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Gewalt im Namen der Ehre

Zwangsheirat und Ehrenmord

Bachelorarbeit 2011 51 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Zwangsheirat
2.1 Zwangsheirat - Definitionen und Abgrenzungen
2.2 Arrangierte Ehe - Definitionen und Abgrenzungen
2.3 Zwangsheiratbei Frauen
2.4 ZwangsheiratbeiMännern
2.5 Motive und Gründe für Zwangsverheiratung
2.6 Folgen einerZwangsverheiratung
2.7 Rechtlicher Aspekt

3 Ehre: Definition aus türkischer Perspektive

4 Ehrenmord
4.1 Definition von Ehrenmord
4.2 Ursachen von Ehrenmord
4.3 Rechtlicher Aspekt

5 Präventionsmaßnahmen und Hilfsmöglichkeiten für Opfer

6 Zwangsheirat und Ehrenmorde - Gibt es Zusammenhänge mit dem Islam?
6.1 Was ist Islam?
6.2 Die Stellung der Frau
6.2.1 Die Stellung der Frau in der frühen Gesellschaft
6.2.2 Der Stellenwert von Frau und Mann und die Ehe im Islam
6.2.3 Zwangsheirat und Ehrenmorde im Islam

7 Fallbeispiel Ayhan Sürücü: Leben diejenigen, die Ehrenmord begehen überhaupt islamisch?

8 Fazitund Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Sehr geehrte Frau Müller“, ist Ihnen dabei was aufgefallen? Ich habe Ihnen gerade Ehre zugesprochen. Es kann sein, dass es hier in Deutschland üblich ist, jemanden, der als Ehrenhaft empfunden wird, mit „geehrte/r“ anzusprechen. Doch wieso ist die Ehre in diesem Zusammenhang etwas positives obwohl das Wort auch eine Verknüpfung zur Gewalt beinhalten kann?!

Lange Zeit wurde das Thema Zwangsheirat von der Öffentlichkeit nicht beachtet. Der Mord an der 23-jährigen Hatun Sürücü am 7. Februar 2005 empörte ganz Deutschland. Durch diverse Medienberichte, ausführlichen Reportagen und Dokumentationen über Zwangsverheiratung und Ehrenmorde gewann das Thema langsam an Bedeutung. Mittlerweile wird dies als gesamtgesellschaftliches Problem angesehen. Aufgrund der öffentlichen Diskussionen setzen sich immer mehr Opfer gegen eine Zwangsverheiratung zur Wehr.

Diese Bachelorarbeit hat zum Ziel, Einblicke in die Themenfelder der Zwangsheirat und Ehrenmorde zu geben. Dabei soll untersucht werden, ob es Zusammenhänge zwischen Ehrenmord und Islam gibt.

Ich bin 1987 in Deutschland als Tochter einer Gastarbeiterfamilie, welche in den 60er Jahren nach Frankfurt a.M. immigrierte, geboren und gehöre der sogenannten 3.Generation der Migrantenkinder an. Im Laufe meiner bisherigen Entwicklung, insbesondere meiner Pubertät, und dem Erwachsenenalter, habe ich auf der einen Seite oft genug mit Leib und Seele die Schwierigkeiten, Hindernisse sowie die inneren Widersprüche zu spüren bekommen, mit denen Menschen mit einem Migrationshintergrund zu kämpfen haben. Mit Vorurteilen und Klischees werden Muslime überhäuft und stehen mit der eigenen Religion im Mittelpunkt der Gesellschaft. Durch die Tatsache, dass Migranten oftmals nicht öffentlich über ihre Situation und Problemlagen reden können, wird von der Gesellschaft meist verallgemeinert und falsch interpretiert. Fehlendes Wissen und mangelnder Aufklärung führen zu klischeebeladenen Denkschemata, welche das gegenseitige Verständnis verhindern.

Trotz langem Dasein der Gastarbeiterfamilien in der Bundesrepublik Deutschland wissen beide Kulturen kaum etwas über die Lebensweisen und Handlungsorientierungen der Anderen. Demnach soll die vorliegende Arbeit einen Beitrag zum besseren Verständnis sowohl der Lage arabischen und türkischen Mädchen mit Migrationshintergrund als auch der Situation ihrer Familien leisten.

Primäres Ziel dieser Bachelor-Thesis ist, mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Aufklärung beizutragen. Des Weiteren soll durch diese Arbeit den Menschen geholfen werden, nicht dieselben 'autoritären' und 'traditionellen' Erziehungswege zu beschreiten, die ihre Eltern einschlugen.

Beginnen wird diese Arbeit (Kapitel 2) mit den Definitionen von Zwangsheirat und der arrangierten Ehe.

Da auch Fälle der Zwangsverheiratung bei Männern existieren, wird kurz auf die Unterschiede der Zwangsverheiratung bei Männern und Frauen eingegangen. Schließlich sollen die Motive, Gründe und die rechtlichen Aspekte näher beleuchtet werden. Im folgenden (Kapitel 3) beschränke ich mich auf die Definition der türkischen Ehre, da alles andere den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. Im darauffolgenden Teil (Kapitel 4) wird beschrieben, was Ehrenmord ist und welche möglichen Ursachen, Folgen und rechtlichen Aspekte diesbezüglich entstehen können. Das Kapitel 5 zeigt einige Hilfsmöglichkeiten und Präventionsmaßnahmen für die Betroffenen auf. Dazu werden mögliche Bekämpfungsmaßnahmen aufgezeigt. Da diese Themen stets in Verbindung mit dem Islam gebracht werden, soll im vorletzten Abschnitt (Kapitel 6) die Sichtweise des Islam zum Thema Ehrenmord und Zwangsverheiratung dargestellt werden, dabei wird die Rolle der Frau und des Mannes in der Ehe analysiert. Zum Schluss (Kapitel 7) soll ein praktisches Fallbeispiel das Ganze in Bezug zur Realität setzen. Um die Interdisziplinarität dieser Arbeit zu gewährleisten und um sich einen reflektierten und kritischen Überblick über das Thema zu verschaffen, wurde auf eine breitgefächerte Literatur zurückgegriffen.

2. Zwangsheirat

Frauen und Männer werden weltweit gegen ihren Willen verheiratet. Zwangsheirat ist heute noch fast überall ein Tabuthema, welchesjedoch in den letzten Jahren verstärkt in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gelangte. TERRE DES FEMMES hat mit ihrer einjährigen Kampagne „STOPPTZwangsheirat - NEINzu Gewalt an Frauen “ versucht, im Jahre 2004 bundesweit auf die Problematik der Zwangsheirat aufmerksam zu machen. Die Autorin Myria Böhmecke benennt denkbare psychische und physische Arten von Gewalt im Namen der Ehre. Sie beschreibt die Zwangsheirat und das Verstoßen aus der Familienbande als Formen, in denen Gewalt sowohl physische als auch psychische Folgen haben[1].

Um jedoch die Grenze zwischen der Zwangs-, und der arrangierten Ehe ziehen zu können, muss zunächst definiert werden, was einerseits unter der Zwangsheirat und anderseits unter der arrangierten Ehe verstanden wird.

2.1 Zwangsheirat - Definitionen und Abgrenzungen

In der Literatur wird meistens eine begriffliche Unterscheidung zwischen den beiden Termini, Zwangsheirat und der arrangierten Ehe gemacht. Ob, und in welcher Art eine Unterscheidung vorgenommen werden muss, ist in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung kontrovers diskutiert, denn ab wann fängt überhaupt eine Zwangsheirat an und wo hört diese auf?

Laut Angela Icken kann erst von einer Zwangsheirat ausgegangen werden, wenn ein Ehearrangement durch die Durchsetzung von Macht oder durch die Ausübung von Gewalt gegenüber mindestens einem der beiden Ehekandidaten vollzogen wird. „Macht und Gewalt stehen dabei in einer engen Beziehung, denn Macht ist als Druckmittel anzusehen, das nur so lange ohne Gewalt auskommt, wie die bloße Möglichkeit des Gewaltansatzes ausreicht, um den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen[2].“ Nach Gedik Ipek wird unter Zwangsverheiratung eine allgemein aufgezwungene Eheschließung verstanden, bei der sich die Personen zur Heirat genötigt fühlen und mit ihrer Weigerung kein Gehör finden oder sich nicht trauen, sich den Eltern, der Familie, dem Verlobten oder Schwiegereltern zu widersetzen. Durch das Angstgefühl kommt das Schweigen, so dass psychischer, sozialer Druck und emotionale Erpressung ausgeübt werden kann. Zwangsverheiratung im engeren Sinne bezieht sich auf den erzwungenen Prozess der Eheschließung. Dies beschreibt eine besondere Form familiärer Gewalt, wobei auf Seitens des Täterjegliches Unrechtsbewusstsein fehlt. Ganz im Gegenteil, hier steht traditionelles Rechtsbewusstsein versus ,,[...]aufgeklärtes Selbstbestimmungsrecht[3].

Die Hamburger Sozialwissenschaftlerin Necia Kelek sieht jedoch keinen Unterschied zwischen den beiden Tatbeständen. Sie vertritt die These, dass im Falle einer arrangierten Ehe nicht von freier Willensentscheidung Seitens der Braut zu sprechen sei, sondern auf psychologischer bzw. sozialer Ebene enormer Druck ausgeübt wird, so das Verweigerung, z.B. weinen, nicht als solches wahrgenommen wird. Daher gibt es für sie keinen Unterschied zwischen der arrangierten Ehe und der Zwangsehe, das Ergebnis ist dasselbe[4]. Auch für die türkischstämmige Autorin Serap Cileli gibt es keinen Unterschied zwischen den beiden Termini, beides fließt ihrer Meinung nach ineinander ein. Bei einer etwas fortschrittlichen türkischen Familie hat die Tochter noch die freie Auswahl zwischen zwei oder drei Heiratskandidaten, jedoch müsse sie sich letztendlich für einen der Männer entscheiden. Daher ist Cileli ebenso der Ansicht, dass viele Zwangsehen einfach als arrangierte Ehen getarnt werden, denn am Ende können die Betroffenen keinen eigenen Entschluss treffen[5].

Migrationsforscher lehnen die Gleichsetzung von Zwangsheirat mit der arrangierten Ehe, wie sie Kelek und Cileli vornehmen, ab und erklären, warum dies falsch ist. Mittlerweile sind es nicht mehr die Eltern, die als Handelnde auftreten, sondern die jungen Menschen selbst, die in Deutschland aufgewachsen und untereinander vermittelt werden wollen und eigenständig Kontakte anbahnen[6]. Zweifellos muss gesagt werden, dass die Autorin Necia Kelek mit ihren Kampf gegen Zwangsverheiratungen Recht hat. Dennoch nimmt die Diskussion, die durch sie ausgelöst worden sind, ausgesprochen problematische Züge an. Ihre sogenannten Leidensgeschichten, die von ihr verfasst werden, haben stets ein Doppelgesicht. Sie durchdringen die Mauern des Schweigens und verlangen laut und publikumswirksam zu agieren. Indem Sie das in vereinfachter, verkürzter und pauschalisierter Form handhabt, findet Sie genau dafür große Zustimmung in der Öffentlichkeit[7]. Für muslimische Migrantlnnen haben diese Verallgemeinerungen fatale Folgen, so wie Margret Jäger (1996) in ihrer Arbeit nachweist. Mit bemitleidenswerten Blicken und Haltungen wird die Muslima betrachtet, der unterstellt wird, von ihrer Familie zwangsverheiratet und unterdrückt worden zu sein. Dies dient letztendlich nur zur Ausgrenzung einer ganzen Gruppe, obwohl geglaubt wird ,mit den unterdrückten Frauen solidarisch zu sein.[8]

Um jedoch Verallgemeinerungen zu umgehen, ist es von großer Wichtigkeit die Zwangsheirat von der arrangierten Ehe zu differenzieren, wenngleich eine Abgrenzung in einigen Fällen schwer zu treffen ist, da die Grenzen ineinander einfließen können[9].

2.2 Arrangierte Ehe - Definitionen und Abgrenzungen

Das Arrangement einer Ehe wird zwar von Verwandten oder Bekannten arrangiert, aber prinzipiell im Einverständnis der Ehepartnerinnen geschlossen. Das muss jedoch nicht bedeuteten, dass Braut und Bräutigam in den Prozess der Heiratsvermittlung einbezogen werden. Ob und wie oft die Kandidaten ihre vorgesehenen Ehegatten bzw. Gattinnen im Vorfeld getroffen haben, ist von Familie zu Familie unterschiedlich, ebenso wie die Form, in der die Betroffenen ihre Ablehnung kundtun können, für den Fall dass sich Antipathie bildet[10]. In bestimmten Umständen mag es daher strittig sein, ob es sich nicht doch um eine Zwangsheirat handelt, zumal das Brautpaar oft mehr oder weniger subtilem psychischem Druck ausgesetzt sind oder, in seltenen Fällen, auch gezwungen werden sich zu entscheiden, damit die Trauung endlich stattfinden kann. Viele arrangierte Ehen, in denen Braut und Bräutigam motiviert oder überredet werden, können bereits als Zwangsehen betrachtet werden, da im Vorfeld die freie Entscheidung der Kinder möglicherweise manipuliert wurde. Zu alledem kommt noch hinzu, dass aufgrund des Alters der jungen Menschen kein eigener Willen entwickelt werden kann. Die Bewertung arrangierter Ehen sollte daher nur im Einzelfall geschehen, da eine pauschale Verdächtigung familiärer Ehearrangements genauso unangebracht wäre wie ihre Akzeptanz[11]. Die Autorin Maria Schiller beleuchtet die Angelegenheit aus der Perspektive der Eltern. Eltern selbst, so sagt sie, sind mit der Idee der arrangierten Ehe aufgewachsen und sehen das als einfache Norm und nicht als wirklichen Zwang an, denn sie wollen ja schließlich nur das Beste für ihre Kinder[12]. Genauso Gaby Straßburger, welche sich sorgfältig mit dem Heiratsverhalten türkischer Migrantlnnen auseinandersetzt, spricht von einer grundlegenden begrifflichen Differenzierung und gegen die Pauschalverurteilung arrangierter Ehen aus. Sie versteht unter arrangierter Ehe die Auswahl des Partners durch Eltern, Verwandte oder dem Heiratsvermittler, die letztendliche Vermählung aber, die Zustimmung beider Ehepartner voraussetzt[13]. Darüber hinaus formuliert Straßburger, dass es eine Grauzone gebe, zwischen dem die Grenzen des freien Willen und den Wünschen der Eltern ineinander verschwimmen, vor allem in Familien, bei denen die Heiratspläne nur implizit kommuniziert werden[14]. In ihrem Buch „Heiratsverhalten und Partnerwahl im Einwanderungskontext“ geht sie auf eine Studie von Stopes-Roe und Cochrane [1990] näher ein, welche sich mit den vier unterschiedlichen Varianten von Partnerwahlmodi beschäftigt. Die erste Variante ist die (1) traditionelle Eheschließung. Darunter wird eine völlig arrangierte Ehe verstanden, wo sich die Ehepartner am Hochzeitstag das erste Mal begegnen. Zuvor kannten sie sich beide nur durch Erzählungen und einigen Bildern. Ein Vetorecht kann hier nur in Extremfällen eingesetzt werden. Als nächstes kommt das (2) modifizierte Ehearrangement. Hier wird die Partnerauswahl selbst entschieden, wobei aber die Eltern zuvor eine Vorauswahl trafen. Bei der (3) kooperativen Partnerwahl ist die Rollenverteilung der Personen nicht festgeschrieben, sondern situationsbedingt. Die endgültige Entscheidung wird im Familienkreis gemeinsam gefällt. Die vierte Variante ist die (4) selbst organisierte Ehe. Hier liegt die vollkommene Entscheidung bei den Ehepartnern. Diese Vorgehensweise entspricht weitgehend der Form der westlichen Gesellschaft. Wünschenswert ist jedoch, dass auch hier die Eltern stets dabei berücksichtigt werden. Die meisten Migranten gehen weder eine völlig traditionelle, noch eine komplett selbst organisierte Ehe ein, sondern entscheiden gemeinsam mit ihren Eltern, wen sie heiraten wollen und wen nicht. In der westlichen Welt stößt diese Denkhaltung auf Unverständnis, da es dem Verständnis von Selbstbestimmung widerspricht und oftmals mit Zwang in Verbindung gebracht wird. Dabei wird die traditionelle' mit der modernen' Kultur verglichen. Die Bezeichnung, dass die moderne Kultur auf freier Partnerwahl basiert, fortschrittlich, emanzipiert ist und die arrangierte Ehe eher auf Unfreiheit, implizieren laut Straßburger eine negative Zuschreibung, der rückwärtsgewandten Fremden[15]. Nach Stopes- Roe und Cochrane wird die Familie so positiv bewertet, dass das Individuum sich nicht durch die arrangierte Ehe in der Freiheit eingeschränkt fühlt, sondern dies eher als Unterstützung ansieht[16]. Beck-Gernsheim spricht ebenso über weitverbreitete Stereotypen in der Öffentlichkeit. Stereotypen arrangierter Zwangsehen' sind für sie viel zu pauschalisierend, sprich aus der Lebens- und Vorstellungswelt der deutschen Mehrheitsgesellschaft gedacht. Einerseits zählt der Willen der Eltern und andererseits die Wunschvorstellungen der Kinder. Heutzutage wollen türkische Eltern sich nicht über die Entscheidung der Kinder hinwegsetzen, ganz im Gegenteil. Frau Beck-Gernsheim redet von entgegen gängigen Klischees und einseitiger Medienberichterstattung, denn erzwungene Ehen sind bei Migranten in Deutschland eine Seltenheit. Da es für die meisten türkischen Frauen eher unüblich ist, alleine Diskotheken oder ähnliche Einrichtungen zu besuchen, bekommen Zusammenkünfte mit den Verwandten, Feste und Feierlichkeiten eine besondere Bedeutung. Oft sind diese Orte Singlebörsen, wo junge Menschen sich kennen und lieben lernen. Das heißt also nicht, dass Ehen, die in einem solchen Rahmen geschlossen werden, deshalb als arrangiert gelten und somit keine Liebesheirat sind. Viele Menschen mit Migrationshintergrund sind für deutsche Verhältnisse überraschend offen bezüglich eines gewissen Einfluss seitens der Familie und den Eltern wenn es um die Partnerwahl geht. Eine eigene Entscheidung bezüglich der Heirat zu treffen, erscheint den Migranten als eher schwierig und nicht empfehlenswert, denn sie nehmen lieber die Unterstützung und den Rat der Eltern an[17]. Gaby Straßburger belegt dies mit einer Studie, bei der sie die Partnerwahl der zweiten Migranten-Generation erforscht hat. Die Befunde ergaben, dass die meisten Angehörigen der jüngeren Generation die arrangierte Ehe nicht ganz ablehnen, sondern eher dazu neigen, einen Urteil zwischen den verschiedenen Formen des Familieneinfluss abzuwägen. Das heißt, sie lehnen die arrangierte Ehe nicht völlig ab, sondern können daraus positive Aspekte entnehmen. Hier besitzt die Frau und der Mann mehr Entscheidungsmacht. In Anwesenheit einer dritten Personen können die Partner sich kennenlemen und gemeinsam beschließen, ob eine Heirat stattfindet oder nicht; dieser Beschluss wird dann den Eltern mitgeteilt[18].

Forscher haben einige Jugendliche nach ihrem Erziehungsstil und dem Familienklima befragt. So sollten sie zum Beispiel angeben, welchen Einfluss die Eltern auf die eigene Partnerauswahl haben. Die Befragung ergab, dass die Mehrheit der Jugendlichen, knapp sechzig Prozent, geringeren Einfluss, sehr geringen oder gar keinen Einfluss als Antwort angaben. Eine andere Frage beschäftigte sich mit der Fragestellung, was bei einem religiösen Verstoß geschehen würde, ob mit einer Bestrafung seitens der Eltern gerechnet werden muss. Hier antworteten drei Viertel der Jugendlichen mit der Antwortmöglichkeit „leicht“ bis „gar nicht bestraft“. Das sind laut Wilhelm Heitmeyer und seine Kollegen die empirischen Befunde[19].

2.3 Zwangsheirat bei Frauen

Durch die Zwangsverheiratung werden Mädchen und jungen Frauen das Recht auf persönliche Freiheit genommen. Oft haben sie keine Chance den Bräutigam vor der Hochzeit kennen zu lernen; und gleich nach der Hochzeit müssen sie ihm gehorchen und dem Mann und seiner Familie zu Diensten stehen, wo sie unterdrückt und rechtlos sind[20]. Auf diese Weise werden sie zu ehelichen Pflichten gezwungen, müssen ihrem Mann sexuell zur Verfügung stehen, ihre Arbeitskraft wird ausgebeutet, ihre Bildungschancen gemindert und eine freie Wahl ihrer Lebensgestaltung wird verhindert. Gründe, warum Eltern ihre Töchter Zwangsverheiraten, sind multikausal. Die Beweggründe sind einmal traditionell bedingt; Eltern wollen, dass ihre Töchter gut versorgt werden. Weiter kann eine Zwangsheirat in den Augen der Eltern vonnöten sein, wenn sie das Gefühl haben, dass ihre Kinder ihrem Einfluss entgleiten.[21]Die Angst vor dem Gesichtsverlust, bei Verwandten und Bekannten, dass die eigene unverheiratete Tochter Freundschaften und Beziehungen zu fremden Jungs bzw. Männern eingehen könnte, ist ebenso ein Beweggrund. Ein weiterer Anlass ist die Verantwortung für die Unberührtheit der Tochter vor der Ehe, welches von den Eltern abgegeben werden möchte - eine schnelle Heirat kann dabei entlasten. Gerade hier in Deutschland, wo Mädchen und junge Frauen fremdartigen und suboptimal empfundenen Einflüssen der Gesellschaft ausgesetzt sind, versuchen Eltern ihre Töchter mit einer Eheschließung auf den richtigen Weg zurückzuführen. Durch die traditionellen Strukturen werden Frauen auf verschiedener Weise zwangsverheiratet.

Zwangsheirat ist nicht nur ein schwerwiegender Einschnitt in das Leben einer Frau, sondern hat auch weitreichende Konsequenzen für die körperliche und seelische Gesundheit der jeweiligen Person. Insbesondere gilt dies für Mädchen, da sie oftmals ihre Ausbildung abbrechen und ihre Arbeit aufgeben müssen. Damit wird ihnen jede Möglichkeit auf ein unabhängiges Leben verwehrt. Junge Frauen werden zu Sexobjekten und von ihren Ehemännern zum Geschlechtsverkehr gezwungen. Ihre unreifen Körper müssen die Gefahren wiederholter Schwangerschaften und Geburten aushalten[22]. Frauen, die sich gegen eine drohende Zwangsheirat wehren, sind oftmals isoliert. Die Familienangehörige schrecken oft vor nichts zurück. So können körperliche Misshandlungen Alltag für die Betroffenen werden, wenn sie sich gegen eine Verheiratung entscheiden oder diese auflösen wollen[23]. Geht eine Frau eine unerwünschte Verbindung mit einem Mann ein, wird sie von ihrer eigenen Familie verstoßen[24].

Hanife Gashi und andere Betroffene beschreiben ihre Zwangsverheiratung und ihr Leid folgendermaßen:

Es ist auch die Geschichte meiner Ehe. Sie begann mit einer Zwangsheirat im Kosovo. Vor rund zwanzig Jahren wurde ich als Siebzehnjährige mit einem Mann 'verheiratet, den ich am Hochzeitstag zum ersten Mal gesehen habe[...] Auf ihrem Bauernhof wurden die Traditionen sehr 'viel strenger gelebt, als ich es aus meinem Dorf und Elternhaus kannte. Mit Schlägen bläute mir mein Ehemann Disziplin ein, zwang mich zu bedingungsloser Unterordnung [,..]Er schlug uns, missbilligte meinen Deutschkurs und später meineAusbildung, er 'wollte mich nicht als Altenpflegerin arbeiten sehen. Besonders drangsalierte er seine älteste Tochter Ulerika, seit sie in die Pubertät kam.[25]

Serap Cileli:

“[...]Die traumatischen Erlebnisse meiner Vergangenheit, die Zwangsehe, die Versklavung und Entmündigung durch meine Eltern, die Flucht und schließlich die schmerzliche Trennung meiner Familie holten mich immer 'wieder ein.[26]

Leid, Kummer, Trauer und Verzweiflung waren die Wegbegleiter dieser Menschen. So wie es diesen Frauen damals ergangen ist, ergeht es heute noch etlichen Anderen. Auch Männer sind von Zwangsehen betroffen. Im nächsten Kapitel soll folglich darauf eingegangen werden.

2.4 Zwangsheirat bei Männern

Keiner spricht darüber, doch auch Männer sind von Zwangsehen betroffen. Oft schweigen die männlichen Betroffenen darüber, denn es steht ihnen nicht zu, zu weinen oder über körperliche und seelische Schmerzen zu reden. Ein richtiger Mann darf sich nicht beklagen und Schwäche zeigen. Wenn er Opfer der Zwangsheirat wird, muss er solches Leid ertragen können, erfüllt er dies nicht, wird er in seiner Gesellschaft als Versager tituliert. Die Ehe und Sexualität mit einer ungeliebten Lebensgefährtin kann für den Mann dieselben Qualen (wie bei einer Frau) bedeuten[27]. Ebenso wie bei Frauen gibt es auch bei Männern unterschiedliche Indizien, die auf den ersten Blick auf eine Zwangsheirat hindeuten: Die Eheschließung als Disziplinierung, das niedrige Alter der jungen Männer und die weit verbreitete Eheschließung mit Verwandten und Bekannten. Es ist dennoch nicht einfach nachzuweisen, ob Männer zwangsverheiratet werden, da selten darüber gesprochen wird. Meist profitieren sie mehr von der Ehe als die Frauen. Jedoch muss vor allem in der Anfangsphase von Zwang ausgegangen werden, da den jungen Männern öfters vorgeschrieben wird, heiraten zu müssen. Dieser Zwang wird aber in die sekundäre Motivlage umgewandelt, weil Männer schneller überzeugt werden, dass sie von einer Eheschließung nur nutzen ziehen können[28]. Ausschließlich werden die alltäglichen Lasten der Haushaltsführung und Kindeserziehung etc. nach der Ehe von der Frau getragen, da sie selten erwerbstätig und in erster Linie in die Verwandtschaftsbeziehung involviert ist. Hier müssen die Geschlechtsrollendifferenz strikt eingehalten werden[29]. Diese Punkte spiegeln die Realität wieder, wie am Beispiel von Yüksel (I):

,,[..]Meine Mutter meinte, es wäre gut, 'wenn ich meine Cousine in der Türkei heiraten 'würde [...] Sie meinte, die Cousine sei gut für mich, 'weil 'wir die Familie gut kennen: Das sind unsere Verwandte.[30]

Auch Muhamet erläutert die Gründung seiner Eheschließung wie folgt:

„Meine Eltern -wollten, also ich wollte auch, ne, ich soll ein Mädchen heiraten. Die soll aus unserem Dorf sein, am besten verwandt [...] Ja, weil, da kann noch eine Familie nach Deutschland[..f Wir können die Familie in Türkei unterstützen, mit Geld meine ich, oder wir können ein Haus für die kaufen [...].[31]

Daraus ist stark anzunehmen, dass Muhamet bei der Werbung um die Braut von seinen Eltern motiviert beziehungsweise unter Druck gesetzt wurde, damit er eine Frau aus der Familie heiratet. Er spricht zwar öfters davon, dass es sein eigener Wunsch war, sich mit einer Verwandten zu liieren, aber die Formulierung 'meine Eltern wollen' deutet eher darauf hin, dass sein Wunsch im Vorfeld stark manipuliert wurde[32].

Getroffen hat es ebenfalls Yüksel (II). Er heiratete nach der Wunschvorstellung seiner Eltern und beschreibt sein Denken und sein Handeln dementsprechend:

„[...] Ich bin schon der Meinung, dass die Eltern mehr Einfluss auf die Söhne haben, 'wenn sie noch jünger sind[...J Ich habe später nach den Wünschen meiner Eltern geheiratet, weil das mit meiner Freundin nicht geklappt hat. Zum Glück hat das nicht geklappt. Meine Eltern und ihre Eltern hätten sich nicht -verstanden. Dass mit den Familien ist aber wichtig, sonst klappt auch die Ehe nichŕ[33].“

Vergegenwärtigt man sich die Entwicklungen und Erzählungen der Einzelnen, so fällt auf, dass die Mehrheit in einer patriarchalischen Familienstruktur aufgewachsen sind, die streng nach den traditionellen Werten und Normen leben. Diese Form zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass eine klare Rollenverteilung vorliegt. Die Familie ist von einer kollektivistischen Lebensform geprägt. Der Einzelne selbst ist stets mit dem Wir verbunden und definiert sich stets über andere[34].

2.5 Motive und Gründe von Zwangsverheiratung

Doch warum finden diese Zwangsverheiratungen überhaupt statt? Um zu verstehen was die Motive und Gründe für eine Zwangsverheiratung sind, ist es von großer Relevanz, sich mit den historischen, sozialen und kulturellen Hintergründen einer solchen Praxis zu befassen. Auslöser für solche Straftaten sind sehr breitgefächert und variieren je nach den traditionellen Ansichten der Familien oder Gesellschaften[35]. Die Betroffenen handeln überwiegend mit der Überzeugung für ihre Kinder nur das Beste zu wollen. Sie nehmen ihre Traditionen, Kultur, Lebensweise und Anderssein mit nach Deutschland und befinden sich einerseits im Zentrum der Moderne und andererseits außerhalb dieser[36]. Folgende Gründe und Motive sollten daher differenziert werden.

Eines der wichtigsten Ursachen von Zwangsheirat ist das Festhalten an Traditionen. Um in der 'Fremde' die Traditionen zu wahren, muss daher die Ehre um jeden Preis geschützt werden[37]. Der Vater und andere männliche Verwandten sind die Oberhäupter der Familie, die diese als solche behüten müssen. Zu ihren Aufgaben gehören u.a. den Partner für ihre Kinder auszuwählen, den Schutz der Familienehre zu gewähren, die weibliche Sexualität unter Kontrolle zu haben und das Single-Dasein abzulehnen. Kinder haben sich gegenüber dem Familienkollektiv und dem Wohl der Angehörigen zu fügen[38]. Es gibt in der arabisch­türkischen Gesellschaft kaum eine andere soziale Beziehungsform, die so sehr von Traditionen geprägt ist, wie das Ehe-, und Familienleben[39]. Ein weiteres Indiz für die Ursache von Zwangsheirat ist die wirtschaftliche Abhängigkeit der Eltern, die je nach Situation entscheidend sein können. Ein türkisches Sprichwort besagt: „Liebe alleine macht nicht satt[40].“ Durch die Verheiratung der Töchter in die Migration, kann anhand der ökonomischen Vorteile, eine ausreichende Emährungsquelle geschaffen werden, z.B. bessere Wohnverhältnisse, Ansehen, soziales Umfeld etc. Die finanzielle Situation und der soziale Aufstieg der ganzen Familie soll durch eine Person (der Tochter) verbessert und ermöglicht werden[41]. Laut dem statischen Bundesamt wird deutlich, dass Männer relativ häufig Frauen heiraten, deren Herkunftsländer durch wirtschaftliche Probleme gekennzeichnet sind[42]. Susanne von Paczensky schreibt in ihrem Buch „Die verkauften Bräutedass viele von diesen Frauen Analphabeten sind, die weder lesen noch schreiben können. Als Kinder werden sie gegen einen Brautpreis in die Ehe verkauft, so dass der Ehemann gegen diesen Brautpreis die vollkommene Unterwerfung der Frau verlangt. Die meisten „Importbräute“ werden nicht gefragt, ob sie heiraten oder nach Deutschland auswandern wollen[43]. Solche Entscheidungen trifft die Familie. Oft wird dabei eine Heirat zwischen Verwandten geschlossen[44], die sogenannte Verwandten-Ehe. Laut einer Umfrage in Berlin ist jede fünfte türkische Ehe zwischen einem Cousin und einer Cousine geschlossen worden.

[...]


[1] vgl. Böhmecke 2004: 10f.

[2] vgl. Icken 2007: .25.

[3] vgl. Gedik 2004.

[4] vgl. Kelek2005:10-12.

[5] vgl. Cileli2008:103.

[6] vgl. ebd. Beck-Gernsheim 2008: 42f.

[7] vgl. ebd. Beck- Gernsheim 2008: 83.

[8] vgl. Straßburger 2003: 178f.

[9] vgl. Strasser/Holzleithner2010: 61.

[10] vgl. Akashe-Böhme 2006: 98f.

[11] vgl. Hladschik2006: 10.

[12] vgl. ebd. Strasser/Holzleithner2010: 58f.

[13] vgl. Straßbuiger2007: 76ff.

[14] vgl. ebd. Straßburger2007: 74f.

[15] vgl. ebd. Straßburger2003: 56.

[16] vgl. ebd. Straßburger2003: 56ff.

[17] vgl. ebd. Beck-Gemsheim2008: 40ff.

[18] vgl. ebd. Straßburger2003: 180f.

[19] vgl. ebd. Beck-Gemsheim2008: 158f.

[20]vgl. Kelek 2005:25.

[21]vgl. Wenzel2005: 11.

[22]vgl. Marks 2007: 65.

[23]vgl. ebd. Strasser/Holzleithner2010: 57.

[24]vgl. ebd. Marks 2007: 65.

[25]Gashi 2005: 9-10.

[26]Cileli 2008: 13.

[27]vgl. ebd. Cileli 2008: 104ff.

[28]vgl. ebd. Toprak 2007: 124ff.

[29]vgl. ebd. Toprak 2007: 124.

[30]ebd. Toprak 2007: 125.

[31]ebd. Toprak2007: 126.

[32]vgl. ebd. Toprak 2007: 126.

[33]ebd. Toprak2007: 127.

[34]vgl. Kizilhan 2006: 45f.

[35]vgl. Böhmecke 2004: 18.

[36]vgl. ebd. Beck-Gemsheim2008: 19.

[37]vgl. ebd. Toprak 2007: 45.

[38]vgl. ebd. http://www.zwangsheirat..ch/zwangsheirat./formen_Ursachen.php. (Stand: 09.05.2011).

[39]vgl. Laabdallaoui/Rüschoff2009: 110.

[40]ebd. Toprak 2007: 122.

[41]vgl. ebd. http://www.zwangsheirat.ch/zwangsheirat/formen ursachen,php (Stand: 09.05.2011).

[42]Vgl. ebd. Beck-Gemsheim2008: 65.

[43]vgl. Paczensky 1978: 7ff.

[44]Cousin oder Cousine.

Details

Seiten
51
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640974108
ISBN (Buch)
9783640974177
Dateigröße
750 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v176244
Institution / Hochschule
Frankfurt University of Applied Sciences, ehem. Fachhochschule Frankfurt am Main
Note
1,3
Schlagworte
zwangsheirat ehrenmord islam ehre migration migranten ehe mord hilfsmöglichkeiten präventionsmaßnahmen bekämpfungsmaßnahmen gewalt hatun sürücü fallbeispiel

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Titel: Gewalt im Namen der Ehre