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Krise der Männlichkeit? Verkehrung der Geschlechterrollen in Franz Kafkas "Der Verschollene"

von Lisa Heinrich (Autor)

Hausarbeit 2011 27 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Hauptteil
1. Gender Studies
1.1 Entwicklung
1.2 Men's Studies
1.2.1 Krise und hegemoniale Männlichkeit um 1900
1.3 Die Kategorie gender in der Literaturwissenschaft
2. Anwendung auf den Verschollenen
2.1 Kafka und Geschlecht
2.2 Karl Rossmann
2.2.1 Karl und 'Weiblichkeit'
2.2.2 Karl und 'Männlichkeit
2.3 Inszenierung von Sexualität als Verkehrung der Geschlechterrollen?

III. Fazit

IV. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Dienstmädchen sind vergewaltigende Männer? Frühreife Gören eigentlich Ringkämpfer? Und dickleibige Bankiers tätschelnde Mütter? Warum solche Bilder in Franz Kafkas Roman Der Verschollene auftauchen und inwiefern diese etwas mit verkehrten Geschlechterrollen zu tun haben, soll in vorliegender Arbeit erörtert werden

Mit besonderer Berücksichtigung der Kategorie gender, ebenso anhand literaturwissenschaftlicher Methoden der Men's und Gender Studies, wird sich mit dem Begriff der Krise der Männlichkeit auseinandergesetzt und die Frage gestellt, inwieweit sich eine solche Problematik in Der Verschollene widerspiegelt.

Nach Erläuterung der methodischen Vorgehensweise, wird, im Kontext des Konzepts hegemonialer Männlichkeit, nach Robert W. Connell, eine Analyse der im Text vorhandenen 'Männlichkeiten' unternommen. Jedoch werden nicht nur diese, sondern auch die verschiedenen Typen von 'Weiblichkeiten', in ihrer Relation zur Hauptfigur, in den Blick genommen.

Den Anstoß für diese Fragestellung der Arbeit gibt die bisher einseitige Behandlung der Thematik. Wie in der breiten Kafka-Rezeption deutlich zu beobachten ist, existiert eine Fülle von Arbeiten über Kafkas Frauenfiguren, Kafkas Konstruktionen des Weiblichen, Kafkas Anordnung von Geschlecht und das Antipatriarchale seines Schreibens. Da es gerade um 1900, zur Zeit der Entstehung des Romans, vielfältige Diskurse über Geschlecht, Männlichkeit und Weiblichkeit, gegeben hat, fiel die Wahl auf die Nutzung gendertheoretischer und von den Men's Studies beeinflusster Konzepte. Sie tragen, mehr denn Konzepte feministischer Literaturtheorie, dazu bei, Geschlecht in seiner relationalen Verfasstheit zu untersuchen.

Es wird festzustellen sein, dass Sexualität bei Kafkas unvollendet gebliebenem Amerika-Roman eine bedeutsame Rolle spielt. Zu Verdeutlichen ist das Spannungsfeld sexueller Konnotation, anhand dessen hier Geschlecht inszeniert zu sein scheint.

Des Weiteren bleibt zu beantworten, ob Claudia Liebrand recht behält, wenn sie von einer subvertierten Trennlinie spricht, die das Männliche vom Weiblichen unterscheidet.

II. Hauptteil

1. Gender Studies

1.1 Entwicklung

Die Forschungsrichtung der Gender Studies, entwickelte sich in den 1990er Jahren innerhalb feministischer Forschungen.

Sie setzen das Bestreben feministischer Ansätze der späten 1960er- und 1970er Jahre fort, Kritik an den vorhandenen Geschlechterverhältnissen zu üben und diese zu analysieren. Zwischen feministischen Theorien und den Gender Studies bestehen allerdings markante Unterschiede:

Während Erstere die Frau und Weiblichkeit in den Fokus stellen und "von einer weiblichen Identität aller Frauen"[1] ausgehen, betrachten Letztere die soziale Konstruktion von Geschlecht, wie sie innerhalb einer Gesellschaft entsteht und aufrechterhalten wird. Im Gegensatz zu den auf Weiblichkeit fokussierten Theorien, die Männlichkeit nicht oder nur im Kontext patriarchaler Unterdrückung der Frau betrachten, gehen die gender -orientierten Theorien "von relational definierten Weiblichkeits- und Männlichkeitspositionen"[2] aus. Sie behandeln Weiblichkeit und Männlichkeit gleichwertig, da sie davon ausgehen, dass Geschlecht oder vielmehr Geschlechter in Relation zueinander stehen und entstehen.

Zur Beschreibung der sozialen Konstruktion von Geschlecht, wurde in den Gender Studies das Begriffspaar gender und sex aufgestellt. Gender meint dabei das soziale Geschlecht, wie es sich innerhalb einer Gesellschaft konstruiert und kulturell vorgegeben ist.

'Gender' [bezeichnet] die kulturell wandelbaren Zuschreibungen, diejenigen Merkmale, die zu bestimmten Zeiten in bestimmten Kulturen als 'natürlich' männlich oder weiblich angesehen werden. [3]

Sex ist der Gegenbegriff dazu. Er bezeichnet

das anatomische Geschlecht, [dass] mit 'Gender' identisch sein kann, nicht aber muss: Eine Frau in anatomischer Hinsicht kann auf sozialer Ebene als Frau erscheinen, jedoch auch männliche Rollenangebote für sich in Anspruch nehmen.[4]

Durch die Unterscheidung der Begriffe wird eine Denaturalisierung von Geschlecht möglich. Die biologistische Auffassung, dass es sich um zwei von Natur aus festgelegte und einander ausschließende Größen handelt wird nicht länger vertreten.

Eine Weiterentwicklung des Konzepts der sozialen Konstruktion von Geschlecht erfolgte in den 1990er Jahren durch Judith Butler. Sie erklärt in Anlehnung an poststrukturalistische Ansätze auch das anatomische Geschlecht zur Konstruktion.

Sie verkündete vielmehr die Geschichtlichkeit und Konstruiertheit des biologischen Geschlechts. Somit wurde die vermeintlich stabile Kategorie des 'sex' aufgeweicht[5]

Naturwissenschaften wie Medizin und Biologie träfen die Entscheidungen über die menschliche Anatomie. Sie lägen fest, welche Organe welches Geschlecht zuschreiben. So würde auch das anatomische Geschlecht konstruiert. Die naturwissenschaftlichen Disziplinen, die die Geschlechtlichkeit festlegen, "reproduzieren [...] herrschende kulturelle Normen und zementieren die geltenden Geschlechterverhältnisse."[6]

Laut Butler ist also nicht nur gender eine soziale Konstruktion, sondern sex ebenfalls. Deswegen wäre ein konstatierende Aussage über die Geschlechtlichkeit einer Person gar nicht mehr zu treffen. Diese erstellt sich vielmehr im performativen Akt immer wieder neu.

Die in den heutigen Gesellschaften bestehende binäre Ordnung von Geschlecht, schreibt neben der Festlegung in Mann und Frau, ebenfalls ein heterosexuelles Begehren vor. In den Gender Studies wird deswegen kenntlich gemacht, dass diese strikte Zweiteilung und Festlegung des gegengeschlechtlichen Begehrens alle anderen Formen und Vielfältigkeiten, wie Homosexualität, Transsexualität oder Bisexualität, ausschließt.

Der eingehenderen Untersuchung von Sexualität, in ihren gesamten Erscheinungen und ihrem Zusammenhang mit der bestehenden Geschlechterordnung, nehmen sich die Queer Studies an.

Sie entstehen zu Beginn der 1990er Jahre und fallen zum Teil mit den Gender Studies zusammen. Die Bezeichnung queer kommt vom Begriff "quer" im Sinne von "schräg", "quer" zur Norm stehend.

Im Fokus steht die Sexualität, mehr denn die Geschlechtlichkeit, die ebenfalls nicht als freiheitlich, sondern "als Produkt zivilisatorischer Zurichtungen"[7] angesehen wird.

Es findet eine Loslösung von der Annahme der klaren Polarität der Geschlechter statt. Angenommen werden Zwischenstufen, Spielräume, Grenzüberschreitungen etc. Ebenfalls findet eine größere Einbettung in historische Konstellationen statt. Wie auch bei Butler, lässt sich eine Anlehnung an poststrukturalistische Ansätze erkennen. So zum Beispiel an Foucault, als einem zentralen Bezugsautor.

Auch die sich entwickelnden Gay- und Lesbian Studies, sowie die im Folgenden noch zu beschreibenden Men' Studies, werden zum Bereich der Queer Studies gezählt.

Die Gender Studies gehen also aus den feministischen Forschungen hervor, weswegen eine absolute Grenzziehung schwer ist. Als markanten Unterschied lässt sich aber die unterschiedliche Auffassung von Geschlechtlichkeit festhalten.

Diese ist bei feministischen Theorien von der "Einheitskategorie 'die Frau' "[8] bestimmt. Gender Studies weiten diese aus und sehen die Kategorien von Männlichkeit und Weiblichkeit als sich gegenseitig bedingend und als aus sozialen und kulturellen Zuständen reproduziert. Ebenso wird auf die normierte Heterosexualität, die mit der binären Ordnung einhergeht, hingewiesen, sowie auf die "Normierungs- bzw. Reglementierungsprozesse"[9], die diese aufrechterhalten.

1.2 Men's Studies

Im Kontext dieser Arbeit von besonderer Relevanz sind die Men's Studies. Sie machen auf den Zustand aufmerksam, dass eben immer noch Frauen und Weiblichkeit im Zentrum gender-theoretischer Forschungen stehen und stellen "die scheinbare Neutralität der männlichen Position"[10] in Frage.

Männlichkeit als Geschlecht, nicht als Neutrales, Unmarkiertes, wird in den Blick genommen. Damit einhergehend findet eine Kritik am Zustand der Verallgemeinerung von Mann und Mensch statt. Männer, aus Sicht der Men's Studies, seien keine neutralen, geschlechtslosen Wesen, sondern besäßen eben auch eine Eigengeschlechtlichkeit, in ihrer historisch, kulturellen Variabilität. Diese Eigengeschlechtlichkeit gilt es zu untersuchen.

Der Begriff 'Männlichkeit' erfährt eine Pluralisierung und wird in Relation gesetzt, so dass nicht mehr die Rede von der einen 'Männlichkeit' ist, sondern von 'Männlichkeiten'. Dieser Begriff soll verdeutlichen, dass es verschiedene Konzeptionen von Männlichkeit gibt, unterschiedliche Rollen, die als männliche eingenommen werden können.

Fragen, die sich stellen wären unter anderem, wie sich Vorstellungen davon entwickeln, was männlich ist. Oder die Frage danach wie die historischen Kontexte auf Männerbilder, auf 'Männlichkeiten' einwirken?

Ein besonderes Interesse der Men's Studies liegt in der Untersuchung von Machtverhältnissen. Es besteht die Annahme, dass Männer in weitaus höherem Maß als Frauen "über das symbolische und ökonomische Kapital einer Gesellschaft" verfügen,

wobei sich männliche Macht strukturell aus der Unterdrückung von Frauen und anderen Männern ergibt - Macht ist immer Ohnmacht eines anderen.[11]

Die Untersuchungen zu Machtverhältnissen trennen sich in zweierlei Richtungen: einerseits der Untersuchung der "systematischen Unterdrückung von Frauen durch Männer", andererseits der der "Dominanzverhältnisse unter Männern"[12], wobei die jeweiligen Ohnmachtserfahrungen keineswegs gleichzusetzen sind.

Ein in diesem Kontext entwickeltes Konzept ist das der hegemonialen Männlichkeit nach Robert W. Connell. Es wird auf die Notwendigkeit von Machtanalysen von Männlichkeit hingewiesen, da sich diese immer mit Autorität verbindet und so zu Ausgrenzung und Marginalisierung führt. Nicht nur von Männern gegenüber Frauen, ebenfalls zwischen unterschiedlichen 'Männlichkeiten'.

Unter hegemonialer Männlichkeit wird keine stabile Größe verstanden, sondern "ein kulturelles Ideal, ein kulturell dominantes Deutungsmuster"[13], was unbewusst oder bewusst Orientierung bietet. Hegemoniale Männlichkeit ist als die dominante Form von Männlichkeit zu verstehen, zu einer bestimmten Zeit in einem bestimmten Raum. Sie ist historisch variabel.

[...]


[1] Die Sigle A bezieht sich bei allen späteren Verweisen auf: Schößler, Franziska: Einführung in die Gender Studies in Akademie Studienbücher Literaturwissenschaft. Hg. von Iwan-Michelangelo D'Aprile. Berlin 2008. Hier S.9

[2] A S.8

[3] Die Sigle B bezieht sich bei allen späteren Verweisen auf: Nünning, Vera: Gender in der Literaturwissenschaft: Gegenstandsbereich, Fragestellungen und Perspektiven einer gender-orientierten Literaturwissenschaft in: Literaturwissenschaft intermedial. Hg. von Herbert Foltinek & Christoph Leitgeb. Wien 2002. Hier S.133

[4] A S.10

[5] Die Sigle C bezieht sich in allen späteren Verweisen auf: Martschukat, Jürgen & Stieglitz, Olaf: "Es ist ein Junge!" Einführung in die Geschichte der Männlichkeiten in der Neuzeit in: Historische Einführungen. Edition diskord. Tübingen 2005. Hier S.28

[6] A S.11

[7] A S.12

[8] A S.18

[9] A S.18

[10] A S.134

[11] A S.138

[12] C S.54

[13] C S.56

Details

Seiten
27
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640975259
ISBN (Buch)
9783640974887
Dateigröße
563 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v176194
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
1,0
Schlagworte
Kafka Der Verschollene Amerika Männlichkeit Krise der Männlichkeit Geschlechterrollen Gender Gender Studies Franz Kafka Queer Geschlecht

Autor

  • Lisa Heinrich (Autor)

    4 Titel veröffentlicht

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