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Reiseliteratur als Emanzipation

Wie die Werke von Ida Pfeiffer und Fanny Lewald die deutsche Frauenbewegung Mitte des 19. Jahrhunderts beeinflusst haben

Seminararbeit 2008 29 Seiten

Literaturwissenschaft - Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Rolle der Frau in der deutschen Gesellschaft Anfang des 19.Jh. – Frauenbewegung in Deutschland

3. Ida Pfeiffer
3.1 Biographie
3.2 Reise einer Wienerin in das Heilige Land
3.2.1 Werk
3.2.2 Geschlechterrollen – Position der Frau im Text

4. Fanny Lewald
4.1 Biographie
4.2 Werk
4.2.1 Italienisches Bilderbuch - Geschlechterrollen im Text

5. Zusammenfassung und Ausblick

6. Bibliographie

1. Einleitung

Diese Arbeit befasst sich mit der Rolle der Frau im Deutschland des frühen 19. Jahrhundert und dem Ausdruck den sie in der von Frauen verfassten Literatur jener Zeit gefunden hat. Speziell steht hierbei das Werk „ Reise einer Wienerin in das Heilige Land[1] von Ida Pfeiffer im Mittelpunkt. Es soll gezeigt werden, wie Ida Pfeiffer die Rolle der Frau repräsentiert und selbst gestaltet und wie sich gleichzeitig ihre Sichtweise auf die weiblichen Orte fremder Kulturen darstellt. Es gilt zu untersuchen inwiefern ihr Frauenbild zeitgenössisch geprägt ist und in wiefern sie selbst neue Maßstäbe setzt. Um eine umfassende Betrachtung der Darstellung weiblicher Orte in der von Frauen geschaffenen Literatur zu gewährleisten möchte ich vergleichend die Position Fanny Lewalds[2] in ihrem Werk „Italienisches Bilderbuch“ erarbeiten. Zum genaueren Verständnis der Werke werde ich die Frauenbewegung in Deutschland im frühen 19. Jahrhundert vorstellen. Außerdem soll das Verhältnis der Autorinnen Pfeiffer und Lewald zu dieser ersten feministischen Vereinigung beleuchtet werden. Interessant ist hierbei inwiefern sie ideell, mental oder aktiv zu dieser Entwicklung beigetragen haben.

Die Betrachtung des Phänomens Literatur von Frauen im Kontext des gesellschaftlichen Wandels im 19. Jahrhundert erscheint mir auch aus heutiger Sicht interessant. Ich erwarte mir die Einsicht, dass in jener Zeit das geistige Fundament für die emanzipierte und feministische Literatur der folgenden Jahrhunderte gelegt wurde und Frauen wie Ida Pfeiffer und Fanny Lewald mit ihrer eigenwilligen und unkonventionellen Lebensweise als Vordenkerinnen der Generation um Virginia Woolf bezeichnet werden können.

Die Wahl der Autorinnen erklärt sich nicht allein durch ihre schriftstellerischen Leistungen, sondern vielmehr durch ihre herausragenden charakterlichen und biographischen Merkmale, die sie von anderen Frauen ihrer Zeit unterscheiden.

Die Termini „weiblich“ und „männlich“ dieser Arbeit sind keine biologischen Bezeichnungen, sondern umfassen die Eigenschaften, die Frauen und Männern in ihrem jeweiligen gesellschaftlichen Kontext zugeschrieben werden. „Weiblich“ meint demnach alle Attribute, die man Frauen in ihrem für sie typischen Verhalten zuschreibt. Diese Erwartungen können enttäuscht werden wenn „männliches“ Verhalten bei Frauen auftritt oder andersrum, was den Bruch mit gesellschaftlichen Normen darstellt. Die hier behandelten reisenden Frauen sind demnach der personifizierte Bruch mit den Konventionen, denn allein die Tatsache des emanzipierten Reisens war nicht regelkonform, entsprach nicht dem Denken der Masse.

Zunächst möchte ich im Folgenden einen Blick auf die Frauenbewegung in Deutschland in der Mitte des 19. Jahrhunderts werfen. Danach werden die Biographien Pfeiffers und Lewalds genauer betrachtet und ihre persönliche Entwicklung verfolgt. Daraufhin möchte ich stellvertretend für ihr Gesamtwerk je ein Werk der Autorinnen vorstellen und in Hinblick auf seine weiblichen Rollenbilder hin untersuchen. Abschließend werde ich ihre Bedeutung für und ihren Bezug zur Frauenbewegung resümieren.

2. Die Rolle der Frau in der deutschen Gesellschaft Anfang des 19.Jh. – Frauenbewegung in Deutschland

Die Anfänge der Frauenbewegung gehen auf die 40er Jahre des 19. Jahrhunderts zurück. „Die Frauen kämpften - und kämpfen seitdem – den Kampf um ihre Gleichberechtigung auf ökonomischem, politischem, sozialem und kulturellem Gebiet.“[3] Die deutsche Frauenbewegung teilt sich in zwei Epochen. Die erste Frauenbewegung endete 1933, danach wurden die Errungenschaften durch die nationalsozialistische Diktatur wieder zerstört. Nach 1945 „lebten verschiedene Frauenverbände aus der ersten (…) Bewegung wieder auf, die heute im Deutschen Frauenrat zusammengeschlossen sind. 1968 entstand die neue Frauenbewegung.“[4]

Frauen des 19. Jahrhunderts war es nicht möglich durch intellektuelles Wirken in Erscheinung zu treten, auf Gebieten der Politik, Ökonomie, Kunst und Wissenschaften galten sie prinzipiell als unvermögend. Eine Ausnahme bildeten die „Gebiete (…), die direkt mit der biologischen Funktion der Frau als Mutter in Zusammenhang stehen.“[5] Doch auch die ehemals hochgewertete Führung des Haushaltes, welche früher „ein erhebliches Maß an Umsicht, Nachdenken, Voraussehen und Berechnen neben körperlicher Leistungsfähigkeit und technischen Fertigkeiten“[6] voraussetzte, war dank des zunehmenden industriellen Fortschritts nun mit „weit geringerem Aufwand an Zeit, Kraft und Kunst zu bewerkstelligen.“[7] Die Folge war nicht dass hauswirtschaftliche Fähigkeiten im Wert sanken, sondern auch dass es den Frauen nicht mehr möglich war, „ein Maß von Arbeit [zu] leisten (…), daß einerseits ihrer Kraft und Fähigkeit, andererseits an Kosten ihrer Erhaltung entsprach.“[8] Die Unzufriedenheit durch Unterforderung unter den Frauen stieg, von den Männern lapidar auf „zuviel Zeit und zu wenige Gelegenheit (…) [zur Teilnahme] an den ernsten allgemeinen Interessen“[9] geschoben.

Das Denken der gesamten Gesellschaft war patriarchalisch geprägt und wirkte sich auf die Selbstwahrnehmung der Frauen als „sozialgeschichtlich geschlechtsbedingt“[10] aus. Einen Versuch, aus dem männlichen Denkschema auszubrechen, wagten die wenigen weiblichen Autoren. Die Arbeit weiblicher Schriftstellerinnen war nicht im selben Maße anerkannt wie die ihrer männlichen Kollegen. Dies resultierte aber nicht aus einem Unvermögen aufgrund des Geschlechts, sondern „vielmehr (…) [aus] künstlich geschaffenen Differenzen, die aus dem allgemein akzeptierten Geschlechterrollenschema des Gesellschaft des frühen 19. Jahrhunderts“[11] entstanden. Die spezifischen Charaktereigenschaften von Mann und Frau waren in philosophischen Schriften wie Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre von Johann Gottlieb Fichte und selbst in Gesetzestexten wie das Allgemeine Landrecht festgehalten. Demnach sei der Mann aktiv, die Frau hingegen sei ihrer Natur gemäß das „passive leidende Objekt“.[12] Ihrem Naturell entgegenkommend erklärte das Gesetz den Mann als Herr der ehelichen Gemeinschaft, sagte der Frau Pflichten, aber keine Rechte zu.

Die männliche Vorherrschaft manifestierte sich auch in kulturellen Bereichen und somit der Literaturszene. Aus männlicher Sichtweise stellten Frauen eine beteiligte und zugleich ausgegrenzte Gruppe dar.[13] Es fällt schwer beim schreiben den Geschlechterklischees zu entkommen – „Nachweislich haben viele der schreibenden Frauen sich weniger an der Besonderheit ihrer eigenen kulturellen Situation orientiert als vielmehr an den normativen poetischen und poetologischen Vorgaben ihres jeweiligen männlich geprägten Umfeldes.“[14] So unterschied sich von Frauen verfasste Literatur zunächst nicht von der männlicher Autoren. Allerdings werden bei genauer Betrachtung der Texte immer wieder Brüche auf, die „Gedanken, Empfindungen, Wünsche [ausdrückten], die den realen Erfahrungsgehalt der Frau im frühen 19. Jahrhundert widerspiegeln.“[15] Wie im Folgenden gezeigt wird, wollte gerade Ida Pfeiffer gegen männliche Traditionen anschreiben und anstatt fiktiver und überspitzter Abenteuer, Tatsachenberichte liefern.

Dieser Bruch mit der männlichen Ordnung wurde von der Kritik als „Merkmal der schriftstellerischen Inferiorität der Frau“[16] wahrgenommen. Einerseits habe die Frau die gesellschaftlich akzeptierte Frauenrolle verlassen, andererseits habe sie sich damit in eine sehr ambivalente Stellung begeben – und befindet sich somit in einem Raum zwischen „nicht mehr“ und „noch nicht“.[17] Die weitere Problematik lag darin, dass die Schriftstellerin von der Kritik nicht von der Erzählerin getrennt wurde, immer wurde das Werk aufgrund der weiblichen Autorenschaft besonders beurteilt. Einziger Ausweg aus diesem Denken konnte es sein, ein kulturelles Umfeld zu schaffen, indem „Geschlecht (in gesellschaftlicher und literarischer Hinsicht) keine immanente Wertigkeit hat.“[18]

Die erste Welle der modernen Frauenbewegung wollte zunächst einmal die Grundpfeiler der Gesellschaft mit ihren Regeln und Gesetzen ändern, bevor an kulturelle Phänomene gedacht werden konnte. Louise Otto-Peters[19], die als Gründerin gilt, forderte 1843: „Die Teilnahme der Frauen an den Interessen des Staates ist nicht ein Recht, sondern eine Pflicht.“[20] 1847 fügte sie hinzu: „Selbstständig müssen die deutschen Frauen werden (…). Diese Selbstständigkeit kann nur durch individuelle Bildung befördert werden; denn nur ein selbstständiges Herz führt zu selbstständigem Handeln.“[21] Es wurde das Frauenwahlrecht gefordert, welches erst November 1918 verabschiedet wurde, Das Recht auf Erwerbstätigkeit und das Recht auf Bildung, mit dem eine neue sittliche Gesellschaftsorientierung ein her gehen sollte. Mit der Französischen Revolution und ihrer Forderung nach Brüderlichkeit, entstand auch der Wunsch nach Gleichheit zwischen Mann und Frau. In den Salons der Intellektuellen Europas geboren, setzte sich diese Idee auch unter den Altkatholikerinnen während des Vormärz durch. Die Mitglieder dieser ersten Bewegung wurden Frauenrechtlerinnen genannt, in Anlehnung an ihr Hauptziel, die Einführung des Frauenwahlrechtes, gab man ihnen auch den Namen Suffragetten[22]. Es gab verschiedene Ausprägungen der Bewegung in den sozialistischen, bürgerlich-gemäßigten und den bürgerlich-radikalen Flügel. Genährt wurden diese Verbindungen von vier Schichten von Frauen, die in ihrer Lebensform stark unterschieden: 1. Die Frauen und Töchter der bürgerlichen Mittel- und Oberschicht, ohne Recht auf Arbeit (mit Ausnahme des Gouvernanten-, Lehrerinnen und Gesellschafterinnenberufs bei Ledigbleiben), 2. die in der Landwirtschaft, im Handel und Gewerbe tätigen Frauen, 3. die Fabrikarbeiterinnen (ledig oder verheiratet mit Kindern) und 4. die unverheirateten Dienstboten (wie Wäscherinnen, Köchinnen für besondere Anlässe).[23] Jede Gruppe verfolgte verschiedene Schwerpunkte, und die ersten Vertreterinnen gehörten der ersten Schicht an und forderten daher vor allem das Recht auf Erwerbsarbeit, aber allen ging es um die Umgestaltung der Gesellschaft auf neuer sittlicher Grundlage.[24]

Erstaunlich ist, dass die Frauenbewegung in den ersten Jahren kaum auf Widerstand stieß. Erst Ende der 60er Jahre, „nach der Gründung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins und (…) vor allem nach Erscheinen der deutschen Übersetzung des Buches Subjection of the Women von John Stuart Mill und (…) „ Für und Wieder die deutschen Frauen[25] von Fanny Lewald“[26], wurden gegnerische Stimmen laut. So wollte man das Idealbild der „liebe[n] Frauenwelt“, der „glückliche[n], still[en], grün[en] Oase“[27], erhalten wissen. „Der Sturm der Entrüstung (…), hatte weniger mit Konkurrenzkampf zu tun, als damit, daß [besagte] (…) Weltdeutung (…), in Frage gestellt wurde (…).“[28] Doch nicht nur Männer stellten sich den Mündigkeitsbestrebungen der Frauen in den Weg, „auch viele Frauen, die an „der männlich orientierten Welt“ nichts auszusetzen fanden, sich in ihrer „gottgewollten Abhängigkeit“ wohl fühlten oder zum Nachdenken über die ganze Frage überhaupt nicht kamen.“[29] In England und Frankreich gab es ähnliche Strömungen. Dort fand die Frauenbewegung aber vor allem nach 1968 in der Begründung des Feminismus mit Virginia Woolf (A Room of One’s Own, einem der meistzitierten Texte der Bewegung) und Simone de Beauvoir (Le Deuxième Sexe) ihren Höhepunkt. Die Übersetzungen dieser Werke nahmen auch in Deutschland großen Einfluss.

Ida Pfeiffer und Fanny Lewald gehörten nicht zu den angepassten Frauen. „Sie begnügten sich nicht, wie noch die Romantikerinnen, mit einer „Emanzipation des Herzens“, sie waren vielmehr nach den Worten des Zeitgenossen Robert Prutz „zu einer Macht in [der] Literatur geworden“.“[30] Sie gestalteten ihr Leben, und damit ihre Literatur, bewusst gegen den Konsens der weiblichen Tugenden. Sie mussten für ihre Träume, die nicht regelkonform waren, kämpfen und ebneten damit ihren Nachfolgerinnen den Weg. Im Folgenden soll untersucht werden inwiefern ihre Schriften zur Frauenbewegung beitrugen und diese beeinflussten.

3. Ida Pfeiffer

3.1 Biographie

Als Ida Reyer wurde die spätere Reiseschriftstellerin am 14. Oktober 1797 „in die Nachwehen der französischen Revolution hineingeboren“[31], ein Aufbruch der in ihrer Heimatstadt Wien kaum Folgen zeigte. Die gesellschaftlichen Normen und Erwartungen der Zeit waren eindeutig und unerbittlich – „Mädchen (…) w[u]rden zur züchtigen und tüchtigen Gattin erzogen, lern[t]en Konversation und Klavier spielen und stick[t]en an ihrer Aussteuer.“[32] In den vier Wänden der familiären Intimität lernte Ida andere Erziehungsideale kennen. Gemeinsam mit ihren sechs Brüdern sollte sie Tapferkeit, Widerstandskraft und Tatkräftigkeit erlangen, statt sich in weibliche Rollenbilder zu passen, konnte sie ihr Temperament in Knabenkleidern austoben. Mit ihrem Vater starb 1805 auch ihr Traum von einer militärischen Ausbildung und die Realität holte die junge Ida ein. Die Mutter, mit der alleinigen Erziehung und Geschäftsführung überfordert, schickte ihre Söhne auf ein Internet und versuchte fortan die vermeidlich fehlgeleitete Tochter auf den rechten Weg zu bringen. Der Widerstand Idas ging so weit dass sie in Kleider und Röcke gesteckt, schwer erkrankte und der Arzt empfahl ihr vorläufig nachzugeben. „Vom Schulbesuch erzählen Idas (…) Lebenserinnerungen nichts. (…) Für Töchter aus bürgerlichem Haus [im 18. Jahrhundert, war es] ausreichend, wenn sie Schreiben, Lesen, Rechnen, Religion und Sinnen lernten, allenfalls (…) Französisch.“[33] Junge Frauen wurden auf das Leben als Hausfrauen und Mütter vorbereitet, und nicht zur Bildungselite erzogen. Bewusst beschränkte man ihr Wissen auf einen gewissen Rahmen. Idas Widerstand hielt jahrelang an. Erst als sie dreizehn ist und der Dichter und Reiseliterat, den sie in ihren Aufzeichnungen stets „nur mit T. bezeichnet“[34], ihr Hauslehrer wurde „vertauscht[e] sie die Hosen gegen (…) Röcke und holt[e] nach, was sie an hausfraulichen Fertigkeiten (…) vernachlässigt hat[te].“[35] Sie selbst sagt: „(…) Ihm verdanke ich es, dass ich im Verlaufe von drei bis vier Jahren vollkommen zur Einsicht der Pflichten meines Geschlechtes gelangte (…).“[36] Dieser Wandel geschah nicht ohne Grund, denn Ida hatte sich verliebt, er war, wie sie mit 17 erkannte, der einzige, den sie „ – wenn überhaupt – (…) heiraten könnte.“[37] Trotz der plötzlichen Tugendhaftigkeit konnte Ida ihre eigentlichen Neigungen nicht verleugnen, widmete sich den Naturwissenschaften, las mit Begeisterung Reise- und Abenteuerbücher und nährte ihr Fernweh. Sie war siebzehn als T. sich in die lange Reihe der Freier reihte, mit dem Erbe ihres Vaters war sie eine ausgezeichnete Partie, und ihr einen Heiratsantrag macht. Doch „die Mutter hat[te] andere, ehrgeizigere Pläne für (…) [sie]“[38], ein Hauslehrer war nicht standesgemäß und damit als Ehemann inakzeptabel. Die Minderjährige musste sich diesem Machtwort fügen, empfand dass Zusammenleben mit ihrer Mutter aber zunehmend als unzumutbar. Ihre einzige Fluchtmöglichkeit sah sie in der Heirat mit Dr. Mark Anton Pfeiffer, „einem um 24 Jahre älteren Rechtsanwalt aus Lemberg“[39]. T. schried sie vor der Hochzeit einen Abschiedsbrief, in der Heirat mit einem so viel älteren Mann sah sie noch den kleinsten Verrat, denn ihn wird sie niemals lieben können.[40] T. versprach ihr wiederum niemals zu heiraten, ein Versprechen das er hielt. Diese Liebesbeziehung, dokumentiert in zahlreichen Briefen, offenbart eine Emotionalität, die Ida Pfeiffer sich selten anmerken ließ und in ihrem Werk „Reise einer Wienerin in das Heilige Land“ niemals thematisiert. Es scheint viel mehr als habe sich die ständige Unterdrückung ihrer Gefühle durch andere oder gezwungenermaßen durch sich selbst, zu einer Lebenseinstellung manifestiert in der für Sentimentalität kein Platz ist. Auch die weiteren Jahre waren von Repression geprägt, der Ehemann erwies sich als unfähig die Finanzen zu verwalten und verärgerte seine potentiellen Klienten durch einen aufgedeckten Skandal. Auch als sie in Wien einen Neuanfang wagten, änderten sich die Zustände nicht, Ida musste „durch heimliche, unstandesgemäße Arbeit (…) für den Lebensunterhalt des arbeitslosen Ehemannes und der beiden [gemeinsamen] Söhne“[41] aufkommen. Erst mit dem Tod der Mutter, dessen Vermächtnis den Enkeln eine gute Ausbildung sicherte, änderte sich die finanzielle Lage. Als sich Rechtsanwalt Pfeiffer dann auch noch von der Familie trennte und zurück nach Lembach zog, sah sich Ina der ersehnten Freiheit nahe. 1842, mit bereits 44 Jahren, war es endlich soweit. Die Söhne waren aus dem Haus, alle Pflichten abgearbeitet und Ida hatte sparsam gelebt um sich eine auf bescheidenste Weise gestaltete Reise zu ermöglichen. Ziel ist das Heilige Land, „[dem Traumland ihrer Kindheit]“[42] Um Freund und Verwandte nicht zu besorgen gab sie vor eine Brieffreundin in Konstantinopel zu besuchen, für damalige politische Verhältnisse und in Anbetracht der drohenden Pest dennoch eine gewagte Unternehmung. Bereits als sie 1840 „zum erstenmal in ihrem Leben bei Triest das Meer erblickt[e], erwacht sogleich (…) [ihre] Reiselust (…) – „Gern hätte ich das erste beste Schiff bestiegen (…) nur die Pflicht gegen meine Kinder hielt mich zurück.““[43] Als sie nun 22. März ihre „Wanderung von Wien aus an[trat]“[44], ist sie nicht die erste Frau die sich auf eine solche Reise begibt und anschließend darüber schreiben wird. „Gut ein Jahrhundert vor Ida Pfeiffer, [reiste die englische Adelige Mary Montagu] (…) der Sonne hinterher quer durch den Orient.“[45] Allerdings erlaubte ihr die Gesellschaft ihrer Zeit keine so vielfältige Veröffentlichung ihres Werkes „ Reise durch den Orient “, wie es später Ida Pfeiffer glücken sollte. Fraglich ist, ob ihr Montagus Werke bekannt waren. Ida Pfeiffer kann damit als erste ReiseliteratIN bezeichnet werden, die es schaffte mit ihren Werken Massen von Lesern zu begeistern und die sich allein durch ihre Schriften das jahrzehntelange Reisen finanzieren konnte. Sie machte sich mit ihrer Arbeit einen so großen Namen dass sie Fürsprecher wie Alexander von Humboldt fand, der 1856 das Vorwort[46] zu „ Reise einer Wienerin in das Heilige Land “ verfasste und ihr wie viele anderen zahlreiche Würdigungen zuteil kommen ließ.

[...]


[1] Pfeiffer, Ida (1969): Reise einer Wienerin in das Heilige Land. Stuttgart: Henry Goverts Verlag GmbH.

[2] Lewald, Fanny (?): Italienisches Bilderbuch. Berlin: Rütten & Loening.

[3] Nave-Herz, Rosemarie (1989): Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland. Hannover: Schlütersche Verlagsanstalt. S.9

[4] Ebenda.

[5] Felden, Tamara (2003): Frauen Reisen. Zur literarischen Repräsentation weiblicher Geschlechterrollen im 19. Jahrhundert. New York: Peter Lang. S.2

[6] Nave-Herz, Rosemarie (1989): Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland. Hannover: Schlütersche. S.18

[7] Nave-Herz, Rosemarie (1989): Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland. Hannover: Schlütersche. S.18

[8] Bäumer, G. (1901): Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland; in: Bäumer, G., Lange, H. (1901) Handbuch der Frauenbewegung, 1. Teil, Berlin. S.39ff

[9] Ebenda.

[10] Felden, Tamara (2003): Frauen Reisen. Zur literarischen Repräsentation weiblicher Geschlechterrollen im 19. Jahrhundert. New York: Peter Lang. S.2

[11] Ebenda.

[12] Landrecht.

[13] Weigel, Sigrid (1983): Der schielende Blick. Thesen zur Geschichte weiblicher Schreibpraxis. Inge Stephan et al. Die verborgene Frau. Berlin: Argument. S.85

[14] Bovenschen, Silvia (1979): Die imaginierte Weiblichkeit. Exemplarische Untersuchungen zu kulturgeschichtlichen und literarischen Präsentationsformen des Weiblichen. Frankfurt am Main: Suhrkamp. S.42

[15] Felden, Tamara (2003): Frauen Reisen. Zur literarischen Repräsentation weiblicher Geschlechterrollenerfahrung im 19. Jahrhundert. New York: Peter Lang. S.3

[16] Weigel, Sigrid (1983): Der schielende Blick. Berlin: Argument. S.99

[17] Ebenda. S.105

[18] Felden, Tamara (2003): Frauen Reisen. New York: Peter Lang. S.4

[19] (1819-1895)

[20] Bäumer, G. (1950): Gestalt und Wandel – Frauenbildnisse. Berlin, S.332

[21] Otto-Peters, Louise (1847): Die Teilnahme der Frauen an den Interessen des Staates; in: Vorwärts. Leipzig. S.51. Neu abgedruckt in: Twellmann, M (1972): Die deutsche Frauenbewegung – Ihre Anfänge und erste Entwicklung – Quellen: 1843 – 1889. Meisenheim, S.14

[22] Suffragetten von suffrage – engl. Wahlrecht, suffragium – lat. Abstimmung

[23] Nave-Herz, Rosemarie (1989): Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland. Hannover: Schlütersche. S.17

[24] Ebenda.

[25] Lewald, Fanny (1896) Für und Wider die deutschen Frauen. Berlin

[26] Nave-Herz, Rosemarie (1989): Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland. Hannover: Schlütersche. S.19

[27] Bäumer, G. (1901): Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland. Berlin S.69

[28] Nave-Herz, Rosemarie (1989): Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland. Hannover: Schlütersche. S.20

[29] von Zahn-Harnack, A. (1928): Die Frauenbewegung – Geschichte, Probleme, Ziele. Berlin. S.14

[30] Gerhard, Ute: Über die Anfänge der deutschen Frauenbewegung um 1848. Frauenpresse, Frauenpolitik, Frauenvereine. S.197. In: Karin Hausen (Hrsg) (1983): Frauen suchen ihre Geschichte. Historische Studien zum 19. und 20. Jahrhundert. München: C.H. Beck.

[31] Hildebrandt, Irma (2005): Mutige Frauen. 30 Porträts aus fünf Jahrhunderten. Kreuzlingen/München: Diederich. S.111

[32] Ebenda.

[33] Lütgen, Kurt (1969): Wagnis und Weite. Die Erlebnisse von vier bedeutenden Frauen. Würzburg: Arena. S.135

[34] Ebenda, S.136

[35] Hildebrandt, Irma (2005): Mutige Frauen. 30 Porträts aus fünf Jahrhunderten. Kreuzlingen/München: Diederich. S.111

[36] Habinger, Gabriele (2002): Eine Wiener Biedermeierdame erobert die Welt. Die Lebensgeschichte der Ida Pfeiffer (1797-1858). Wien: Promedia

[37] Hildebrandt, Irma (2005): Mutige Frauen. 30 Porträts aus fünf Jahrhunderten. Kreuzlingen/München: Diederich. S.112

[38] Ebenda.

[39] Hildebrandt, Irma (2005): Mutige Frauen. 30 Porträts aus fünf Jahrhunderten. Kreuzlingen/München: Diederich. S.112.

[40] Habinger, Gabriele (2002): Eine Wiener Biedermeierdame erobert die Welt. Die Lebensgeschichte der Ida Pfeiffer (1797-1858). Wien: Promedia

[41] Hildebrandt, Irma (2005): Mutige Frauen. 30 Porträts aus fünf Jahrhunderten. Kreuzlingen/München: Diederich. S.112.

[42] Hildebrandt, Irma (2005): Mutige Frauen. 30 Porträts aus fünf Jahrhunderten. Kreuzlingen/München: Diederich. S.113.

[43] Lütgen, Kurt (1969): Wagnis und Weite. Die Erlebnisse von vier bedeutenden Frauen. Würzburg: Arena. S.142.

[44] Pfeiffer, Ida (1969): Reise einer Wienerin in das Heilige Land. Stuttgart: Henry Goverts Verlag GmbH. S.10

[45] Hildebrandt, Irma (2005): Mutige Frauen. 30 Porträts aus fünf Jahrhunderten. Kreuzlingen/München: Diederich. S.113

[46] Pfeiffer, Ida (1969): Reise einer Wienerin in das Heilige Land. Stuttgart: Henry Goverts Verlag GmbH. S.10

Details

Seiten
29
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640971121
ISBN (Buch)
9783640970773
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v175915
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Institut für Künste und Medien
Note
1,3
Schlagworte
Reiseliteratur Emanzipation Frauenbewegung 19. Jahrhundert

Autor

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Titel: Reiseliteratur als Emanzipation