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Informell erworbene Kompetenzen in der Berufsbildung

Können mit Hilfe der Transparenzinstrumente des Europass die Ergebnisse informellen Lernens validiert werden?

Hausarbeit 2011 17 Seiten

Pädagogik - Berufserziehung, Berufsbildung, Weiterbildung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Kompetenzerwerb
2.2 Informelles Lernen
2.3 Validierung von Lernergebnissen
2.4 Rolle der informell erworbener Kompetenzen in der europäischen Berufsbildung
2.5 Vorstellung eines gemeinschaftlichen Instruments zur Förderung der Transparenz bei Qualifikationen und Kompetenzen in der Europäischen Union – Europass
2.6 Validierung der Ergebnisse informellen Lernens in den Europass Dokumenten

3. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Europa [soll] bis zum Jahr 2010 der wettbewerbsfähigste und dynamischste Wirtschaftsraum der Welt werden - der Hauptmotor dieser Entwicklung: die wissensbasierte Gesellschaft“ (Europäischer Rat 2000). Der Europäische Rat formulierte im Jahr 2000 im Rahmen seiner Lissabon-Agenda[1] dieses Ziel für die Zukunft der Europäischen Union. Dabei wird der Gesellschaft und ihrer Funktion als Wissensträger eine zentrale Rolle beigemessen. Nur durch einen hohen Wissensstand und daraus entstehenden ständigen Fortschritt kann die Europäische Union in der Zukunft mit anderen Nationen wie den USA oder China wirtschaftlich Schritt halten. Die berufliche Bildung spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle, da sie für die Wissensvermittlung und den Kompetenzerwerb im Prozess der Arbeit verantwortlich zeichnet. Neben der inhaltlichen Arbeit Menschen hochwertige Qualifikationen und Kompetenzen zugänglich zu machen, ist es auch eine Aufgabe der Berufsbildung Instrumente zu entwickeln, um das Angeeignete anzuerkennen, einzustufen und somit vergleichbar zu machen. Die Europäische Union als Wirtschafts- bzw. Bildungsraum muss zukünftig noch stärker von einer Mobilität und Durchlässigkeit zwischen ihren Ländern profitieren, um homogener und somit konkurrenzfähig agieren zu können. Dazu ist eine wachsende Internationalisierung der berufsbezogenen Kompetenzen und Qualifikationen notwendig. Während Abschlüsse und Zertifikate, die in nationalen Kontexten erworben werden immer stärker abnehmen, wächst der Bedarf an Instrumenten, die in Bezug auf die Kompetenzen innerhalb Europas Transparenz schaffen.

Wenn man sich mit einer Internationalisierung von Lebensläufen und der internationalen Vergleichbarkeit von Qualifikationen bzw. Kompetenzen beschäftigt, müssen auch die Kompetenzen selbst beleuchtet werden. Denn die aufgrund gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und auch politischer Prozesse veränderten Rahmenbedingungen sorgen nicht nur für die angesprochene Internationalisierung, sondern auch zu einer Abkehr von standardisierten Erwerbsbiographien und Lernformen innerhalb der beruflichen Bildungsarbeit. Die berufliche Erstausbildung dient zunehmend als Einstiegsqualifizierung, der es einer ständigen Aktualisierung durch berufsbezogene Weiterbildung bedarf. Im Zuge dieser Veränderung rückt besonders das lebenslange bzw. –begleitende Lernen in den Fokus. Als ein wichtiger Baustein des lebenslangen Lernens muss sich dabei mit dem informellen Lernen, einer Lernform außerhalb des institutionalisierten Rahmens beschäftigt werden.

Diese Hausarbeit setzt sich mit den informell erworbenen Kompetenzen innerhalb der Berufsbildung auseinander und untersucht, inwiefern diese Kompetenzen im europäischen Rahmen validiert werden. Dabei soll ein Instrument zur Förderung der Transparenz bei

Qualifikationen und Kompetenzen in der Europäischen Union genauer vorgestellt werden - der Europass. Die Teildokumente Europass-Lebenslauf bzw. Europass-Curriculum Vitae (CV), Europass-Sprachenpass und Europass Mobilität sollen auf die Frage hin beleuchtet werden, ob die Ergebnisse informellen Lernens bzw. informell erworbene Kompetenzen validiert werden.

Beginnend mit einer Definition des Kompetenzerwerbs, des informellen Lernens und der Validierung von Lernergebnissen soll in einem weiteren Schritt die Wichtigkeit informell erworbener Kompetenzen für die berufliche Bildung in Europa überprüft werden. Daraufhin wird das Rahmenkonzept des Europass vorgestellt, wobei sich zentral auf die Teildokumente Europass-CV, Europass-Sprachenpass und Europass-Mobilität konzentriert wird. Im Anschluss sollen die angesprochenen Teildokumente auf etwaige Validierungsmöglichkeiten informell erworbener Kompetenzen untersucht werden und innovatives Unterstützungsmaterial der aktuellen Forschung für dieses Instrument vorgestellt werden. Abschließend wird im Schlussteil die Leitfrage nach der Rolle informell erworbener Kompetenzen in der Berufsbildung und der möglichen Validierung dieser mit Hilfe des Europasses nochmals aufgegriffen und geprüft, ob sie im Hauptteil beantwortet wurde. Zudem werden die Forschungsergebnisse zusammengefasst und eine Bewertung dieser vorgenommen.

2. Hauptteil

2.1 Kompetenzerwerb

Ehe sich mit der Rolle informell erworbener Kompetenzen für die europäische Berufsbildung beschäftigt wird, müssen die Begriffe des Kompetenzerwerbs, des informellen Lernens und der Validierung von Lernergebnissen genauer erläutert werden, um eine definitorische Grundlage für diese Hausarbeit zu schaffen.

Ein Mensch erwirbt im Laufe seines Lebens Kompetenzen, die es ihm persönlich ermöglichen in den verschiedensten Situationen handlungsfähig zu sein. Die Summe aller Kompetenzen rundet das Bild eines Menschen ab und charakterisiert seine Handlungskompetenz. Im Berufsleben ist es eine umfassende berufliche Handlungskompetenz, die Handlungsfähigkeit bezogen auf Aufgaben- und Problemstellung ermöglicht. Sie setzt sich aus drei Untertypen zusammen. Fachkompetent handelt ein Mensch, der fähig und bereit ist mit Hilfe von Wissen und Können Aufgaben „zielorientiert, sachgerecht, methodengeleitet und selbstständig zu lösen und das Ergebnis zu beurteilen“ (Dehnbostel 2010, S. 19). Personalkompetenz beinhaltet das Verhältnis zur eigenen Entwicklung und die „Fähigkeit und Bereitschaft [diese] zu reflektieren und in Bindung an individuelle und gesellschaftliche Wertvorstellungen weiter zu entfalten“ (ebenda). Sie umfasst Eigenschaften wie Zuverlässigkeit, Kritikfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein. Als Sozialkompetenz gilt die Erfassung und das Verstehen sozialer Beziehungen und Interessen sowie die verantwortungsbewusste Auseinandersetzung und Verständigung. Merkmale wie Kompromissfähigkeit, Standfestigkeit aber auch Einfühlungsvermögen kennzeichnen diese Kompetenzausprägung.

Wie und vor allem wo ein Mensch Kompetenzen erwirbt, ist sehr unterschiedlich. Außerdem ist es wichtig, ob man sich seiner Kompetenzen bewusst ist und wie man damit umgeht. Kompetenzen, die an anderer Stelle ausgebildet worden, können ebenso in einem Arbeitszusammenhang eingesetzt werden wie solche, die im Prozess der Arbeit erlangt wurden. Die Kompetenzen resultieren aus Erfahrungen und können dem Menschen unterschiedlich bewusst werden. Es gibt Erfahrungen, „derer sich der Arbeitende […] selbstverständlich bedient, die ihm aber nicht wirklich bewusst sind“ (Büchele 2002, S. 1). Diese sind nicht reflektiert und der Mensch kann diese Kompetenzen selbst nicht zu seinem „Handlungsrepertoire“ (ebenda, S. 1) zählen. Andere Erfahrungen können sich im Verlauf der Arbeit zu Regelmäßigkeiten verdichten, wenn sie aus einem wiederholten Erleben entstehen. Der Mensch handelt in Folge von „Wenn – dann – Gesetzmäßigkeit[en]“ (ebenda, S.2) und kann Anweisungen zu Arbeitshandlungen sowohl delegieren als auch begründen, solange sie einem Muster aus bekannten Abläufen folgen. Die Kompetenzen, die in unvorhersehbaren Ereignissen abgerufen werden, erfolgen auf die Berücksichtigung von Sinneswahrnehmungen und Werten bei der Beurteilung der jeweiligen Situation. Der Mensch ist sich dabei bewusst, dass sein Urteil situationsbezogen und damit vorläufig ist. Durch die Reflexion über seine Erfahrungen kann er sie kommunizieren und daraus entwachsende Kompetenzen bei sich als auch bei anderen erkennen. Gerade bei Gestaltungsaufgaben, die die Interaktion mit anderen Menschen bedürfen, wie beispielsweise bei Neuentwicklungen oder Experimenten, werden solche Kompetenzen abgerufen. (Vgl. ebenda, S.2)

Ausgehend von dieser Beschreibung des Kompetenzerwerbs soll in einem weiteren Schritt das informelle Lernen als eine Lernart näher erläutert und von anderen Begriffen abgegrenzt werden.

2.2 Informelles Lernen

Der Begriff des informellen Lernens wird in unterschiedlichen Disziplinen und Fachrichtungen verschieden definiert, sodass es eine Fülle an Auffassungen und Erklärungen dieser Lernart gibt. Die Biographie eines Menschen ist geprägt von der Aneignung notwendiger Kenntnisse, Fähigkeiten, Einstellungen und Werte, zu großen Teilen in beiläufigen oder unbewussten Lernprozessen, die sowohl in Alltags- als auch in Berufshandlungen ablaufen können (vgl. Gnahs 2003, S.89). Im Prozess der Arbeit wird das informelle Lernen als ein Lernen in der Arbeit verstanden, welches sich durch „Erfahrungen, die in und über Arbeitshandlungen gemacht werden“ (Dehnbostel 2010, S. 37) auszeichnet. Es ist dadurch gekennzeichnet, dass es nicht institutionell organisiert ist. Außerdem bewirkt es ein Lernergebnis, welches aus „Situationsbewältigungen und Problemlösungen in der Arbeit hervorgeht“ (e benda, S.37) und bedient sich normalerweise keiner pädagogischen Begleitung. Die Lernenden übernehmen die Verantwortung über die Planung und die Steuerung der Lernprozesse, sodass sich das Lernen in einem sehr individuellen und somit privaten Rahmen abspielt, was jedoch das Lernen in Gruppen nicht ausschließt (vgl. Gnahs 2003, S.90). Als Beispiele sind „das alleinige Durcharbeiten eines Lehrbuches oder Lernprogrammes [oder] die kollegiale Vermittlung von Kenntnissen am Arbeitsplatz“ (ebenda, S.90) zu nennen.

Zusätzlich muss man den Begriff in Erfahrungslernen bzw. reflexives Lernen und implizites Lernen unterteilen. Häufig wird informelles Lernen gleichgesetzt mit dem Begriff Erfahrungslernen. Dabei handelt es sich wiederum um eine unterschiedlich definierte Lernart, die man als „eine persönliche, biographisch und sozial-kulturell bedingte Umwelterfassung des Menschen“ betrachten kann (Dohmen 2001, S.30), bei der sinnliche Eindrücke, die in der Auseinandersetzung mit der Umwelt entstehen, vergleichend zugeordnet werden und sich durch die Verknüpfung mit Vorstellungszusammenhängen verdichten (vgl. ebenda, S. 30). Dem Erfahrungslernen wird meistens das reflexive Lernen gleichgesetzt. Hierbei werden unter der Voraussetzung, dass Handlungen z. B. mit Problemen verbunden sind, „Erfahrungen in Reflexionen eingebunden und führen zur Erkenntnis“ (Dehnbostel 2010, S. 40). Den Gegensatz zu Erfahrungslernen bzw. reflexivem Lernen bildet das implizite Lernen, welches allgemein als nichtintendiertes, unbewusstes und nicht zu verbalisierendes Lernen definiert wird und auf einer unwillkürlichen Aufmerksamkeit beruht, am Ende aber meistens zu einem erfolgreichen Handeln und dem Erlangen einer praktischen Handlungskompetenz führt (vgl. Dohmen 2001, S. 36). Der Lernende richtet seine Aufmerksamkeit weniger auf das Lernen an sich als auf das angestrebte Handlungsziel und die Bewältigung der Situation (vgl. ebenda, S.37). Zudem weist das informelle Lernen Gemeinsamkeiten mit den Begriffen des selbstorganisierten Lernens und selbstgesteuerten Lernen auf. Beim ersten werden institutionelle und organisatorische Rahmenbedingungen durch den Lernenden selbst bestimmt, während sie beim selbstgesteuerten Lernen von außen festgelegt werden (vgl. Dehnbostel 2010, S. 47).

Deutlicher lässt sich das informelle Lernen vom formellen Lernen, dem „künstlich arrangierten, didaktisch präparierten, erfahrungsfern-abstrakten, theoretischverbalen Nachlernen dessen, was es schon an fertigem Wissen gibt“ (Dohmen 2001, S.29), abgrenzen. Diese Lernart, deren Lernprozesse durch eigens dafür ausgebildetes Personal „organisiert, kontrolliert, bewertet und zertifiziert“(Gnahs 2003, S.89) werden, findet in einem speziellen institutionellen Rahmen statt. Formale Bildung unterliegt nicht nur der staatlichen Regelung und Aufsicht, sondern verteilt auch Zeugnisse und Diplome, die zum Besuch weiterführender Bildungseinrichtungen oder zur Ausübung spezieller Berufstätigkeiten berechtigen (vgl. ebenda, S.89-90).

Auch das non-formale Lernen hat institutionelle Rahmenbedingungen, innerhalb derer beispielsweise ein Betrieb oder eine Weiterbildungseinrichtung Bildungsangebote, häufig durch qualifiziertes Personal durchgeführt, organisiert und optional auch zertifiziert. Die non-formale Bildung unterliegt nicht der staatlichen Kontrolle und findet somit außerhalb des Berechtigungs- und Zugangssystem der staatlichen Bildungsinstitutionen wieder. Der Besuch eines Sprachenkurses an der Volkshochschule oder die Teilnahme an einem betrieblichen Weiterbildungsseminar sind typische Beispiele für non-formale Bildung (vgl. ebenda, S.90).

Nachdem der Kompetenzerwerb erklärt und der Begriff des informellen Lernens spezifiziert wurde, folgt nun die Anerkennung des Gelernten und Angeeigneten – die Validierung.

2.3 Validierung von Lernergebnissen

Als Voraussetzung für die Validierung von Lernergebnissen nennt das Europäische Zentrum für die Förderung der Berufsbildung, die Bestätigung durch eine zuständige Stelle bzw. Behörde. Sie bestätigen gemäß festgelegten Kriterien, dass Kenntnisse, Fähigkeiten und Kompetenzen, die in einem formalen, non-formalen oder informellen Kontext erzielt wurden, den Anforderungen eines Validierungsstandards entsprechen. Der Prozess der Validierung verläuft in einem abgestuften Verfahren, da nicht alle Stufen bis hin zu einer formalen Anerkennung bzw. Zertifizierung der Lernergebnisse durchlaufen werden, wenngleich eine Validierung zu einer Zertifizierung führen kann. (Vgl. CEDEFOP zit. n. ECVET 2010)

Man kann Validierung folglich als einen Prozess der Identifizierung, Bewertung und Anerkennung verstehen, welcher im Zusammenhang mit lebenslangen bzw. –begleitenden Lernen zu „ein[em] grundlegende[n] Element, um die Sichtbarkeit des Erlernten zu gewährleisten und es in angemessener Weise wertzuschätzen“ (Bohlinger 2010, S. 38) wird.

2.4 Rolle der informell erworbener Kompetenzen in der europäischen Berufsbildung

Nachdem eine begriffliche Basis geschaffen wurde, soll sich im Folgenden mit der Rolle informell erworbener Kompetenzen in der europäischen Berufsbildung beschäftigt werden.

Eine der zentralen Ideen der neueren Instrumente zur Förderung beruflicher Bildung ist die Validierung von Lernergebnissen, um eine Übertragbarkeit von Kompetenzen, Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten sicherzustellen (vgl. Bohlinger 2010, S. 38). Dabei erhalten in den vergangenen Jahren gerade die Ergebnisse des non-formalen und informellen Lernens in Europa zunehmende Aufmerksamkeit. Die Europäische Kommission hat in „Memoranden und Initiativen verstärkt die Notwendigkeit hervorgehoben, dass die nationalen Bildungspolitiken und –systeme ihrer Mitgliedsländer sich dem Lernen, das außerhalb der formalen Institutionen stattfindet, stärker öffnen sollten“ (ECVET 2010). Gleichzeitig werden solche Verfahren wichtig, die es möglich machen Ergebnisse des informellen Lernens sichtbar zu machen und somit die Voraussetzung für die Bewertung und Anerkennung informell erworbener Kompetenzen schaffen.

[...]


[1] Die Lissabon-Agenda war ein Programm der Regierungschefs der EU-Staaten, welches 2000 in Lissabon verabschiedet wurde. Sie beinhaltet die Zielsetzung die EU bis 2010 zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensgestützten Wirtschaftsraum der Welt zu machen. (Vgl. Europäisches Parlament 2000)

Details

Seiten
17
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640977390
ISBN (Buch)
9783640977604
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v176460
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
1,3
Schlagworte
informelles Lernen Kompetenzen Europass Transparenz berufliche Bildung Validierung Lernergebnisse Lebenslauf

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