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Förderung sozialer Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen am Lebensort Schule

Möglichkeiten und Grenzen

Bachelorarbeit 2010 57 Seiten

Soziologie - Kinder und Jugend

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition und Begriffsbestimmung
2.1 Der Kompetenzbegriff
2.2 Soziale Kompetenz und sozial kompetentes Verhalten
2.3 Dimensionen des Kompetenzbegriffes
2.4 Verwandte Konzepte

3. Entwicklung sozialer Kompetenzen
3.1 Die Theorie „Lernen am Modell“ von Albert Bandura
3.2 Prägung durch Familie und Gleichaltrige
3.3 Das Zusammenspiel von emotionaler und sozialer Kompetenz
3.4 Die Bedeutung des „Selbst“ für die Entwicklung sozialer Kompetenzen

4. Auffälligkeiten im Sozialverhalten
4.1 Definition und Merkmale
4.2 Ursachen
4.3 Auswirkungen

5. Die schulische Verantwortung
5.1 Schule als Sozialisationsinstanz
5.2 Förderung sozialer Kompetenzen im Sinne von Chancengleichheit
5.3 Rechtliche Grundlagen
5.4 Aktuelle Situation
6. Sozialkompetenzförderung in der Schule
6.1 Fördermöglichkeiten
6.2 Gelingensbedingungen
6.3 Förderung durch Zusammenarbeit mit der Jugendhilfe
6.3.1 Umsetzungsmöglichkeiten
6.3.2 Auswirkungen der Einführung der Ganztagsschule
6.3.3 Herausforderungen

7. Das Sozialtrainingskonzept „Fit for Life“
7.1 Zielgruppe
7.2 Trainingsmethoden
7.3 Module
7.4 Effekte des Trainings

8. Fazit

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Aktuelle bildungspolitische Diskussionen und mediale Berichte handeln zunehmend von den ge­sellschaftlichen Integrationsproblemen vieler junger Menschen. Es ist beispielsweise die Rede von schlechten Schulleistungen, mangelnder Ausbildungsfähigkeit von Schulabgängern[1], der hohen Kriminalitätsrate unter Jugendlichen und der hohen Jugendarbeitslosigkeit. Diese gesellschaftlichen Probleme weisen auf erhebliche Defizite im Bildungssystem hin, da es der Schule offensichtlich nicht gelingt ihre Aufgabe, die jungen Menschen auf eine selbstständige Lebensführung vorzuberei­ten und sie in ihrer Entwicklung zu stabilen und ausgeglichenen Persönlichkeiten zu fördern, ange­messen wahrzunehmen.

Als ein Hauptgrund für Probleme bei der Bewältigung altersangemessener Entwicklungsaufgaben und für daraus resultierende Schwierigkeiten bei der gesellschaftlichen und sozialen Integration vieler Jugendlicher, werden Defizite in der sozialen Kompetenz benannt. Diese stehen in direktem Zusammenhang mit den Schulleistungen und der Persönlichkeitsentwicklung eines jungen Men­schen und sind daher meist mit negativen Konsequenzen für das persönliche und berufliche und damit auch gesellschaftliches Leben verbunden (vgl. Jugert et al., 2009a: 5).

Kinder und Jugendliche, denen in ihrer Familie keine altersangemessene Entwicklung sozialer Kompetenzen ermöglicht wurde, sind von einer herkunftsbedingten Benachteiligung betroffen, wel­che es aus gesellschaftlicher Sicht im Sinne der Chancengleichheit abzubauen gilt. Eine sinnvolle Maßnahme um dieser Benachteiligung entgegenzuwirken, wäre die Einführung einer systemati­schen Förderung der sozialen Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen durch die Institution Schule. Denn die Schule hat, als eine der wichtigsten Sozialisationsinstanzen im Leben junger Men­schen einen enormen Einfluss auf deren Entwicklung, den sie nutzten sollte um diese positiv zu beeinflussen. Dazu ist es notwendig, dass sie ihren Bildungsauftrag nicht auf die Funktion der Wissensvermittlung beschränkt, sondern ihn auf die Aufgabe der Förderung sozialer Kompetenzen ausweitet, indem sie Raum für informelle und non-formale Bildungsprozesse schafft.

Trotz der aktuellen, durch die Ergebnisse der PISA-Studie ausgelösten Bildungsdebatte, in der die Bedeutung ganzheitlicher Bildung vielfach diskutiert wurde (Zeller 2007: 23 ff.), haben bisher lei­der nur wenige Ansätze zur Förderung sozialer Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen in schulpolitische Vorgaben und die schulische Praxis Eingang gefunden (Böttcher & Lindard 2009: 7). Daher soll in der vorliegenden Arbeit der diesbezüglich bestehende Handlungsbedarf ver­deutlicht und begründet werden. Auf Grundlage aktueller wissenschaftlicher Literatur wird mit Hilfe der Fragestellung „Welche Möglichkeiten und Grenzen bestehen in Bezug auf die Stärkung der Sozialkompetenzen von Kindern und Jugendlichen durch die Institution Schule?“ erörtert, welche Bedeutung die Förderung sozialer Kompetenzen für das Individuum und aus gesellschaft­licher Sicht hat und wie diese in der Schule umgesetzt werden kann. Dabei wird insbesondere auf die Möglichkeit der Zusammenarbeit von Schule und Jugendhilfe näher eingegangen.

Denn die Jugendhilfe, deren Bildungsauftrag sich in erster Linie auf die auf die Förderung der so­zialen Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen bezieht (Reismann 2009: 223), kann der Schule als kompetenter Kooperationspartner dazu verhelfen, eine optimale Förderung der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen zu erreichen, welche sowohl kognitive als auch soziale Dimensionen umfasst. Insofern ist das Thema dieser Arbeit „Förderung sozialer Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen am Lebensort Schule“ als durchaus relevant für die Soziale Arbeit zu betrachten.

Die vorliegende Bachelor-Thesis ist wie folgt aufgebaut. In Kapitel zwei wird das Konstrukt „Soziale Kompetenz“, welches primär im Bereich der klinischen Psychologie erforscht wird defi­niert und die Bedeutung, die es in verschiedenen Kontexten hat, verdeutlicht. Anschließend wird in Kapitel drei die Entwicklung sozialer Kompetenz anhand der Theorie „Lernen am Modell“ von Albert Bandura erläutert und dargelegt, von welchen Faktoren die Entwicklung sozialer Kompeten­zen beeinflusst wird. Darauf folgend werden in Kapitel vier Merkmale, Ursachen und Folgen von Defiziten in der sozialen Kompetenz behandelt. Im Anschluss daran wird in Kapitel fünf die Ver­antwortung, die Schule in diesem Zusammenhang trägt begründet, sowohl im Hinblick auf recht­liche als auch auf soziologische Aspekte. Darauf aufbauend wird in Kapitel sechs auf konkrete Möglichkeiten, Sozialkompetenzförderung in der Schule umzusetzen eingegangen, insbesondere darauf, welche Rolle die Jugendhilfe dabei übernehmen kann. Da die vorliegende Arbeit nicht im Kontext eines schulpädagogischen, sondern eines sozialpädagogischen Studiums verfasst wurde, wird an dieser Stelle auf eine genaue Beschreibung von Unterrichtskonzepten und Inhalten von Lehrplänen verzichtet. Im Anschluss daran folgt in Kapitel sieben die exemplarische Vorstellung des Sozialtrainingskonzeptes „Fit for Life“, die verdeutlichen soll wie eine konkrete Maßnahme zur Förderung sozialer Kompetenzen von Jugendlichen praktisch umgesetzt werden kann. Abschlie­ßend werden im Fazit die gewonnenen Erkenntnisse zusammengefasst, in Verbindung mit der ur­sprünglichen Fragestellung der Arbeit gebracht und ein Ausblick auf zukünftig zu verfolgende Praxisaufgaben geworfen.

2. Definition und Begriffsbestimmung

Zum besseren Verständnis der Bedeutung und Tragweite des Begriffes „Soziale Kompetenz“ wird im Folgenden zunächst erläutert, was genau unter diesem Konstrukt zu verstehen ist und worauf es sich bezieht.

Die psychologische Forschung beschäftigt sich seit einigen Jahrzehnten mit dem Begriff „Soziale Kompetenz“ (Kanning 2009: 1). So haben sich im Laufe der Zeit verschiedene Definitionen ent­wickelt, eine allgemein gültige existiert nicht (Böttcher & Lindard 2009: 13).

Bei dem Begriff „Soziale Kompetenz“, gleichbedeutend mit dem Begriff „Sozialkompetenz“ (vgl. Brohm 2009: 9), handelt es sich um ein Konstrukt, welches sich auf eine Teilmenge der Gesamtheit aller Kompetenzen bezieht, über die ein Mensch verfügt. Der Versuch zu definieren, um welche Teilmenge es sich dabei handelt, führt zunächst zu der Frage, welche Konsequenzen mit einem sozial kompetenten bzw. mit einem sozial inkompetenten Verhalten verbunden sind. Die Antworten auf diese Frage sind vielfältig und lassen sich nach Kanning in drei wesentlichen Definitionsansätzen zusammenfassen (Kanning 2009: 14).

In der klinischen Psychologie wird weitgehend der Ansatz vertreten, soziale Kompetenz würde durch ein besonders hohes Maß an Durchsetzungsfähigkeit bestimmt (Kanning 2009: 14). Eine Überzeugung, die durch die Definition von Hinsch und Pfingsten (2002) geprägt ist. Sie definieren soziale Kompetenz aus klinisch-verhaltentherapeutischer Perspektive als „die Verfügbarkeit und Anwendung von kognitiven, emotionalen und motorischen Verhaltensweisen“ (Hinsch & Pfingsten 2002 zitiert in Brohm 2009: 62). Als Intention für die Entwicklung sozialer Kompetenz heben sie das Eigeninteresse in den Vordergrund.

In einem anderen Ansatz, der seinen Ursprung in der Entwicklungspsychologie hat, wird die Ent­wicklung sozialer Kompetenzen mit der Anpassung des Individuums an seine Umwelt gleichge­setzt. Ein hohes Maß an Anpassung an die Werte, Normen und den sich daraus ergebenden Verhal­tensregeln der jeweiligen Gesellschaft führt demnach zu einer hohen Sozialkompetenz (Kanning 2009: 14). So bezeichnet Roth (1971) die soziale Kompetenz aus entwicklungspsychologischer Per­spektive als „Fähigkeit, für sozial, gesellschaftlich und politisch relevante Sach- und Sozialbereiche urteils- und handlungsfähig sein zu können“ (Roth 1971 zitiert in Brohm 2009: 70 f.) und benennt damit das gesamtgesellschaftliche Wohlergehen als Hauptziel des sozialen Kompetenzerwerbs (Brohm 2009: 66 ff.).

Eine dritte Gruppe zahlreicher Definitionsversuche integriert beide Positionen, indem sie sozial kompetentes Verhalten als einen Kompromiss zwischen Anpassung und Durchsetzung versteht.

Eine sozial kompetente Person ist demzufolge grundsätzlich dazu in der Lage, eigene Interessen durch soziale Interaktionen zu verfolgen, ohne dabei die Interessen seiner Interaktionspartner zu verletzen. Demnach ist sowohl das gesamtgesellschaftlichen Wohlergehen als auch das Eigeninte­resse relevant für die Entwicklung sozialer Kompetenzen. Diese Auffassung erscheint nachvoll­ziehbar, denn: Seine Interessen durchsetzen kann langfristig nur derjenige, der auch den Interessen seiner Interaktionspartner Raum lässt und umgekehrt muss sich an die Interessen Anderer angepasst werden, um eigene Interessen langfristig durchsetzen zu können (Kanning 2009: 14). Daher wird im Folgenden von dieser Position - die auch Kanning selbst vertritt - ausgegangen und sich dabei auf seine Ausführungen über das Konstrukt der sozialen Kompetenz bezogen.

2.1 Der Kompetenzbegriff

Bevor es um die Frage nach der Bedeutung des Begriffes „Soziale Kompetenz“ geht, ist es sinnvoll zunächst den allgemeinen Begriff der „Kompetenz“ zu hinterfragen. Auch hierzu gibt es verschie­dene Auffassungen: Während die einen ein konkretes Verhalten beziehungsweise die Konsequen­zen desselben meinen wenn sie von „Kompetenz“ sprechen, beziehen sich Vertreter eines zweiten Ansatzes auf die Verhaltenspotenziale eines Individuums. Vertreter der ersten Position verstehen unter Kompetenz ein Verhalten, das dem Akteur dazu dient positive Konsequenzen zu maximieren beziehungsweise negative Folgen zu minimieren. Da jedoch zu beachten ist, dass jedes Verhalten in einer konkreten Situation nicht allein durch die Fähigkeiten und Fertigkeiten des Akteurs, sondern auch durch vielfältige Einflüsse der Umwelt beeinflusst wird, ist damit zu rechnen, dass ein und dasselbe Verhalten in verschiedenen Situationen zu unterschiedlichen Konsequenzen führt. Daher lässt sich die Kompetenz einer Person nicht nur an ihren ausgeführten Verhaltensweisen bezie­hungsweise an den Konsequenzen derselbigen bemessen (Kanning 2009: 11 f.).

Dies führt uns zu dem zweiten Ansatz, der den Begriff „Kompetenz“ als Potential eines Indivi­duums versteht, bestimmte Verhaltensweisen zeigen zu können (Ford 1995 zitiert in Kanning 2009: 12). Hier wird grundsätzlich zwischen den Fähigkeiten und Fertigkeiten eines Individuums auf der einen Seite und dem Verhalten in einer konkreten Situation auf der anderen Seite differenziert. Demnach kann eine Person auch dann als kompetent gelten wenn ihr Verhalten einmal nicht die erwünschten positiven Konsequenzen hat. Entscheidend ist nur, dass sie prinzipiell dazu in der Lage wäre, ein entsprechendes Verhalten zu zeigen (Kanning 2009: 12 ff.).

Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen sowie auf Grundlage der zuvor vorgenommenen Unter­scheidung zwischen Kompetenz und kompetentem Verhalten, erscheint es sinnvoll zwischen den sozialen Kompetenzen und dem sozial kompetenten Verhalten eines Menschen zu differenzieren (Ford 1985 zitiert in Kanning 2005: 3). Die sozialen Kompetenzen eines Menschen liegen im Ver­borgenen und stellen ein Potential dar, das auf das Verhalten in konkreten Situationen wirkt. Es kann jedoch nicht in jeder Situation optimal entfaltet werden (Kanning 2005: 3).

Aus diesen Überlegungen ergeben sich folgende Definitionen:

- Sozial kompetentes Verhalten: Verhalten einer Person, das in einer spezifischen Situation dazu beiträgt, die eigenen Ziele zu verwirklichen, wobei gleichzeitig die soziale Akzeptanz des Verhaltens gewahrt wird (Kanning 2009: 15).

- Soziale Kompetenz: Gesamtheit des Wissens, der Fähigkeiten und Fertigkeiten einer Person, welche die Qualität eigenen Sozialverhaltens - im Sinne sozial kompetenten Verhaltens - fördert (Kanning 2009: 15).

Sozial kompetentes Verhalten findet somit immer in konkreten Situationen statt und ist unter anderem in hohem Maße von der sozialen Kompetenz, über die ein Mensch verfügt, abhängig (Böttcher & Lindard 2009: 14).

Um beurteilen zu können ob das Verhalten einer Person in einer bestimmten Situation als sozial kompetent zu bezeichnen ist, sind folgende Bezugspunkte zu berücksichtigen:

- Sozialer Bezugspunkt: Das Verhalten kann erst dann als mehr oder weniger kompetent be­zeichnet werden, wenn wir es in einen Bezug zur sozialen Umgebung setzen. Ein und das­selbe Verhalten kann in Abhängigkeit von dem jeweiligen sozialen Bezugspunkt als kompe­tent oder inkompetent gelten, je nachdem ob es sich beispielsweise um eine berufliche oder private Situation handelt (Kanning 2005: 4 f.).

- Evaluierter Bezugspunkt: Die Definition von sozial kompetentem Verhalten ist niemals frei von Werten. Wenn wir den Begriff der sozialen Kompetenz verwenden, dann beschreiben wir nicht nur das Verhalten, sondern bewerten es als positiv oder negativ (Faix & Laier 1991 zitiert in Kanning 2005: 5). Vor dem Hintergrund verschiedener Wertesysteme kann gleiches Verhalten unterschiedlich bewertet werde (Kanning 2005: 5).

- Temporaler Bezugspunkt: Die Definition sozial kompetenten Verhaltens bezieht sich immer auf einen bestimmten Zeitabschnitt. Was heute möglicherweise als angemessen bewertet

wird kann in einiger Zeit, durch den Wandel von Werten und Normen, durchaus kritisch be­trachtet werden (Kanning 2005: 5).

Aus dieser Sicht gibt es nicht „das“ kompetente Handeln, denn sozial kompetentes Verhalten ist immer kontextabhängig, während soziale Kompetenz als situationsübergreifend verstanden wird (Böttcher 2009:14).

2.3 Dimensionen des Kompetenzbegriffes

Der Kompetenzbegriff umfasst Bestandteile des Wissens, der Fähigkeiten und Fertigkeiten des In­dividuums. Übertragen auf den Begriff „Soziale Kompetenz“ bedeutet dies, dass es sich dabei um einen Oberbegriff handelt, hinter dem sich verschiedene soziale Kompetenzen verbergen: jede ein­zelne Fähigkeit oder Fertigkeit beziehungsweise jeder Aspekt unseres Wissens, der im Sinne unse­rer Definition die Qualität sozialen Verhaltens erhöht, kann als eine eigenständige soziale Kompe­tenz bezeichnet werden. Die wissensbezogenen Kompetenzen umfassen dabei Informationen über grundlegende Spielregeln des zwischenmenschlichen Verhaltens, die in starkem Maße kulturab­hängig sind. Dieses Wissen bezieht sich beispielsweise auf Begrüßungsrituale oder auf das Verhal­ten an bestimmten öffentlichen Orten, wie z.B. dem Theater. Mit „Fähigkeiten“ sind hingegen sehr grundlegende, breite Kompetenzen gemeint, wie beispielsweise die Kommunikationsstärke. Der Begriff der „Fertigkeiten“ bezieht sich demgegenüber auf wesentlich konkretere, erlernte Kompe­tenzen, wie z.B. das motorische Ausführen des Begrüßungsrituals. In einer Interaktion wirken immer mehrere Kompetenzen zusammen. Dies lässt sich am einfachen Beispiel der Begrüßung ver­deutlichen: Um sozial kompetentes Verhalten zu zeigen muss der Akteur zunächst wissen, welches Verhalten bei der Begrüßung eines Fremden im Gegensatz zur Begrüßung eines nahen Verwandten angemessen ist (Kompetenz Wissen). Außerdem muss er zuvor die entsprechenden Fertigkeiten zur Umsetzung des Wissens in eine Handlung erworben haben (Kompetenz Fertigkeit). Darüber hinaus ist die allgemeine Fähigkeit der Extraversion von Bedeutung, davon ist z.B. abhängig ob das Ritual eine eher gehemmte oder besonders herzliche Note erhält (Kompetenz Fähigkeit) (Kanning 2009: 16 f.).

Die Multidimensionalität des Kompetenzbegriffes wirft die Frage auf, welche Kompetenzen vor­rangig für die Erzeugung sozial kompetenten Verhaltens von Bedeutung sind. Vermutlich hängt es von der jeweiligen sozialen Interaktion ab welche einzelnen Kompetenzen benötigt werden, um darin sozial kompetent zu agieren. Denn die Bandbreite sozialer Interaktionen, in die Menschen involviert sein können, ist immens groß. Damit es in einer bestimmten Situation tatsächlich zu ei­nem sozial kompetenten Verhalten einer bestimmten Person kommt, müssen die sozialen Kompe­tenzen dieser Person zu den jeweiligen Anforderungen der Situation passen. Auf Grundlage dieser Erkenntnis sind nach Reschke (1995) zwei Formen der sozialen Kompetenz zu differenzieren (Kanning 2009: 18):

- Allgemeine soziale Kompetenzen: Jeder Mensch weist diese Form der sozialen Kompetenz in einer gewissen Ausprägung auf. Der Unterschied zwischen den Individuen besteht nicht in der Existenz, sondern in der Ausprägung des jeweiligen Merkmals. Allgemeine soziale Kompetenzen sind durch keinerlei Spezifizierung im Hinblick auf bestimmte Situationen gekennzeichnet und beziehen sich beispielsweise auf die Fähigkeit zur Extraversion oder Perspektivenübernahme (Kanning 2009: 18 f.).

- Spezifische soziale Kompetenzen: Über diese Form der sozialen Kompetenz verfügen nur diejenigen, die entsprechende Lernerfahrungen gemacht haben. So sind beispielsweise mit jedem Beruf bestimmte Erfahrungen verbunden, die dazu beitragen, dass die jeweiligen Personen diesen erfolgreich ausüben können. Spezifische soziale Kompetenzen können auch als eine auf Erfahrungen basierende Ausdifferenzierung allgemeiner sozialer Kompetenzen verstanden werden, da sie sich nur selten unabhängig von diesen entwickeln (Kanning 2009: 19).

Sowohl die allgemeinen als auch die spezifischen sozialen Kompetenzen können entscheidend zur Generierung eines sozial kompetenten Verhaltens in einer bestimmten Situation beitragen. Welche in der jeweiligen sozialen Interaktion tatsächlich von Bedeutung sind, hängt von den Anforderun­gen derselbigen ab (Kanning 2009: 19).

Doch auf welche konkreten Eigenschaften bezieht sich der Begriff „Soziale Kompetenz“? Zu der Antwort auf diese Frage gibt es unterschiedliche Auffassungen, ein Konsens ist nicht in Sicht. Kanning (2009) unternimmt den Versuch, die Vielzahl der in der Literatur genannten Fähigkeiten zusammenzufassen. Die 15 am häufigsten zitierten allgemeinen sozialen Kompetenzen hat er drei verschiedenen Kategorien zugeordnet (Kanning 2009: 20 f.):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Nach Kanning 2009: 21)

Alle genannten sozialen Kompetenzen besitzen zunächst einmal nur eine hypothetische Bedeutung für die Steuerung des Sozialverhaltens. Die Frage, welche Kompetenzen in welchen Situationen tatsächlich dazu beitragen ob und wenn ja in welchem Maße sozial kompetentes Verhalten gezeigt wird, konnte bisher nicht empirisch beantwortet werden (Kanning 2005: 8).

Darüber hinaus nennt Kanning vier Faktoren zweiter Ordnung, die er mittels einer faktorenanalytischen Untersuchung herausgefiltert hat: Soziale Orientierung, Offensivität, Selbst­steuerung und Reflexibilität. Sie spiegeln inhaltlich das wider, was sozial kompetentes Verhalten letztlich auszeichnet (Kanning 2009: 21):

„Das Individuum muss sich für seine eigenen Ziele einsetzen (Offensivität und Selbststeuerung), ohne die Ansprüche anderer Menschen aus dem Blick zu verlieren (Reflexibilität und soziale Orien­tierung).“ (Kanning 2009: 21)

2.4 Verwandte Konzepte

Neben dem Begriff der sozialen Kompetenz finden sich weitere bekannte Konstrukte, die sich eben­falls auf die intrapersonalen Vorraussetzungen ausgewogener sozialer Interaktionen beziehen. Teilweise weisen sie einige Schnittstellen mit dem Begriff „Soziale Kompetenz“ auf oder werden gar als Synonym dafür verwendet. Die vier wichtigsten Konstrukte sollen im Folgenden kurz vor­gestellt werden (Kanning 2009: 22).

- Soziale Intelligenz: Dieser Begriff bezeichnet nach der Theorie von Sternberg - neben der akademischen und der praktischen Intelligenz - eine der drei grundlegenden Formen menschlicher Intelligenz. Einige Forscher verwenden den Begriff der sozialen Intelligenz völlig synonym mit dem der sozialen Kompetenz, andere sehen hierin lediglich diejenige Facette der sozialen Kompetenz, welche die kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten fokus­siert (Kanning 2009: 23).
- Soziale Fertigkeiten: Dieser Begriff findet häufig Verwendung um einerseits sehr spezifi­sche, erlernte soziale Kompetenzen zu beschreiben oder auch wenn es um Kompetenzen geht, die eher im Sinne globaler Persönlichkeitsmerkmale zu verstehen sind. Häufig wird dieses Konstrukt als Oberbegriff für kognitive, kommunikative und behaviorale Fähigkeiten verwendet. Eine verbindliche Differenzierung relevanter Fähigkeiten existiert jedoch nicht (Kanning 2009: 24).
- Interpersonale Kompetenz: Dieser Begriff beschreibt die Fähigkeit, Interaktionen zu initiie­ren, sich selbst anderen Menschen gegenüber zu öffnen, andere Menschen emotional zu un­terstützen, eigene Interessen zu vertreten und Konflikte friedfertig zu lösen (Buhrmester et al.1988 zitiert in Kanning 2009: 24). Sie kommt in erster Linie in Interaktion mit engeren Bezugspersonen zum Einsatz (Buhrmester 1996 zitiert in Kanning 2009: 24).

Nach Kanning (2009) beschreiben all diese Konstrukte lediglich Teilmengen sozialer Kompeten­zen, daher ist das Konstrukt der sozialen Kompetenz als Oberbegriff für diese zu betrachten (Kan­ning 2009: 25).

3. Entwicklung sozialer Kompetenzen

Aufbauend auf der Definition des Begriffes „Soziale Kompetenz“ wird nun erörtert, durch welche Einflussfaktoren die Entwicklung sozialer Kompetenzen geprägt ist. Das Wissen darüber ist Voraussetzung, um umfassend beurteilen zu können inwieweit dieser Prozess positiv beeinflussbar ist.

Die Entwicklung sozialer Kompetenzen kann als Teil der Persönlichkeitsentwicklung betrachtet werden, die im Rahmen von Sozialisations-, Erziehungs- und Bildungsprozessen in Wechselwir­kung zwischen den genetisch bedingten Anlagen eines Kindes und seiner Umwelt stattfindet. Ent­scheidend sind dabei die Erfahrungen, die ein Kind in sozialen Interaktionen mit seiner umgeben­den Umwelt gewinnt und aufgrund derer es seine eigenen Wahrnehmungsmuster und Handlungs­strategien entwickelt (Schellknecht 2007: 11).

3.1 Die Theorie „Lernen am Modell“ von Albert Bandura

Das Erlernen sozialer Verhaltensweisen lässt sich anhand der sozialen Lerntheorie „Lernen am Modell“ von Bandura und Walters (1973) erklären. Diese besagt, dass Kinder in erster Linie durch Nachahmung von Verhaltensweisen (älterer) Vorbilder lernen, wodurch die Persönlichkeitsent­wicklung - mit all ihren dazugehörigen Fähigkeiten und Kompetenzen - stark geprägt wird. Diese Art des Lernens ist für das Hineinwachsen in die jeweilige Gruppe, Familie und Gesellschaft (Sozialisation) von großer Bedeutung (Bandura 1979: 31 und Roth 2006: 19 ff.).

Bandura stellte in zahlreichen Experimenten zum Erwerb von sozialem Verhalten bei Kindern ver­schiedener Altersstufen fest, dass bestimmte Vorraussetzungen erfüllt sein müssen, damit das Ver­halten anderer Menschen nachgeahmt und ins eigene Verhaltensrepertoire übernommen wird. Die Wahrscheinlichkeit hierfür ist verhältnismäßig hoch, wenn:

- Das Kind die jeweilige Person sympathisch findet, sie respektiert oder gar bewundert
- Aus Sicht des Kindes Ähnlichkeit zwischen ihm und dem Vorbild besteht, auch wenn diese nur in seiner Fantasie existiert
- Das beobachtete Verhalten von anderen belohnt und anerkannt wird oder die Ausführung Freude bereitet
- Das Kind dafür belohnt wird, dass es dem Vorbild aufmerksam zuschaut
- Das Kind aufgrund seines Entwicklungsstandes und seiner Fähigkeiten auch tatsächlich in der Lage ist das beobachtete Verhalten nachzuahmen (Bandura 1979: 33 ff. und Kasten 2008: 25).

Badura sieht den Menschen von seiner Natur her als soziales Wesen. Nach ihm besteht der größte Teil menschlichen Lernens aus sozialem Lernen, das tagtäglich nebenbei und unbewusst in ver­schiedenen sozialen Situationen durch die Beobachtung anderer Menschen stattfindet. Verhaltens­weisen, die durch die Beobachtung eines anderen Menschen erworben wurden, werden dauerhaft beibehalten, wenn sich die Ausführung als wirksam für die Erreichung eines bestimmten Ziels und damit als erfolgreich erwiesen hat beziehungsweise wenn sie positiv bekräftig wird. Demnach kann eine durch Nachahmung erworbene Verhaltensweise auch wieder aus dem Verhaltensrepertoire eines Kindes verschwinden, wenn sich diese als wenig erfolgreich entpuppt oder es dafür negativ bekräftigt wird. Dieser Grundsatz gilt auch für aggressives Verhalten: Kinder imitieren aggressives Verhalten besonders dann, wenn es von Vorbildern mit hohem Status ausgeführt wird, sich als er­folgreich erweist und nicht bestraft wird (Kasten 2008: 25 f.).

Auf diese Weise werden die ersten Grundsteine für die Entwicklung sozialer Kompetenzen bereits in der Familie gelegt (Roth 2006: 19 ff.). Kinder ahmen das sozial kompetente oder sozial inkompe­tente Verhalten ihrer Eltern nach, was die Entwicklung ihrer sozialen Kompetenzen stark prägt. So hat der Grad der Ausprägung der sozialen Kompetenzen der Eltern wesentlichen Einfluss darauf, ob sich die Kinder zu sozial kompetenten Persönlichkeiten entwickeln oder nicht. Hier scheint ein Ausgangspunkt für den Zusammenhang zwischen Herkunft und Bildungserfolg zu liegen, denn erwiesenermaßen wirken sich die sozialen Kompetenzen eines Menschen direkt auf dessen Erfolg in Schule und Berufsleben aus. So haben Kinder von Eltern mit Defiziten in der sozialen Kompe­tenz und einem geringen Bildungsniveau, das häufig damit verbundenen ist, grundsätzlich schlech­tere Bildungschancen (vgl. Huck-Schade 2003: 22).

3.2 Prägung durch Familie und Gleichaltrige

Den stärksten Einfluss auf das Erlernen sozialer Kompetenz haben anfangs die familiären Bezugs­personen eines Kindes, bei denen es sich in der Regel um die Eltern handelt. Denn schon früh ist das Erlernen von „prosozialem Verhalten“ ein wesentlicher Teil der kindlichen Entwicklung (Petermann et al. 2004 zitiert in Brandes).

Kinder verfügen etwa ab dem vierten Lebensjahr über die kognitiven Vorraussetzungen für sozial kompetentes Handeln. Die Bereitschaft dafür besteht jedoch bereits im Säuglingsalter, weshalb Babys bereits nach einigen Monaten bevorzugt Gesichter anschauen und versuchen, Mimik und Laute nachzubilden. Dieses Interesse bildet die Basis dafür, dass sie später - darauf aufbauend - soziale Kompetenzen entwickeln. Damit sich diese Anlagen entfalten und ausdifferenzieren kön­nen, muss von den Bezugspersonen die Möglichkeit zur Kommunikation geschaffen werden. Sozial kompetentes Verhalten muss vorgelebt werden, für die Kinder durch ständigen Austausch nachvoll­ziehbar gemacht und angemessene (positive oder negative) Reaktionen auf das Sozialverhalten der Kinder gezeigt werden. Die damit verbundenen Erfahrungen des Kindes tragen zu einer altersan­gemessenen Entwicklung sozialer Kompetenzen bei. Wird dem Kind nicht die Möglichkeit gege­ben angemessenes Sozialverhalten von Vorbildern zu lernen, bilden sich die Bereitschaft und die Fähigkeit zu sozial kompetentem Verhalten stetig zurück. Auch kann das nicht befriedigte Bedürf­nis nach nachvollziehbarer harmonischer Kommunikation mit den Bezugspersonen zu einer Beein­trächtigung der seelischen Entwicklung führen. Somit sind gut entwickelte soziale Kompetenzen eines Kindes meist auch ein Ausdruck für seine psychische Gesundheit (vgl. Kasten 2008: 10 f.).

Die unterschiedlichen Bedingungen des Aufwachsens führen zu unterschiedlichen Ausgangssitua­tionen für den erstmaligen Umgang mit Gleichaltrigen innerhalb einer Gruppe in Kindergarten oder Schule. Die Erfahrungen, welche die Kinder in ihrer Familie gemacht haben beeinflussen ihre Fä­higkeiten erfolgreich zu kommunizieren, Regeln einzuhalten und zu kooperieren, die eigenen Inte­ressen zu vertreten und Empathie zu zeigen. All diese Kompetenzen bestimmen in hohem Maße wie erfolgreich sich ein Kind in eine (neue) Gruppe integrieren kann, was seine weitere Entwicklung - auch im Hinblick auf seine Sozialkompetenzen - stark prägt (De Boer 2008: 27).

Ab dem Kleinkindalter gewinnen die Erfahrungen mit Gleichaltrigen, die vorwiegend in Kindergar­ten und Schule gemacht werden, mehr und mehr an Bedeutung (Brandes). Nun sind viele von ihnen erstmalig damit konfrontiert, dass sie um die Anerkennung anderer „kämpfen“ müssen und dass sie, um hierbei erfolgreich zu sein, ein gewisses Sozialverhalten zeigen müssen und bestimmte Regeln, die ein friedliches Auskommen in sozialen Gruppen voraussetzen, zu beachten haben (vgl. Roth 2006: 21 f.). Darüber hinaus lernen sie nun wie sie sich ohne den Schutz der Eltern zurechtfinden, wie sie sich in gleichrangigen Beziehungen behaupten, wie Konkurrenz und Rivalität gestaltet wer­den oder wie Freundschaften aufgebaut und gepflegt werden. All dies kann nur durch eigene Erfah­rungen gelernt werden, durch welche die Kinder ihre sozialen Kompetenzen weiter entwickeln.

[...]


[1] Zum besseren Lesefluss wird auf eine geschlechtsneutrale Sprache verzichtet.

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Titel: Förderung sozialer Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen am Lebensort Schule