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Steuerhinterziehung und Steuerehrlichkeit

von Steffen Kehrer (Autor) Rico Lange (Autor)

Seminararbeit 2011 34 Seiten

BWL - Rechnungswesen, Bilanzierung, Steuern

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Grundmodell der Steuerhinterziehung von Allingham / Sandmo

3 Erweiterungen des Grundmodells
3.1 Vorbetrachtungen zu den erweiterten Modellen
3.2 Existenz einer verbindlichen Prüfregel
3.3 Absenz einer verbindlichen Prüfregel

4 Verhaltenswissenschaftliche Erklärungsansätze von Steuerehrlichkeit
4.1 Vorbemerkungen
4.2 Subjektive Wahrnehmung der Kontrollwahrscheinlichkeit
4.3 Einfluss demographischer Faktoren
4.4 Schuld, Schamgefühl und Moral
4.5 Religiosität
4.6 Ethnische Faktoren und soziale Identitäten
4.7 Fairness der Steuerschuld
4.8 Korruption
4.9 Verhältnis der Bürger zum Staat
4.10 Interaktion zwischen Steuerbehörden und Steuerzahlern

5 Einfluss von Abstimmungen auf die Steuerehrlichkeit - eine experimentelle Analyse
5.1 Bisheriger Erkenntnisstand
5.2 Design des Experiments
5.3 Ergebnisse
5.4 Diskussion der Ergebnisse

6 Zusammenfassung

7 Anhang

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In nahezu jeder zivilisierten Gesellschaft werden Steuern zur Finanzierung öffentlicher Güter erhoben (Vgl. Torgler, 2005, S. 82). Allerdings zahlt kein Bürger gerne Steuern, was entsprechende Verhaltensweisen zur Reduzierung der individuellen Steuerschuld auslöst. Alm / Gomez differenzieren Möglichkeiten zur Senkung der Steuerschuld in legale Steuervermeidung und illegale Steuerhinterziehung. Steuerhinterziehung wird im weiteren Verlauf analog zu Alm / Gomez definiert als bewusste, illegale Handlungen der Steuerpflichtigen zur Reduzierung ihrer gesetzlich geschuldeten Steuerlast (Vgl. Alm / Gomez, 2008, S. 73). Bemerkenswert ist gemäß Feld / Tyran jedoch, weshalb in der Realität viele Personen ihre Steuern ordnungsgemäß entrichten, anstatt sie zu hinterziehen (Vgl. Feld / Tyran, 2002, S. 197).

Das Ziel dieser Arbeit ist eine Darstellung der Einflussfaktoren von Steuerhinterziehung und Steuerehrlichkeit. Ausgehend vom rationalen Grundmodell sowie dessen Erweiterungen werden ökonomische Determinanten von Steuerhinterziehung aufgezeigt. Um die Diskrepanz zwischen den theoretisch prognostizierten und den realen Ergebnissen zu erklären, wird der Einfluss verhaltenswissenschaftlicher Variablen auf die Steuerehrlichkeit untersucht (Vgl. Andreoni et al., 1998, S. 819). Dazu wird zunächst auf das Grundmodell der Steuerhinterziehung von Allingham / Sandmo eingegangen, bevor die von Andreoni et al. erweiterten Varianten vorgestellt werden. Im Anschluss daran erfolgt eine umfassende Betrachtung verhaltenswissenschaftlicher Erklärungsansätze. Danach wird explizit der Einfluss der Möglichkeit einer Abstimmung über Fragen der Steuergesetzgebung anhand eines Experimentes analysiert. Abschließend erfolgt eine kurze Zusammenfassung der wesentlichen Erkenntnisse.

2 Das Grundmodell der Steuerhinterziehung von Allingham / Sandmo

Das Grundmodell der Steuerhinterziehung stammt von Allingham / Sandmo aus dem Jahr 1972. Ziel des Modells ist eine Erklärung der individuellen Entscheidung, inwiefern Steuern durch die bewusste Falschangabe des zu versteuernden Einkommens hinterzogen werden. Die Entscheidung über das zu versteuernde Einkommen erfolgt dabei unter Unsicherheit, weil ein bewusst zu niedrig erklärtes Einkommen nicht zwangsläufig eine Strafe zur Folge hat. Der Steuerzahler hat deshalb grundsätzlich zwei Möglichkeiten:

(1) Er deklariert sein erzieltes Einkommen wahrheitsgemäß.
(2) Er erklärt wahrheitswidrig einen zu geringen Betrag.

Sofern Möglichkeit (2) gewählt wird, ist das erreichte Nutzenniveau des Steuerpflichtigen abhängig davon, ob er vom zuständigen Finanzamt überprüft wird oder nicht. Sofern keine Kontrolle erfolgt, generiert Strategie (2) für ihn einen höheren Nutzen als Strategie (1). Bei einer Prüfung würde jedoch Möglichkeit (1) einen höheren Nutzen erzielen. Zusätzlich wird angenommen, dass die Nutzenfunktion des Individuums nur vom Einkommen als einzigem Parameter abhängt. Außerdem ist der Grenznutzen an jeder Stelle der Nutzenfunktion positiv, aber stetig abnehmend. Der Steuerzahler ist zudem risikoavers (Vgl. Allingham / Sandmo, 1972, S. 323f.).

Das tatsächliche Einkommen W ist exogen und dem Steuerpflichtigen bekannt, aber nicht der Steuerbehörde. Der reguläre Steuersatz θ ist konstant. Das deklarierte Einkommen X ist die vom Steuerzahler bestimmbare Variable. Die Wahrscheinlichkeit p einer Kontrolle durch das Finanzamt liegt zwischen Null und Eins. Bei einer Prüfung erfährt die Steuerbehörde das tatsächlich zu versteuernde Einkommen. In diesem Fall muss das hinterzogene Einkommen (W - X) mit einem Strafsteuersatz π nachversteuert werden, welcher größer ist als der reguläre Steuersatz θ. Das vorgestellte Modell vernachlässigt dabei die Möglichkeit der Verhängung einer Gefängnisstrafe oder einer Kombination aus Geld- und Gefängnisstrafe (Vgl. Allingham / Sandmo, 1972, S. 324f.).

In diesem Modell wird vom Steuerzahler als rationalem Nutzenmaximierer ausgegangen, der seinen erwarteten Nutzen E [ U ] über die Wahl von X folgendermaßen zu maximieren versucht:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zur Verbesserung der Übersicht wird für den weiteren Verlauf

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definiert. Die Bedingung für ein Maximum von (1) stellt sich dann in Form von

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dar. Aufgrund der Annahme einer konkaven Nutzenfunktion ist deren zweite Ableitung negativ und der gefundene Extrempunkt somit ein Maximum. Für X kann nicht im Voraus angenommen werden, dass sein Wert zwischen Null und W liegt. Die konkrete Ausprägung von X ist abhängig von den Parametern Kontrollwahrscheinlichkeit p, Strafsteuersatz π, regulärem Steuersatz θ und tatsächlichem Einkommen W. Um die notwendigen Parameterwerte zu erhalten, für welche X zwischen Null und W liegt, wird zuerst X = 0 (Gleichung (5)) und anschließend X = W (Gleichung (6)) angenommen. Da der erwartete Grenznutzen mit zunehmendem X abnimmt, ergeben sich folgende Gleichungen

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und

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diese Gleichungen können zu

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sowie

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umgeformt werden. Der Faktor in eckigen Klammern aus Gleichung (5‘) ist positiv und kleiner als Eins. Aus Gleichung (6‘) ist ersichtlich, dass der Steuerpflichtige ein geringeres als sein tatsächliches Einkommen angeben wird, falls der Erwartungswert der Strafzahlung auf das nicht erklärte Einkommen niedriger ist als sein regulärer Steuersatz (Vgl. Allingham / Sandmo, 1972, S. 325f.).

Überdies ist zu untersuchen, inwiefern eine Veränderung des tatsächlichen Einkommens, unter der Annahme von Risikoaversion, Auswirkungen auf das zu deklarierende Einkommen hat. Allingham / Sandmo kommen zu dem Ergebnis, dass das angegebene Einkommen bei einer Veränderung des tatsächlichen Einkommens entweder steigt, fällt oder konstant bleibt. Die konkrete Antwort hängt davon ab, ob die relative Risikoaversion Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten eine fallende, steigende oder konstante Funktion des Einkommens ist. Nach einigen Umformungen führt das zu folgendem Term

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Allingham / Sandmo legen sich nicht auf einen konkreten Verlauf der relativen Risikoaversion fest. Für die absolute Risikoaversion Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten dagegen erscheint ihnen ein fallender Verlauf plausibel, was jedoch im Ergebnis dazu führt, dass kein eindeutiger Zusammenhang zwischen dem regulären Steuersatz θ und dem erklärten Einkommen X feststellbar ist, wie in folgender Gleichung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

ersichtlich wird. Ökonomisch können die beiden Terme in (8) als der Einkommens- und der Substitutionseffekt interpretiert werden. Der Substitutionseffekt ist im vorliegenden Fall negativ, weil ein steigender Steuersatz zu einem höheren Ertrag von Steuerhinterziehung führt. Im Gegensatz dazu ist der Einkommenseffekt positiv. Ein höherer Steuersatz führt zu einer größeren finanziellen Belastung des Steuerzahlers, indem Y und Z für jedes X kleinere Werte annehmen. In Verbindung mit einer abnehmenden absoluten Risikoaversion folgt daraus aber tendenziell eine Reduzierung von Steuerhinterziehung.[1] Um zu zeigen, inwieweit das deklarierte Einkommen von der Höhe des Strafsteuersatzes π abhängt, wird Gleichung (4) partiell nach π abgeleitet, was

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

ergibt. Da beide Terme in (9) positiv sind, führt eine Erhöhung des Strafsteuersatzes in jedem Fall dazu, dass ein höheres tatsächliches Einkommen erklärt wird. Wenn Gleichung (4) zudem partiell nach der Kontrollwahrscheinlichkeit p differenziert wird, resultiert daraus

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Diese Ableitung ist ebenfalls positiv. Das bedeutet, dass eine höhere Kontrollwahrscheinlichkeit immer zu einem höheren deklarierten Einkommen führt (Vgl. Allingham / Sandmo, 1972, S. 327-330).

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass das statische Modell von Allingham / Sandmo zwar keine eindeutigen Ergebnisse für eine Variation des tatsächlichen Einkommens und des regulären Steuersatzes liefert. Jedoch erbringt das Modell für Veränderungen des Strafsteuersatzes und der Kontrollwahrscheinlichkeit eindeutige Resultate, welche für die politischen Entscheidungsträger von Interesse sein können. Der Strafsteuersatz wird direkt im politischen Prozess festgelegt, während die Kontrollwahrscheinlichkeit zumindest indirekt durch die Zuteilung finanzieller Mittel für Steuerprüfungen beeinflusst werden kann. Das Modell zeigt, dass sich diese beiden Parameter gegenseitig substituieren können. Beispielsweise fallen die erwarteten Steuereinnahmen mit einem Absinken der Kontrollwahrscheinlichkeit p niedriger aus, was durch eine entsprechende Erhöhung des Strafsteuersatzes π ausgeglichen werden kann (Vgl. Allingham / Sandmo, 1972, S. 330).

3 Erweiterungen des Grundmodells

3.1 Vorbetrachtungen zu den erweiterten Modellen

Das in Abschnitt 2 vorgestellte Grundmodell der Steuerhinterziehung wurde seit seiner Entstehung auf vielfältige Weise modifiziert und erweitert. Grundsätzlich lassen sich die umfassenderen Modelle in zwei Gruppen einteilen. In der ersten Gruppe wird angenommen, dass das Finanzamt vor Abgabe der Steuererklärungen eine verbindliche Kontrollregel bekannt gibt (siehe Abschnitt 3.2). Die zweite Gruppe trifft im Gegensatz dazu die Annahme, dass sich die Steuerbehörden nicht auf eine Kontrollregel festlegen. Stattdessen entscheidet das Finanzamt erst nach Abgabe aller Steuererklärungen, welcher Steuerpflichtige einer Prüfung unterzogen wird (siehe Abschnitt 3.3) (Vgl. Andreoni et al., 1998, S. 825).

Im weiteren Verlauf wird die Prämisse getroffen, dass eine große Anzahl Steuerpflichtiger existiert, welche ein tatsächliches Einkommen W beziehen und deren Steuerschuld Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthaltenbeträgt. Wie bereits im Grundmodell erhält die Steuerbehörde Informationen über das tatsächliche Einkommen W nur als Ergebnis einer mit Kosten verbundenen Prüfung. Der Prozess der Steuererhebung zerfällt in zwei Stufen. Zuerst ist jeder Steuerzahler aufgefordert, dem Finanzamt sein zu versteuerndes Einkommen X mitzuteilen und die auf dieser Grundlage geschuldeten Steuern zu entrichten, wobei annahmegemäß Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten ist. Im zweiten Schritt unterzieht die Steuerbehörde eine gewisse Anzahl der eingereichten Steuererklärungen einer Überprüfung. Allerdings hat sie ein begrenztes Budget B, welches ihr von der Regierung vor Beginn der Steuererhebung zugeteilt wurde, zur Verfügung und jede Prüfung verursacht Kosten in Höhe von c. Folglich kann die Steuerbehörde lediglich eine begrenzte Anzahl von Kontrollen durchführen. Bei einer Prüfung erhält das Finanzamt zusätzliche Steuereinnahmen in Höhe von

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

welche auch Null betragen können. Im Fall entdeckter Steuerhinterziehung entsteht dem Steuerzahler eine zusätzliche Strafzahlung in Höhe von

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diese beträgt im Fall Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten und in allen anderen FällenAbbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten. Die Strafzahlung nimmt mit steigendem Hinterziehungsbetrag zu. Die erwartete Nutzenfunktion des Steuerpflichtigen mit tatsächlichem Einkommen W und einem deklarierten Einkommen X nimmt dann die Form

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

an. Dabei stellt Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten die Wahrscheinlichkeit einer Überprüfung durch die Steuerbehörden in Abhängigkeit vom angegebenen Einkommen dar. Zur Vereinfachung treffen Andreoni et al. weiterhin die Annahme, dass dem Steuerzahler bei einer Kontrolle, abgesehen von der Nachzahlung der bisher zu wenig entrichteten Steuern und der damit verbundenen Strafzahlung, keine weiteren Kosten entstehen. Zudem sind sowohl der Steuertarif als auch die Höhe der jeweiligen Strafzahlungen exogen gegeben. Weitere zentrale Prämissen des Modells sind die Linearität von Steuerraten und Strafzahlungen sowie die Risikoneutralität der Steuerzahler. Das Ziel des Finanzamtes im vorliegenden Fall ist die Maximierung ihres erwarteten Überschusses, der sich aus Steuer- und Strafzahlungen abzüglich Prüfungskosten zusammensetzt. Dies erscheint Andreoni et al. eine geeignete Approximation für das reale Verhalten der Finanzbehörden zu sein. Zudem schließt das Modell nicht aus, dass der Staat als oberstes Ziel die Maximierung der sozialen Wohlfahrt verfolgt (Vgl. Andreoni et al., 1998, S. 825ff.).

3.2 Existenz einer verbindlichen Prüfregel

Vor Einreichung der Steuererklärungen geben die Steuerbehörden eine verbindliche Prüfregel bekannt. In diesem Fall beinhaltet die Strategie zur Maximierung des Überschusses der Finanzbehörden bei gegebenem Prüfbudget im Allgemeinen eine sogenannte „Cut-Off“-Regel. Die einfachste Cut-Off-Regel enthält einen Schwellenwert w und die Vorschrift, jede Steuererklärung mit einem erklärten Einkommen unterhalb des Schwellenwertes mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit p zu überprüfen. Alle Steuererklärungen mit einem deklarierten Einkommen oberhalb des Schwellenwertes werden nicht kontrolliert. Dabei ist die Kontrollwahrscheinlichkeit p in der Weise zu bestimmen, dass alle Steuerpflichtigen mit einem tatsächlichen Einkommen unterhalb des Schwellenwertes ihr Einkommen wahrheitsgemäß angeben. Insbesondere bei der Annahme eines linearen Steuertarifs und linearer Strafzahlungen sowie risikoneutraler Steuerpflichtiger ergibt sich für p der optimale Wert in Form von

[...]


[1] Ergänzende analytische Umformungen werden im Anhang dargestellt.

Details

Seiten
34
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640982967
ISBN (Buch)
9783640983186
Dateigröße
600 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v176847
Institution / Hochschule
Technische Universität Chemnitz
Note
1,0
Schlagworte
Steuern Steuerhinterziehung Steuerehrlichkeit Verhaltenswissenschaftliche Ansätze

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Titel: Steuerhinterziehung und Steuerehrlichkeit