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Der Einfluss der Bildungsexpansion auf die bildungsspezifische Partnerwahl

Studienarbeit 2010 25 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.0 Einleitung

2.0 Vorstrukturierung sozialer Kontaktchancen durch die Bildungsinstitution
2.1 Die „zeitliche“ Perspektive
2.2 Die „institutionelle“ Perspektive
2.3 „Zeitliche“ versus „institutionelle“ Perspektive

3.0 Die bildungsspezifische Partnerwahl als ein Ergebnis der sozialen Differenzierung
3.1 Sozio-kulturelle und sozio-ökonomische Differenzierung
3.2 Individualisierungsthese

4.0 Bildungsspezifische Partnerwahl aus einer geschlechtsspezifischen Perspektive
4.1 Die zunehmende Symmetrie des bildungsspezifischen Heiratsmarktes als Folge der geschlechtsspezifischen Bildungsangleichung
4.2 Zukunftsmodelle: Hyper- und Homogamie

5.0 Fazit

6.0 Literaturverzeichnis

1.0 Einleitung

Das Bildungs- und Ausbildungsverhalten von Männern und Frauen unterscheidet sich in der Gegenwartsgesellschaft kaum noch. Die Berufschancen von Frauen haben sich verbessert, die Erwerbstätigkeit beider Ehepartner ist in den jüngeren Kohorten zur Selbstverständlichkeit geworden. Wirkt sich dies nun auf die soziale Selektivität von Heiratsbeziehungen aus?

Eine Fülle von Studien zeigen, dass die Partnerwahl nur auf den ersten Blick höchst individuell und privat ist. Die Prozesse der Partnerwahl sind auch heute keinesfalls zufällig[1] - sondern ganz im Gegenteil: Partnerschaften sind gegenwärtig stärker sozial strukturiert als zu früheren Zeiten. Dabei bezieht sich diese Strukturiertheit auf verschiedene soziale Dimensionen: Beispielsweise lassen sich deutliche Muster hinsichtlich der Schulbildung, dem sozialen Status, der Religionszugehörigkeit oder des Altersabstandes zwischen den Partnern finden. Weit überzufällig finden Partner zusammen, die bezüglich ihres bisherigen Lebens eine gewisse Homogenität aufweisen. Es stellt sich also die Frage, wie sich diese sozialen Tatsachen erklären lassen, da doch die entsprechende soziologische Theorie eher von einer Entstrukturierung und zunehmenden Individualisierung ausgeht[2].

Das Ziel der vorliegenden Forschungsarbeit besteht darin, den Einfluss der Bildungsexpansion auf die bildungsspezifische Partnerwahl nachzuweisen und empirische zu untermauern. Dabei soll geklärt werden, ob die Wahl eines Lebenspartners in direkter Beziehung zum Bildungsabschluss steht.

Um in den folgenden Text einzuleiten wird im ersten Schritt der Analyse die Vorstrukturierung von sozialen Kontaktchancen über das Bildungssystem, durch das Kriterium von räumlicher Nähe, einer näheren Betrachtung unterzogen.

In einem zweiten Schritt wird anschließend das Kriterium der sozialen Differenzierung zwischen den verschiedenen Bildungsgruppen und den von der Entstrukturierungsthese behaupteten Veränderungen diskutiert woraufhin im dritten Schritt die möglichen Auswirkungen der geschlechtsspezifischen Bildungs-angleichung ins Zentrum der Debatte rücken.

Abschließend werden im Fazit die Ergebnisse der Fragestellung zusammengefasst und erläutert.

2.0 Vorstrukturierung sozialer Kontaktchancen durch die Bildungsinstitution

Um die Vorstrukturierung von Kontaktchancen über den Besuch von Bildungs- und Ausbildungsinstitutionen zu untersuchen, ist vorab klarzustellen, ob der Einfluss dieser Institutionen eher unter einer zeitlichen Perspektive bzw. anhand der Verweildauer von Jugendlichen in den Bildungseinrichtungen, oder eher unter einer institutionellen Perspektive, das heißt in Hinblick auf die Organisationsstruktur des Bildungssystems zu betrachten ist. Diese Differenzierung ist daher von Bedeutung, da sich in Abhängigkeit von der eingenommenen Perspektive unterschiedliche Folgerungen ergeben, insbesondere bezüglich der Chancen, mit Personen aus einer anderen Bildungseinrichtung in Kontakt zu treten[3]. Im Folgenden wird dies näher erläutert.

2.1 Die „zeitliche“ Perspektive

Die zeitliche Perspektive, angelehnt an ein von Mare für die Analyse von Bildungsungleichheit entwickeltes Erklärungsmodell[4], betrachtet den Bildungs- und Ausbildungsprozess als eine Abfolge von alternativen Optionen an entscheidenden Übergangspunkten[5].

Am Ende jeder Bildungsstufe stehen demnach die Schüler vor der Entscheidung, die Ausbildung mit der erreichten Bildungsstufe zu beenden oder eben den Bildungsprozess durch den Übergang in die nächsthöhere Bildungsstufe fortzusetzen. Bezogen auf die hier interessierende Fragestellung der Strukturierung von sozialen Kontaktechancen wirkt das Bildungs- und Ausbildungssystem dann vor allem über die Verweildauer innerhalb des Bildungsprozesses[6].

Mit dem Übergang in die nächsthöhere Bildungsstufe verkleinert sich mit ansteigendem Bildungsniveau jeweils die Schülerpopulation. Da von Bildungsstufe zu Bildungsstufe nur jeweils die Schüler verbleiben, die ein höher angelegtes Bildungsniveau erreichen, verringert sich mit zunehmender Verweildauer innerhalb des Systems einerseits die Chancen auf gleichaltrige weniger qualifizierte Personen zu treffen, da diese ja bereits aus dem System ausgeschieden sind - andererseits sinkt jedoch für Schüler, die früher ihre Schullaufbahn beenden und daher nur ein niedrigeres Bildungsniveau erreichen, auch die Chance, in Zukunft auf eine höher qualifizierte Person zu treffen[7].

Wird das Bildungssystem also aus zeitlicher Perspektive betrachtet, so bewirkt es mit zunehmender Verweildauer eine Homogenisierung von sozialen Kontaktchancen[8] insbesondere höher qualifizierter Personen. Letztendlich geht das Modell der sequentiellen Bildungsübergänge also davon aus, dass ein hierarchisch strukturiertes Bildungssystem vor allem Auswirkungen auf die unterschiedlichen zeitbezogene Kontaktchancen zu potentiellen Partnern hat und daher die Wahrscheinlichkeit bildungshomogamer Ehen mit zunehmendem Bildungsniveau steigt[9].

2.2 Die „institutionelle“ Perspektive

Während im ersten Fall, bezüglich der zeitliche Perspektive, eher von einem pyramidenförmigen Bildungssystem ausgegangen wird und die Folgerung naheliegt, dass die Vorstrukturierung von Kontaktchancen über das Bildungssystem insbesondere bei höher qualifizierten Abschlüssen Wirkung zeigt, legt die institutionelle Perspektive, welche eher einer säulenartigen Organisationsform[10] des deutschen Bildungssystems entspricht, erstens die These nahe, dass Kontaktchancen in erster Linie durch den eingeschlagenen Bildungsweg und weniger durch die Dauer der Ausbildung bestimmt werden. Hieraus folgt zweitens, dass die Homogenisierung von Kontaktchancen nicht erst, wie es aus zeitlicher Perspektive der Fall ist, beim Erwerb höher qualifizierter Bildungsabschlüsse einsetzt und daher die Wahrscheinlichkeit der bildungshomogamen Partnerwahl mit zunehmendem Bildungsniveau ansteigt[11], sondern, dass die über die institutionelle Organisation des Bildungssystems erzeugten Gelegenheitsstrukturen zunächst für alle Bildungsgruppen in ähnlicher Weise eine Partnerwahl innerhalb der eigenen Gruppe nahelegen.

Unabhängig von sonstigen Einflussfaktoren der Partnerwahl bewirkt demnach schon die Organisation des deutschen Bildungssystems für alle drei Bildungsgruppen[12] eine erhöhte Wahrscheinlichkeit der homogamen Partnerwahl[13].

2.3 „Zeitliche“ versus „institutionelle“ Perspektive

Zwar hat sich das Modell der sequentiellen Bildungsübergänge, (zeitliche Perspektive s.o.) für die Analyse von herkunftsspezifischen Bildungsungleichheiten, insbesondere wenn es um den Vergleich von unterschiedlichen Bildungssystemen geht, als tragfähig erwiesen[14], dennoch ist es fraglich, inwieweit mit diesem Ansatz die Strukturierung von Kontaktchancen durch das deutsche Bildungssystem adäquat erfasst werden kann[15]. Mit der Annahme, dass die Kontaktchancen innerhalb von Bildungsinstitutionen maßgeblich über die Verweildauer innerhalb des Bildungsprozesses beeinflusst werden, wird implizit ein Bildungssystem unterstellt, bei welchem die erreichbaren Qualifikationsniveaus bekanntermaßen nicht aufeinander aufbauen bzw. nur eine geringe institutionelle Differenzierung aufweisen. Gerade diese Bedingungen erfüllt das deutsche Bildungssystem aber nicht. Eher im Gegenteil- das dreigliedrige, hierarchisch organisierte Schulsystem in Deutschland selektiert sehr früh[16]. Nach dem Ende einer gemeinsamen Grundschulzeit, die in der Regel vier Jahre beträgt, erfolgt gewöhnlich die Selektion bzw. Kanalisation der Schüler in drei weitgehend voneinander abgeschottete Schultypen. Gymnasium, Realschule und Hauptschule erinnern stark an die institutionelle Perspektive, nach welcher das Bildungssystem eher einer säulenartigen Organisationsform entspricht (s.o.). Die Schulformen weisen auch hinsichtlich des Anforderungsprofils und der Ausbildungsmöglichkeiten deutliche Unterschiede auf und haben damit letztendlich auch deutliche Auswirkungen auf spätere berufliche Chancen[17]. Mit dem Übergang auf eine weiterführende Schule bzw. nach Beendigung der Grundschulzeit, ist die Bildungskarriere normalerweise bereits weitgehend festgelegt[18].

[...]


[1] Vgl. Klein, T.(2001): Partnerwahl und Heiratsmuster. Sozialstrukturelle Voraussetzungen der Liebe. Opladen: Leske+Budrich, S.11.

[2] Vgl. ebd., S. 12 f.

[3] Vgl. Wirth, H. (2000) : Bildung, Klassenlage und Partnerwahl. Eine empirische Analyse zum Wandel der bildungs- und klassenspezifischen Heiratsbeziehungen. Leske+Budrich, Opladen, S. 65.

[4] Vgl. Mare R.D. (1991): Five Decades of Educational Assortative Mating. American Sociological Review, 56, S. 15 ff.

[5] Vgl. Wirth, H., a.a.O., S.65.

[6] Vgl. Mare R.D., a.a.O., S. 15 ff.

[7] Vgl. Wirth, H., a.a.O., S. 65.

[8] Vgl. Germany (West). Statistisches Bundesamt, Germany. Statistisches Reichsamt, Germany (Territory under Allied occupation, 1945-1955. Vereinigtes Wirtschaftsgebiet). Statistisches Amt (2000): Wirtschaft und Statistik. Ausgaben 7-9, S. 698.

[9] Vgl. Blossfeld, H.-P., & Timm, A. (1997): Der Einfluss des Bildungssystems auf den Heiratsmarkt. Eine Längsschnittanalyse der Wahl von Heiratspartnern im Lebenslauf. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 49, S. 440 ff.

[10] Säulenartige Organisationsform des Bildungssystems: Das Bildungssystem entspricht dieser Beschreibung nach drei nebeneinander stehenden Säulen, die keine bzw. nur wenige Berührungspunkte aufweisen. Jede der Säulen steht hier für einen Schultypen: das Gymnasium, die Realschule oder die Hauptschule.

[11] Vgl. With, H., a.a.O., S. 68.

[12] Das deutsche Bildungssystem ist normalerweise in drei Schultypen gegliedert: das Gymnasium, die Realschule und die Hauptschule. Die Bildungsgruppen gliedern sich folglich in Gymnasiasten, Realschüler und Hauptschüler. Vgl. Liebold, L. (2008): Chancengleichheit im dreigliedrigen Schulsystem? Soziale Benachteiligung auf Grund schulischer Selektion am Beispiel Hauptschule. GRIN Verlag, Norderstedt, S. 3 f.

[13] Vgl. Wirth, H., a.a.O., S.68.

[14] Vgl. Henz, U., Maas, I.(1995): Chancengleichheit durch Bildungsexpansion. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 47, S. 605 ff.

[15] Vgl. Wirth, H., a.a.O., S. 66.

[16] Vgl. Gill, B.(2005): Schule in der Wissensgesellschaft. Ein soziologisches Studienbuch für Lehrerinnen und Lehrer. VS Verlag für Sozialwissenschaften/GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden, S.131.

[17] Vgl. König, W., Lüttinger, P., Müller, W. (1987): Eine vergleichende Analyse der Entwicklung und Struktur von Bildungssystemen . Methodologische Grundlagen und Konstruktion einer vergleichbaren Bildungsskala. CASMIN-Projekt. Arbeitspapier Nr. 12.

[18] Vgl. Ditton, H. (1995): Ungleichheitsforschung. In: Rolff, H. (Hg.): Zukunftsfelder von Schulforschung. Deutscher Studienverlag, Weinheim, S. 91.

Details

Seiten
25
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640974337
ISBN (Buch)
9783640974702
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v176048
Institution / Hochschule
Universität Osnabrück – Sozialwissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
einfluss bildungsexpansion partnerwahl
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