutzer­freundlichkeit typische Funktionen und charakteristische Merkmale auf. Diese können in funktionale und psychosoziale Prinzipien klassifiziert werden. Die funktionalen Prin­zipien beschreiben die konstituierenden Eigenschaften von Wikis und sind eng an das Wiki als Werkzeug geknüpft. Die psychosozialen Prinzipien sind auf den Anwendungs­kontext zurückzuführen, also die Community und Rahmenbedingungen, in denen ein Wiki eingesetzt wird. In ihrer Umsetzung variieren sie je nach Einsatzzweck (vgl. Moskaliuk 2008, S. 18-20).

Die funktionalen Prinzipien sind Basisfunktionen, die jede Wiki-Software unabhängig vom verwendeten Wiki-Skript bietet (vgl. Ebersbach / Glaser / Heigl / Warta 2008, S. 22). Diese könnenje nach bestehenden Rahmenbedingungen individuell an die Nutzer­bedürfnisse angepasst und durch eine bestimmte Wiki-Software erweitert werden (vgl. Back / Gronau / Tochtermann 2008, S. 11). Die Grundfunktionen sind das Editieren, die Verlinkung, die Suchfunktionen, die Versionsgeschichte und die SandBox.

Das Editieren stellt die Grundfunktion und -idee von Wikis dar. Dazu klickt der Nutzer auf einen Edit-Button und kann damit schnell und einfach Texte und Inhalte hinzufügen oder verändern. Die Eingabe und Formatierung von Texten erfolgt meist mit sehr einfa­chen Regelungen, die durch eine vereinfachte Auszeichnungssprache gesteuert werden und abhängig von der Wiki-Software sind (vgl. Ebersbach / Glaser / Heigl / Warta 2008, S. 19-20).

Verlinkungen sind Verweise auf andere Seiten und Inhalte, auf die per einfachem Mausklick zugegriffen werden kann. Mit der Verlinkung wird die Hypertextstruktur erweitert und es entstehen neue Netzstrukturen. Die „WikiWikiWeb-Server-Techno- logie“ ermöglicht die Entstehung von assoziativen Hypertexten mit nicht-linearen Navi­gationsstrukturen. Der Leser des Wikis kann dadurch individuell entscheiden, zu welcher Zeit er welchen Hypertext aufruft und bestimmt somit selbst die Reihenfolge der aufgerufenen Informationen (Ebersbach / Glaser / Heigl / Warta 2008, S. 19).

Suchfunktionen bieten eine klassische Voll- oder Titelsuche und erleichtern dem Nutzer das Finden von gesuchten Begriffen und Themen (vgl. Ebersbach / Glaser / Heigl / Warta 2008, S. 22-24). Beim Suchen in einem Hypertext stößt der Nutzer auch auf weiterführende Informationen, nach denen er nicht explizit gesucht hat. Dieses zufällige Finden von Daten wird Serendipity-Effekt genannt und durch die nicht hierarchische Struktur von Wikis verstärkt. Informationen, die sich inhaltlich nicht ähneln, werden dadurch schneller gefunden (vgl. Moskaliuk 2008, S. 24).

Die Versionsgeschichte speichert alle vorausgegangenen Versionen bzw. Veränderungen einer einzelnen Seite. Zudem lässt sich mit dieser Funktion eine vorausgegangene Version öffnen und wieder speichern, um den ursprünglichen Inhalt wiederherzustellen (Rollback). Dies ist bei Problemen, Fehlern oder schadhaften Nutzerabsichten sehr hilf­reich (vgl. Back / Gronau / Tochtermann 2008, S. 12). Einen Überblick über die letzten Änderungen des Wikis gibt die Reccent-Changes-Seite. Mithilfe von regulierbaren Einstellungen können auch bestimmte Zeitperioden oder Inhalte zur Überwachung selektiert werden, ohne das ganze Wiki danach abzusuchen (vgl. Moskaliuk 2008, S. 24).

In einer SandBox lässt sich der Umgang mit dem Wiki ausprobieren und lernen. Diese Testumgebung ist eine Wiki-Seite zu Übungszwecken, auf der die Inhalte regelmäßig gelöscht werden (vgl. Ebersbach / Glaser / Heigl / Warta 2008, S. 22-24).

Die psychosozialen Prinzipien sind die Offenheit, die flachen Hierarchien und die Selbstorganisation, die Freiwilligkeit und das Interesse sowie die Unterschiedlichkeit. Diese könnenje nach Einsatzzweck vorhanden, eingeschränkt sein oder komplett fehlen (vgl. Moskaliuk 2008, S. 24).

Die Offenheit der Wikis bedeutet, dass alle Inhalte offen zugänglich sind und auch von anonymen Benutzern gelesen und bearbeitet werden können. Hierdurch wird der Austausch von Wissen und Ideen gefördert. Grundsätzlich unterscheiden sich zwei Anwendungsmöglichkeiten: Wikis können entweder von geschlossenen Arbeitsgruppen genutzt werden oder sich an alle Nutzer des WWW richten (vgl. Ebersbach / Glaser / Heigl / Warta 2008, S. 15-19). Mit einer Einschränkung der Öffentlichkeit durch eine Benutzerverwaltung kann die Qualität des Wikis vor Störung und Missbrauch geschützt werden (vgl. Sutter 2010,S. 49).

Alle Autoren besitzen prinzipiell die gleichen Rechte, Pflichten und Möglichkeiten. Gemäß des Prinzips der flachen Hierarchien werden innerhalb des Wikis keine bestimmten Rollenzuweisungen vorgenommen. Für die Prozessplanung sind die Nutzer selbst verantwortlich und definieren die organisatorische Struktur und Ziele. Erst im Laufe der Zeit bilden sich dadurch Normen und Strukturen, die für alle Mitglieder ver­bindlich werden (vgl. Moskaliuk 2008, S. 20).

Nach dem Prinzip der Freiwilligkeit können die Nutzer eines Wikis selbst über ihre Mit­arbeit entscheiden. Hierbei gibt es keine Zwänge, Auflagen oder bestimmte Abgabefris­ten und vorgeschriebene Arbeitszeiten (vgl. Moskaliuk 2008, S. 21). Da das Wiki aber ein aktives Informationsinstrument über gemeinschaftlich abgestimmtes Wissen ist und auf den freiwilligen Leistungen aller Teilnehmer basiert, ist es wichtig Anreizsysteme zu schaffen, damit die Motivation zur aktiven Beteiligung gegeben ist (vgl. Back / Gronau / Tochtermann 2008, S. 16). Dazu gibt es in Wikis beispielsweise die Möglich­keit einzelne Artikel zu kommentieren oder mit einem Button, wie beispielsweise „Lesenswert“ oder mit dem Symbol „Daumen hoch“ zu bewerten. So erhalten die Ver­fasser eine direkte Rückmeldung zu der Qualität ihrer Arbeit (vgl. Alpar / Blaschke 2008, S. 111-113). Meist steht das eigene Interesse an den Inhalten und Themen des Wikis mit der Motivation zur aktiven Beteiligung in Verbindung. Die Relevanz der Informationen für das private oder berufliche Leben der Nutzer entscheidet darüber, ob weitere Informationen und Quellen gesucht oder vorhandene Informationen überprüft werden (vgl. Moskaliuk 2008, S. 21).

Das Prinzip der Unterschiedlichkeit beschreibt die Heterogenität der Nutzer des Wikis in unterschiedlichen Dimensionen. Während die Nutzer des Wikis homogen in ihren technischen Gegebenheiten sind, unterscheiden sie sich maßgeblich durch ihre Expertise und Erfahrung mit dem Medium. Die Größe der Community spielt hierbei eine wesent­liche Rolle. Bei einer großen Community, wie beispielsweise bei Wikipedia, ist die Expertise sehr heterogen, während diese bei einer kleinen projektinternen Gruppe einer Firma eher homogen ist. Diese Unterscheidung ist beim Einsatz des Wikis zwecks seiner Zielerreichung zu beachten (vgl. Moskaliuk 2008, S. 21). Zudem spielt das Alter bei der Berücksichtigung der Erfahrungen mit dem Medium Wiki eine zentrale Rolle. Die Mehrheit der nach 1978 Geborenen gehört der sogenannten Netz-Generation (oder Generation-N) an, wobei „Netz“ für Internet steht. Diese Generation wächst nach Tapscott inmitten digitaler Medien, wie Videospielen, digitalen Kameras, Handys und dem Internet heran. Weil diese Personen in die Technologie hineingeboren werden, gehen sie wie selbstverständlich damit um. Die älteren Generationen stehen diesen Medien skeptisch gegenüber und fühlen sich bei der Benutzung unwohl. Hier müssen althergebrachte Denkmuster grundlegend verändert werden, während die Netz-Genera­tion sie instinktiv nutzt (vgl. Tapscott 1998, S. 38-41). Die Erfahrungen mit dem Medium Wiki allerdings lediglich über das Geburtsjahr zu definieren, greift jedoch zu kurz. Entscheidend ist letztendlich auch der persönliche und alltägliche Umgang mit dieser Technologie (vgl. Moskaliuk 2008, S. 18).

Die tatsächliche Umsetzung der psychosozialen Prinzipien ist vom Verwendungszweck der Wikis abhängig. Hierbei sind selbstgesteuerte Wikis von fremdgesteuerten zu unter­scheiden (vgl. Moskaliuk 2008, S. 22). Das klassische Beispiel für ein selbstgesteuertes Wiki ist die Online-Enzyklopädie Wikipedia, bei der eine große Community freiwillig und unentgeltlich an einem Wiki mitarbeitet und sich selbst organisieren muss. Alle psychosozialen Prinzipien finden hierbei Anwendung. Ein typisches Beispiel für ein fremdgesteuertes Wiki, bei dem die meisten beschriebenen Prinzipien nicht gelten, ist ein internes Projekt für eine kleine Anzahl von Nutzern. Dabei werden in einer geschlossenen Benutzergruppe mit homogener Expertise geschützte Inhalte in einem vorgegebenen Arbeitsablauf durch eine Pflichtbeteiligung erarbeitet (vgl. Moskaliuk 2008, S. 22).

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Details

Seiten
52
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640970179
ISBN (Buch)
9783640970445
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v175898
Institution / Hochschule
Universität Paderborn
Note
1,7
Schlagworte
anforderungen lehrkräfte dualen system einsatz wikis lehr-lern-arrangements neue Medien Berufsschule Duales System Konstruktivismus

Autor

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