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Widersprach Abtreibung pränatalen Lebens dem Hippokratischen Eid?

Der Eid und dessen Ethik um Abtreibung ungeborenen Lebens in der griechischen Gesellschaft der Antike

Essay 2011 10 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

[…] Gleicherweise werde ich niemals einer Frau ein fruchtabtreibendes Zäpfchen geben. […]1

Dies ist nur ein Ausschnitt aus dem Hippokratischen Eid, jedoch entfacht gerade dieser bis heute noch Diskussionen über die (un) -erlaubten Aborte pränatalen Lebens.

Worauf sich meine Untersuchung konzentrieren soll ist ob, und wenn ja, inwieweit der Hippokratische Eid künstliche Aborte untersagte. Ob dies eine Thematik zu jener Zeit war und wie solch ein Tun, wenn überhaupt, rechtlich normiert wurde; begründend unter anderem auf den gesetzlichen Grundlagen, welche auf die damaligen ethisch-moralischen Ansichten basierten. Ferner möchte ich darauf eingehen, welche Möglichkeiten damals zur Verhütung und Familienplanung zur Verfügung standen und welche Motive dafür vorlagen.

Der Hippokratische Eid, welcher ungefähr um 400 v. Chr. zu datieren ist, ist eines der bekanntesten Schriftstücke der Antike, welcher Teil des mehr als 60- bändigen Corpus Hippokratum ist. Im Wesentlichen legte der Eid bestimmte ethische Regeln und Handlungsmaßstäbe fest, die bei der Ausübung des Arztberufs eingehalten werden sollten. Anfänglich galt wohl die Tätigkeit eines Arztes in der griechischen Antike als Handwerk. So ging jeder, der Heilkundiger werden wollte, zuerst bei einem Meister in die Lehre. Dieser bildete den Lehrling theoretisch und praktisch aus. Daher war unter dem Hippokratische Eid zunächst ein Lehrvertrag zu verstehen, der die Rechtsbeziehung zwischen Lehrer und Schüler regelte.2 In der bekannten ursprünglichen Fassung untersagt der Eid unter anderem Euthanasie, Chirurgie, sexuelle Beziehungen zu Patienten und schreibt das Einhalten einer Schweigepflicht vor. Seit 1948 ist er durch das Arztgelöbnis ersetzt worden, welches jedoch weitestgehend auf den Hippokratischen Eid aufbaut. Zudem ist anzumerken, dass der Schwur nicht vollständig ist, denn Anfang und Ende fehlen im Original. Ebenso unbekannt ist, ob und in wieweit er in der Antike als gültig angesehen wurde. Ferner existieren nach Prof. Sigerest derzeit 39 handschriftliche Überlieferungen des uns bekannten Originals, welche zudem von verschiedenen Verfassern stammen.3 Diese Unklarheiten machen somit eine historisch-kritische Interpretation in seiner Gesamtheit äußerst schwierig. Deshalb ist es sinnvoll zudem andere Aspekte wie damalige Rechte, Gesetze, Ethik und Moral heranzuziehen.

Darüber hinaus ist sich die Forschung über die Urheberschaft des Eides bis heute nicht im Klaren. Zweifelsohne ist er nach einem der bekanntesten Ärzte der griechischen Antike benannt: Hippokrates von Kos, welcher etwa zwischen 460 und 370 v. Chr. lebte.

Über sein Leben soll nicht viel bekannt sein, zumindest gibt es keine zeitlichen Belege über ihn. Zwar erwähnt Platon ihn in zwei seiner Werke4, aber erst rund 500 Jahre nach dem Tod des Hippokrates verfasst offenbar der griechische Arzt Soranos von Ephesos seine Lebensgeschichte in schriftlicher Form, dem Anschein nach aus mündlich Überlieferungen zusammengestellt.5 Er ist augenscheinlich ein Arzt gewesen, welcher die kranken Menschen studierte und sein Wissen auf der Insel Kos an Schüler weitergab. Hippokrates betrieb wohl eine prognostisch orientierte Heilkunde, die auf Deutung körperlicher Zeichen beruhte, nicht auf Aberglaube oder magisch basierenden Ursachen, wie es zu dieser Zeit wohl üblich war..6 Es bekräftigt sich die Annahme, dass Hippokrates von Kos nicht der Verfasser des gleichnamigen Eides sein kann, denn nach Prof. Schubert findet sich die früheste Erwähnung des Schwurs erst im 1. Jh. n. Chr. und erst im 2. Jh. n. Chr. wird zum ersten Mal aus dem Eid zitiert.7 Lange nach Hippokrates Lebzeiten. Sigerist ist jedoch der Ansicht, dass einige Bücher des Corpus Hippocraticum von Hippokrates selbst stammen könnten, aber kann man es derzeit weder beweisen, noch vermag er zu mutmaßen, welche Bücher es sind. Vor allem die Tatsache der Benennung der Sammlung nach Hippokrates ist für Sigerist ein Argument dafür, dass zumindest einige Bücher von ihm stammen könnten.8

Heute schreibt man den Eid selbst einer älteren Schule zu. Möglicherweise der des Philosophen Pythagoras, der eine durchaus religiöse Ansicht hatte9. Nach Schubert kann eines jedoch festgehalten werden; dass die verschiedenen Variationen des antiken Eides über Jahrhunderte hinweg stets eine ablehnende Haltung gegenüber der Abtreibung dokumentierten.10 Somit kann diese Problematik, ob künstliche Aborte ein Thema zu dieser Zeit waren, im Folgenden ausgeblendet werden.

Weitere Indizien dafür nennt Prof. Carlen, denn mancherorts soll die Abtreibung bestraft worden sein. So setzte das Stadtrecht von Gortyn auf Kreta wohl darauf Busse und die Stadt Theben die Todesstrafe aus. Cicero soll geschrieben haben, er erinnere sich, dass eine Frau aus Milet wegen Abtreibung zum Tode verurteilt worden sei. Nach einer unter dem Namen Lysias (um 380 v. Chr.) überlieferten Gerichtsrede befassten sich die Richter von Milet wohl ernsthaft mit dem Problem des keimenden Lebens und sollen die Frage, ob die Abtreibung der Leibesfrucht als Mord zu beurteilen sei, erörtertet haben.11 Dies bekräftigt nicht nur die damalige Thematisierung, sondern auch das es keinesfalls überall gebilligt und durchaus bis zum Tode der Frau sanktioniert wurde.

Prof. Manfred Balkenohl geht davon aus, dass der Eid des Hippokrates pränatale Aborte jeglicher Form strengstens untersagte. Seiner Meinung nach ist die Verwendung des Wortes »gleicherweise« bedeutend damit, dass der Schwörende sich auch hier nicht allein dazu verpflichtete kein abtreibendes Mittel zu verabreichen, sondern ferner auch dazu, »niemandem, auch auf eine Bitte nicht« einen diesbezüglichen Rat zu erteilen. Durch die Wiederholung »keiner Frau« werde »die Unbedingtheit der Aussage« noch einmal unterstrichen, woraus Balkenohl folgert, dass der den Hippokratischen Eid ablegende Arzt, auch keinerlei »Indikation« anerkannt habe. Als Erklärung für diese derart kompromisslose Haltung führt Balkenohl die Einsicht an, dass Mord, Beihilfe zum Selbstmord und Abtreibungen »stets Handlungen« seien, die Schädigungen beinhalten und bewirken sowie den Glauben, dass der Mensch, der selbstherrlich über Leben und Tod von Mitmenschen entscheidet, sich die Rechte der Götter anmaße. Er ist weiterhin der Auffassung, dass ein Arzt nichts anderes tun darf, als Leben erhalten - ob es ein Glück oder ein Unglück sei, ob es Wert habe oder nicht. Sollte er trotzdem keine Rücksicht auf das werdende Leben nehmen, seien die Folgen unabsehbar und der Arzt wird wohl der gefährlichste Mensch im Staat.12

[...]


1 Bauer, Axel W. : Der Hippokratische Eid,

http://web.archive.org/web/20090223072036/http://www.uniheidelberg.de/institute/fak5/igm/g47/bauerhip. htm, [02.07.2011]

2 Vgl. Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon, München 2005, S. 421-422

3 Sigerist, Henry E.: Anfänge der Medizin. Von der primitiven und archaischen Medizin bis zum Goldenen Zeitalter in Griechenland, Zürich 1963, S. 695

4 Unter anderem erwähnt in: Platon: Protagoras, übersetzt und herausgegeben von Bernd Manuwald, Göttingen 2006 Platon: Phaidros, übersetzt und herausgegeben von Rudolf Kassner, Jena 1920

5 Tröhler, Ulrich, u.a.: Ethik und Medizin 1947-1997. Was leistet die Kodifizierung von Ethik?, Wallstein 1997, S. 24

6 Achner, Heike: Ärzte in der Antike. Von Abtreibung bis Zahnheilkunde, Mainz 2009, S. 104

7 Schubert, Charlotte: Der hippokratische Eid, S. 15

8 Sigerist, Henry E.: Anfänge der Medizin, S. 695

9 Schubert, Charlotte: Der hippokratische Eid, S. 15

10 ebenda. 27

11 Vgl. Carlen, Louis: Die Abtreibung in der Rechtsgeschichte, in: Hildesheim 1988, S. 121

12 Balkenohl, Manfred: Der Eid des Hippokrates: griechischer Urtext, Übersetzung, Interpretation, Wirkungsgeschichte, heutige Problemlage und moderne Dokumente, Abtsteinach 2007, S. 20-31

Details

Seiten
10
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640981809
ISBN (Buch)
9783640981694
Dateigröße
609 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v176706
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Geschichtswissenschaften
Note
1,7
Schlagworte
widersprach abtreibung lebens hippokratischen ethik gesellschaft antike

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