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Das Selbst als Synthese - Innerhalb der Kierkegaard’schen Dialektik von Gott und Mammon

Bachelorarbeit 2010 29 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Die Kierkegaard’sche Dialektik

Platonische Wurzeln

Parallelen und Differenzen zu Kant

Parallelen und Differenzen zu Hegel

Die Kierkegaardsche Dialektik als Synthese

der Kant’schen und Hegel’schen Systematik

Die Synthese von Gott und Mammon durch das für-sich

des Subjekts in der existenzphilosophischen Dialektik

Ausblick

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die Kierkegaard’sche Dialektik steht im Kontext einer fruchtbaren Verarbeitung und Verquickung vorangegangener Denkkonstrukte. Sowohl die Platonische Zweiheit von Ruhe und Bewegung, wie die Kant’sche Darstellung der Sinnenwelt, gegenüber der Geisteswelt und ebenso die Hegel’sche Dialektik findet sich in verarbeiteter Weise bei Kierkegaard wieder. Dabei vollbringt es der Begründer der Existenzphilosophie eine Vermittlung der beiden Sphären zu kreieren, die in einem weitergedachten Interpretationsschritt einen gänzlich anderen Gottesbegriff erahnen lässt, als es eine streng theologische Deutung zuließe.

Wesentlicher Teil der Arbeit besteht darin, eine mögliche Sicht der Kierkegaard’schen Dialektik darzustellen, welche zum einen die konstituierenden Elemente der Kierkegaardschen Philoisophie transparent machen möchte und zum anderen den Versuch einer Weiterführung unternimmt. Viel mehr als die Absicht, sich in kühn verschlungene Interpretationspfade zu winden, soll eine genaue Analyse des bereits Gedachten unterbreitet werden, die sich damit begnügt aus genauer Betrachtung der Einzelaspekte und deren Zusammenhang Erkenntnis zu gewinnen, um zu einem Ausblick zu gelangen, der bereits die Kierkegaard’sche Philosophie übersteigt.

Zunächst werden die Stadien der Existenz, mithin die Verzweiflung und das Paradox des Glaubens an Gott, schematisch dargestellt und mit Erklärungen versehen.

In einem weiteren Schritt wird auf die platonischen Wurzeln der Dialektik verwiesen. Der nächste Teil der Arbeit befasst sich damit, die Kierkegaard’sche als fruchtbare Synthese der Kant’schen und Hegel’schen Philosophie zu erachten, die es bewerkstelligt, die jeweilig auftauchenden Aporien zu tilgen. Dennoch ist sich Kierkegaard der Mangelhaftigkeit seines Lösungsversuches bewusst und weist durch das Paradox des Glaubens, dessen Auflösung durch den Menschen nicht zu erreichen ist, auf eine nicht rational nachzuvollziehende Stelle in seinem philosophischen System hin.

Die Unvereinbarkeit einer geradezu genialen Denkrevolution mit dem Festhalten an einem orthodoxen Gottesbegriff macht die Verzweiflung über Kierkegaard’sche Verzweiflung aus. Dass ein Ausweg durchaus denkbar wäre, ohne dass das Absolute zu etwas wird, worüber sich nichts aussagen lässt, soll in einem letzten Schritt dargelegt werden. Dabei wird die Möglichkeit der Inkorporation des „Mammon“, als positiv konnotierte Welt des Leiblichen, Sinnenwelt, in die Synthese, die das Absolute umgreift, welches in Ansätzen von Kierkegaard bereits so gedacht wurde, unternommen. Dieser Vollzug findet seine Anlehnung an den Denkpfählern des Sartreschen Existenzialismus.

Diese Arbeit stellt also einen Versuch dar, die Kierkegaard’sche Dialektik durch Parallelen zu vorangegangenen Denkkonstrukten besser verstehbar zu machen und bedient sich schematischer Darstellungen, um dargelegte Gedankengänge transparent zu machen. Bei den Skizzen handelt es sich um eigens kreierte Veranschaulichungen, die nicht den Anspruch erheben in einem beliebigen Kontext schlüssig zu sein, wohl aber dazu dienen sollen, den Fokus der Überlegungen geordnet darzubringen.

Eine schlussendliche Lösung aus dem Dilemma vermag (weder die Kierkegaard’sche noch die Sartre’sche) Philosophie zu bieten und das ist vermutlich nicht ihre Aufgabe. Was jedoch erreicht werden soll, ist, Einsicht zu nehmen durch das Verknüpfen verschiedener Gedankengänge und das damit verbundene Voranschreiten der geistigen Bewegung, hin zu neuen geistigen Territorien.

Die Kierkegaard’sche Dialektik

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Nach Kierkegaards Auffassung befindet sich jeder Mensch zunächst im ästhetischen Stadium Existenz. Dieses zeichnet sich dadurch aus, dass der Einzelne ganz dem Hier und jetzt seiner Existenz unterworfen und den leiblichen, sinnlichen und äußerlichen Reizen der Umwelt ausgeliefert ist. Innerhalb jener Befangenheit, in der sich der Einzelne befindet, begreift er sich noch nicht als ein Selbst und hat somit auch kein Bewusstsein von sich selbst. Doch steckt bereits in diesem, am weitesten von sich entfernten Stadium, jener Keim der Verzweiflung, der für die Selbsterkenntnis und somit Gotteserkenntnis sowie für die ganze Kierkegaard’sche Philosophie konstituierend ist.

„Wenn ich übrigens den Ausdruck >Stadium< im vorhergehenden gebraucht habe und im folgenden weiterhin gebrauchen werde, so darf er nicht urgiert werden, so als ob jedes einzelne Stadium selbstständig existierte. (…) Ich könnte vielleicht treffender den Ausdruck Metamorphose verwenden. Die verschiedenen Stadien zusammengenommen machen das unmittelbare Stadium aus, und daraus wird man erkennen, daß die einzelnen Stadien mehr die Offenbarung eines Prädikats sind (…) ich habe immer nur mit dem Unmittelbaren in seiner vollkommenen Unmittelbarkeit zu tun.“[1]

Im Überfluss des rein weltlichen Fristens des „Daseins-in-der-Welt“ lauert der Überdruss, der den Einzelnen vor sich selbst ekeln lässt. Dieser Ekel ist Ausdruck des Erkennens der eigenen Differenz von sich und in sich selbst.

„Jeder Mensch, der ästhetisch lebt, hat daher ein heimliches Grauen vor dem Verzweifeln, denn er weiß sehr wohl, daß das, was die Verzweiflung hervorbringt, das Allgemeine ist, und er weiß zugleich, daß das, worin er sein Leben hat, die Differenz ist. Je höher ein Individuum steht, um so mehr Differenzen hat es vernichtet oder ist darüber verzweifelt, immer aber behält es eine Differenz übrig, die es nicht vernichten will, in der es sein Leben hat.“[2]

Zum einen handelt es sich um die Differenz, die darin beruht, nicht ein Selbst zu haben und zum anderen, sich im Spannungsverhältnis von entgegengesetzten Qualitätskategorien zu befinden. Diese beschreiben sich durch die Gegensatzpaare von Einzelheit und Allgemeinheit, Idealität und Realität, Unendlichkeit und Endlichkeit, Seele und Leib, Möglichkeit und Notwendigkeit und Ewigkeit und Zeitlichkeit.

Sobald sich der Einzelne als einer in das Spannungsfeld Geworfener, dessen Vermittlung durch Synthese seine Aufgabe ist, erkennt, gelangt er durch den Sprung ins Ethische Stadium der Existenz, mithin zu seinem Selbst. Denn sobald er sich als in dieser Differenzen befindlich weiß, wählt er ein selbst zu haben, welches damit beginnt, dieses alte Selbst, der Indifferenz unterworfen, abzustreifen.

Der Einzelne wählt sich selbst und ist sich seiner Selbstverfehlung bewusst. Erst die Übernahme der Verantwortung, die es mit sich bringt, sich stets vermittels Dualitätspaare zu befinden, eröffnet die Frage nach Gut und Böse.

„Mein Entweder- Oder bezeichnet nicht zunächst die Wahl zwischen Gut und Böse, es bezeichnet die Wahl, durch die man Gut und Böse wählt oder ausschließt. Die Frage ist hier, unter welchen Bestimmungen man das ganze Dasein betrachten und selber leben will. Daß, wer Gut und Böse wählt, das Gute wählt, ist zwar wahr, aber das zeigt sich erst hinterher; denn das Ästhetische ist nicht das Böse, sondern die Indifferenz, und daher eben sagte ich, daß das Ethische die Wahl konstituiere.“[3]

Die Verzweiflung in dem ethischen Stadium der Existenz besteht darin, dass das Individuum, welches ja verzweifelt es selbst sein möchte, unter allen Umständen sein eigener Herr sein möchte und dabei doch nicht im Stande ist, seine Selbstverfehlung zu tilgen. Es handelt sich um ein trotziges Verlangen, sich selbst zu sich selber zu machen. Dabei erfährt es aber, dass es sich stets um ein hypothetisches Selbst handelt, das es entwirft (solange es sich nicht als Selbst gesetztes in Gott gründet).

„(…) er will sich sein Selbst nicht anziehen, nicht in dem ihm gegebenen Selbst eine Aufgabe sehen, er will es mit Hilfe der unendlichen Form, die es sein will, selbst konstruieren.“[4]

Der Sprung ins religiöse Stadium der Existenz gelingt, dadurch sich das Individuum als in Gott gesetzt weiß und die Vergebung seiner Selbstverfehlung von Gott gegeben ist. Dieser Vollzug der Vergebung der eigenen Schuldhaftigkeit durch Gott entzieht sich dem geistigen Vermögen des Menschen und erweist sich als Paradox, das sich nur durch den Glauben vollzieht. Das Absolute, in dem sich der Mensch durch seinen Glauben befindet, suspendiert die Ethik und die rationale Fassbarkeit.

„Die Dialektik des Glaubens ist das Feinste und das Merkwürdigste von allem, sie hat einen Aufschwung, von dem ich mir wohl eine Vorstellung machen kann, aber mehr auch nicht.“[5]

Da das Selbst, als positive Einheit, als Voraussetzung dem Begreifen der Verhältnisse voraus eilt, also bereits gesetzt ist, bedarf es einer konstitutiven Instanz, in der sich diese begreift.

Diese konstitutive Instanz beschreibt sich, nach Kierkegaard, notwendig durch Gott.

Platonische Wurzeln

Was Kierkegaard in die Nähe Platons rücken lässt, ist die Vorstellung der Verzweiflung als dasjenige, worin sich Gott, der uns gesetzt hat, offenbar macht. Die Verzweiflung potenziert sich in dem Maße, in dem der Mensch ein Bewusstsein von sich selbst hat und sich dem Paradox des Glaubens nähert, sich in ihm befindlich weiß.

„Überhaupt ist Bewusstsein, das heißt Selbstbewusstsein, im Verhältnis zum Selbst das Entscheidende. Je mehr Bewusstsein, umso mehr Selbst; je mehr Bewusstsein umso mehr Wille, je mehr Wille, um so mehr Selbst. Ein Mensch, der gar keinen Willen hat, ist kein Selbst; doch er hat auch um so mehr Selbstbewusstsein, je größer sein Wille ist.“[6]

Da die Verzweiflung ja daraus resultiert, sich im Spannungsverhältnis zwischen Weltlichen und Göttlichen zu wissen, ist sie zugleich das notwendig synthetisierende Prinzip, das den religiösen Menschen mit den ästhetischen Menschen gleich macht. Und wahrhaft kann die Überwindung einer Daseinsform zur höheren sich nur vollziehen, wenn die vorangegangene integriert und nicht negiert wird. Die Verzweiflung lässt uns das Absolute erkennen.

Betrachtet man komplementär dazu das platonische Weltbild, so lassen sich Parallelen ziehen.

Platons Weltbild:

ABSOLUTE

Reiner Selbstbezug,

reflektiert sich selbst und verhält sich zu sich selbst

SEIN

Synthese aus Ruhe und Bewegung

IDEEN

Die Ideen an sich Das Denken der Ideen

das Da-Sein, Denken Werden,

Wahrnehmung

RUHE BEWEGUNG

Die Ruhe entspricht der Spalte des Göttlichen, also des geistigen Prinzips, das der Bewegung dem Weltlichen. Ebenso wie die Ideen, so synthetisiert auch die Seele beide Polaritäten miteinander.

„Sollten wir also, sprach er, zwei Arten des Seienden setzen, sichtbar die eine und die andere unsichtbar? (…) Ähnlicher also als der Leib ist die Seele dem Unsichtbaren, er aber dem Sichtbaren.“[7]

Ihnen übergeordnet steht das Sein, das allem zukommt und die Synthese schafft und sich zugleich als reiner Selbstbezug als das Absolute konstituiert.

„Wenn das ist, was wir immer im Munde führen, das Schöne und Gute und jegliches Wesen dieser Art, und wir hierauf alles, was uns durch die Sinne kommt, beziehen, als ein vorher Gehabtes, was wir als das unsrige wieder auffinden, und diese Dinge damit vergleichen: so muß es notwendig, ebenso wie dieses ist, so auch unsere Seele sein, auch ehe wir noch geboren worden sind.“[8]

In seiner Magisterdissertation befasst sich Kierkegaard kritisch mit dem platonischen, bzw. von Sokrates übernommenem, Leib-Seele Verhältnis.

„Die Seele hat nun die größte Ähnlichkeit mit dem Göttlichen, Unsterblichen, Vernünftigen, Einzigartigem, Unauflöslichen und sich stets auf dieselbe Weise Verhaltenden, der Leib dagegen hat die größte Ähnlichkeit mit dem Menschlichen, Sterblichen, Unvernünftigen, Vielartigen, Auflösbaren und sich nie auf dieselbe Weise Verhaltenden. Hier sind wir also zu einer ebenso abstrakten Auffassung von der Existenz der Seele und ihrem Verhältnis zum Leib gekommen. Dieser Betrachtung ist zwar nicht vorzuwerfen, daß sie in materiellem Sinne der Seele einen bestimmten Platz im Leibe aufweist, aber sie übersieht andererseits auch gänzlich das Verhältnis der Seele zum Leib, und anstatt die Seele sich frei in dem von ihr selber produzierten Leibe bewegen zu lassen, ist sie fortwährend im Begriff sich aus dem Leibe fortzustehlen.“[9]

Die Seele entspricht, wie auch Kierkegaard sie fasst, dem Bereich der Ewigkeit, Möglichkeit, Unendlichkeit und Idealität, dem gegenüber die determinierenden Begriffspaare der Weltlichkeit bzw. des Leibes, oder wie Platon ausführt, des Zusammengesetzten stehen.

[...]


[1] zit.n. Sören Kierkegaard: Entweder- Oder. Teil I und II. Hrsg.von Hermann Diem und Walter Rest. Vollständige Ausgabe. 9.Auflage. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2007. S.90

[2] zit.n. Sören Kierkegaard: Entweder- Oder. Teil I und II. Hrsg.von Hermann Diem und Walter Rest.Vollständige Ausgabe. 9.Auflage. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2007. S.789

[3] zit.n. Sören Kierkegaard: Entweder- Oder. Teil I und II. Hrsg.von Hermann Diem und Walter Rest. Vollständige Ausgabe. 9.Auflage. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2007. S.718

[4] zit.n. Kierkegaard, Sören: Die Krankheit zum Tode. Ditzingen: Philipp Reclam jun. Stuttgart 1997 S.78

8 zit.n. Sören Kierkegaard: Furcht und Zittern. Dialektische Lyrik von Johannes de Silentio. 5.Auflage. Hamburg: Europäische Verlagsanstalt 2004. S.32

[6] zit.n. Kierkegaard, Sören: Die Krankheit zum Tode. Ditzingen: Philipp Reclam jun. Stuttgart 1997 S. 31

[7] zit.n. Platon: Lysis, Symposion, Phaidon, Kleitophon, Politeia, Phaidros. Mit einem Vorwort von Ursula Wolf. Band 2. Sämtliche Werke. Rowohlts Enzyklopädie hrsg. von Burghard König. Griechische Philosophie Band 1 und 3 bis 7. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuchverlag 1994. Neu hrsg. von Ursula Wolf. 32. Auflage 2008. S.136

[8] Zit.n. Platon: Lysis, Symposion, Phaidon, Kleitophon, Politeia, Phaidros. Mit einem Vorwort von Ursula Wolf. Band 2. Sämtliche Werke. Rowohlts Enzyklopädie hrsg. von Burghard König. Griechische Philosophie Band 1 und 3 bis 7. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuchverlag 1994. Neu hrsg. von Ursula Wolf. 32. Auflage 2008. S.132f.

[9] zit.n. Sören Kierkegaard: Über den Begriff der Ironie. Mit ständiger Rücksicht auf Sokrates. Magisterdissertation. Universität Kopenhaagen 1841. München und Berlin: Verlag von R.Oldenbourg 1929.S.60f.

Details

Seiten
29
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640975556
ISBN (Buch)
9783640975082
Dateigröße
537 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v176334
Institution / Hochschule
Universität Wien
Note
1
Schlagworte
selbst synthese innerhalb kierkegaard’schen dialektik gott mammon

Autor

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