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Hannah Arendt - Totalitäre Organisation

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 11 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Außenwelt

3. Sympathisierende

4. Partei

5. Elitegruppen

6. Führer und engste Umgebung

7. Unterschiede zu autoritärer Organisation

8. Fazit

1. Einleitung

Die Geschehnisse und Fiktionen aus der Zeit des Dritten Reiches und der Sowjet- union waren mit ihren Auswirkungen bis heute Gegenstand vieler Untersuchungen. Auch wie es dazu kommen konnte ist eine oft gestellte Frage, der sowohl psycholo- gisch wie soziologisch nachgegangen wurde. In ‚Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft’ geht Hannah Arendt dieser Frage nach, wie ein solches Regime und eine solche Volksbewegung zustande kommen können. Dabei geht sie weniger den My- then, Ideologien und Fiktionen dieser Zeit nach, als dem Aufbau der Machtstrukturen und den ihr innewohnenden Zwecken. Denn schnell stellt sich heraus, dass die Ideo- logie einer solchen Bewegung höchstens eine sekundäre Rolle spielt. Das eigentlich wichtige ist in der Organisation selbst versteckt, das und was ihr Zweck schließlich ist, versucht Hannah Arendt menschlich wie sozial nachvollziehbar darzulegen. Wenn man eine Organisation betrachtet, muss sie zunächst einmal eine Aufgabe haben, um gegründet zu werden. Die grundlegende Aufgabe totalitärer Organisation sieht Hannah Arendt darin „...die zentrale ideologische Fiktion ..., um die das Lügen- gespinst der Propaganda jeweils neu gewoben wird, in die Wirklichkeit umzusetzen und in der noch nicht totalitären Welt Menschen so zu organisieren, daß sie sich nach den Gesetzen dieser fiktiven Wirklichkeit bewegen“ (S. 538; Die folgenden Verweise auf Seitenzahlen beziehen sich auf Hannah Arendt, 2006). Es geht also darum, eine möglicherweise wechselnde, auf jeden Fall von ihrem Wahrheitsgehalt unabhängige und verschieden ausgeprägte Fiktion wahr zu machen. Wie sich das Instrument, diese Organisation zu Umsetzung nun zusammensetzt, soll hier kurz und deshalb vereinfacht aufgeteilt werden (Fig.1). In der Mitte stehen die Einteilungen, links davon was von oben nach unten geleistet wird, rechts davon was von unten der jeweils höheren Gruppe entgegengebracht wird.

(Fig.1)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diese Gruppierungen und ihre Dynamiken werden in den weiteren Kapiteln beschrieben, um schließlich einen Überblick über die Gesamtdynamik zu geben.

2. Außenwelt

Das Verhältnis von totalitärer Bewegung zur nicht totalitären Außenwelt ist gekenn- zeichnet von einer Grenze, die ein klares Drinnen und Draußen schafft. Am einfachs- ten ist sie aus sicht der totalitären Bewegung wohl mit einem „wer nicht für mich ist, ist wider mich“(S. 563) zu beschreiben. Dadurch wird für die totalitäre Bewegung die Vielfalt und Komplexität der Gesellschaft ausgeblendet, die vielen Enttäuschten oder Überforderten unter den Bürgern sowieso zuviel ist. Da Hannah Arendt in ihrer Ana- lyse viel vom Menschen mit seinen Neigungen ausgeht, nimmt sie natürlich die Le- bensbedingungen der Menschen damals in ihre Analyse auf. Im Vordergrund steht dabei die Armut und Angst der Menschen in einem durch den Versailler Vertrag un- selbständigen Land, weniger Antisemitismus oder andere Inhalte der späteren Pro- paganda. Auf den Antisemitismus in diesem Zusammenhang und auch schon in sei- ner Entstehung geht Hannah Arendt im Buch über totalitäre Herrschaft in einem ei- genen Kapitel ein, wobei sie hervorhebt, dass es irgendeine andere Gruppe auch hätte treffen können.

Die Außenwelt stellt sich für die totalitäre Bewegung größtenteils aus Kommunisten, Kapitalisten und Intellektuellen dar. Warum der Kommunismus als ebenfalls totalitär ausgerichtetes System zum Feindbild wurde, darauf gehe ich zum Ende hin ein, wenn einige andere Motive vorgearbeitet sind.

Wenn man davon ausgeht, dass die Bewegung hauptsächlich aus Menschen be- stand, die unter der Armut und Unklarheit über die Vorgänge in der Krise der Weima- rer Republik litten, ist verständlich, dass sie auf diejenigen um sie herum, die wohl- habend und erfolgreich waren, wütend waren. Davor, sich mit ihnen, ihrer Komplexi- tät und der vielschichtigen Gesellschaft auseinandersetzen zu müssen, schützte eine einfache Zusammenfassung, die in ein für oder wider die Bewegung teilt. Damit müssen sich Mitglieder der Bewegung nicht mehr groß damit befassen, was die an- deren sind, sondern können dazu übergehen sich ihnen gegenüber zu verhalten, also zu handeln. Dies ist bereits ein wichtiger Schritt der Selbstermächtigung, und so hat die Außenwelt ihre Funktion für die Bewegung darin, als gehasster, möglichst homogener Widerpart ein „Drinnen“ in der Bewegung zu erzeugen. Ob die Anhänger einer solchen Bewegung sich weniger radikalisieren, je zugänglicher und übersichtli- cher sich die Außenwelt präsentiert, ist nicht als direkter Umkehrschluss möglich, da die Motivation der Bewegung nicht nur Homogenität ist, sondern noch etwas über die eigene Gruppe hinaus, was in den folgenden Abschnitten behandelt wird.

3. Sympathisierende

Die Sympathisierenden sind weder Parteimitglieder, noch offiziell in die Funktionalität der Bewegung eingebundene Menschen - und sind grade dadurch für die Bewegung wichtig, weil sie inoffizielle Funktionen übernehmen. Die Menschen, die zuerst einmal aus ihrem ganz eigenen Leben kommen, also über Beruf, Familie, Freunde oder an- dere Organisationen in die Gesellschaft eingebunden, aber entweder unzufrieden oder anderweitig für die Propaganda der totalitären Bewegung empfänglich sind, müssen sich zwar entscheiden, ob sie für oder gegen die Bewegung sind, dazu reicht ihnen aber ihre Meinung, sie bleiben in ihren sozialen Bezügen und haben Kontakt zur Außenwelt. Ihre Aufgabe ist es, dort am Familien- oder Stammtisch, in der Firma oder im Verein die Fiktionen der Bewegung zu verbreiten. Denn von nor- malen Menschen vertreten wirkt die Bewegung weniger gefährlich oder abschre- ckend, als wenn man sich als Außenstehender einen Partei-Ideologen anhört. In die- sen Fiktionen, dass „alles möglich sei und nichts wahr“ (S. 565), zeigt sich, wie die Bewegung ihre Selbstermächtigung durch Abwertung der gehassten Umwelt betreibt: Die Außenwelt wird in aus Enttäuschung und Klischees gebildeten Zerrbildern dar- gestellt, als Gesellschaft rechtsverdrehender Juristen, ignoranter Gelehrter, morden- der Ärzte. Die mit der totalitären Bewegung Sympathisierenden sind zwar wie gesagt noch keine Parteimitglieder, allerdings Mitglieder in paraprofessionellen oder parami- litärischen Frontorganisationen, die eben diese Zerrbilder (fast Parodien) als sub- stanzentleerte Imitate in die Wirklichkeit umsetzen. Der Zugang ist mit einem Einfüh- rungsritual verbunden, dass die Abgrenzung zur Außenwelt vollzieht, z.B. die Ahnen- forschung der Nazis. In paraprofessionellen Verbänden können sie in ihrem norma- len Beruf und Umfeld bleiben, ohne radikal aufzufallen und bilden die Front zur Au- ßenwelt.

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Details

Seiten
11
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640973781
ISBN (Buch)
9783640973743
Dateigröße
708 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v176259
Institution / Hochschule
Technische Universität Darmstadt – Institut für Philosophie
Note
1,3
Schlagworte
Hannah Arendt Totalitär Autoritär Organisation Regime

Autor

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Titel: Hannah Arendt - Totalitäre Organisation