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Die religiöse Erziehung nach Friedrich Schleiermacher

Hausarbeit 2010 20 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historischer Kontext
2.1 Die bürgerlichen Familie um 1750 bis 1850
2.2 Friedrich Schleiermacher: Seine pädagogischen und theologischen Konzeptionen - ein Abriss

3. Das Wesen der Religion nach Schleiermacher
3.1 Was ist Religion - der neue Glaubensbegriff
3.2 Die Christologie nach Schleiermacher
3.3 Schleiermachers Christologie - in der Zeit der Aufklärung und des Umbruchs

4. Religion und Erziehung - die Kritik Schleiermachers

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Der Mensch wird mit der religiösen Anlage geboren, wie mit jeder andern, …“ (Schleiermacher 1958, S. 80). Das aufgeführte Zitat leitet die vorliegende Arbeit zur Thematik der religiösen Erziehung nach Schleiermacher zwischen 1750 und 1850 ein. Ziel ist es, dem Leser einen Einblick in die Theorien Schleiermachers zur Religion zu liefern, welche in einem engen Bezug zur Zeit des gesellschaftlichen Umbruches um 1800 stehen. Der Fokus dieser Arbeit liegt dabei auf der religiösen Erziehung der Kinder innerhalb der bürgerlichen Familie. Daraus ableitend soll eine Verbindung zwischen Schleiermachers Religionstheorie und der innerfamiliären Erziehungspraxis der bürgerlichen Familie aufgezeigt werden. Weiterhin beschäftigt sich diese Ausführung mit der Frage, in welchem Bezug Schleiermachers Arbeiten zur Religion stehen. Ging es Schleiermacher darum, die Religion zu erneuern oder sie im Hinblick auf den gesellschaftlichen Wandel anzupassen? Das zweite Kapitel definiert demnach den historischen Kontext, um zum einen die Gegebenheiten und Umstände zwischen 1750 und 1850 aufzuzeigen sowie die bürgerliche Familie darzustellen. Zum anderen werden die pädagogischen und theologischen Konzeptionen Schleiermachers in Abschnitt 2.2 aufgeführt, um ein besseres Verständnis für den weiteren Verlauf der Arbeit zu erhalten. Kapitel drei spezifiziert anschließend die theologischen Überlegungen Schleiermachers in Bezug auf seinen entwickelten Glaubensbegriff, seiner Auffassung über das Christentum allgemein und die Verbindung dieser zur Aufklärung sowie zur Phase des Umbruches. Anschließend geht Kapitel vier auf die religiöse Erziehung Schleiermachers ein. Der Leser soll in diesem ein Verständnis davon erhalten, warum gerade die religiöse Erziehung im Zusammenhang mit den theologischen Konzeptionen Schleiermachers über die Thematik der Religion wichtig erscheint. Kapitel fünf schließt mit dem Fazit die Arbeit ab. In diesem wird nochmals Bezug auf die wichtigsten Inhalte und die oben aufgeführte Fragestellung dieser Arbeit genommen.

2. Historischer Kontext

Die Debatten um Erziehung, Individualisierung und Säkularisierung ergeben sich aus der Programmatik der Aufklärung, die in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts eingesetzt und den größten Teil des 18. Jahrhunderts bestimmt hat (vgl. Schmid 2006, S. 17/ Reble 2002, S. 135). Durch sie wurde der Weg der modernen Welt, der Weg der modernen Familie geebnet und es kam zum Säkularisierungsprozess oder wie es Weber bezeichnen würde, zur Rationalisierung und Intellektualisierung, zur Entzauberung der Welt (vgl. Schmid 1994, S. 17/ Weber u.a. 1994, S. 22). Die beiden folgenden Abschnitte gehen zum einen auf das sich aus den Faktoren der Aufklärung ableitende und neue Familienbild des Bürgertums während der Umbruchzeit ein und kennzeichnen die jeweiligen innerfamiliären Merkmale sowie Facetten. Zum anderen beschreibt der daran anschließende Abschnitt in kurzen Zügen Schleiermachers pädagogische sowie theologische Ausführungen, welche für den Themenbereich dieser Arbeit von Bedeutung sind.

2.1. Die bürgerliche Familie um 1750 bis 1850

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts lebten in Deutschland knapp vier Fünftel der Bevölkerung auf dem Land. Diese Zeit, welche auch als Epoche der Aufklärung definiert ist, war von allgemeiner Armut, vornehmlich von Verarmung der breiten ländlichen und städtischen Unterschicht und zunehmenden Versorgungskrisen, infolge von Kriegen, Missernten, Bevölkerungswachstum und Geldentwertung gekennzeichnet. Das aufgezeigte gesellschaftspolitische Problem dieser Zeit kann exzellent mit dem Begriff des Pauperismus wiedergegeben werden (vgl. Schmid 2006, S. 15). Die Landesherren und Magistrate führten zwar neue Pflanzen wie die Kartoffel oder Klee ein, errichteten Manufakturen oder verbesserten generell die Infrastrukturmaßnahmen, um einen gewissen Grad an Prosperität zu erzielen. Dennoch wurde schnell deutlich, dass ein wirtschaftlicher und somit zugleich gesellschaftspolitischer Aufschwung von der Arbeitswillig- und -fähigkeit der Untertanen abhing (vgl. Schmid 2006, S. 15). Die Handwerker und Bauern hielten am Althergebrachten fest, so dass zum Beispiel neue Techniken zur Produktivitätssteigerung als suspekt angesehen wurden, zumal höhere Produktion gleichzeitig höhere Abgaben bedeutete. Folglich konnte dem Armutsproblem nur durch einen Mentalitätswandel der Armen entgegengewirkt werden (vgl. Schmid 2006, S. 15-16). Die ständische Gliederung der Gesellschaft ließ sich in Adel, Bauern und dem Bürgertum unterteilen, welches sich wiederum in das niedere und das höhere Bürgertum (Bildungs- und Wirtschaftsbürgertum) auf zweigte. Besonders das höhere Bürgertum stellte allmählich die adligen Vorrechte in Frage und forderte gleiche Rechte. Jene Adelskritik fand schließlich in Frankreich, in Form der Französischen Revolution 1789, ihren Höhepunkt. Hingegen vollzog sich in Deutschland eine Abgrenzung des aufsteigenden Bürgertums vom bevorrechteten Adel und von den niederen Ständen durch die Bildung im Sinne eines Verdienstes (vgl. Schmid 2006, S. 16). In dieser Hinsicht war für die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts die Entstehung eines neuen Familienbildes im Bürgertum entscheidend. Zwar existierten nachNipperdey(1994) insgesamt drei Familientypen, welche in Bezug auf Tradition oder Modernität und auf die soziale Schicht unterschieden werden konnten (vgl. Nipperdey 1994, S. 115). Für die vorliegende Arbeit ist allerdings das Bild der modernen Familie von Interesse, da dieser Typus im 19. Jahrhundert beherrschend war (vgl. Nipperdey 1994, S. 115-117). Der erste Familientypus, der traditionelle, lebte bei den Bauern und kleinen Bürgern weiter und verzeichnete nur gewisse Veränderungen. Mit knapp 14 Jahren verließen die Kinder das Elternhaus, um Dienst und Lehre nachzugehen. Dies trifft nicht nur auf die Unterschichten, sondern auch auf Bauern- und Handwerkerfamilien zu. Die sogenannte Abstoßquote war bei den armen und kleinen Leuten allerdings bedeutend früher und höher. Charakteristisch für diesen Typus der bürgerlichen Familie war zudem, dass vor allem Gesellen oder Lehrlinge, Dienende und Mitarbeiter in die Familiengemeinschaft involviert waren (vgl. Nipperdey 1994, S. 115). „Diese Familie war Lebens- und Produktionsgemeinschaft in einem; sie war über das Haus als Institution Teil der Gesellschaft, Teil auch der politischen Gemeinde“ (Nipperdey 1994, S. 115). Die Bauern- und Handwerksfamilie war deshalb nach außen hin offen und wenig privat organisiert. Blicken des Pfarrers, des Nachbarn oder des Zunftgenossen war sie ständig ausgesetzt, daher stand sie unter einem gewissen Grad von sozialer Kontrolle (vgl. Nipperdey 1994, S. 116). Weiterhin war das Verhältnis zu den Kindern eher unsentimental, streng und distanziert. Kinder musste als Züchtigung regelmäßig Prügel einstecken, damit Disziplin und Gehorsam aufrecht erhalten werden konnte. Die Bauern- und Handwerksfamilie gewährte den Kindern, aber auch allen Mitgliedern der „Produktionsgemeinschaft“, keine individuelle Privatheit. Sie pflegte außerdem Widerstand und empfand Misstrauen gegenüber der Schule und dem Staat (vgl. Nipperdey 1994, S.117).

Der zweite Typus der Familie war derjenige der Unterschichten. Dieser Familientyp, welcher in sich wiederum sehr unterschiedlich war, war von Enge und Hunger, von Not und Arbeit geprägt. Viel früher als bei der Bauern- und Handwerkerfamilie wurden die Kinder abgestoßen. Es zählte die Maxime, dass die Kinder so schnell wie möglich Stellung und Status außerhalb der Familie, in der Gesellschaft suchen mussten. Die jeweiligen innerfamiliären Beziehungen waren roh und hart. Der Alkoholkonsum spielte eine erhebliche Rolle dabei, wenn der Vater gegenüber Frau und Kinder brutal und handgreiflich wurde (vgl. Nipperdey 1994, S. 125). „… die Frau und die größeren Kinder müssen mit Geld verdienen“ (Nipperdey 1994, S. 125). Die modernen Züge, wie eigenes Recht der Familienglieder oder ein Grad von Privatheit und das Leben des Individualismus, waren beim Familientypus der bürgerlichen Unterschichten freilich am spätesten vorgedrungen (vgl. Nipperdey 1994, S. 125). Der dritte Typus der bürgerlichen Familie nutze indirekt die sozioökonomischen Veränderungen der beginnenden Moderne, die sich ausbreitende Bürokratie und die sich abzeichnende Industrialisierung (vgl. Schmid 2006, S. 16/ Nipperdey 1994, S. 117-118). Diese „moderne“ Familie entstand im späten 18. Jahrhundert und bildete sich größtenteils aus der gebildeten bzw. aufstrebenden Schicht des Bürgertums. Wie oben bereits angeklungen, wurde sie im 19. Jahrhundert beherrschend (vgl. Nipperdey 1994, S. 117). Hier kam es vermehrt zu einer Trennung zwischen Familien- und Erwerbsleben, zu einer Trennung von Produktion und Arbeit vom Haus (vgl. Nipperdey 1994, S. 117-118). „Die Familie wird eine Konsumgemeinschaft“ (Nipperdey 1994, S. 118). Der Vater und Ehemann war für das Erwerbsleben prädestiniert, die Mutter und Ehefrau für das Familienleben und die Erziehung der Kinder (vgl. Schmid 2006, S. 16; Groppe 2006, S. 44-45). Im Grunde war ein allgemeiner Rückgang der traditionellen Eigenproduktion im bürgerlichen Haus zu erkennen (vgl. Nipperdey 1994, S. 118). Dies drückte sich in den familialen Beziehungen aus, die nicht mehr durch gemeinsame Arbeitszusammenhänge, sondern durch Vertrauen, Zuneigung und Liebe geprägt war (vgl. Schmid 2006, S. 16). Die Familie wurde privater und grenzte sich von der kommunalen Öffentlichkeit ab (vgl. Nipperdey 1994, S. 118). Ein daraus resultierender wichtiger Faktor, der sich im Laufe des beschriebenen Wandels der modernen Familie vollzog, war jener der Kindererziehung. Die Kindheit war nun nicht mehr vom Hineinwachsen in Arbeit geprägt, vielmehr wurde sie von den Eltern als eigener und besonderer Lebensabschnitt verstanden (vgl. Schmid 2006, S. 16). Das Verhältnis zum Kind änderte sich drastisch, da an Stelle von Gleichgültigkeit, Distanz oder Strenge, Wärme und Kinderorientierung seitens der Eltern traten. Dem Kind wurden neue Prädikate wie süß, einfach und unschuldig zugeschrieben, was in der spezifischen Literatur gewaltige Ausbreitung fand. In religiöser Hinsicht wurden die Kinder mit Engeln verglichen und Geschichten bzw. Gleichnisse aus der Bibel in Bezug auf Jesus und Kinder wurden zu neuen Hauptthemen (vgl. Nipperdey 1994, S. 121). Festzuhalten ist, dass die moderne Familie nicht ausschließlich auf die Industrialisierung und den Kapitalismus zurückzuführen ist. Wahrhaftig hatten das Umdenken und die Änderung der Mentalität ihre Wurzeln in der Freisetzung und Kultivierung der Natürlichkeit, im Humanitarismus gegenüber Kindern oder im Schwinden passiver Hinnahme der Welt und ihrer Übel, aber auch in der Individualisierung und Moralisierung der Religion und im Verfall des Sünden- und Satansglaubens. All dies waren Strömungen sowie Tendenzen, die zur Entstehung der modernen Familie beigetragen haben (vgl. Nipperdey 1994, S. 129).

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Details

Seiten
20
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640984459
ISBN (Buch)
9783640984572
DOI
10.3239/9783640984459
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Erscheinungsdatum
2011 (August)
Note
2,7
Schlagworte
erziehung friedrich schleiermacher

Autor

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