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Sicherheit als Privileg? - Eine Situationsanalyse brasilianischer Großstädte

Seminararbeit 2009 11 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Mittel- und Südamerika

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Situation in den Favelas

3. Schutzmaßnahmen gegen die Kriminalität
3.1 Private Security
3.2 Waffenbesitz

4. Die Rolle von Polizei und Justiz
4.1 Organisation der Polizei
4.2 Willkür statt Fairness

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Der Karneval von Rio, feurige Sambas und der Traumstrand der Copacabana prägen die Vorstellungen, die man sich allgemein von Brasilien macht. Es sind Klischees, die sich zuckerhuthoch rund um das südamerikanische Land türmen [...]“1

Dieses Zitat stammt aus dem Klappentext des Buches „Unter dem Zuckerhut: Brasilianische Abgründe“ von Klaus Hart. Genau von diesen Klischees möchte ich mich in der vorliegenden Arbeit entfernen. Im Jahr 2002 druckte die Zeitschrift „Brennpunkt Lateinamerika“ ein „Sicherheitsthermometer“ ab. Die Städte São Paulo und Rio de Janeiro befanden sich auf der Stufe 5 (von 7) mit der Kennzeichnung „Verbrechen als ständige Bedrohung. Risiko einer Entführung oder terroristischer Handlungen gegeben.“2

Angesichts dieser Einordnung stellt sich die Frage: Versagt der brasilianische Staat bei der Bereitstellung des öffentlichen Gutes Sicherheit? Artikel 3 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte besagt: „Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.“3 In Brasilien scheint Sicherheit jedoch ein Privileg geworden zu sein. Was ist das für eine Gesellschaft, in der nur den Reichen ein effektiver Schutz vor Gewaltverbrechen gewährt wird?

Ausgehend davon will ich im ersten Kapitel zunächst die Situation und den Aspekt der Sicherheit in den Favelas der brasilianischen Großstädte erörtern. Ich werde versuchen darzulegen, welchen Einfluss die dort ansässigen Verbrechersyndikate auf die Bevölkerung haben, sowohl in den Armenvierteln als auch außerhalb, und welche Rolle der Drogenhandel dabei spielt.

Im nächsten Kapitel schaue ich mir an, welche Vorkehrungen die Bevölkerung trifft, um sich vor der alltäglichen Gefahr zu schützen. Dabei gehe ich kurz auf den Aspekt der Private Security und die Entstehung sogenannter Gated Communities ein. Anschließend widme ich mich dem [illegalen] Waffenbesitz.

Das letzte Kapitel beschreibt die Rolle von Polizei und Justiz. Zum besseren Verständnis erläutere ich zunächst die Organisation der brasilianischen Polizei und die sich daraus ergebenden Defizite. Danach werde ich aufzeigen, inwiefern das Vorgehen der Polizei fair oder rein willkürlich ist.

Diese Arbeit verfolgt das Ziel, herauszufinden, ob man hinsichtlich des Aspektes der Sicherheit in Brasilien von einer Klassengesellschaft sprechen kann.

2. Die Situation in den Favelas

Werfen wir zunächst einen Blick auf die Elendsviertel der brasilianischen Großstädte, die Favelas. In diesen Räumen, die offenbar nach eigenen Gesetzen regiert werden, steigt die Kriminalitätsrate zum Teil ins Unermessliche. Ursachen dafür sind die extreme Armut sowie hohe Arbeitslosenzahlen. Die Folge sind große soziale Unterschiede zur restlichen Stadt. Viele Menschen haben keine Perspektive mehr und vor allem für junge Männer stellt der Einstieg in die organisierte Kriminalität oftmals den einzigen Ausweg aus dieser Misere dar.4 In den letzten Jahren ist besonders die Drogenkriminalität stark angestiegen. Allein 2000 registrierte die Polizei 6% mehr Fälle von Drogenhandel als im Jahr zuvor.5

Im Blickpunkt meiner Betrachtungen steht die Stadt Rio de Janeiro, „die zum Symbol der Drogengewalt geworden ist.“6 Filme wie „Cidade de Deus“ oder „Cidade dos Homens“ prägen dieses Bild in unseren Köpfen. In der Stadt an der Copacabana gibt es mehrere sogenannter Kommandos, die um die Vorherrschaft im Drogenverkauf konkurrieren. Die größte und älteste Organisation ist das Comando Vermelho (Rotes Kommando).7 Jürgen Dietz beschreibt in seiner Dissertation wie sich die Konsumgewohnheiten der Menschen in den Achtziger Jahren geändert haben: Das edle Kokain hat das bis dato weit verbreitete Marihuana teilweise vom Markt verdrängt. Der Handel mit dem teuren Schnee brachte den Drogensyndikaten große Einnahmen. Die Organisation des Drogenhandels wurde zunehmend komplexer und die Macht der Drahtzieher nahm neue Ausmaße an.8 Die Globalisierung ist besonders der organisierten Kriminalität förderlich.

Obwohl sich Kokain nur die reiche Bevölkerung leisten kann, agiert die Drogenmafia vorwiegend in den Favelas und baut dort ihre Waffen- und Drogenlager auf. Enge Gassen, unübersichtliche Wege und fehlende Straßennamen bilden das ideale Versteck. Es kommt sogar vor, dass Favela-Aufwertungsprogramme von den Drogenbossen gestört oder verhindert werden, um dieses, für die Polizei undurchdringliche, Wirrwarr aufrecht zu erhalten.9

Wie aber kann das Zusammenleben von mittelloser Zivilbevölkerung und brutalen Kriminellen funktionieren? Die Drogenbosse nutzen die Armut der Menschen aus, indem sie ihnen hin und wieder wohltätig gesinnt sind oder Schutz vor anderen Verbrechern bieten. In puncto Sicherheit übernehmen die Drogenbarone hier zum Teil Staatsaufgaben.10 So erwerben sie sich Sympathien und in gewisser Weise Rechtfertigung für ihr Handeln. Des weiteren stellt der Drogenhandel einen, wenn auch illegalen, Wirtschaftszweig dar und schafft somit Arbeitsplätze. Wer sich andererseits gegen die Mafia stellt, wird im schlimmsten Fall mit dem Tod bestraft.11 Es besteht ein Abhängigkeitsverhältnis nach dem Motto: Machst du mir keinen Ärger, mache ich dir auch keinen! Die Favelas werden von den Drogenbossen regiert und der Staat selbst scheint keine Rolle zu spielen.

Das klingt nach einem perfekt funktionierenden System. Doch „das organisierte Verbrechen in Rio de Janeiro [ist] teilweise weniger organisiert [...] als die Medien Glauben machen wollen.“12 Laut Souza drückt sich die Instabilität v.a. darin aus, dass es innerhalb der Kommandos viele kleine konkurrierende Gruppen gibt. Das hat brutale Auseinandersetzungen um die Vorherrschaft in den entsprechenden Einflussgebieten zur Folge, die zu regelrechten Bandenkriegen ausarten können.13 Neben diesen internen Feindseligkeiten, spielt auch der Einfluss von außerhalb der Favela eine entscheidende Rolle. Im Kampf gegen die Kriminalität dringen Polizisten in die Elendsviertel ein und versuchen auf brutale Weise mit den Verbrechersyndikaten abzurechnen. Doch dadurch entstehen nur noch größere Spannungen.14 Die eigentlichen Verlierer dieser Auseinandersetzungen sind die unbeteiligten Favela- Bewohner. Immer wieder geraten Unschuldige zwischen die Fronten oder werden durch verirrte Kugeln getötet.

Das nachfolgende Beispiel klingt eher wie der Auszug aus einem Spielfilm-Drehbuch. Doch es beschreibt, was in einigen brasilianischen Großstädten blutige Realität ist:

„Nachdem der Sicherheitsminister des Bundesstaates Rio de Janeiro, Anthony Garotinho (PMDB - Partido do Movimento Democrático Brasileiro), erstmals wieder rückläufige Kriminalstatistiken verkündet hatte, erschütterten Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Drogenbanden in den größten Favelas Rio de Janeiros das Land. In Rocinha und Vidigal eskalierte ein Bandenkrieg um Drogenumschlagplätze, zwölf Menschen mussten sterben. Gleichzeitig wurden im Zentrum der Stadt mehrere Sprengstoffanschläge durchgeführt, um die Polizei abzulenken. Schließlich stürmten Einheiten der Militärpolizei die Favela da Rocinha und halten sie seitdem mit 1.300 Mann besetzt.“15

[...]


1 Hart 2001: Einband.

2 Vgl. Calcagnotto 2002: 110.

3 Amnesty international (Hrsg.) 2008: 8.

4 Vgl. Cholet/ Flemes 2004: 153.

5 Vgl. Calcagnotto 2002: 112.

6 Souza 2004: 27.

7 Vgl. Souza 2004: 19f.

8 Vgl Dietz 1999: 109.

9 Vgl. Souza 2004: 27, 29.

10 Vgl. Souza 2004: 28.

11 Vgl. Dietz 1999: 112.

12 Souza 2004: 20. Die Übertreibungen sollen wohl dazu dienen, um von weiteren Beteiligten im Drogengeschäft abzulenken: führende Geschäftsleute oder korrupte Polizisten. (vgl. Souza 2004: 20).

13 Vgl. Souza 2004: 20.

14 Vgl. Souza 2004: 26f.

15 Cholet/ Flemes 2004: 150.

Details

Seiten
11
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640979271
ISBN (Buch)
9783640979462
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v176582
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Lateinamerikainstitut
Note
2,0
Schlagworte
Rio de Janeiro Favela Polizei Brasilien Private Security

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