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Herrschaft des Begriffs und das Nichtidentische bei Adorno

Seminararbeit 2003 14 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Der Versuch das Einzelne zu retten

III. Das Nichtidentische

IV. Schlussteil

„Erkenntnis, die den Inhalt will, will die Utopie“ (Adorno, ND 65)

In Anbetracht der Aufgabenstellung verzichte ich auf einen biografischen Vorspann der Autoren sowie auf eine historische Einordnung deren Werkes „Dialektik der Aufklärung“. Dennoch möchte ich als Hinführung zum eigentlichen Thema dieser Hausarbeit auf einen kurzen inhaltlichen Abriss nicht verzichten.

Um mein Thema zu konkretisieren, beziehe ich mich nicht nur auf die Dialektik der Aufklärung, insbesondere das erste Kapitel über den Begriff der Aufklärung, selbst, sondern auch auf Adornos „Negative Dialektik“, des weiteren auf zwei Aufsätze, die im Rahmen der Adorno-Konferenz von 1983 vorgetragen wurden: 1. Michael Theunissen/ Negativität bei Adorno; 2. Herbert Schnädelbach/ Dialektik als Vernunfkritik. Zur Rekonstruktion des Rationalen bei Adorno;

Auch wenn beide Autoren für jedes Wort der bekannten Schrift einstehen, liegt der Focus der Rezeptionen bei Adorno. Es ist vielleicht einfach so, dass Adorno im Anschluss an die „Dialektik der Aufklärung“, die 1947 erschienen ist, mehr Veröffentlichungen als Horkheimer herausgebracht hat, und der Zugang zumindest quantitativ über ihn leichter erscheint.

I. Einleitung

Ein Hauptanliegen der Autoren Horkheimer und Adorno in der „Dialektik der Aufklärung“ war nicht weniger als die Tatsache zu erklären, „ warum die Menschheit, anstatt in einen menschlichen Zustand einzutreten, in eine neue Art von Barbarei versinkt“[1] . Das heißt nicht, dass Aufklärung wegen dieses Unheils von den Autoren verdammt wird. Nein, darin hegen sie eine Dichotomie, die zum einen daraus besteht, dass „ die Freiheit in der Gesellschaft vom aufklärenden Denken unabtrennbar ist“, allerdings „der Keim zu jenem Rückschritt“[2] bereits enthalten ist. Diesem Enthaltensein des Rückschritts gilt es durch gedankliche Reflexion entgegenzuwirken, wobei die Methode der Reflexion ihrerseits eine typische Methode der Aufklärung ist. Bleibt die Frage, ob hier nicht der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben wird?

Die Autoren jedenfalls lassen in ihrer Vorrede erkennen, über dieses im Bilde zu sein.

Die Herrschaft der Vernunft im Allgemeinen wird als Aufklärung bezeichnet, deren Instrument der Begriff ist. Die beiden bekannten Thesen lauten[3]:

1. schon der Mythos ist Aufklärung
2. Aufklärung schlägt in Mythologie zurück

Bereits der Mythos gebraucht das Werkzeug des Begriffes, davor verhielt sich der Mensch magisch zur Natur, durch die Mimesis. Die Natur wird durch das Regiment der Vernunft verdoppelt in Schein und Sein, Innen und Außen, Subjekt und Objekt, darauf ausgerichtet, sie zu beherrschen.

Diese Versachlichung geht mit einer Entfremdung einher, die das Verhältnis der Menschen zueinander durchdringt und schließlich das Subjekt selbst. Aufklärung schlägt deshalb in Mythologie zurück, weil am Ende das Subjekt widerstandslos dieser Herrschaft ausgesetzt ist. „Die Menschen bezahlen die Vermehrung ihrer Macht mit der

Entfremdung von dem, worüber sie Macht ausüben. Die Aufklärung verhält sich zu den Dingen wie der Diktator zu den Menschen.“[4] Der Mythos soll das Ziel verfolgen, das gefährliche Außen zu bannen und Ängste zu nehmen. Ähnlich verfährt die Aufklärung mit den Dingen. Das denkende Subjekt wird zum Zentrum einer berechenbaren Welt.

„Es ist der Mensch“ lautet die Antwort des Ödipus auf das Rätsel der Sphinx[5], die auch gut zur Parole der Aufklärung taugen würde.

Während das Symbol im Mythos noch auf das Besondere abzielte, es wollte es repräsentieren, wenn es auch nicht versuchte sich ihm anzugleichen, wie in der Aufklärung der Begriff dem Gegenstand, treten Bild und Begriff dort auseinander, was eine Trennung von Kunst und Wissenschaft zur Folge hat.

Mit der fortschreitenden Distanzierung des Menschen von der Natur wurde erst die Mimesis und dann der Mythos verdrängt und durch Sprache und Begriff ersetzt, bis hin zu dem Wunschgedanken die Welt als ein „gigantisches analytisches Urteil“[6] zu erfassen. Erst durch die Herrschaft über die Natur mit Hilfe des identifizierenden Denkens können sowohl diese selbst als auch das Subjekt identifiziert werden.

„Diese Identität konstituiert die Einheit der Natur“[7].

II. Der Versuch das Einzelne zu retten

Vor was und wem zu retten?

Dieser Identität zu entfliehen und die Dinge nicht schematisch in Schubladen von Begriffen abzulegen, ist ein Anliegen Adornos. Er sucht in seiner „Negativen Dialektik“ den Weg, das „Nichtidentische“ vor diesem identifizierenden Denken zu wahren, das Einzelne zu retten. Der Begriff ermöglicht lediglich nur zu sagen worunter etwas fällt, wovon also etwas Exemplar oder Repräsentant ist, aber zu sagen, was etwas ist, das gerade eben verhindert er.[8] Dies beschreibt Adorno in seiner negativen Dialektik genauer. Als grundlegende Begriffe gelten der der Identität und der Nichtidentität. Was Identität wegen seiner mehrfachen Bedeutungsweise bei Adorno alles bedeuten kann ist schwer auszumachen. Die gewichtigste Bestimmung von Identität scheint die der Übereinstimmung von Sache und Begriff zu sein, sowie auch die logische Identität. Auf diese beiden will ich mich auch zunächst einmal beschränken. Dasjenige, das sich der Identität zu widersetzten vermag, was also nicht unter den Begriff fällt, ist das Nichtidentische.

Es geht bei diesem Nichtidentischen dabei nicht nur um das Verhältnis Begriff und Sache, sondern auch um das Einzelne, das Besondere und das Begriffslose, das sich durch die Herrschaft des Begriffs entzieht und verflüchtigt. Aus Adornos Perspektive ist das Nichtidentische das Wahre.[9]

Wenn der Begriff allerdings nun nicht hervorbringt was etwas ist, sondern lediglich eine Stellvertreterfunktion hat, mit welchen Mitteln soll man denn dann über das Wahre, das Einzelne und Besondere berichten, oder anders formuliert, wie kann es sonst noch , also alternativ, vermittelbar gemacht werden? Hierzu gibt Adorno selbst Auskunft. Abgesehen von der Kunst, der er eben dieses zu erfüllen vor allem zugetraut hatte, die Ästhetik beansprucht einen großen Raum in seinem Werk, sieht er es als die Aufgabe der Philosophie, diese Anstrengung zu vollbringen. Indem sie „ über den Begriff durch den Begriff“[10] hinausgeht, soll das Einzelne gerettet werden. Folglich doch wieder durch das Vehikel der begrifflichen Sprache. Was soll das bedeuten, wenn man mit dem Begriff über diesen hinausgeht?

Zu klären ist, wie das kritische Auf-sich-selbst-Beziehen des Denkens möglich ist, das zunächst nur schleierhaft und vage erscheint, oder fällt diese Herangehensweise gar in den Bereich des Mystikers? Dies ist vermutlich nicht die Intention seines Vorschlags gewesen, die Identität des Begriffs zu überwinden. Dazu Adorno in der „Negativen Dialektik“:

„Denken braucht nicht an seiner eigenen Gesetzlichkeit sich genug zu sein zu lassen; es vermag gegen sich selbst zu denken, ohne sich preiszugeben; wäre eine Definition von Dialektik möglich, so wäre das als eine solche vorzuschlagen.“ (ND 144)

Vielmehr ist es eine kritische Reflexion des identifizierenden Denkens, ein kritisches Durchdenken des Gedachten. Um die Nichtidentität des Begriffs in Szene zu setzen und über die Identität von Begriff und Sache hinauszugehen, schlägt Adorno vor, dass dieser mit anderen Begriffen in eine bestimmte Konstellation gebracht wird. Jene sollen sich auf etwas und aufeinander selbst beziehen. Das Etwas ist die Negation der unmittelbaren Präsentierbarkeit und die Negation des Namens.[11]

D.h., die Konstellationen der Begriffe nähern sich der Sache an, die ausgedrückt und aufgezeigt werden soll, indem das Gedachte fortwährend korrigiert wird, um die „Begrifflichkeit… dem Nichtidentischen zuzukehren“ (ND 55). Mit diesem Prozess der Annäherung geht eine Forderung einher, nämlich, dass diese Konstellationen der Begriffe eine „ sprachlich-diskursive Stringenz“[12] aufweisen, dass ihr Zusammenhang den Zusammenhang des Einzelmoments mit weiteren wiedergeben soll. Letztlich sollen die Begriffe das leisten, was sie ursprünglich verhinderten, den Blick auf die Sache freizugeben, aber nun in dieser Konstellation Adornos doch vollbringen mögen.

[...]


[1] Horkheimer/Adorno: Dialektik der Aufklärung, Fischer Verlag, 1988, S.1

[2] a.a.O. S.3

[3] a.a.O. S.6

[4] a.a.O. S.15

[5] Vgl. Horkheimer/Adorno, Dialektik der Aufklärung, Fischer Verlag, 1988, S.13

[6] a.a.O. S.33

[7] a.a.O. S.15

[8] Vgl. Schnädelbach H. , Dialektik als Vernunfkritik, in: Adorno-Konferenz 1983, Suhrkamp Verlag, 1999, S.82

[9] Vgl. Theunissen M., Negativität bei Adorno, in: Adorno-Konferenz 1983, Suhrkamp Verlag, 1999, S.45

[10] Vgl. Schnädelbach H. , Dialektik als Vernunfkritik, in: Adorno-Konferenz 1983, Suhrkamp Verlag, 1999, S.80

[11] Vgl. Schnädelbach H. , Dialektik als Vernunfkritik, in: Adorno-Konferenz 1983, Suhrkamp Verlag, 1999, S.82

[12] a.a.O. S.83

Details

Seiten
14
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638221917
ISBN (Buch)
9783656871156
Dateigröße
440 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v17685
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Philosophie
Note
sehr gut
Schlagworte
Herrschaft Begriffs Nichtidentische Adorno Seminar

Autor

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