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Frauen im Krieg. Der Erste Weltkrieg als "Vater der Emanzipation"?

Seminararbeit 2011 27 Seiten

Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Bild des Weiblichen – Geschlechterkonstruktionen
2.1. Zum Begriff der Geschlechterrolle
2.2. Die Geschlechterrollen im 19. Jahrhundert

3. Die kriegsbedingte Veränderung der Gesellschaft im 20. Jahrhundert
3.1. Die ökonomisch kritische Situation zu Kriegsbeginn und die damit einhergehende Veränderung der Geschlechterrollen
3.1.1. Verschlechterung der Lebensbedingungen
3.1.2. Die Umstellung auf die Kriegswirtschaft
3.1.2.1. Die Industrie als Gewinnerin der Kriegswirtschaft

4. Männer an der Front - Frauen in der Heimat im Krieg
4.1. Die weibliche Erwerbstätigkeit im Wandel
4.1.1. Die Mobilisierung der Frauen
4.2. Die Anerkennung und Verkennung von Frauenarbeit im Krieg
4.2.1. Das Interesse an weiblichen Arbeitskräften und die schlechten Arbeitsbedingungen
4.3. Frauen an der Heimatfront
4.3.1. Liebesgaben von der Heimatfront

5. Resümee

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Fokus meiner Arbeit steht die Frau im Krieg, wobei ich hierbei insbesondere die Änderung der Geschlechterkonzeptionen, welche mit dem Ersten Weltkrieg verbunden sind, und das Motiv der Industriearbeiterin näher betrachten möchte. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts versuchten zahlreiche Wissenschaftler und Mediziner männlichen Geschlechts mit „empirischen Beweisen“ zu belegen, dass die Frau dem Naturgesetz folgen muss, welches im pflegenden Prinzip und somit in der Erziehung der Kinder liegt.

Würde dieses Prinzip vernachlässigt, so sei von einer Verkümmerung der „Mutterorgane“ auszugehen. (Paul Möbius: Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes). Um die Jahrhundertwende gab es zwar schon heftige Kritik an diesem Frauenbild, unter anderem von Rosa Mayreder (1858-1938), die 1893 gemeinsam mit anderen Frauen den Allgemeinen Österreichischen Frauenverein (AÖFV) gründete und 1905 ihre Essaysammlung Kritik der Weiblichkeit publizierte, aber erst der Erste Weltkrieg gab dem Frauenbild ein neues Gesicht.

In der vorliegenden Arbeit rückt die Frage in den Vordergrund, inwiefern der Erste Weltkrieg als Vater der Emanzipation gesehen werden kann. Dieser gesellschaftlich sehr brisanten Frage versuche ich mit Hilfe von Quellen und Literatur nachzugehen.

Im Speziellen soll aus der Arbeit hervorgehen, wie sich die Rolle der Frau mit der Zäsur des Ersten Weltkrieges ändert, welche Lebensbereiche diese Änderung betrifft und welches Bild diese Geschlechter(um)ordnung während des Krieges mit sich bringt. Außerdem möchte ich mich einführend dem Begriff der Geschlechterrolle sowie einen kleinen Teil der Arbeit den Geschlechterkonstruktionen des 19. Jahrhunderts widmen, um der Arbeit einen Rahmen zu verleihen und um nachvollziehen zu können, dass die heutige Situation der Frauen im europäischen Raum nicht immer jene war, wobei man sich von der Illusion befreien muss, dass der lange Weg zur Gleichberechtigung von Mann und Frau schon zu Ende gegangen ist.

2. Das Bild des Weiblichen – Geschlechterkonstruktionen

Das rollentypische Bild des Weiblichen erfährt durch die politischen und wirtschaftlichen Umbrüche in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts eine Neuorientierung. Um diese nachvollziehbar zu machen, soll im Folgenden eine kurze Einführung in den Begriff der Geschlechterrollen gegeben werden sowie ein präziser Überblick über die Geschlechterrollen des 19. Jahrhunderts. Im Anschluss daran versuche ich anhand des Ersten Weltkrieges aufzuzeigen, wie sich das traditionelle Rollenverhalten nachhaltig verändert hat.

2.1. Zum Begriff der Geschlechterrolle

Unter dem Begriff der Rolle wird die

Summe der gesellschaftlichen Erwartungen an das Verhalten (zugleich mit dem äußeren Erscheinungsbild) eines Inhabers einer sozialen Position[1]

verstanden. Der Träger bzw. die Trägerin einer Rolle ist im Interesse dieser Arbeit der Mann bzw. die Frau. Sowohl dem weiblichen als auch dem männlichen Geschlecht begegnet man, die Normen und Werte betreffend, mit einer bestimmten Erwartungshaltung. Diese Verhaltenserwartungen der Gesellschaft an die Rolle bedeuten ein Bündel von Verhaltensnormen, deren Einhaltung oder Nichteinhaltung positiv oder negativ sanktioniert wird.[2]

Die differenzierte Auffassung des Weiblichen und Männlichen geht einher mit der Zuschreibung einer Rolle an das Geschlecht, welche nicht angeboren und somit biologisch begründbar ist. Denn jedes Individuum wird mit einer enormen Variationsbreite von Verhaltensmöglichkeiten geboren, von denen nur ein eng begrenzter Teil durch Sozialisation zur faktischen Ausbildung kommt.[3]

Die Rollen, die wir einnehmen, werden gelernt und umfassen die Erwartungen und Anforderungen der Gesellschaft an die Frau bzw. an den Mann.

2.2. Die Geschlechterrollen im 19. Jahrhundert

Das 19. Jahrhundert ist von einem Wandel der Gesellschaft geprägt. Zukunftseuphorie und Zukunftsangst sind im Bewusstsein der Gesellschaft verankert. Es ist eine Zeit des Aufbruchs und der Erneuerung. Durch neue Verkehrsmittel, wie die Straßenbahn, das Auto, etc. und neue Kommunikationsmedien wurde das Leben der Menschen beschleunigt. Auch die gesellschaftlichen Strukturen veränderten sich in einem enormen Tempo. Es war die Phase des Übergangs von manueller zu maschineller Fabrikation. Industrieunternehmen entstanden und begannen massenhaft Güter zu produzieren, riesige Fabriken und Chemiekonzerne wurden errichtet. Die Arbeitswelt wandelte sich drastisch. Immer mehr Dienstleistungsunternehmen waren vonnöten.

Folgen davon waren bessere Löhne und Erwerbsmöglichkeiten. Das Wissen um diese Veränderungen und die neuen Möglichkeiten blieben auch den Frauen nicht verborgen. Zunehmend erleben Frauen den wirtschaftlichen Aufschwung als Möglichkeit, sich aus der Abhängigkeit zu ihrem Ehemann zu befreien und sich nicht nur auf ihr weibliches Geschlecht reduzieren zu lassen, sondern aktiv tätig zu werden, um sich intellektuell zu etablieren. Durch die Aussicht auf ein besseres Leben kam es zu einer Abwanderung in die Städte. Die zunehmende Industrialisierung brachte neue Gesellschaftsschichten hervor, einerseits das Bürgertum und andererseits die Arbeiterschaft, das Proletariat. Neue Gesellschaftsordnungen machten neue geschlechtliche Arbeitsteilungen nötig.

Das war der erste Schritt vom passiven Weib, das bis zu diesem Zeitpunkt dem Ehemann unterworfen war und nur innerhalb der Familie so zu handeln und zu denken hatte wie man es von ihr verlangte, zum aktiven Handeln.

Die Unterwerfung der verheirateten Frau und der im Elternhaus lebenden Tochter wurde, so erinnert uns die feministische Geschichtsschreibung, durch eine Ideologie gerechtfertigt, die Ideologie von den unterschiedlichen Charakteren der Geschlechter.[4]

Adjektive wie häuslich, fleißig, reinlich, sanft, zärtlich und fügsam sollten die typische Frau im Bürgertum beschreiben. Sie sei allein schon wegen physiologischen Faktoren dazu bestimmt, für das häusliche Wohl und das Wohl der Familie zu sorgen.[5] Politisch und rechtlich hatte die Frau kein Mitspracherecht.

Der Mann als aktiver Part vertrat die Familie nach außen. Er war erwerbstätig und entschied darüber, wie viel seine Gattin lernen und wissen solle, denn sie solle ihn unterhalten können, aber sich auf keinen Fall mit ihm auf einer geistigen Ebene befinden oder ihn gar an Wissen übertreffen.[6]

Schiller hat das klassische Bild der Geschlechter im 19. Jahrhundert in seinem „Lied von der Glocke“ wie folgt dargestellt[7]:

[…]Und drinnen waltet

Die züchtige Hausfrau,

Die Mutter der Kinder,

Und herrschet weise

Im häuslichen Kreise,

Und lehret die Mädchen

Und wehret den Knaben,

Und reget ohn Ende

Die Fleißigen Hände[…]

Die Verse, welche die Rolle des Mannes beschreiben, lauten:

[…]Der Mann muß hinaus

Ins feindliche Leben,

Muß wirken und streben

Und pflanzen und schaffen,

Erlisten, erraffen,

Muß wetten und wagen,

Das Glück zu erjagen. […]

Geschlechterrollen spiegeln die Ideale der Zeit wider. Geschlechterrollen und Geschlechtsrollenerwartungen spielen in den meisten Lebenskontexten eine maßgebliche Rolle. Noch immer sind große Unterschiede in den sozialen Rollen zu finden. Es stellt sich nun die Frage, wie die Kluft zwischen der nach wie vor verbreiteten Annahme der großen Unterschiedlichkeit und den tatsächlich nachweisbaren vorhandenen unterschiedlichen Eigenschaften und Fähigkeiten zwischen Männern und Frauen erklärt werden kann. Wenn Mädchen und Jungen von klein auf lernen, wie sich ein Mädchen bzw. eine Frau oder ein Junge bzw. ein Mann zu verhalten haben, werden sie sich an diesen Verhaltensweisen größtenteils orientieren. Die jeweilige Gesellschaft gibt uns demnach vor, wie wir uns zu verhalten haben.

3. Die kriegsbedingte Veränderung der Gesellschaft im 20. Jahrhundert

Im folgenden Kapitel wird ein kurzer Abriss über den wirtschaftlichen Zusammenbruch mit Kriegsbeginn gegeben, um im Anschluss daran aufzuzeigen, inwiefern und in welchen Lebensbereichen sich das Rollenbild der Frau verändert hat.

3.1. Die ökonomisch kritische Situation zu Kriegsbeginn und die damit einhergehende Veränderung der Geschlechterrollen

Während neue technische Innovationen und Technologien um die Jahrhundertwende die Wirtschaft erblühen ließen, so änderte sich dies mit Kriegsbeginn drastisch.

Mit Beginn des Krieges im Sommer 1914 schlitterte die Wirtschaft ins Chaos. Hans Loewenfeld-Russ, der Staatssekretär für Volksernährung, schrieb am 16. August 1914 an seine Frau:

[...]


[1] Meyers Enzyklopädisches Lexikon. Mannheim, Wien, Zürich: Bibliographisches Institut 1977, S. 261. (Band 20)

[2] ebd. S. 267.

[3] Dorn, Monika: Was dürfen Frauen wissen? Zur Mädchenbildung zwischen Diskriminierung und Emanzipation. Dissertation. Univ. Wien 1996, S. 20.

[4] Schildt, Gerhard: Frauenarbeit im 19. Jahrhundert. Bd. 27. Pfaffenweiler: Centaurus-Verl.-Ges. 1993, S.10.

[5] vgl. ebd.

[6] vgl. ebd.

[7] http://www.autoren-gedichte.de/schiller/das-lied-von-der-glocke.htm (abgerufen am 30.03.11)

Details

Seiten
27
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640972081
ISBN (Buch)
9783640973064
Dateigröße
405 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v176169
Institution / Hochschule
Universität Wien – Institut für Osteuropäische Geschichte
Note
2
Schlagworte
frauen krieg erste weltkrieg vater emanzipation

Autor

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