Lade Inhalt...

Zur Konstruktion des homoerotischen Männerbundes bei Hans Blüher

von Lisa Heinrich (Autor)

Hausarbeit 2011 21 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Neuere Geschichte

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Hans Blüher

3. Der Männerbund
3.1. Theoretische Entwicklung Blühers
3.2. Die Konstruktion des männlichen Bundes
3.2.1 "Selbstschöpfung der Jugendbewegung als romantischen Protest"
3.2.2. Sexualität
3.2.3. Hierarchisierung und Homoerotik
3.3. Exklusionen: Frauen und Juden
3.4. Funktionen des Männerbundes für Staat und Gesellschaft

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In vorliegender Arbeit soll sich der Theorie der Konstruktion eines auf Homosexualität beruhenden Männerbundes, wie sie sich in besonderer Weise bei Hans Blüher findet, gewidmet werden.

Dessen Lebensdaten (1888-1955) geben den zeitlichen Rahmen vor, der der genaueren Betrachtung unterzogen wird.

Blüher fügt sich ein, in die als "Umbruch" betitelte Zeit um 1900. Anhand der Darstellung seiner Theorie des Männerbundes wird versucht, nicht nur eben diesen zu beleuchten, sondern auch den Einblick in die vielfältigen Diskurse, die die Gesellschaft des Kaiserreiches und der Weimarer Republik hinsichtlich Sexualität und Vorstellungen staatlicher Organisation prägten, zu eröffnen.

Als engagiertes Mitglied der Jugendbewegung des Wandervogels, sowie Sexualwissenschaftler und Aktivist der Homosexuellenbewegung, findet sich in den Blüherschen Theorien eine besondere Verschränkung der die Zeit prägenden Tendenzen. Aufgrund dessen, dass Hans Blüher einerseits in enger Verbindung zu liberalen Kreisen wie der Homosexuellenbewegung stand, andererseits Kontakt zu Adelskreisen wie dem deutschen Herrenclub pflegte, stellte sich für mich eine Beschäftigung mit ihm als Person und seinen Werken als besonders spannend heraus.

Versuchte er doch das Phänomen der Homosexualität theoretisch zu fassen und es in Verbindung zu bringen mit konservativen, später völkisch orientierten, Organisationsformen von Staatlichkeit. Nicht zuletzt wird Blüher an manchen Stellen der Forschung, so bei Bernd-Ulrich Hergemöller, gar als "geistiger Wegbereiter des NS" gesehen.

So interessant sich seine Theorien erweisen, so wenig wurden sie in der bisherigen wissenschaftlichen Forschung untersucht. Gerade der Umstand, dass es sich hauptsächlich um neuere Publikationen handelt, verdeutlicht, dass die Forschung noch am Anfang der Aufarbeitung steht.

Diese Tatsache, sowie die besondere Beispielhaftigkeit der Verschränkung gesellschaftlicher Diskurse, bilden den ausschlaggebenden Punkt für die Wahl des Themas dieser Arbeit.

Zu Beginn findet sich ein kurzer Überblick über die Biographie der Person Blühers.

Darauf folgt die eingehende Analyse seiner Konstruktion des Männerbundes, wobei seine theoretische Entwicklung als Ausgangspunkt genommen wird, um im Weiteren die Eckpunkte herauszuarbeiten, anhand denen Blüher seine Theorie aufstellt. Beachtung finden dabei die von ihm verwendeten Exklusionsmechanismen ebenso, wie die Vorstellung von der Funktion des Männerbundes für Staat und Gesellschaft.

2. Hans Blüher

Hans Erich Karl Albert Hermann Blüher wurde am 17. Februar im Jahr 1888 in Freiburg (Schlesien), geboren. Seine Eltern waren der Apothekenbesitzer Hermann Blüher und dessen Ehefrau Helene Clara Charlotte. Beide waren evangelischen Glaubens an, weitere Kinder hatten sie nicht. Claudia Bruns schreibt:

"Blüher wuchs in einer bildungsbürgerlichen Familie des Wilhelminischen Kaiserreiches auf."[1]

Diesen Traditionen gemäß, wurde für die entsprechende schulische Ausbildung des Sohnes gesorgt. Nach der Übersiedlung der Familie nach Steglitz 1897, besuchte Blüher bis 1907 das dortige Gymnasium. Dort erfuhr er die für das Kaiserreich typischen, von Ordnung, Disziplin und Gehorsam geprägten, Erziehungsmethoden. In dem Ort bei Berlin sammelte der Gymnasiast die ersten prägenden Eindrücke, die ihn später weiter beeinflussen sollten. So trat der Schüler 1902, im Alter von 14 Jahren, der in Steglitz 1901 gegründeten Bewegung "Wandervogel- Ausschuß für Schülerfahrten" bei "und beteiligte sich - voll Hingabe für den >Oberbacchanten< Karl Fischer - am damaligen Wanderleben."[2] Jedes neue Mitglied der Gruppe musste ein Aufnahmeritual absolvieren. Das Seinige, bei dem Blüher erstmals auf Fischer traf, beschrieb er rückblickend folgendermaßen:

"Ich klingelte schüchtern, und ein Schulkamerad öffnete mir. In der qualmigen Studentenbude saßen und hockten sie durcheinander, die alten Burschen und Bacchanten [...]. Im Hintergrunde saß ein Mann mit einem Spitzbart und mit einer Gitarre auf den Knien: Karl Fischer. Ich sage >Mann<, denn so wirkte er auf uns; in Wirklichkeit war er ein älterer Jüngling; er hieß mit seinem Titel: der Oberbacchant. Ich wurde vorgestellt und mit >Heil!< begrüßt. >Willst du<, sprach Karl Fischer mit kultischem Ernst, >nachdem du erfahren hast, wer wir sind und was wir wollen, angehören als Fuchs zunächst dem löblichen Stande der Fahrenden Scholaren?< - >Ja, das will ich!< - >Willst leisten dem Oberbacchanten, den Bacchanten und Burschen, die über dich gesetzt sind, soweit dein Gewissen es zulässt, so sage laut und vernehmlich: >Ja, das will ich!< - >Ja, das will ich!< - [...] Darauf folgte der Handschlag des Oberbacchanten, der mich mit den Worten entließ: >Damit bist du aufgenommen in den löblichen Stand der Fahrenden Schüler!<"[3]

Zehn Jahre lang war er seitdem in der Jugendbewegung aktiv und blieb ihr Zeit seines Lebens treu.

Vom Kriegs- und Militärdienst war Blüher befreit worden. Bruns beschreibt dessen äußere Erscheinung als "eher schmächtig und zart, kränklich und farbenblind"[4], was zur eben oben genannten Befreiung führte, aber auch den Eindruck seiner Wandervogelkameraden prägte.

"Im Wandervogel erhielt er wegen seines dürren, kantigen Körpers und seines bizarren Wesens den Spitznamen >Gestalt<"[5]

Im Anschluss an seine Schulzeit, die er mit Erhalt des Abiturs beendete, folgten Blühers Studienjahre. Sowohl in Berlin, als auch in Basel, studierte er 16 Semester lang Philosophie und Altertumskunde. Die hohe Anzahl an absolvierten Studiensemestern lässt schon vermuten, dass Blühers Studium wenig zügig voran ging: "Gemessen an den bürgerlichen Leistungskriterien"[6] bot er seinen Eltern wenig Grund, um stolz auf ihren Sohn zu sein.

1916 verließ er die Universität, ohne jedoch seine Dissertation über "Schopenhauers Erkenntnistheorie"[7] zu beenden. Dazu kam es nicht, denn Blüher, der schon zuvor durch Veröffentlichung zahlreicher Schriften bekannt geworden war, wurde nach Verfassen eines Pamphlets gegen den damaligen Rektor Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff, der Universität verwiesen. Weniger seine deutlich antifeministischen Äußerungen, als vielmehr die Befürchtung der Verbreitung homosexueller Lebensweise, wurden als beunruhigend empfunden.

Spätestens mit seiner Exmatrikulation begann Blüher seine Karriere als freier Schriftsteller und Publizist.

Seine Geschichte der Wandervogelbewegung, sowie die skandalträchtige Schrift Die Wandervogelbewegung als erotisches Phänomen veröffentlichte er beide aber bereits 1912. Sein Hauptwerk Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft folgte 1917/1919.

Er lebte fortan in Berlin-Hermsdorf. 1922 heiratete er die Ärztin Else Hebner; sie bekamen zwei Kinder.

In den Jahren bis 1933 veröffentlichte Blüher an die 160 Schriften. Er publizierte sowohl in den von Sigmund Freud und Magnus Hirschfeld herausgegeben Fachzeitschriften zu Sexualität und Homosexualität, als auch unterhielt er engen Kontakt zu Adolf Brand, dem Herausgeber der Zeitschrift Der Eigene.

Obwohl er in Kontakt mit einigen Nazigrößen wie Alfred Bäumler oder Ernst Röhm stand, wurde es nach der Machtergreifung bis 1945 still um ihn.

Hans Erich Karl Albert Blüher starb am 4. Februar 1955 in Hermsdorf an einer Leberzirrhose.[8]

3. Der Männerbund

3.1. Theoretische Entwicklung Blühers

"In B.s Werk fließen Sexualtheorie, Philosophie, Geschichte(n), Autobiographie, Aphoristik, Dichtung und Belletristik ungeschieden zusammen. Seine ca. 160 Einzelveröffentlichungen weisen nicht geringe Brüche und Selbstwidersprüche auf."[9]

Beeinflusst von Kontakten aus seiner Verbindung zum Wandervogel bewegte sich Hans Blüher in den Jahren während seines Studiums in "jüdischen wie homosexuellen Künstler-, Psychoanalytiker- und Intellektuellenmilieus Berlins"[10]. Von 1912-1915 publizierte er in den schon zuvor erwähnten Fachzeitschriften Freuds und Hirschfelds. Er war aktiv am gesellschaftlichen Diskurs zu Sexualität und Homosexualität beteiligt, welcher nicht nur durch die Verbindungen zur Psychoanalyse auf breites öffentliches Interesse stieß.

Blüher war einige Monate lang Mitarbeiter im Wissenschaftlich-Humanitären Komitee (WHK) des jüdischen Arztes und Sexualwissenschaftlers Magnus Hirschfeld. Das Komitee setzte sich mit seiner Arbeit für die Reform des Paragraphen 175 ein, welcher Homosexualität und ebensolche Praktiken unter Strafe stellte. Mehr als zum WHK, fühlte sich Blüher hingezogen zur von Adolf Brand gegründeten Gemeinschaft der Eigenen. Als Teil der homosexuellen Bürgerrechtsbewegung setzte sie sich, wie auch das WHK, für die Abschaffung des Paragraphen ein. Insbesondere durch die Herausgabe der Zeitschrift Der Eigene verfolgte Die Gemeinschaft die Emanzipation der Homosexuellen.

Die beiden Vereinigungen, das WHK und Die Gemeinschaft, unterschieden sich jedoch in nicht unwichtigen Punkten der Theoriebildung zur Homosexualität. Hirschfelds bekannte Zwischenstufentheorie und die biologisch begründete Lehre vom dritten Geschlecht basierten auf der Annahme einer Homosexualität impliziten Weiblichkeit.

Dem entgegengesetzt vertrat der Teil der Homosexuellenbewegung aus dem Umfeld D er Gemeinschaft die Vorstellung von der "Aufwertung der Virilität der Homosexuellen"[11]. Sie wehrten sich demnach gegen die Annahme, dass homosexuelle Männer besondere weibliche Merkmale oder Anteile in sich trügen und vertraten stattdessen die Auffassung von einer besonders ausgeprägten Form der Virilität, der Männlichkeit, der Homosexuellen. Vorstellungen von Effiminiertheit lehnten sie grundsätzlich ab.

[...]


[1] Die Sigle A bezieht sich bei allen späteren Verweisen auf: Bruns, Claudia: Politik des Eros. Der Männerbund in Wissenschaft, Politik und Jugendkultur (1880-1934). Böhlau Verlag. Köln. 2008. Hier: S.197

[2] Die Sigle B bezieht sich bei allen späteren Verweisen auf: Hergemöller, Bernd-Ulrich: Hans Blüher in: Homosexualität. Handbuch der Theorie- und Forschungsgeschichte. Hg. Rüdiger Lautmann. Campus Verlag. Frankfurt. New York. 1993. Hier: S. 150

[3] Zitiert nach A S. 225: Werke und Tage. Geschichte eines Denkers, München: Paul List [Stark verän. u. erw. Fassung v.: 1920j; Kap. 4 (179-202) ist ein gekürzter u. tlw. veränd. Abdr. v.: 1952b; Auszug aus Kap. 8 (403-420) leicht gekürzt Nachdr. in: 1960a] S. 186f.

[4] A S.215

[5] Zitiert nach A S. 215: Werke und Tage, Bd. 1, m.e. Reproduktion der Büste Hans Blühers v. Joachim Karsch, Jena: Diederichs (1.-4. Tsd.), 1920 [vgl. die stark veränd. u. verm. zweite Fassung: 1953b; Teilnachdr. 1988a] Sonderausgabe in 50 Ex, handschriftlich nummeriert. S. 20

[6] A S. 216

[7] A S. 216

[8] B S.151

[9] B S.151

[10] Die Sigle C bezieht sich in allen späteren Verweisen auf: Brunotte, Ulrike: Zwischen Eros und Krieg. Männerbund und Rituale in der Moderne. Band 70 der Reihe: Kleine Kulturwissenschaftliche Bibliothek. Wagenbach. Berlin. 2004. Hier: S.72

[11] C S.73

Details

Seiten
21
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640975266
ISBN (Buch)
9783640974856
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v176197
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
1,3
Schlagworte
Hans Blüher Blüher Männerbund homoerotischer Männerbund Wandervogel Männerbundkonstruktion Jugendbewegung Sexualität Kaiserreich Homosexualität Homosexuellenbewegung

Autor

  • Autor: undefined

    Lisa Heinrich (Autor)

    4 Titel veröffentlicht

Zurück

Titel: Zur Konstruktion des homoerotischen Männerbundes bei Hans Blüher