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Zum Schreibprozess - wie entwickelt sich das Schreiben?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 16 Seiten

Didaktik - Deutsch - Pädagogik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

1. 3-Phasen-Modell des Schriftspracherwerbs nach Uta Frith
1.1. Logographische Phase
1.2. Alphabetische Phase
1.3. Orthographische Phase

2. Entwicklungsmodelle
2.1. Schreibentwicklungstabelle nach Valtin
2.2. Stufenmodell der Rechtschreibentwicklung von Scheerer-Neumann
2.3. Vergleich der Schreibentwicklungstabelle und dem Stufenmodell

3. Beobachtungskalender

4. Chancen und Grenzen der Modelle

Literaturverzeichnis

Zum Schreibprozess – wie entwickelt sich das Schreiben?

Einleitung

In dieser Hausarbeit geht es um die Frage:

„Zum Schreibprozess – wie entwickelt sich das Schreiben?“

Mich interessierte die Frage des Schreiprozesses im Hinblick auf die Förderung in der Schule. Es überraschte mich, dass es verschiedene Modelle gibt, die den Prozess beschreiben, obwohl jedes Kind annähernd die gleiche Entwicklung beschreitet. Zudem fragte ich mich, in wieweit der schulische Alltag mit solchen Entwicklungsmodellen unterstützt werden kann.

Ich gehe genauer auf die Frage ein, wie sich das Schreiben entwickelt. Das Augenmerk liegt dabei auf den Phasen, die das Kind in seinem Erwerbsprozess durchläuft, welche in Modellen zusammengefasst werden. Ich erläutere, in wieweit diese Erkenntnisse für Lehrer interessant sein können und wie sie eine individuelle Förderung ermöglichen.

Es werden verschiedene Modelle vorgestellt. Als Grundlage dient das „3-Phasen-Modell“ von Uta Frith. Als Vertiefung dieses Modells folgen die Schreibentwicklungstabelle von Valtin und das Stufenmodell von Gerheid Scheerer-Neumann.

Als konkretes Anwendungsbeispiel stelle ich einen Beobachtungskalender vor. Mit diesem können Lehrer die Schreibentwicklung der Kinder festhalten und so das Kind präzise und individuell fördern.

Das Ziel dieser schriftlichen Ausarbeitung ist es, die Chancen sowie die Grenzen eines solchen Modells aufzuzeigen.

1. 3-Phasen-Modell des Schriftspracherwerbs nach Uta Frith

Das Modell von Uta Frith besteht aus drei Phasen, die aufeinander aufbauen. Sie stellen den Schriftspracherwerb des Kindes dar. Zu beachten ist, dass die verschiedenen Stufen des Schriftspracherwerbs ein Prozess sind, der nicht abrupt endet, sondern fließend verläuft. Jedes Kind entwickelt das Schreiben anders und unterschiedlich schnell.

1.1. Logographische Phase

In der ersten Phase, der logographischen Phase erkennt das Kind die Wörter anhand von herausstechender Merkmalen. Es speichert das Wort-Bild ab und arbeitet rein visuell.

Das Kind sammelt diese Erfahrungen im Alltag. Beispielsweise geht ein Kind mit seiner Mutter immer in einem bestimmten Supermarkt einkaufen. Es prägt sich das Logo ein, „etwa von Firmen oder Reklamen (z. B. „McDonalds“)“ und [verbindet es] mit Inhalten“[1]. Dieses gespeicherte Bild kann es zu Hause aus seinem Gedächtnis nachmalen.

Der visuelle Eindruck kann getäuscht werden, wenn zwei unterschiedliche Unternehmen dieselben Farben in ihrem Schriftzug verwenden (beispielsweise „Aldi“ und „Ikea“). Hier wird das Kind davon ausgehen, dass auf den Schildern dasselbe steht.

In dieser Phase können die Kinder noch nicht lesen. Allerdings haben sie die kommunikative Funktion von Sprache bereits erkannt.

1.2. Alphabetische Phase

Dem Kind wird in der alphabetischen Phase bewusst, dass die geschriebenen Wörter aus einzelnen Zeichen bestehen. Diese Zeichen sind Buchstaben, die Phonemen zugeordnet werden.

Die in der ersten Phase verwendete Strategie (Erkennen von Wörtern anhand von Merkmalen) tritt vollkommen in den Hintergrund. Das Kind erkennt die Wörter ausschließlich durch die Rekonstruktion von Graphem-Phonem-Verbindungen.

„Lesen und Schreiben sind bei dieser Strategie durch sequentielle Kleinschrittigkeit gesprägt, denn das Gliedern eines gehörten Wortes in seine Phoneme verlangt eine äußerst detaillierte Analyse.“[2]

Das Herzstück des Schriftspracherwerbs ist die Erkenntnis der Verbindung zwischen Laut und Buchstabe – diese entsteht in der zweiten Phase.

1.3. Orthographische Phase

Die letzte Phase ist die orthographische Phase. Das Kind verbindet beide Phasen und erkennt so direkt die Wörter. Es nimmt größere Einheiten, Silben und Morpheme, innerhalb eines Wortes wahr. Dadurch wird das Lesetempo gesteigert, da bekannte Wörter nicht neu gelesen werden müssen.

In dieser Phase kann eine Übergeneralisierung vorkommen. Bekannte Rechtschreibregeln werden auch da angewandt, wo das Kind diese Regeln meint zu erkennen. Zum Beispiel wird – obwohl das Kind vorher die Wörter richtig schrieb – dann „Menschen“ zu „Mennschen“ oder „Foto“ zu „Fotho“.

Hier ist ein Fortschritt in der Aneignung und Erkennung von Prinzipien unserer Sprache erkennbar.

Auch Erwachsene befinden sich in der orthographischen Phase und lernen neu dazu. Beim erlernen von schwierigen Wörtern, zum Beispiel chemischen Verbindungen, ließt der Erwachsene erst einmal stockend.[3] Er befindet sich somit in der alphabetischen Phase, bis er diese Wörter ein paar mal gelesen hat. Damit befindet er sich erneut in der orthographischen Phase.

2. Entwicklungsmodelle

Die nun folgenden Modelle sind Vertiefungen und Verfeinerungen des 3-Phasen-Modells des Schriftspracherwerbs nach Uta Frith. Sie unterteilen den Schreibentwicklungsprozess des Kindes in mehrere Phasen und können so auf weitere Schritte in der Entwicklung hinweisen.

Zunächst wird die Schreibentwicklungstabelle von Renate Valtin[4] vorgestellt, danach folgt das Stufenmodell der Rechtschreibentwicklung von Gerheid Scheerer-Neumann[5]. Es bestehen keine gravierenden Unterschiede zwischen den beiden Modellen, trotzdem stelle ich sie beide vor, da die Modelle in unterschiedlichem Kindesalter und unterschiedlicher Entwicklung ansetzen.

2.1. Schreibentwicklungstabelle nach Valtin

Die Schreibentwicklungstabelle von Renate Valtin besteht aus sechs Phasen, die aufeinander basieren.[6] Sie sind teilweise schwer voneinander zu trennen und zeigen so einen fließenden Übergang zwischen den einzelnen Phasen.

1. Phase: Vorkommunikative Aktivität[7]

Die erste Phase ist die der vorkommunikativen Aktivität. Das Kind hinterlässt Spuren mit einem Schreibgerät auf einem Gegenstand. Dies kann ein Stift auf einem Papier oder ein Finger im Sand sein. Es geht hier um die ersten Berührungen und Versuche des Kindes zu schreiben und malen.

Die entstandenen Bilder bezeichnet Valtin als Kritzelbilder.

Nach Frith ist hier die logographische Phase noch nicht eingetreten.

2. Phase: Vorphonetisches Stadium[8]

Das vorphonetische Stadium ist die zweite Phase. Das Kind gebraucht die Kritzelbilder nun erstmals als Mitteilungen. Erste Buchstabenformen werden eingebaut, jedoch ohne Phonem-Graphem-Zuordnung. Das Kind malt die ersten Buchstaben hin, die es gesehen hat. Zusätzlich kombiniert es Buchstaben und Bildzeichen.

Nach dem 3-Phasen-Modell wäre hier die logographische Phase einzuordnen.

3. Phase: Halbphonetisches Stadium[9]

In dem halbphonetischen Stadium bekommt das Kind erste Vorstellung davon, dass Buchstaben die Laute eines Wortes sind. Es bildet erstmals Lautgruppen.

Diese Phase wird auch als „Skelettschrift“ bezeichnet, da das Kind nur prägnante Laute abbildet. „PP“ heißt „Puppe“, „ht“ bedeutet „hat“ und „wl“ steht für „weil“. Die Wortfragmente bestehen aus 2 bis 4 Buchstaben für ein komplettes Wort. Zudem wird die Links-Rechts-Orientierung sicherer, das Kind beginnt links in der Zeile und schreibt rechts.

Das halbphonetische Stadium wäre bei Frith in die alphabetische Phase einzuordnen.

4. Phase: Phonetische Phase[10]

Die phonetische Phase verfeinert die Fähigkeit des Kindes, die Lautstruktur von Wörtern abzubilden. Lautfolgen von Wörtern werden nach rein phonetischen Regeln abgebildet. Die Lautanalyse erfolgt rein subjektiv, nach der Lautung der Umgangssprache. Es kommt zu Schreibweisen wie „Vata/ Fata“ für „Vater“, „Spiln“ für „spielen“ und „gesdan“ für „gestern“.

Diese Phase ist das Herzstück des Schriftspracherwerbs, da das Kind erkennt, dass Buchstaben für Laute stehen. Es versucht diese Laute als Buchstaben abzubilden.

Auch die phonetische Phase fällt bei Friths 3-Phasen-Modell in die alphabetische Phase.

5. Phase: Phonetische Umschrift[11]

Die phonetische Umschrift ist die fünfte Phase. Das Kind entwickelt ein Gespür für orthographische Regelmäßigkeiten. Ein langer Vokal kann trotzdem in einem Text noch verschieden geschrieben werden, beispielsweise „vier“: „fir“, „fia“, „fihr“, „fier“, „vihr“.

Teilweise wird die neue Schreibstrategie übergeneralisiert, sodass aus „Vata“ „Vater“ wird, jedoch aus „lila“ „liler“ und „Sofa“ zu „Sofer“ wird.

Es zeigt sich jedoch zunehmende Sicherheit im Schreiben des geübten Grundwortschatzes. Neue Wörter werden dadurch beeinflusst.

[...]


[1] Eva-Maria Kirschhock, S. 26

[2] Eva-Maria Kirschhock, S. 27

[3] Vlg. Eva-Maria Hirschhock, S. 28

[4] Renate Valtin, Schreiben ist wichtig. AGK 68/69

[5] Scheerer-Neumann, G: In: Naegele & Valtin: LRS in den Klassen 1-10

[6] Renate Valtin, S. 70 - 72

[7] Renate Valtin, S. 70

[8] Renate Valtin, S. 70

[9] Renate Valtin, S. 70

[10] Renate Valtin, S. 71

[11] Renate Valtin, S. 71

Details

Seiten
16
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640976553
ISBN (Buch)
9783640996711
Dateigröße
721 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v176379
Institution / Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
1,7
Schlagworte
Erstlesen-Erstschreiben; Schreibprozess;

Autor

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