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Der Einfluss von Ausdauertraining auf die Ruheherzfrequenz und Lebenserwartung

Über die Bedeutung einer physiologisch niedrigen Ruheherzfre-quenz für die Gesundheit und deren Beeinflussungsmöglichkeiten durch Ausdauertraining beim Menschen

Bachelorarbeit 2011 44 Seiten

Gesundheit - Sport - Sportmedizin, Therapie, Prävention, Ernährung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Der Herzfrequenz Normwert
1.1 Normwerte in der Literatur
1.2 Probleme und Schwierigkeiten bei der Normwertdefinition der Herzfrequenz
1.3 Ansätze von Neudefinitionen der Normherzfrequenz
1.4 Zusammenhang zwischen erhöhter Herzfrequenz und Sterblichkeitsrate
1.5 Zusammengefasst:

2 Anatomisch-physiologische Grundlagen des Herz-Kreislaufsystems
2.1 Funktion, Aufbau und Größe des Herzmuskels
2.2 Herzeigener Sauerstoff- und Energieverbrauch
2.3 Erregungsbildung und -ausbreitung
2.4 Einfluss des autonomen Nervensystems
2.5 Arbeitsphasen des Herzens
2.6 Ausgewählte Parameter der Herzfunktion
2.7 Zusammengefasst:

3 Adaptationsprozesse an ein Ausdauertraining
3.1 Anpassungserscheinungen funktioneller Art
3.1.1 Funktionelle Veränderungen
3.1.2 Konsequenzen für die Arbeitsweise des Herzens
3.2 Anpassungserscheinungen struktureller Art
3.2.1 Notwendige Belastungsreize zur Entwicklung eines Sportherzens
3.2.2 Dimensionale Veränderungen
3.2.3 Konsequenzen für die Arbeitsweise
3.3 Zusammengefasst:

4 Pathophysiologische Wirkmechanismen einer erhöhten Herzfrequenz
4.1 Myokardischämien
4.2 Endotheldysfunktion
4.3 Plaquerupturen
4.4 Zusammengefasst:

5 Diskussion
5.1 100 S/min: Ist die Normwertobergrenze und gleichzeitige Definition der Tachykardie noch zeitgemäß?
5.2 Ist eine Herzfrequenzsenkung erfolgsversprechend?

5.3 Pharmakologische Herzfrequenzsenkung vs. Ausdauertraining

6 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die Herzfrequenz stellt einen der altbekanntesten und zentralsten Herzkreislaufparame- ter dar. Ihre Messung ist simpel und kostengünstig. Wie sind die erfassten Werte jedoch zu interpretieren und welche Aussagekraft kann ihnen beigemessen werden? Orientiert man sich bei der Interpretation des Ruheherzfrequenzwertes an den aktuellen Leitlinien, so sind Herzfrequenzen von 60 - 100 S/min als normal zu bewerten. An die- ser Stelle erscheint jedoch besonders der obere Grenzwert, welcher definitionsgemäß den Übergang zur Tachykardie1 markiert, irritierend hoch. Zieht man einschlägige Lehr- bücher der Medizin, Biologie, Physiologie und Sportwissenschaft zum Vergleich heran, wird schnell deutlich, dass bezüglich des normalen Ruheherzfrequenzwertes keine ein- heitlichen Aussagen getroffen werden. Hinzu kommt auch, dass die Ergebnisse aus führenden epidemiologischen Studien eine erhöhte Ruheherzfrequenz als einen unab- hängigen Risikofaktor ausweisen und mit einer gestiegenen Sterblichkeitsrate assoziie- ren.

Dabei werden in der Sportwissenschaft trainingsbedingt niedrigere Herzfrequenzwerte schon seit langem als Zeichen einer verbesserten Herz-Kreislauf-Funktion gedeutet. Folglich ist auch der Nutzen eines Ausdauertrainings in der Prävention und Rehabilitati- on von Herz-Kreislauf-Erkrankungen längst als selbstverständlich anerkannt und mit ei- ner höheren Lebensqualität, -erwartung und Leistungsfähigkeit der Sporttreibenden verbunden. Da ein Ausdauertraining jedoch vielfältige und komplexe Anpassungser- scheinungen auslöst erweist sich die Aufdeckung der zugrundeliegenden gesundheitlich relevanten Wirkungsmechanismen als verworren und daher schwierig.

Die sich häufenden Evidenzen zum negativen Prognosewert einer erhöhten Ruheherz- frequenz bieten hierzu allerdings einen weiteren interessanten Anhaltspunkt, der in die- ser Arbeit ausführlich analysiert wird. Ebenfalls wird die Frage beantwortet, ob die herz- frequenzsenkende Wirkung eines regelmäßig durchgeführten Ausdauertrainings maß- gebend für die Reduzierung des kardiovaskulären Sterblichkeitsrisikos sporttreibender Menschen ist. Auf diese Weise verfolgt die vorliegende Arbeit die Zielsetzung, die be- deutende Stellung körperlicher Aktivität, insbesondere des Ausdauertrainings, bei der Prävention und Rehabilitation von Herzkreislaufkrankheiten herauszustellen.

Hierzu wird im ersten Kapitel zunächst der momentane Wissensstand um die Implikationen der Normherzfrequenz abgebildet. Neben einer generellen Klärung des Herzfrequenz-Normwertbegriffs werden in diesem Abschnitt auch die aktuellen Erkenntnisse aus der epidemiologischen Forschung vorgestellt. Das zweite Kapitel befasst sich mit den anatomisch-physiologischen Grundlagen des Herz-Kreislaufsystems, wobei herzfrequenzrelevante Aspekte besonders berücksichtigt werden. Darauf aufbauend werden im dritten Kapitel die ökonomisierenden Anpassungserscheinungen an ein Ausdauertraining aufgezeigt. Dem werden im vierten Kapitel potentielle pathophysiologische Wirkungsmechanismen einer dauerhaft erhöhten Ruheherzfrequenz gegenübergestellt, die auf einen positiven kausalen Zusammenhang mit der Sterblichkeitsrate hindeuten. Durch die Gegenüberstellung sollen außerdem die entgegengesetzten Anpassungserscheinungen an ein Ausdauertraining verdeutlicht werden.

1 Der Herzfrequenz Normwert

Unter der Herzfrequenz wird allgemein die Anzahl der Herzschläge pro Minute verstanden. Sie ist abhängig von der momentanen Belastung, dem psychischen Befinden, physischen Gesundheitszustand, Alter und Trainiertheitsgrad und anderen Einflussfaktoren. Wie für viele andere physiologische Parameter ist auch beim Herzfrequenzwert davon auszugehen, dass er sich beim gesunden Menschen in Ruhe innerhalb einer Spanne bewegt, die als Norm bezeichnet wird.

1.1 Normwerte in der Literatur

Auf der Suche nach einem wissenschaftlichen Konsens wurden in einer Literaturrecher- che die klassischen Lehrbücher der Medizin, Physiologie, Biologie und Sportwissen- schaften hinsichtlich ihrer Aussagen zum Normwert der Herzfrequenz überprüft. Dabei ist aufgefallen, dass sich die Normwertangaben in den recherchierten Werken zum Teil beträchtlich voneinander unterscheiden. Die Unterschiede liegen darin, dass einige Autoren lediglich Durchschnittswerte und andere Autoren gar ganze Spannen mit ungleichen Ober- und Untergrenzen angeben (z. B. Thews, Schmidt & Lang 2005, S. 561; Mörike, Betz & Mergenthaler 2001, 306). Beispielsweise definiert die American Heart Association den Normbereich von 50-100 S/min, wohingegen die New York Heart Association (NYHA) eine Spanne von 60-100 S/min als normal deklariert (vgl. Criteria Committee Of The New York Heart Association 1994, 179; 1953, 75). Israel (1982, 168) spricht von einer Majoritätsnorm2 der Herzfrequenz, die er bei 60-80 S/min ansiedelt und Braunwald et al. vom normalen Sinusrhythmus, für den eine schmale Spanne von 60-70 S/min angegeben wird (vgl. 2008, 2172). In der Tabelle 1 sind hierzu die recher- chierten Normwerte samt zusätzlichen Angaben zusammenfassend dargestellt, welche die Unterschiede der aktuellen Literatur widerspiegeln.

Tab. 1. Zusammenfassende Auflistung der unterschiedlichen Normwertangaben

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In Anbetracht solch auseinanderklaffender Angaben, kommen Fragen nach deren Zu- standekommen und Legitimation auf. Sicher ist zumindest, dass die heute immer noch gültigen Ober- und Untergrenzen der New York Heart Association von 60-100 S/min seit mindestens 1928 unverändert geblieben sind (vgl. Spodick 1993, 488; Criteria Committee Of The New York Heart Association 1994, 179; 1953, 75). Auch Yang et al. (1995, 193A) konstatierten in ihrer Untersuchung zu dieser Problematik: „When and how the traditional limits of the normal heart rate range (NHR), 60 - 100 bpm, were se- lected is unclear”. Genauso Palatini (1999), der sich in zahlreichen Publikationen eben- so mit der Normherzfrequenz befasste und sich zu dieser Thematik wie folgt äußerte:

“This limit was set arbitrarily when heart rate was not yet regarded as a risk factor for cardio- vascular disease, probably with the main purpose of distinguishing between a disease state (fever, thyrotoxicosis, anemia, congestive heart failure, etc) and a normal condition” (S. 622).

Auffällig ist auch, dass bei keinem Autor eine direkte Unterscheidung zwischen Männern und Frauen stattfindet, obwohl zahlreiche Publikationen schon seit langem geschlechtsspezifische Differenzen beschreiben3.

Zum Zusammenhang zwischen einer sinkenden Ruheherzfrequenz und fortschreiten- dem Alter bestehen zu diesem Zeitpunkt widersprüchliche Befunde (vgl. Fox et al. 2007, 828; siehe auch Kap. 1.3 dieser Arbeit). Da es jedoch als allgemein bekannt gilt, dass Neugeborene und Kinder z. T. deutlich höhere Ruheherzfrequenzen aufweisen als Er- wachsene (z. B. Markworth 2003, 161), kann bezüglich des Altersgültigkeitsbereichs davon ausgegangen werden, dass die in der analysierten Literatur angegebenen Normwerte für Erwachsene gelten - auch wenn das nicht immer explizit vermerkt war.

1.2 Probleme und Schwierigkeiten bei der Normwertdefinition der Herzfrequenz

Wie die Literaturrecherche gezeigt hat, variieren die ausgeschriebenen Normwerte zum Teil stark voneinander, wobei insbesondere die Tachykardieschwelle und gleichzeitige Normobergrenze von 100 S/min irritierend hoch erscheint. Soll im Sinne einer Verein- heitlichung eine Neudefinition durchgeführt werden, so gilt es als allererstes, den Norm- begriff selbst zu definieren. Was gilt überhaupt als „normal“? In der Medizin erfolgt die Berechnung von Referenzwerten anhand von ermittelten Messwerten von gesunden Personen. Als normal werden schließlich alle Werte befunden, die bei 95 % aller Unter- suchten vorkommen4. Hieraus ergibt sich allerdings eine Gefahr, die Wittekopf (1975) wie folgt formuliert:

„Mit Hilfe biostatischer Verfahren, werden durch Untersuchungen repräsentativer Bevölke- rungsgruppen Durchschnittswerte ermittelt, die z. Z. im allgemeinen als die Normwerte ak- zeptiert werden. Diese Mittelwerte charakterisieren nach Israel (...) den Zustand der zwar „gesunden“ Bevölkerung, die jedoch unter den gesellschaftlichen Bedingungen der wissen- schaftlich-technischen Revolution bereits alle Risikofaktoren der kardiovaskulären und Stoffwechselerkrankungen in sich birgt. Deshalb können die Parameter der Leistungsfähig- keit der Gesamtbevölkerung, die vielfach durch Bewegungsarmut und Übergewichtigkeit ge- kennzeichnet ist, nicht als d i e Normwerte akzeptiert werden. Damit würde auf Grund der zunehmenden Bewegungsarmut sowohl im Arbeitsprozeß als auch in der Freizeitgestaltung die abnehmende Tendenz der physischen Leistungsparameter toleriert werden“ (S. 987).

Dieser Auszug macht deutlich, dass eine Normwertfestlegung auf Grundlage von aus der Bevölkerung erhobenen Durchschnittswerten nicht ganz unproblematisch ist. Zu diesem Thema schreiben auch Dickhuth et al. (2004), dass davon auszugehen ist,

„(…) dass sich die zu betrachteten [Herz-Kreislauf-] Systeme - entwicklungsgeschichtlich gesehen - an einem deutlich höheren Bewegungsniveau des Menschen entwickelt haben und die heutige mittlere Aktivität nahezu einer Inaktivität entspricht. So ist eine gesunde untrainierte Person eigentlich als deadaptiert anzusehen (…)“ (S. 374).

In diesem Zusammenhang erwähnenswert ist fernerhin, dass Israel (1982, 168) eine Majoritätsnorm bei 60-80 S/min von einer Idealnorm bei 50-60 S/min unterscheidet. Eine weitere Problematik lässt sich in der Grundannahme finden, dass bei dieser Art der Normwertbestimmung grundsätzlich von einer Normalverteilung in der Gesamtpo- pulation ausgegangen wird. Palatini et al. (1997b) konnten bei den drei von ihnen unter- suchten Populationen mit einer Mixture-Analyse5 nachweisen, dass die bestehenden Verteilungen stets auf das Vorhandensein von zwei Subpopulationen zurückzuführen waren. Bei den Männern konnten sie in allen drei untersuchten Populationen jeweils ei- ne größere Subpopulation mit einem niedrigeren Herzfrequenzwert und eine kleinere Subpopulation mit einem höheren Herzfrequenzwert ausmachen. Bei den Frauen konn- ten sie in nur einer Population die Existenz von zwei Subpopulationen nachweisen - und zwar wieder eine größere mit einem niedrigeren Ruhewert, und eine kleinere mit einem höheren Ruhewert.

Neben den Schwierigkeiten bei der statistischen Berechnung des Normwerts wurde in der Vergangenheit von mehreren Wissenschaftlern kritisiert, dass keine einheitlichen Messrichtlinien zur Erfassung der Herzfrequenz bestanden (z.B. Palatini et al. 2006). Seit 2006 konnte zumindest auf dieser Ebene ein Konsensus herbeigeführt werden, wonach für die klinische Messung der Herzfrequenz standardisierte Vorgaben empfohlen werden. So sollte der Herzfrequenzerfassung stets eine 5-minütige, sitzende Ruhephase in einem ruhigen Raum vorausgehen. Erst darauf hat die eigentliche Messung - während zwei 30-Sekunden-Perioden und in sitzender Position - durch Palpation des Pulses zu erfolgen (vgl. Fox et al. 2007, 828).

Außerdem besteht ein deutlicher zirkadianer Schwankungsbereich, mit signifikant höhe- ren Herzfrequenzen tagsüber als nachts. So wurden in der von Nakagawa et al. (1998) untersuchten Stichprobe zwischen 5-7 Uhr früh die niedrigsten Werte und zwischen 13- 15 Uhr mittags die höchsten Werte gemessen.

Wie die Tabelle 2 andeutet, lassen sich neben dem Alter, Geschlecht, der Tagesrhythmik und der Fitness auch noch weitere Einflussfaktoren auf die Herzfrequenz identifizieren, die allerdings nicht im Fokus dieser Arbeit stehen.

Tab. 2. Einflussfaktoren auf die Herzfrequenz nach Hottenrott (2006, 32)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1.3 Ansätze von Neudefinitionen der Normherzfrequenz

Trotz der soeben geschilderten Schwierigkeiten um die Etablierung von empirisch ermit- telten Normwert-Ober- und Untergrenzen, haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten mehrere Wissenschaftler versucht, den Herzfrequenz-Normwert neu zu definieren. Die- se Ansätze sollen im Folgenden näher vorgestellt werden (vgl. Tabelle 3). So ermittelten Yang et al. (1995, 193A) in ihrer Studie für 536 gesunde6 Probanden (447 Männer; 89 Frauen) im Alter von 21-81 Jahren, nach Berechnung der arithmeti- schen Mittelwerte und Addition von zwei Standardabweichungen, für Männer und Frau- en Ober- und Untergrenzen von 44-85 S/min bzw. 50-90 S/min. Dabei konnte für Frau- en ein arithmetisches Mittel von 65 S/min und für Männer von 64 S/min errechnet wer- den.

Spodick et al. (1992), die eine vergleichbare Untersuchungsmethodik anwandten, un- tersuchten 500 gesunde Probanden im Alter von 50-80 Jahren, davon 123 Männer und 367 Frauen, und errechneten dabei Normwerte von 46-93 S/min für Männer und 51-95 S/min für Frauen. Die Mittelwerte für Frauen betrugen 73 S/min und für Männer 69 S/min.

In beiden Untersuchungen konnte jedoch kein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen Alter und Herzfrequenz festgestellt werden.

Die erhobenen Ruheherzfrequenzmittelwerte der Teilnehmer der Framingham-Herz- Studie, die zum Zeitpunkt des Studieneintritts ebenfalls frei von jeglichen Herzkreislauf- krankheiten waren, bieten die Vergleichsmöglichkeit zu einer größeren Stichprobe. In dieser Kohorte konnte bei Männern über die Altersdekaden von 35-44 bis 75-84 Jahre eine mittlere Ruheherzfrequenz von 74,1 bis 76,1 S/min beobachtet werden. Bei Frauen lag diese bei den gleichen Altersdekaden mit mittleren 76,6 bis 79,7 S/min erwartungs- gemäß etwas höher.

Bei der von Jouven et al. (2005) untersuchten Stichprobe handelte es sich ebenfalls um eine größere Kohorte, die sich aus 5503 asymptomatischen männlichen Probanden im Alter von 42-53 Jahren zusammensetzte, die zum Studienende entweder am Leben wa- ren oder nicht an einem Herzinfarkt gestorben sind. Deren mittlere Herzfrequenz er- rechnete sich zu 68,1 S/min und war ca. 3 S/min niedriger als die der an einem Herzinfarkt verstorbenen Probanden7.

Tab. 3. Zusammenfassende Darstellung der mittleren Herzfrequenzen (S/min) aus unterschiedlichen Studien

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1.4 Zusammenhang zwischen erhöhter Herzfrequenz und Sterblichkeitsrate

Definitionsgemäß spricht man von einer Tachykardie erst ab einer Ruheherzfrequenz von über 100 S/min. Jedoch würde sich ein Arzt in der klinischen Praxis kaum damit abfinden, wenn er bei einem vermeintlich gesunden Patienten eine Ruhefrequenz von beispielsweise 90-95 S/min vorfindet und weitere Untersuchungen veranlassen, um die Ursache zu ermitteln. So häufen sich seit 1980 Evidenzen, wonach eine Herzfrequenz über 80 S/min bereits signifikant mit einer erhöhten Herz-Kreislauf-Mortalität assoziiert wird (z. B. Benetos et al. 1999; Dyer et al. 1980). In diesem Abschnitt sollen deshalb Belege geliefert werden, die eine Absenkung der Tachykardieschwelle nahelegen. Dazu wurden im Rahmen einer Literaturrecherche insgesamt neun Studien herangezogen, die den Zusammenhang zwischen einer erhöhten Ruheherzfrequenz und gestiegenen Mortalität in verschiedenen Bevölkerungsgruppen aufzeigen. Deren Ergebnisse sind zusammenfassend in der Tabelle 4 auf S. 10 dargestellt.

In fünf Untersuchungen wurde der Grenzwert für die obere Herzfrequenzgrenze dabei willkürlich gewählt und in vier weiteren wurde dafür die jeweils höchste Quintile8 des Probandenkollektivs herangezogen.

Der höchste festgelegte Grenzwert lag in der Untersuchung von Kristal-Boneh et al. (2000) an 3527 gesunden israelischen Industriearbeitern bei 90 S/min und wurde will- kürlich bestimmt. Nach einer Bereinigung der Werte für verschiedene Störfaktoren9 hat- ten die Arbeiter mit einer HF>90 S/min im Vergleich zur Referenzgruppe mit HF<70 S/min ein mehr als doppelt so hohes Gesamtmortalitäts- und Herz-Kreislauf- Mortalitätsrisiko.

Hiermit vergleichbar ist auch die Studie von Cooney et al. (2010a) an einem insgesamt 10519 Männer und 11334 Frauen umfassenden Probandenkollektiv, das frei von Herz- kreislauferkrankungen war, und sich nicht in einer antihypertensiven Therapie befand. Nach einer Bereinigung der Werte10 war das Risiko der HKL-Mortalität für jeden Anstieg von 15 S/min bei Männern um 24 % und bei Frauen um 32 % erhöht. Dieser Zusam- menhang blieb selbst nach Exklusion aller tödlichen Vorfälle innerhalb der ersten zwei Jahre nach Studienbeginn nahezu unverändert. Daraus schlossen die Autoren, dass ei- ne erhöhte Ruheherzfrequenz einen unabhängigen Risikofaktor darstellt (vgl. ebd., 616).

Diaz et al. (2005) konnten in ihrer Untersuchung an 24913 Patienten mit vermuteter o- der bestätigter koronarer Herzkrankheit zeigen, dass eine erhöhte Herzfrequenz auch in dieser Bevölkerungsgruppe einen unabhängigen Risikofaktor darstellt. Sie haben nach einer Bereinigung für verschiedene Störfaktoren11, bei Patienten mit einer von HF≥83 S/min gegenüber der Referenzgruppe mit einer HF≤62 S/min, eine Gesamtmortalitätsrate von 1.32 bzw. HKL-Mortalitätsrate von 1.31 nachgewiesen.

In der Gruppe der über 65-jährigen Männer mit einer HF>80 S/min konnten Palatini et al. (1999a) gegenüber der Referenzgruppe mit einer HF=64-80 S/min ebenfalls eine um 38 % erhöhte HKL-Mortalitätsrate nachweisen. Bei den gleichaltrigen Frauen war der Unterschied nicht signifikant. Auch die Forschungsgruppe um Benetos (2003) konnte in einem 65-70 Jahre alten männlichen Probandenkollektiv mit HF>80 S/min im Vergleich zur männlichen Referenzgruppe mit HF<60 S/min um 42% höhere Gesamtmortalitätsraten ermitteln. Genau wie in der vorgenannten Studie konnten auch in dieser keine signifikanten Zusammenhänge zwischen Herzfrequenz und Lebenserwartung bei den gleichaltrigen Frauen aufgedeckt werden.

Ein signifikanter Zusammenhang konnte auch bei über 60-Jährigen mit systolischem Bluthochdruck von 160 - 219 mm HG nachgewiesen werden. Hier waren die bereinig- ten Gesamtmortalitätsraten der höchsten Quintile mit einer HF>79 S/min um 89 % hö- her als die der übrigen Patienten mit einer HF≤79 S/min (vgl. Palatini et al. 2002). Zuvor haben Gillman et al. (1993) diesen Zusammenhang auch schon in der Gruppe der 35-75-Jährigen12 demonstrieren können. Sie errechneten bei einer Herzfrequenzer- höhung von 60 auf 100 S/min bei Männern und Frauen nahezu doppelt so hohe berei- nigte Gesamtmortalitätsraten.

Auch nach einem Myokardinfarkt stellt die Herzfrequenz einen unabhängigen Prädikator für die Sterblichkeit dar. So lag die Mortalitätsrate bei hospitalisierten Patienten mit ei- ner HF<70 S/min bei 5,2 %, mit einer HF=70-89 S/min bei 9,5 % und mit einer HF≥90 S/min bei 15,1 %. Selbst während des ersten Jahres nach der Krankenhausentlassung zeigte sich die Höhe der Herzfrequenz als ein wirksamer Prognosewert für die Sterb- lichkeitsrate. Patienten mit einer HF<70 S/min wiesen eine Mortalitätsrate von 4,3 % auf, Patienten mit einer HF=70-89 S/min eine von 8,7 %, und jene mit einer HF≥90 zeigten sogar ein Sterblichkeitsrisiko von 11,8 % auf (vgl. Disegni et al. 1995).

Gillum et al. (1991) konnten als erste Forschungsgruppe die Herzfrequenz als unabhängigen Risikofaktor für die Gesamtmortalität auch bei Männern und Frauen mit schwarzer Hautfarbe nachweisen. Bei den untersuchten Frauen mit weißer Hautfarbe ließ sich aber nur bei den altersbereinigten Werten ein signifikant erhöhtes Gesamtmortalitätsrisiko identifizieren. Der Unterschied verschwand nach einer Bereinigung für andere Risikofaktoren und blieb nur noch für das relative Risiko der koronaren Herzkrankheit um 29 % statistisch signifikant erhöht13.

In mehreren Untersuchungen erwies sich der Zusammenhang zwischen erhöhter Herz- frequenz und Sterblichkeitsrate auch als unabhängig gegenüber der Störvariablen der physischen Aktivität (Cooney et al. 2010a; Diaz et al. 2005; Palatini et al. 1999a; Gill- mann et al. 1993).

Aus diesen Befunden lässt sich zusammenfassend ableiten, dass eine erhöhte Herzfrequenz einen unabhängigen Risikofaktor14 in diversen Bevölkerungsgruppen darstellt, darunter die allgemeine Bevölkerung, Bluthochdruckpatienten, Senioren, Patienten mit manifestierter koronarer Herzkrankheit und Post-Infarkt-Patienten. Außerdem lassen die vorliegenden Ergebnisse den Schluss zu, dass der beschriebene Zusammenhang bei Männern höher ausgeprägt ist als bei Frauen.

[...]


1 Herzrasen

2 Auch Mehrheitsnorm genannt; sie stellt den statistischen Regelfall dar.

3 Israel (1982,117) gibt hierzu folgende Werke an: Gottschalk 1982; Bunac et al. 1975; Akgün et al. 1974; Scheuer 1973; Reed et al. 1973; Adams & De Vries 1973; Oscai et al. 1971; Wilmore & Brown 1970; Salzmann et al. 1970; Kilbom 1969; Donath 1965; Di Giorgio 1963; Åstrand 1958; Jokl 1951

4 Entspricht einem Vertrauensintervall (Koinfidenzintervall) von 95 %. In dem hier thematisierten Zusam- menhang bedeutet das, dass bei rund 95 Prozent aller gesunden Untersuchten die jeweiligen Mess- werte gefunden werden können. Dabei wird jeweils am oberen und am unteren Ende der Messwerte eine Standardabweichung (entspricht 2,5 %) als Grenze genommen. D. h., dass von allen Unter- suchten jeweils 2,5 % einen zu niedrigen bzw. zu hohen Wert aufweisen, ohne dass ein pathologi- scher Befund vorliegt. (ausführlicher in Willimczik 1999, 58ff)

5 Ist ein statistisches Verfahren, mit dem in der Biologie untersucht wird, ob die Verteilung eines be- stimmten Merkmals besser mit einer eventuell vorhandenen Vermischung von mehreren Normalver- teilungen erklärt werden kann, wenn eine Überschneidung zwischen Subpopulationen vorliegt (vgl. Schork & Schork 1988 zit. nach Palatini et al. 1999, 622).

6 Mit dem Attribut „gesund“ werden im medizinischen Sinne alle zum Untersuchungszeitpunkt asympto- matischen Probenden bezeichnet.

7 Nicht in der Tabelle vermerkt

8 Auch Fünftelwert genannt; gründet auf der Zerlegung der Verteilung in fünf gleich große Teile

9 Blut-Cholesterin, gesundheitsrelevante Gewohnheiten, anthropometrische, sozioökonomische und an- dere Risikofaktoren

10 für Alter, systolischen Bluthochdruck, Gesamtcholesterin, körperliche Aktivität, BMI, HDL-Cholesterin, Diabetes und Rauchen

11 Alter, Geschlecht, Bluthochdruck, Diabetes, Rauchen, Freizeitaktivitäten, Diuretika- und Betablocker- Therapie und cholesterinsenkende Medikamente

12 Mit entweder systolischen Blutdruck >140 mm HG oder diastolischen Blutdruck >90 mm HG.

13 Beim Vergleich zwischen HF<74 mit HF>84 in der Altersgruppe der 45-74-Jährigen

14 Darunter versteht man Faktoren, die statistisch mit bestimmten Erkrankungen im Zusammenhang ste- hen. Jedoch wird damit keine Aussage über die Kausalität getroffen. D.h., dass diese Faktoren ur- sächlich für die Herausbildung einer bestimmten Krankheit sind (vgl. Rost 2005, 146).

Details

Seiten
44
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640989089
Dateigröße
1.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v177219
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,0
Schlagworte
einfluss ausdauertraining ruheherzfrequenz lebenserwartung bedeutung ruheherzfre-quenz gesundheit beeinflussungsmöglichkeiten menschen

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Titel: Der Einfluss von Ausdauertraining auf die Ruheherzfrequenz und Lebenserwartung