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Mk 6,33-44: Die Speisung der 5000

Essay 2010 5 Seiten

Zusammenfassung

Einleitung
Die Perikope Mk 6,30-44 erzählt die Geschichte eines Wunders: Die Speisung der Fünftausend. Hierin be- richtet der Evangelist Markus vom Rückzug Jesu mit seinen Jüngern an einen einsamen Ort, wo sie Erho- lung und Ruhe nach einer anstrengenden Missionsreise suchen. Die vorangehenden Verse Mk 6,6b-13 beinhalten neben dem Auftrag Jesu an seine Jünger, Menschen zur Umkehr aufzurufen und Dämonen auszutreiben, die Berichte der Jünger über den Verlauf ihrer Mission. Sie bilden somit die Vorgeschichte zur Speisung der Fünftausend. Jesus und seine Jünger wollen mit einem Boot zum ausgewählten Rast- platz gelangen. Doch bei ihrer Abfahrt wird eine Menschenmenge auf sie aufmerksam und eilt ihnen zu Fuß aus den umliegenden Ortschaften dorthin voraus. Bei seiner Ankunft bereits von der Menge erwartet, hat Jesus Mitleid mit den Wartenden und beginnt zu lehren. Am Abend sind die Zuhörer erschöpft und hungrig. Auf den Vorschlag der Jünger, die Menschen zum Essen wegzuschicken, fordert Jesus seine Jün- ger auf, den von ihnen mitgeführten Proviant unter den Anwesenden zu verteilen. Die Jünger zweifeln aber, ob dieser – bestehend aus fünf Broten und zwei Fischen – alle zu sättigen vermag. Jesus ignoriert aber jeglichen Zweifel seiner Jünger, fordert sie auf, die Menschen zu Tischgemeinschaften zusammenzu- führen, spricht ein Segensgebet, bricht die vorhandenen Brote und lässt sie, wie auch die beiden Fische, unter den Anwesenden austeilen. Nach dem Mahl fordert Jesus die Jünger auf, die verbleibenden Reste von Brot und Fischen einzusammeln. Am Ende tragen die Jünger zwölf Körbe, voll mit Brot und Fischen, zusammen. Die Perikope schließt mit der Zahlenangabe, dass bei der Speisung fünftausend Männer an- wesend waren.
In der vorliegenden Perikope soll der Frage nachgegangen werden, warum nicht Jesu Lehre, sondern sei- ne Handlung – das Wunder – in den Vordergrund gerückt wird; und zugleich, welches symbolische Bild damit auf ihn projiziert wird. Anhand einer narrativen Analyse, mittels textkritischer Methodik und einer Begriffsanalyse, welche ausgewählte Begriffe auf ihre Bedeutung hin beleuchtet bzw. einer Motivanalyse, welche das im Text auffallende Hirtenbild untersucht, wird der Versuch unternommen, die Perikope aus dem Markusevangelium exegetisch zu deuten.

Leseprobe

Einleitung

Die Perikope Mk 6,30-44 erzählt die Geschichte eines Wunders: Die Speisung der Fünftausend. Hierin be- richtet der Evangelist Markus vom Rückzug Jesu mit seinen Jüngern an einen einsamen Ort, wo sie Erho- lung und Ruhe nach einer anstrengenden Missionsreise suchen. Die vorangehenden Verse Mk 6,6b-13 beinhalten neben dem Auftrag Jesu an seine Jünger, Menschen zur Umkehr aufzurufen und Dämonen auszutreiben, die Berichte der Jünger über den Verlauf ihrer Mission. Sie bilden somit die Vorgeschichte zur Speisung der Fünftausend. Jesus und seine Jünger wollen mit einem Boot zum ausgewählten Rast- platz gelangen. Doch bei ihrer Abfahrt wird eine Menschenmenge auf sie aufmerksam und eilt ihnen zu Fuß aus den umliegenden Ortschaften dorthin voraus. Bei seiner Ankunft bereits von der Menge erwartet, hat Jesus Mitleid mit den Wartenden und beginnt zu lehren. Am Abend sind die Zuhörer erschöpft und hungrig. Auf den Vorschlag der Jünger, die Menschen zum Essen wegzuschicken, fordert Jesus seine Jün- ger auf, den von ihnen mitgeführten Proviant unter den Anwesenden zu verteilen. Die Jünger zweifeln aber, ob dieser - bestehend aus fünf Broten und zwei Fischen - alle zu sättigen vermag. Jesus ignoriert aber jeglichen Zweifel seiner Jünger, fordert sie auf, die Menschen zu Tischgemeinschaften zusammenzu- führen, spricht ein Segensgebet, bricht die vorhandenen Brote und lässt sie, wie auch die beiden Fische, unter den Anwesenden austeilen. Nach dem Mahl fordert Jesus die Jünger auf, die verbleibenden Reste von Brot und Fischen einzusammeln. Am Ende tragen die Jünger zwölf Körbe, voll mit Brot und Fischen, zusammen. Die Perikope schließt mit der Zahlenangabe, dass bei der Speisung fünftausend Männer an- wesend waren. In der vorliegenden Perikope soll der Frage nachgegangen werden, warum nicht Jesu Lehre, sondern sei- ne Handlung - das Wunder - in den Vordergrund gerückt wird; und zugleich, welches symbolische Bild damit auf ihn projiziert wird. Anhand einer narrativen Analyse, mittels textkritischer Methodik und einer Begriffsanalyse, welche ausgewählte Begriffe auf ihre Bedeutung hin beleuchtet bzw. einer Motivanalyse, welche das im Text auffallende Hirtenbild untersucht, wird der Versuch unternommen, die Perikope aus dem Markusevangelium exegetisch zu deuten.

Hauptteil

Die narrative Analyse zeigt eine auffällige Gliederung der Perikope in drei Hauptteile. Der erste Teil, be- stehend aus den Versen 30-34, behandelt die Ankunft Jesu und seiner Jünger an dem nicht näher be- schriebenen einsamen Ort und die Zusammenkunft aller weiteren beteiligten Personen; in diesem Falle Jesu, der Jünger und der Volksmenge. Der Vers 30 berichtet von der Rückkehr der ausgesandten zwölf Jünger und den Erlebnissen ihrer Missionsreise. In Vers 31 spricht Jesus zum ersten Mal in direkter Rede zu seinen Jüngern. Er möchte ihnen eine Ruhepause gönnen und mit ihnen alleine rasten. Die Verse 32 und 33 berichten vom Vorhandensein eines Bootes, welches ihnen als Fahrzeug zur Verfügung steht, um an den Rastplatz zu gelangen. Allerdings werden sie von einer größeren Menschenmenge beobachtet; diese eilt ihnen voraus und erwartet sie - wie in Vers 34 beschrieben - bereits am Rastplatz. Der Begriff des Bootes wird dabei vom Evangelisten als Sinnbild für Ruhe, Rast und Rettung benutzt; in Anspielung auf die Arche Noah, die ebenfalls ein Ort der Rettung, aber auch der Reise gewesen ist (Lurker, 266). Das im Vers 34 erwähnte Mitleid Jesu mit den Schafen, die keinen Hirten haben, symbolisiert Fürsorge und Führerschaft, die auch Mose im Alten Testament für sein Volk Israel übernommen hat. Damit wird dem Leser und den Adressaten der Perikope das Motiv des Evangelisten Markus ganz klar vor Augen geführt, dass Jesus auf derselben Stufe wie Mose (Num 27,17) und König David (1 Kön 22,17) anzusiedeln ist, da auch er als Hirte die Schafe führt, ihnen Ruhe und Rast, aber auch Schutz gewährt. In Jes 40,11 wird zu- dem auf den Anbruch der messianischen Zeit hingewiesen, wenn der Hirte seine Schafe auf die Weiden geleitet; hier wird damit ein direkter Bezug zu Jesus als der Messias hergestellt (Beyreuther, 976).

Der zweite Teil der Perikope erläutert die bevorstehende Speisung der Menschenmenge. Auffällig ist hier- bei, dass der Abschnitt von Vers 35-38 fünfmal einen Dialog zwischen Jesus und den Jüngern in direkter Rede aufweist. Dem Leser fällt dabei auf, dass der Dialog die Jünger als Agierende in den Vordergrund rückt; sie sind es, die am Anfang, zur Mitte und am Schluss des Dialogs sprechen. Ab Vers 35 tragen die Apostel im Dialog mit Jesus die Problematik zur Speisung und Versorgung der anwesenden Zuhörerschaft vor, bei der der Ort eine Rolle spielt. Der Begriff des abgelegenen Ortes verdeutlicht noch einmal den an- fangs angedeuteten einsamen Ort als Rastplatz. In Vers 36 unterbreiten die Jünger Jesus den Vorschlag, die Menschenmenge solle sich auf den Bauernhöfen der umliegenden Dörfer etwas zu essen kaufen. Auch hier wird eine Parallele zu den benachbarten Dörfern gezogen, welche zuvor in Mk 6,6b das Forum für die Lehrreden Jesu und den Ausgangspunkt für die Aussendung der Apostel auf die Missionsreise darstellten. In Vers 37 fordert Jesus die Apostel in direkter Rede auf, dass sie sich selbst um die Nahrungsbeschaf- fung für die große hungrige Zuhörerschaft sorgen sollen. Daraufhin wird durch eine zweifelnde Frage der Jünger die Problematik noch einmal verstärkt: Sie sehen sich nicht in der Lage, mit dem mitgeführten Proviant die Volksmenge zu sättigen. Die Frage verdeutlicht noch einmal die Schwierigkeit der Sättigung der großen Menschenmenge und gibt zugleich schon den Hinweis auf ein bevorstehendes Wunder. Brot - wie im Vers 37 erwähnt - war damals schon das tägliche Hauptnahrungsmittel, welches das Überleben in einer eher vegetationskargen und armen Region wie Palästina ermöglichte. Das Brot versinnbildlicht 54einen durch Verwandlung von Saatgut gewonnenen Grundstoff, durch dessen Verzehr Leben erhalten werden kann. Brot symbolisiert eine Gabe, welche aus dem Zusammenspiel von Sonne und Erde entsteht und zugleich das Produkt harter menschlicher Arbeit ist. Im Ps 104,14 gehört es zu den Wundergaben des Himmels und der Erde (Lurker, 59). In Vers 38 nimmt Jesus die Jünger mit einer direkten Frage er- neut in die Pflicht, die anwesenden Zuhörer mit Speise zu beliefern. Die Jünger antworten ihm, dass es sich bei dem mitgeführten Proviant um fünf Brote und zwei Fische handelt. Der gesamte Dialog ist stilis- tisch so gestaltet, dass die Jünger das erste und letzte Wort haben. Mit ihrer letzten Feststellung, dass es sich nur um fünf Brote und zwei Fische handelt, werden alle nachfolgenden Handlungen auf das Wunder Jesu fokussiert. Der dritte und letzte Teil der Perikope, die Verse 39-44, beschreibt das eigentliche Wunder durch Jesus. Dabei ordnet er die Jünger in Vers 39 an, dafür Sorge zu tragen, dass alle sich in Tischgemeinschaften im umliegenden Gras versammeln und niederlassen. Die Durchführung des Auftrags, auch die genaue zah- lenmäßige Aufteilung in den Tischgemeinschaften, werden in Vers 40 beschrieben: zu je fünfzig und ein- hundert Personen. Der Begriff und der Vollzug der Tischgemeinschaft symbolisieren in der jüdischen Tra- dition die Teilhabe am Segen Jahwes. Charakteristisch dafür sind das zu Beginn des Mahles vom Hausva- ter gesprochene Tischgebet und der Tischdank nach Beendigung des Mahles. Während dieser Zeremonie nimmt der Hausvater das Brot und spricht stellvertretend für alle anwesenden Teilnehmer das Segensge- bet bzw. einen Lobspruch. Danach bricht er das gesegnete Brot und verteilt es an die Anwesenden. Durch dieses streng geregelte Prozedere hat jeder von ihnen Anteil am Tischsegen. Ebenso verfährt der Hausva- ter mit dem Wein, welcher gesegnet und den Anwesenden aus dem Segensbecher gespendet wird (Klap- pert, 668). Vers 41 beschreibt die Wunderhandlung durch Jesus anhand von fünf Verben. Die ersten bei- den Verben beschreiben wie folgt: Jesus nimmt die Brote und Fische und blickt zum Himmel hinauf. Die drei nachfolgenden Verben stehen stellvertretend für den zuvor beschriebenen jüdischen Tischritus: Jesus lobpreist, bricht und verteilt. Dies lässt die Vermutung zu, dass Jesus während der Speisung der Fünftau- send die Rolle des jüdischen Hausvaters einnimmt, der seine Familie und Gäste bewirtet und mit dem Se- gen Jahwes, also Gottes Segen, ausstattet. Die Jüngerschaft wird bei diesem Zeremoniell mit einbezogen, da sie aufgefordert wird, die Brote und Fische auszuteilen. Ihre Bedeutung wird daher nicht nur auf die Vorbereitung des Wunders beschränkt. In den Versen 42 und 43 wird noch einmal das eigentliche Wun- der hervorgehoben: Mittels einer stilistischen Verstärkung bzw. Doppelung wird beschrieben, dass nicht nur alle essen, sondern auch gesättigt werden. Die zwölf Körbe mit den restlichen Broten verdeutlichen einmal mehr, dass es sich um ein Wunder mit Überflusscharakter handelt. Dasselbe gilt für den abschlie- ßenden Vers 44, der zur Bekräftigung der Wundertat die hohe Anzahl von fünftausend Männern, die alle gesättigt worden sind, beschreibt. Es gilt dabei zu bedenken, dass es sich um eine weitaus größere An- zahl von Personen um die Wunderspeisung gehandelt haben muss, da wohl nicht nur die genannten fünf- tausend Männer anwesend waren, sondern auch deren Familien, bestehend aus Ehefrauen, Kindern und sonstiger Verwandtschaft.

Schluss

Die eingangs aufgeworfene Frage, weshalb Jesus nicht durch seine Lehren, sondern vielmehr als Protago- nist der Wunderhandlung im Vordergrund steht, lässt sich mit dem zuvor aufgezeigten Hirtenmotiv be- antworten. Nicht nur seine Stellung als Nachfolger der „jüdischen Hirten“ Moses und David soll mit Hilfe der Perikope aus dem Markusevangelium hervorgehoben werden; vielmehr setzt sich Jesus als Hirte für das Wohl seiner Schafe auf dem grünen Gras ein. Das gesprochene Gebet, gen Himmel gerichtet, wel- ches das Wunder einleitet, darf als Zeichen des jüdischen Hausritus gesehen werden. Die nach der Spei- sung übriggebliebenen Brotreste und Fische, die von den Jüngern in Körben eingesammelt werden, sym- bolisieren, dass Jesus in jeglicher Notsituation in der Lage ist, Fürsorge zu spenden; sei es durch Seelsor- ge, das heißt durch Gebet und Verkündigung des Heils oder durch die Sorge um das leibliche Wohl. Als eine weitere Allegorie kann die Anspielung der fünf Brote und zwölf Körbe auf die fünf Bücher Mose und die zwölf Apostel gedeutet werden: Sie unterstreicht nicht nur den Aspekt der Fürsorge Jesu; die Austei- lung der Brote an eine große Menschenmenge durch die Jünger im Auftrag Jesu kann zugleich die Ver- kündigung der Frohen Botschaft durch die kirchlichen Gemeinschaften späterer Jahrhunderte versinnbild- lichen, wären somit dem Evangelium, der Aussendung der Apostel und deren Verkündigungsauftrag in der Welt gleichzusetzen.

Kjell Ostenrath

Literatur

Beyreuther, E.; Hirt, In: Theologisches Begriffslexikon zum Neuen Testament, Bd. I (2005), 975-979.

Klappert, B.; Herrenmahl, In: Theologisches Begriffslexikon zum Neuen Testament, Bd. II (1969), 667- 678.

Lurker, M.; Wörterbuch biblischer Bilder und Symbole. München 31987. Die Bibel: Altes und Neues Testament. Einheitsübersetzung. Stuttgart 1980.

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Details

Seiten
5
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640982615
DOI
10.3239/9783640982615
Dateigröße
419 KB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen – Theologisches Institut
Erscheinungsdatum
2011 (August)
Note
1,0
Schlagworte
Markusevangelium Neues Testament Speisung der 5000 Fünftausend Mk 6 Exegese Essay

Autor

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