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Sozialpsychologische Aspekte der Wandervogelbewegung im Deutschen Kaiserreich

Diplomarbeit 2009 124 Seiten

Psychologie - Sozialpsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Aufbau der Arbeit

Literatur über die Jugendbewegung und ihre Eigenheiten

1 Das deutsche Kaiserreich
1.1 Das Kaiserreich, Gründung und innerer Aufbau
1.2 Wirtschaft und Industrie
1.3 Das politische System
1.4 Die Gesellschaftsstruktur im Kaiserreich
1.5 Die gesellschaftliche Situation des Bürgertums
1.5.1 Bürgerlicher Alltag und Jugend im Kaiserreich
1.6 Zwischenfazit: bürgerliches Leben im Kaiserreich

2 Der Wandervogel, eine bürgerliche Jugendbewegung
2.1 Entstehung und Niedergang
2.1.1 1.Phase, die Entstehung 1890- 1904
2.1.2 2. Phase, die Entwicklung 1904-1912
2.1.3 3. Phase, Einigungsbund und Kriegsausbruch 1913-1918
2.2 Ideologie und Selbstverständnis I
2.2.1 Zwischenfazit
2.3 Ideologie und Selbstverständnis II
2.3.1 Zwischenfazit
2.4 Äußere Erscheinung, Aktivitäten, Fahrten, Liederabende
2.4.1 Abstinenz auf Fahrten und im Wandervogelalltag als Protest gegen den Vater
2.5 Mitgliederstruktur

3 Der Wandervogel als Massenbewegung
3.1 Die Jugendbewegung, eine Massenbewegung ohne Massen
3.2 Was haben die Wandervögel gesucht und gefunden?
3.2.1 Warum entstand die Jugendbewegung?
3.2.2 Die Fahrt als bindendes Glied

4 Sexualität: Verbindendes Element oder Fluch der Wandervogelbewegung?
4.1 Kameradschaft, Freundschaft, Inversion: Homosexualität in der Jugendbewegung
4.2 Theorie über die verlängerte Pubertät Tjark van Neer Inhaltsverzeichnis
4.3 Moralvorstellungen in der Jugendbewegung Exkurs: Homoerotik in emotionalisierten Extremsituationen
4.4 Hans Blühers Theorie über Homoerotik im Wandervogel: Der Männerheld
4.4.1 Worauf beruhte die Popularität der Blüherschen Theorie?
4.4.2 Kritik an Hans Blüher und der Theorie des Männerhelden
4.4.3 Zwischenfazit

5 Die Rolle der Frau im Männerbund Wandervogel
5.1 Antifeministische Aspekte in Hans Blühers Theorie
5.2 Bedrohte der Einfluss von Frauen des Jugendbewegte Ideal?
5.3 Die Jugendbewegung als Auslöser einer sexuellen und emanzipatorischen Revolte?

6 Einflüsse der ersten deutschen Jugendbewegung
6.1 Vorbildfunktion für andere Gruppen
6.2 Gore - tex versus Wandervogel: Motive heutiger Wanderer im Vergleich
6.2.1 Wandern als Gegenentwurf zum gesellschaftlichen Alltag
6.2.2 Die Natur als Parallelwelt
6.2.3 Die Suche nach dem Abenteuer
6.2.4 Zwischenfazit
6.3 Gespräch mit Wandervogel Anja Fock über die aktuelle Situation in den Bünden
6.3.1 Organisatorischer Abgleich mit den historischen Bünden und Personen
6.3.2 Präsens der Ideen und Ideale des frühen Wandervogels
6.3.3 Parallelen zu den Problemen und Diskussionen im frühen Wandervogel
6.3.4 Wandervogel heute: Ausrichtung, Ziele, Ideale, Selbstverständnis
6.3.5 Zwischenfazit

7 FAZIT

8 Offene Fragen
8.1 1. Frage
8.2 2. Frage
8.3 3. Frage

Anhang
Anlagenverzeichnis
1 Wie entstand der Name „Wandervogel“?
2 Bilder aus dem Wandervogelleben
3 § 175, Fassung vom 15. Mai 1871 (Verkündung)
4 Leitfaden für das Gespräch mit Anja Fock
5 Liedtext und Erläuterungen zu: „Jenseits des Tales“

Quellenverzeichnis
Verzeichnis der verwendeten Literatur
Verzeichnis der verwendeten Zeitschriften
Verzeichnis der verwendeten Internetquellen
Gesprächsverzeichnis

Einleitung

„… je stärker die Technisierung des Lebens voranschreitet, desto stärker sehnen wir uns nach der Natur zurück.“ (Bämer 2003, S.22f)

Rainer Brämer, Natursoziologe an der Universität Marburg und 1.Vorsitzender des Deutschen Wanderinstituts e.V., stellt diese These in Bezug auf die steigende Zahl von Menschen, die ihre Frei- zeit draußen verbringen, auf. Er meint damit nicht nur die Horden der Nordic Walker und Jogger, die einem zu jeder erdenklichen Uhrzeit in den städtischen Parkanlagen über den Weg laufen, sondern be- sonders die „schlichteste aller Ausflugsformen“ (Brämer 2003, S.24), das Wandern. Fernab von Knickerbocker und Heimatfilmromantik hat Wandern neue Liebhaber gefunden.

Ob es der ambitionierte Wochenendwanderer oder der Jakobsweg Pilger ist, das Bedürfnis der Menschen nach dieser in Langsamkeit und scheinbarer Eintönigkeit kaum zu übertreffenden Betätigung wächst stetig. Interessant dabei ist, dass auf Phasen der Technisierung nicht nur heute, sondern bereits in der Vergangenheit die Rückwendung zur Natur folgte.

Dichter und Künstler, die auf langen Wanderungen neue Inspiration gesucht haben, oder verzweifelte Menschen, die ihr Leben in der Zivilisation zeitweise gegen das in der Wildnis getauscht haben, gab es immer. Jedoch das Phänomene, dass viele Menschen sich mehr oder weniger zeitgleich, ohne äußeren Zwang, in die Natur bewegten, trat nur zu gewissen Zeiten auf.

Ich möchte in meiner Arbeit die Zusammenhänge zwischen den ge- sellschaftlichen Realitäten und der Hinwendung zur Natur unter- suchen. Jedoch beziehe ich mich dabei nicht auf das Hier und Jetzt sondern betrachte das vorletzte Jahrhundert, in dem der von Brämer beschriebene Trend in ähnlicher Weise auftrat. Freikörperkultur und Lebensreformerbewegung sind nur einige Beispiele dafür, mit welchen Mitteln die Großstädter im deutschen Kaiserreich ver- suchten, ihrer Freizeit den Naturbezug zurückzugeben. Am ein- drucksvollsten ist in diesem Zusammenhang jedoch die deutsche Jugendbewegung, die besonders durch den Wandervogel verkörper wird.

Die Wandervögel, die in der Phase der Hochindustrialisierung des deutschen Reiches ihre Blütezeit erlebten, verknüpften das Naturerlebnis mit starken romantischen Idealen und schafften somit eine Welt, die mit dem voranschreitenden Kapitalismus in den Städten nicht mehr allzu viel gemein hatte. Brämers These folgend, suchten sie den Abstand zur technisierten Welt nicht nur, sondern schlossen diese auf ihren Wanderungen nahezu aus.

In meiner Arbeit möchte ich entlang historischer Fakten sozialpsychologische und soziologische Prozesse innerhalb dieser Bewegung beleuchten. Ich möchte den mystischen Geist, der die Wandervögel umgab, erläutern und die Schwierigkeiten und Vorurteile mit der sich die Bewegung auseinandersetzen musste, untersuchen. Dabei soll immer wieder die wechselseitige Wirkung zwischen den gesellschaftlichen Realitäten und der Jugendbewegung betont und verdeutlicht werden.

Wenn man sich mit der Jugendbewegung befasst, ist es in meinen Augen von Vorteil, wenn man gewisse Erlebnismuster aus eigener Erfahrung nachvollziehen kann. Besonders bei der Arbeit mit Originalquellen sind die Beschreibungen irrationaler Emotionen und verklärter Naturerlebnisse häufiger anzutreffen als Fakten. Man sollte diese Passagen nicht überlesen, denn auch wenn sie keinen direkten Einfluss auf die wissenschaftlichen Ergebnisse haben, haben sie es verdient, ernst genommen zu werden, weil sie die realen Gefühls- welten der Betroffenen widerspiegeln. Ein gewisses Grundverständ- nis für die Natur und emotionale Erlebnisse, die mit körperlicher Er- schöpfung einhergehen, haben mir dabei geholfen, diese Gefühls- welten teilweise nachzuvollziehen.

Zwei Grundthemen bilden die Basis meiner Überlegungen. Zum einen werde ich die für das Verständnis notwendigen äußeren Umstände für die Entstehung und den Niedergang der deutschen Jugendbewegung skizzieren, zum anderen mich den Fragen annehmen: „Was war der Geist der Jugendbewegung? Was machte ihre Faszination und Einzigartigkeit aus und warum entstand diese Gruppe gerade in der deutschen Kaiserzeit?“.

Ich beginne im ersten Abschnitt meiner Arbeit die deutsche Kaiser- zeit in ihrer ökonomischen, politischen und sozialen Situation zu um- reißen. Ich halte dies für notwendig, um zunächst einmal Verständnis für die gesellschaftlichen Realitäten zu schaffen. Die Aufteilung in die drei genannten Schwerpunkte soll einen kurzen Einblick in alle relevanten, gesellschaftlichen Bereiche dieser Zeit vermitteln. Die Jugend im Kaiserreich wird in diesem Teil eine eigene kurze Be- schreibung erhalten, da die Situation der Kinder und Jugendlichen besonderes wichtig ist, um das Phänomen Wandervogel zu er- läutern.

Der zweite Abschnitt der Arbeit wird sich mit der deutschen Jugendbewegung und der Wandervogelbewegung im Besonderen auseinandersetzen. Der Weg vom „Steglitzer Ausschuss für Schülerfahrten“ bis zu einem gesamtdeutschen Phänomen soll hierbei kurz umrissen werden. Außerdem werde ich in diesem Kapitel die Ideologischen Vorstellungen, die Aktivitäten und die Mitgliederstruktur der Wandervogelbewegung charakterisieren.

Das dritte Kapitel befasst sich mit den eingangs erwähnten Fragen: „Was war der Geist der Jugendbewegung? Was machte ihre Faszination und Einzigartigkeit aus und warum entstand diese Gruppe gerade in der deutschen Kaiserzeit?“ Ich werde den Wandervogel als Massenbewegung untersuchen und mich in diesem Zuge der Frage annähern. „Was motivierte bürgerliche Söhne der Bewegung beizutreten, was suchten und fanden sie?“ Besonders möchte ich hierbei auf die Sehnsüchte der Jugendbewegten eingehen und wie der Wandervogel diese zu befriedigen wusste.

Das vierte Kapitel soll die beiden vorab getrennt betrachteten Themen in einem bestimmten Fokus zusammenführen und die historischen Ausführungen der ersten beiden Abschnitte mit der inhaltlichen Analyse des dritten Kapitels verbinden. Dabei soll „Die sexuelle Frage“ die jegliche Literatur und Ausführungen über die Jugendbewegung unterschwellig oder explizit durchzieht, im Vorder- grund stehen. Grundlage bilden hierbei die Diskussion über Homo- sexualität in der Jugendbewegung und die Ausführungen Hans Blühers. Ich möchte die Ursache und Haltbarkeit der Vorwürfe er- gründen und mich gesondert mit der Blüherschen Theorie aus- einandersetzen.

Eine Betrachtung des schwierigen und oft widersprüchlichen Verhältnisses der Jugendbewegung zur Weiblichkeit bildet das nächste Kapitel. Obwohl formal getrennt, sind viele Erkenntnisse des vorangegangen Kapitels hier wichtige Grundlage. Ich werde erneut auf Hans Blüher eingehen und die Verdienste der Jugendbewegung an der Emanzipation kritisch beleuchten.

Der vorletzte Abschnitt der Arbeit soll den Bogen ins hier und jetzt schlagen. Der Einfluss der Jugendbewegung auf andere Gruppen soll vorgestellt werden und der in der Einleitung erwähnte Trend zum Wandern mit der Motivation der Wandervögel verglichen werden. Abschließend habe ich ein Interview mit einer Jugendbewegten ge- führt und sie nach ihren Erfahrungen gefragt. Mit einer kurzen Ana- lyse der Ergebnisse in Form eines Berichts möchte ich den Zustand der aktuellen Bewegung aufzeigen.

Ein Fazit und ein kurze Erläuterung offen gebliebener Fragen und weiterführender Ideen bildet den Abschluss meiner Arbeit.

Literatur über die Jugendbewegung und ihre Eigen- heiten

Zwei Elemente haben mir die Bearbeitung der Literatur erschwert, deshalb sollen sie Eingangs kurz Erwähnung finden.

Zum einen wurde bereits auf den emotionalen Charakter der Ausführungen, besonders in Originalquellen, hingewiesen. Es war oft schwer den Inhalt hinter „den Schwärmereien“ zu entdecken. Dieser Umstand ist ein Wesensmerkmal Jugendbewegter Ausführungen und muss akzeptiert werden.

Ähnlich problematisch gestaltete sich die Struktur der Bewegung. Ich habe versucht nach bestem Wissen und Gewissen die begriffliche Schärfe zu waren und verallgemeinernde Aussagen zu vermeiden. Auf Grund der unüberschaubaren Vielschichtigkeit der ersten deutschen Jugendbewegung mag dies trotz meiner Bemühungen nicht immer geglückt sein. Jugendbewegung, Wandervogel, bündische Jugend sind zu Teilen das gleiche aber im Detail doch wieder Grund unterschiedlich. Ein Abwägen der Aussagen ist immer notwendig, kein Aussage ist total. Zusätzlich haben die meisten Autoren ihre „Lieblings-Bünde“, bzw. sind selbst ehemalige Jugend- bewegte. Als „Außenstehender“ eine nur schwer einzuschätzende Sachlage (vgl. Laqueur 1978 S.251). Dennoch gibt es einen theoretischen und ideologischen Überbau, der als übergreifend an- genommen werden kann. Wo es nötig war, habe ich im Text auf diese Problematik hingewiesen.

1 Das deutsche Kaiserreich

Da die Wandervogelbewegung nur im Kontext ihrer Zeit verstanden werden kann, stelle ich den eigentlichen Betrachtungen einen historisch-soziologischen Abschnitt voran, der die Lebensrealität der Menschen im betrachteten Zeitraum verdeutlichen soll. Es ist für den Leser von Bedeutung nicht nur die Welt der Jugendbewegten zu ver- stehen, sondern auch das Umfeld was diese Welt bedingte.

„Was Jugendliche in einer Jugendbewegung oder einem Jugendverband suchen, hängt davon ab, was die sie umgebende Gesellschaft ihnen bietet oder vorenthält …“ (Giesecke 1981, S.212).

Ich beziehe mich in diesem Kapitel primär auf die Ausführungen Volker Ullrichs, der in seinem, 2007 in überarbeiteter Form erschienenen, Werk „Die nervöse Großmacht 1871-1918, Aufstieg und Untergang des deutschen Kaiserreichs“ eine umfangreiche Schilderung der Lebensumstände und politischen Prozesse im Wilhelminischen Deutschland veröffentlicht hat. Besonders die inneren Vorgänge im Reich, werden hier besonders detailliert dargestellt, so dass eine überwiegende Verwendung dieses Werkes für den ersten Teil meiner Arbeit maßgeblich ist.

1.1 Das Kaiserreich, Gründung und innerer Aufbau

Die Gründung des deutschen Kaiserreichs am 18. Januar 1871 be- ruht auf dem Sieg des Norddeutschen Bundes und der verbündeten süddeutschen Staaten im deutsch-französischen Krieg. Damit war erstmals ein deutscher Nationalstaat entstanden, der geografisch die sogenannte kleindeutsche Lösung widerspiegelte. Grundlage hierbei war die ursprüngliche Ausdehnung des norddeutschen Bundes, der die Länder nördlich der Mainlinie umfasste (vgl. Brockhaus 2006, Band 6, S.691). Das Reich vereinte somit 25 Einzelstaaten und das 1871 annektierte Elsass Lothringen.

Die Krönungszeremonie im Schloss von Versailles war, sofern man den Ausführungen einiger Anwesender trauen kann, alles andere als spektakulär (vgl. Ullrich 2007, S.22ff) und wurde erst im Nachhinein zu einem heroischen Akt1 verklärt. Ein charakteristisches Kenn- zeichen der deutschen Kaiserzeit war damit bereits bei seiner Gründung präsent. Der Schein nach außen war immer wichtiger als die reale Lage.

Konstrukteur dieses Staatengebildes war Otto von Bismarck, der erste Reichskanzler und zugleich Ministerpräsident Preußens (vgl. Brockhaus 2006, Band 6 S.691). Das Amt des Reichskanzlers war von Anfang an auf das Bismarcksche Machtbestreben zugeschnitten und lediglich dem Kaiser unterstellt. Obwohl das Reich eine konstitutionelle Monarchie war, wurde das Parlament durch die Übermacht des Reichskanzlers regelmäßig ausgehebelt und die Ver- fassung nach seinem Belieben ausgelegt und ergänzt (vgl. Ullrich 2006, S.34ff).

Durch die Zusammenfassung der kleinen Einzelstaaten mit dem mächtigen Preußen wurden wichtige Weichenstellungen für eine positive wirtschaftliche Entwicklung, wie beispielsweise ein einheit- liches Währungssystem geschaffen. Innerdeutsche Zölle fielen weg und die Reichsbank wurde gegründet um den Wildwuchs der vielen Länderbanken zu ordnen.

Somit waren alle wichtigen Weichen für ein äußeres Zusammen- wachsen des Reichs gestellt. Innerlich scheiterten diese Be- mühungen oftmals an den starken Identitäten der Einzelstaaten und den unterschiedlichen Traditionen ihrer Bürger (vgl. Ullrich 2006, S.29). Die innere Einheit ließ sich nicht durch Reformen aufzwingen und wurde durch die oft kurzfristige und engstirnige Innenpolitik zu- sätzlich gebremst. Das Reich wurde auf der Landkarte eine Einheit, der innerer Zusammenschluss aber nicht erreicht (vgl. Ullrich 2066, S.29ff).

Während der Novemberrevolution am 9. November 1918 verkündete Wilhelm II seine Abdankung, womit die Monarchie kurz vor Ende des ersten Weltkrieges endete. Mit der Verabschiedung einer neuen Verfassung trat am 11. August 1919 an ihre Stelle die Weimarer Republik (vgl. Brockhaus 2006, Band 6 S.691f).

1.2 Wirtschaft und Industrie

Die monarchische Herrschaft der Habsburger zeichnete sich ökonomisch besonders durch die Phase der Hochindustrialisierung ab. Deutschland entwickelte sich im Laufe weniger Jahrzehnte von einem agrarisch geprägten Getreidelieferanten zu einem weltweit agierenden Industriestaat. Die Zeit der Hochindustrialisierung wurde in den Zeitraum von 1870 bis 1914 datiert, umfasste also ziemlich exakt die deutsche Kaiserzeit. Der Einschnitt 1914 ist mit der Umstellung auf Kriegsproduktion zu rechtfertigen.

Die sich bereits vor dem Krieg gegen Frankreich gut entwickelnde deutsche Wirtschaft erhielt nach der Reichgründung besonders durch zwei Umstände weiteren Antrieb. Als erster und wichtigster Punkt, ist die Zahlung von fünf Milliarden Goldfranc (vgl. Ullrich 2007, S.38ff) von Frankreich an das Reich zu nennen. Der ursprüngliche Plan Frankreich mit der Auferlegung dieser Zahlung über Jahre zu schwächen schlug fehl. Die Unterlegenen waren in der Lage, die für damalige Zeit immense Summe, innerhalb einer sehr kurzen Frist durch internationale Kredite aufzubringen und den deutschen Kapitalmarkt hiermit zu „überschwemmen“ (Ullrich 2007, S.38). Das Geld ermöglichte den deutschen Einzelstaaten ihre Kriegsanleihen zurückzuzahlen, so dass innerhalb kürzester Zeit die Bevölkerung direkt von dem Geld profitierte. Ein weiterer Teil floss in die Rüstungs- bzw. Bauindustrie was einen Boom in diesen Wirtschafts- bereichen verursachte.

Neben den französischen Reparationszahlungen hatte die Regierung Bismarck wirtschaftsliberale Gesetze erlassen, die industrielles Wachstum nahezu ohne staatliche Kontrollen möglich machten. Somit entstanden ungezählte Groß- und Kleinbetriebe, die um ihren Kapitalbedarf zu decken, an die Börse gingen.

Die Folge dieser beiden Umstände, waren zum einen Aktienpakete, die einen Eigentümer suchten und zum anderen viele Bürger, die innerhalb kürzester Zeit über große Mengen „freien Geldes“ ver- fügten und dieses am Kapitalmarkt investierten. Eine nahezu alle Bevölkerungsschichten übergreifende „Spekulationswut“2 war die Folge. Besonders Kleinanleger gingen, ergriffen von der allgemeinen Stimmung, dabei oft nicht mit der nötigen Vorsicht vor und ließen sich von unseriösen Anbietern täuschen. Das Resultat war ein Börsencrash, der als Gründerkrach von 1873 in die Geschichte ein- ging (vgl. Ullrich 2007, S.38ff).

Der wirtschaftliche Schaden den der Gründerkrach verursachte war groß und weitete sich nach und nach auf alle Branchen aus. Als falsch entpuppte sich die Hoffnung der breiten Masse, dass sich der Markt schnell wieder erholen würde:

„Nach zeitgen ö ssischen Schätzungen waren 1878/79 25 bis 28 Pro zent der Arbeiter im Bereich Industrie und des produzierenden Gewerbes ohne Beschäftigung. (Ullrich 2007, S.43)“ .

Das Deutsche Reich benötigte sieben Jahre um sich von den turbulenten Vorkommnissen in der Anfangszeit der Monarchie zu er- holen. In der Zwischenzeit herrschte Arbeitslosigkeit, Armut und Wut auf die Herrschenden, die dem absehbaren Unglück keinen Einhalt geboten hatten. Der Vertrauensverlust in die Industrialisierung war besonders bei den Kleinanlegern umfassend und nachhaltig.

Im Nachhinein wurden die Folgen des Gründerkrachs freilich weniger kritisch betrachtet. In vielen Quellen ist von einer Gesund- schrumpfung des Marktes die Rede (vgl. Ullrich 2007, S.42ff; Rosen- berg 1967, S.107ff). Des Weiteren ist durch den Einbruch der Börse der Überheblichkeit der ersten Jahre Einhalt geboten worden. Das Reich fühlte sich nach dem Sieg über Frankreich und der abrupt ein- setzenden, glänzenden wirtschaftlichen Entwicklung über die Maße selbstsicher und unverwundbar. Nach dem konjunkturellen Einbruch, wurden in vielen Bereichen der Industrie die Vorgänge optimiert und die Qualität der Produktion gesteigert. Es gab wieder echten Wett- bewerb (vgl. Ullrich 2007, S.42ff). Schwarze Schafe, die ihre Schein- unternehmen zu Fantasiepreisen an die Börse gebrachten hatten verschwanden zu großen Teilen von der Bildfläche.

Obwohl die Negativauswirkungen ab 1879/1880 zu verschwinden begannen, blieben doch bei vielen traumatische Erinnerungen und ein tief sitzendes Misstrauen zurück, das für die weitere wirtschaftliche Entwicklung des Reiches nicht ohne Bedeutung war.

Die beherrschenden Branchen der Industrialisierungswelle ab ca. 1879 waren die Chemie-, Elektro- und die Maschinenbauindustrie. Diese Wirtschaftssektoren entwickelten und vergrößerten sich, an- geführt von namenhaften Firmen wie AEG, Thyssen, Siemens und Krupp, ab ca. 1879 mit unglaublicher Geschwindigkeit. 1873 lag der Anteil des primären Wirtschaftssektors am Nettoinlandsprodukt bei 37,9 % und der der Industrie bei 31,7%. 1889 war der Gleichstand erreicht und 1895 kam die Landwirtschaft nur noch auf 32%, der sekundäre Sektor dagegen auf 36% (vgl. Wehler 1995 S.47ff).

Die Geschichte der Industrie entwickelte sich langfristig lediglich durch die Weltkriege unterbrochen weiter, zu mächtigen Global agierenden Wirtschaftskapazitäten, die auch heute noch ein nicht zu unterschätzendes Gewicht bei politischen Entscheidungen sind und weiterhin in einigen Regionen des Landes eine umfassende ökonomische und soziale Macht besitzen.

Die Entwicklung der Landwirtschaft passte sich in ihren Möglich- keiten dem fortschreitenden Kapitalismus im Reich an. Nach Dieter Hertz Eichenrode waren die Veränderungen aber nicht so umfassend wie in der Industrie. Dies lag zum einen am Wesen der Landwirt- schaft. Dieses musste, im Gegensatz zur Industrie, nicht neu er- funden werden und zum anderen daran, dass bereits ab 1800 weit- reichende Agrarreformen die Betriebe auf ein im Ansatz markt- wirtschaftliches System vorbereitet hatten (vgl. Hertz Eichenrode, 1996, S.97). Dennoch musste die deutsche Landwirtschaft auf die gestiegenen Bevölkerungszahlen und den Druck der internationalen Märkte reagieren.

Der zuerst genannten Problematik begegnete man mit verbesserten Anbaumethoden und der Bewirtschaftung größerer Flächen. Die internationale Konkurrenz versuchte die Regierung Bismarck mit einer harten Schutzzollpolitik einzudämmen. Dies gelang aber nur zu Teilen, so dass sich gegen Ende des Kaiserreichs der landwirtschaftliche Großbetrieb als Zukunftsmodell weitestgehend etabliert hatte. (vgl. Hertz Eichenrode, 1996 S.98ff).

Als zweiter traditioneller Wirtschaftssektor war das Handwerk von den ökonomischen Veränderungen der Kaiserzeit betroffen. Hier waren die Auswirkungen allerdings verheerender und schneller spür- bar als in der Landwirtschaft. Viele traditionelle Handwerksberufe wie beispielsweise Schneider oder Schuhmacher verschwanden quasi über Nacht (vgl. Ullrich 2007, S.132). Tief greifende Veränderungen auf die ehemals starke und selbstbewusste Gesellschaftsschicht der Handwerker waren die Folge. An ihre Stelle rückte die industrielle Produktion von Massenwaren, die die Arbeitsrealität der Väter von der Familie abkoppelte. Die Traditionelle Verflechtung von Arbeit und Wohnung wurde somit zum Auslaufmodell und zum Keim ge- sellschaftlicher Veränderungen. Das Gros der Handwerker sah sich mehr oder weniger wehrlos dem fortschreitenden Strukturwandel ausgesetzte und musste darauf reagieren.

„Der Anteil des Kleingewerbes an den gewerblich Beschäftigten sank von fast 60 Prozent (1882) auf 32 Prozent (1907), also um die Hälfte.“ (Ullrich 2007, S.132),

Ullrich erwähnt weiter, dass der Anteil der Betriebe mit 10 und mehr Angestellten besonders in den Städten parallel stieg (vgl. Ullrich 2007, S.132.). Somit waren die Grenzen zwischen Handwerk und industrieller Produktion oft schwimmend. Das traditionelle Bild des alleine arbeitenden Meisters wurde von Kleinbetrieben, die mehr Arbeit in kürzerer Zeit bewältigten konnten, abgelöst. Dagegen profitierten besonders Lebensmittel verarbeitende Zünfte von den steigenden Bevölkerungszahlen und der Abnahme der Selbstver- sorgung.

Abschließen ist zu sagen das weder Schutzzölle für Agrarprodukte noch Zusammenschlüsse von Handwerksbetrieben den Prozess der Industrialisierung gravierend verlangsamen konnten. Den Menschen blieb nur die Möglichkeit auf die verändernden Umstände zu reagieren. Einmal ins Rollen gebracht, wurden lediglich die in Ab- ständen von einigen Jahren sich ereignenden Turbulenzen auf den Kapitalmärkten, als bremsende bzw. regulierende Kräfte wahr- genommen. Diese wiederum sorgten dafür, dass sich ohnehin mächtige gesellschaftliche Klassen verfestigten, und die Skepsis der Arbeiter in den Prozess der Industrialisierung wuchs.

1.3 Das politische System

Die politischen Abläufe im deutschen Kaiserreich lassen sich grob in die Vor- und Nach - Bismarck - Ära einteilen. Der erste deutsche Reichskanzler, Otto von Bismarck, der von 1871 bis 1890 die Ge- schicke des Reichs maßgeblich lenkte, war Initiator und Konstrukteur des „zweiten Reiches“. Der eigentliche Herrscher, der Kaiser hatte zumindest in der Bismarck - Ära kein allzu großes Gewicht, was politischen Entscheidungen im Reich anging (vgl. Ullrich 2007, S.102ff).

Wilhelm I., der von 1871 bis 1888 das Amt des Monarchen innehatte war ohnehin von seiner Ernennung nicht über die Maße erfreut und zeigte sich mit zunehmendem Alter immer beeinflussbarer durch seinen Reichskanzler. Friedrich III. herrschte im Jahre 1888 gerade einmal 99 Tage und starb dann auf Grund seines bereits bei Amts- antritt stark fortgeschrittenen Kehlkopfkrebses (vgl. Ullrich 2007, S.108f). In dieser Zeit lies er ungewohnten Eigensinn gegenüber Bismarck erkennen, jedoch reichte die Zeit seiner Regentschaft nicht für entscheidende Veränderungen aus. Wilhelm II. der von 1888 bis zum Ende der Monarchie 1918 den Thron bestieg, zeigte sich Bismarck gegenüber eigenständig und selbstbewusst. Auch die nachfolgenden Reichskanzler fanden in ihm einen ernst zu nehmenden Gegner, der seine Interessen und Ansichten ent- schieden verfolgte und durchsetzte (vgl. Ullrich 2007, S.120f).

Ein wesentliches Kennzeichen der deutschen Kaiserzeit war die Un- stetigkeit der politischen Akteure. Einmal getroffene Aussagen wurden sofern sich eine andere oder bessere Möglichkeit bot, gerne revidiert bzw. umgedeutet. Komplexe und verschachtelte Bündnisse mit dem Ausland und fragile Koalitionen im Inneren, die oft nur zur Bekämpfung eines gemeinsamen Gegners für kurze Zeit bestanden3, waren charakteristisch. Bismarck verstand durch sein starkes und kompromissloses Auftreten über viele Jahre Außen- und Innenpolitik zu beherrschen. Sobald aber Ende der achtziger Jahre sein Macht nachließ, bekam auch der „eiserne Kanzler“ die Grenzen dieser Art von Politik zu spüren. Ähnlich erging es seinen Nachfolgern, die alle- samt nicht mehr an die Bismarcksche Macht anknüpfen konnten. Dies wurde besonders bei seinem Nachfolger Graf Leo von Caprivi, der 4 Jahre das Amt des Reichskanzlers innehatte, deutlich.

Die Komplexen außenpolitischen Bündnisse die zum Hauptziel die Isolation Frankreichs und die Sicherstellung des innereuropäischen Friedens haben sollten, zerbrachen nach der Entmachtung Bismarcks (vgl. Ullrich 2007, S182ff). In diesen Umständen werden von vielen Historikern der Beginn der deutschen Isolation in Europa und damit die Vorzeichen des ersten Weltkriegs gesehen (vgl. Ullrich 2007, S.204ff). Im Inneren versuchte Caprivi zunächst, gestützt durch den Kaiser eine versöhnliche Politik zu verfolgen, um die Arbeiterschaft auf die Seite der Monarchie zu ziehen. Als diese Taktik scheiterte, erinnerte man sich der Bismarckschen Härte und begann erneut gegen die erstarkende Sozialdemokratie zu paktieren. Die dadurch entflammten innenpolitische Grabenkämpfe man billigend in Kauf (vgl. Ullrich 2007, S.191ff).

Im späten Kaiserreich war eine zunehmende Verstrickung in die Weltpolitik das vorherrschende Thema. Unter Reichskanzler Fürst Bernhard von Bülow (1900 - 1909) besann sich das Reich auf die ertragreiche Kolonialpolitik und beanspruchte Teile Afrikas für sich. Oft kollidierten diese Forderungen mit den, bereits früher gestellten, territorialen Ansprüchen anderer Länder, primär Englands. Der Start Deutschlands in die Kolonialpolitik erfolgte zu einem Zeitpunkt, als die Welt bereits zu größten Teilen unter den Weltmächten aufgeteilt war.

Als weiterer wichtiger Konfliktpunkt erschien ab 1897 die Flotten- politik auf der politischen Agenda. Der militärbesessene Monarch, Wilhelm II. erklärte das ehrgeizige Projekt zur Chefsache und ver- ursachte damit besonders in England erhebliche Verstimmungen.

„Die Flotte [sollte] als Instrument und Symbol der deutschen Welt- politik […] die nationalen Energien Bündeln, von inneren Schwierig- keiten kompensatorisch ablenken und dieüberkommene Macht- und Herrschaftsordnung zementieren helfen.“ (Ullrich 2007, S197f).

Um dieses Ziel zu verwirklichen, fand der Kaiser in Alfred Peter Friedrich von Tirpitz, ab 1900 Staatssekretär des Reichsmarineamts einen begeisterten Mitstreiter für seine Pläne, Großbritannien die Vormachtstellung auf See abzutrotzen. Von Tirpitz machte mit ge- schickten Pressekampagnen und Propagandaveranstaltungen die Pläne des Kaisers im Volk populär. Durch ihn war um die Jahr- hundertwende der Matrosenanzug das beliebteste Kleidungsstück für Jungen (vgl. Ullrich 2007, S.198). Spätestens seid der Einbeziehung von Tirpitz’ steuerte das deutsche Reich geradewegs auf ein Wett- rüsten und den Krieg zu.

Im Laufe der folgenden Jahre kündigten alle Bündnispartner bis auf Österreich - Ungarn dem Reich die Gefolgschaft und formierten sich in einem bis ca. 1912 andauernden Prozess gegen die Monarchie. Der Nachfolger von Bülows, Theobald von Bethmann-Hollweg, ver- suchte zwar durch eine gemäßigtere Außenpolitik die Wogen zu glätten, allerdings erwiesen sich seine Maßnahmen im Angesicht der verfahrenen Lage und der erheblichen Widerstände im eigenen Lager als wirkungslos. So entschied sich das Reich getragen durch eine breite Zustimmung des Bürgertums (vgl. Ullrich 2007, S.211ff) für den einsamen Weg, der zum bekannten Ergebnis führte.

Auch innenpolitisch war das Erbe das Theobald von Bethmann- Hollweg antrat katastrophal, die Rüstungspolitik verschlang Un- summen an Geldern, die nur durch Verschuldung und Steuer- erhöhungen akquiriert werden konnten. Die Parteien im Reichstag waren hoffnungslos zerstritten und die Bevölkerung litt unter dem Teils sehr massiven Auftreten der Staatsgewalt. Besonders bei zivilem Ungehorsam und Streiks entlud sich die Orientierungs- und Hilflosigkeit der Regierung in Gewalt (vgl. Ullrich 2007, S.246).

Die Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers und seiner Frau am 28. Juni 1914 war somit eine willkommene Möglich- keit Innen- und Außenpolitische Probleme auf einen Streich zu über- decken. Die deutsche Propagandamaschinerie, die sich schon in den Jahren zuvor warmgelaufen hatte, konnte nun ihre volle Kapazität erreichen und beeinflusste die Stimmung im Reich zu Gunsten des Krieges. Jedoch wäre es übertrieben zu behaupten, dass sich das ganze Reich im Freudentaumel befand, als am 1. August die Kriegs- erklärung gegen Russland erging. Besonders große Teile der Arbeiterschaft sahen zu diesem Zeitpunkt die auf sie zurollenden Er- eignisse kritisch (vgl. Ullrich 2007, S.265f). So konnte der Jubel der zumeist bürgerlichen Patrioten, die kritischen Stimmen der Zweifler nicht gänzlich überdecken.

1.4 Die Gesellschaftsstruktur im Kaiserreich

Die gesellschaftlichen Veränderung seid der Reichgründung waren umfassend und gingen mit einer Geschwindigkeit von statten, die den Menschen höchste Anpassungs- und Wandlungsfähigkeit abver- langte. Vor der Reichsgründung am 18.Januar 1871 in Versailles, war das deutsche Reich primär agrarisch geprägt gewesen, der An- teil der Landbevölkerung lag bei ca. 70% (vgl. Ullrich 2007, S.138) und der primäre Wirtschaftssektor war der bei weitem be- herrschender Arbeitgeber.

Die gravierendste Veränderung mit der die Menschen kämpfen mussten war die allumfassende Umstellung der Lebensverhältnisse. Das Reich entwickelte sich innerhalb weniger Jahrzehnte vom Agrar- staat zur global agierenden Wirtschaftsmacht. Verbindungen und ge- sellschaftliche Regeln die über Generationen hinweg Bestand hatten, verloren innerhalb kürzester Zeit an Wert und Akzeptanz (vgl. Giesecke 1981, S.11f). Nicht allen wird diese Umstellung leicht ge- fallen sein.

„Wir arbeiteten, wir a ß en, wir schliefen - und arbeiteten wieder, ganz so wie die Ackerpferde: hüh, hott und prr.“ (Rehbein 1973, S.93).

Ein Großer Teil der Landbevölkerung sah keine Zukunft, in der sich den frühen kapitalistischen Zwängen anpassenden Landarbeit. Viele strömten in die Städte oder kehrten in Folge des Gründerkrachs4 dem Reich den Rücken zu, um in Amerika ihr Glück zu finden. Vielerorts brachen die dörfischen Strukturen auseinander (vgl. Giesecke 1981, S.11f).

In den Städten erwarteten die Menschen schnell gebaute Mietskasernen und harte Arbeit zu schlechten Bedingungen und karger Entlohnung. Besonders die Wohnsituation der Arbeiter war oft problematisch. Am Stadtrand gelegene Ghettos mit geringem hygienischen Standard und schlechter Luft, durch die nahe gelegenen Industrieanlagen, waren häufig.

Bei Gründung des Reichs existierten acht Städte „mit mehr als 100.000 Einwohnern […] 1910 waren es bereits 48 …“ (Ullrich 2007, S.138).

Hinzu kam ein starkes Bevölkerungswachstum was zum einen mit gestiegen medizinischen Möglichkeiten, geringerer Sterblichkeit von Säuglingen und alten Menschen und zum anderen mit erweiterten hygienischen Standards einher ging.

Allerdings ist in diesem Zusammenhang zu erwähnen, dass die Klassenunterschiede besonders in diesem Punkt spürbar wurden. Durch die problematische Wohnsituation der Arbeiterklasse kam es immer wieder zum Ausbruch von Seuchen, so dass in der Anfangs- zeit des industriellen Aufschwungs nur die bürgerliche Klasse von den Verbesserungen profitierte. Die sich zu Beginn der Kaiserzeit schnell öffnende „soziale Schere“ sorgte besonders im Ruhrgebiet und in Berlin regelmäßig für Krawalle und Straßenschlachten (vgl. Ullrich 2007, S.40).

„Nach Schätzungen blieben bis 1914 zwischen 60 und 70 Prozent der Lohnempfänger unterhalb der Besteuerungsgrenze. Die soziale Schichtung im Kaiserreich glich einer Birne.“ (Ullrich 2007, S.310).

Eine Ausweitung der neuen hygienischen und sozialen Standards auf die unteren Bevölkerungsschichten erfolgte ab ca. 1878 als Bismarck ein, für die Zeit fortschrittliches, sozialpolitisches Reform- paket durchsetzte. In den darauf folgenden Jahren wurden weitere Sozialgesetze zu Gunsten der Arbeiterschaft verabschiedet, außerdem besannen sich einige Großunternehmen ihrer sozialen Verantwortung, so dass die Unterschiede im Bereich Hygiene, medizinische Versorgung usw. ab 1914 weitestgehend ver- schwanden.

Obwohl sich die Sozialdemokratie noch in den Kinderschuhen be- fand und auch die gewerkschaftliche Organisation von Protesten selten war, machten die Arbeiter ihrem Unmut Luft. Polizei und Reichsregierung antworteten mit entschiedener Härte gegen diese Emanzipation. Besonders der Gründerkrach ließ das Vertrauen in die neue industrialisierte Welt schwinden, Arbeitslosigkeit, Armut und ein enormer Vertrauensverlust waren die Folgen. Diese Stimmungen entluden sich in gewalttätigem Aufruhr gegen die Staatsmacht. Obwohl primär die Arbeiter unter dem Börsenkrach von 1873 zu leiden hatten, bekamen auch große Teile der bürgerlichen Schicht die Kehrseite eines sich selbst überholenden Wirtschaftswachstums zu spüren. Viele Mitglieder der mittleren Gesellschaftsschicht hatten sich von der Verlockung des „schnellen Geldes“ verführen lassen.

Nachdem der erste Schreck verflogen war, begann die Suche nach den Verantwortlichen. Scheinbar schnell waren diese gefunden. Eine von den Liberalen getragene Wirtschaftspolitik ohne staatliche Einflussnahme und die Verschwörung des Judentums, sollten die Krise verursacht haben. Das Aufleben dieser Antisemitismuswelle war eine der verheerenden Entwicklungen der Kaiserzeit.

Obwohl die Geschwindigkeit der Ereignisse nicht mit denen in den Städten zu vergleichen ist, veränderte sich das Leben auf dem Land ebenfalls. Anstelle der kleinen familiär geführten Betriebe rückten die wirtschaftlicheren für den Export arbeitenden Großbetriebe. Diese brachten mit Hilfe von osteuropäischen Leiharbeitern ihre Ernte ein und nahmen keine Rücksicht auf gewachsene Loyalitätsbindungen (vgl. Ullrich 2007, S.134). Die Bedeutung der Landwirtschaft als Arbeitgeber sank von „…43 Prozent 1890 auf 35 Prozent 1913“ (Ullrich 2007, S.132) deutlich ab.

Nachdem das Reich sich von den Folgen der Gründerkrise erholt hatte, begann ab ca. 1893 (vgl. Ullrich 2007, S.135) wieder ein starker Wanderungsstrom in die Städte. Bald konnten die benötigten Arbeiter nicht mehr aus der innerdeutschen Landbevölkerung akquiriert werden, so dass viele Arbeiter aus den östlich gelegenen Staaten ins Reich einwanderten. Die Folge waren ganze Viertel und Zechen in denen polnisch gesprochen wurde. Die Vorbehalte der Bevölkerung gegen die Leiharbeiter waren stark, so dass eine An- näherung nur in Ausnahmefällen gelang (vgl. Ullrich 2007, S.134).

Die fortschreitende Anonymisierung der Gesellschaft muss in diesem Kontext als besonders gravierend dargestellt werden. Die meisten Menschen waren es nicht gewohnt in solchen rein geschäftlichen Beziehungen zu denken und zu leben, so dass dieser Umstand viele Arbeiter schwer belastete. Besonders in den Städten wurde dies spürbar.

1.5 Die gesellschaftliche Situation des Bürgertums

Da das Hauptaugenmerk meiner Arbeit auf dem Bürgertum liegt, möchte ich an dieser Stelle noch einige Ergänzungen hinzufügen, da bisher primär die Situation der Gesamtgesellschaft beschrieben wurde.

Die bürgerliche Schicht war von den vorab beschriebenen gravierenden Veränderungen ebenfalls betroffen, bekam aber in den meisten Fällen die negativen Auswirkungen nicht so stark zu spüren. Teilweise konnte sie sich sogar Vorteile durch die turbulenten Zu- stände verschaffen.

Die Spekulationsmöglichkeiten an der Börse, ermöglichten vielen Menschen ein großes Vermögen in kurzer Zeit zu erlangen. Ebenfalls positiv wirkte sich die bessere Anpassung der bürgerlichen Klasse an das Leben in der Stadt aus. Viele lebten schon über Generationen dort und verfügten über ein stabiles soziales Netzwerk, was in Zeiten des Umschwunges das Leben vereinfachte.

Gravierenden Einfluss auf die Situation der Bürger hatten die sprunghaft ansteigenden Mietpreise, die nur den Besitzern von Im- mobilien beträchtliche Gewinne bescherten, so berichtet Ullrich:

„Zwischen 1871 und 1873 stiegen die Mieten von Quartal zu Quartal nicht selten um das Doppelte und Dreifache. Neureiche B ö rsianer, die jeden Preis zu zahlen bereit waren, verdrängten die bisherigen Mieter aus ihren Wohnungen.“ (Ullrich 2007, S.41).

In den unteren Schichten des Bürgertums waren die Übergänge zur Arbeiterschaft schwimmend, viele etablierte Bürger, die wirtschaftlich nicht so stark gestellt waren, mussten wie die Neuankömmlinge aus den Dörfern in die dezentral gelegenen Mietkasernen umziehen (vgl. Ullrich 2007, S.41f).

Veränderungen von denen auch das Bürgertum betroffen war, waren die Auswirkungen der Industrialisierung auf das traditionelle Hand- werk. Nach Ullrich hatten Handwerksbetriebe die Möglichkeit sich zu vergrößern und zu einem spezialisierten Anbieter von Dienstleitungen bzw. Produkten zu werden oder sie gingen die Ge- fahr ein, im Strudel der wirtschaftlichen Entwicklungen zu versinken (vgl. Ullrich 2006, S.132ff). So kam es dazu, dass viele vormals an- gesehene Handwerksmeister sich als einfache Fabrikarbeiter wieder fanden. Auch das Verschwinden ganzer Zünfte bewirkte in den bürgerlichen Kreisen gravierende Veränderungen. Die starke Zu- nahme der Arbeitsbevölkerung in den Städten verdrängte allein auf- grund ihrer Masse die etablierten Gesellschaftskreise.

Abschließend zu bemerken ist, dass der Großteil der Bürgerschaft seine Privilegien aber bewahrte bzw. gerade auf Grund der gesellschaftlichen Entwicklung abgrenzte und dadurch früh von Errungenschaften wie Elektrizität, gehobenen hygienischen Standards und medizinischer Versorgung profitierte.

1.5.1 Bürgerlicher Alltag und Jugend im Kaiserreich

Als „Bürger“ bezeichnete man ab 1850 ähnlich wie „Bourgeoisie“ im Französischen oder „middle classes“ im Englischen die Be- völkerungsschicht, die zu den wirtschaftlich und sozial besser Ge- stellten zählte. Diese „neue“ Klasse die sich aus wohlhabenderen Bevölkerungsschichten der Städte ohne festes Standesbewusstsein entwickelte, verdankte seinen Aufstieg im 19. Jahrhundert primär dem wirtschaftlichen Aufschwung des Reiches, von dem das Bürger- tum besonderes profitierte (vgl. Ullrich 2007, S.282). Eine Reihe von sehr heterogenen Berufs- und Erwerbsklassen aus unterschiedlichen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen zählte zu dem Stand der Bürger. Zu nennen sind z.B.: Selbstständige in Handwerk und Gewerbe, Unternehmer in Industrie und Handel, Ärzte, Rechts- anwälte oder Künstler, höhere Beamte und leitende Angestellte. Das Resultat war, dass Menschen mit sehr unterschiedlicher Bildung, Wohlstand, politischer Gesinnung und Herkunft in einer Gruppe zu- sammengefasst wurden. Kriterium des „klassischen Bürgers“ war die ökonomische Selbstständigkeit (Wirtschaftsbürgertum) bzw. eine entsprechende Fachbildung (Bildungsbürgertum), die ein aus- reichendes Auskommen sicherstellte.

Jedoch genügten ein bürgerlicher Beruf, ein bestimmtes Einkommen und Vermögen, der damit gesicherte Wohlstand, und die Distanzierung von schwerer körperlicher Arbeit manchmal nicht, um sich zum Bürgertum zählen zu können. Häufig waren diese Faktoren nur die Grundvoraussetzungen. Erst die Aneignung und Übernahme von Mentalitäten und Lebensweisen machten den Bürger „bürger- lich“, Übereinstimmungen im Lebensstil, der Einrichtung der Wohnung, dem Konsum, den Ernährungsgewohnheiten und der Sprache garantierten das Zusammengehörigkeitsgefühl dieser selbstbewussten Schicht. Wichtige Übereistimmunegn innerhalb der bürgerlichen Klasse, waren die positive Haltung zur deutschen Flottenpolitik, die Glorifizierung alles militärischen (vgl. Ullrich 2007 S.288ff), und eine Hinwendung zu Kultur und Kunst.

Ein hohes Selbstbewusstsein war besonders dem Wirtschaftsbürger- tum zu Eigen (vgl. Ullrich 2007 S.283ff), da es in dem Bewusstsein lebte, das angehäufte Vermögen, im Gegensatz zum Erbadel, durch eigenen Fleiß verdient zu haben. Die selbstbewusste Haltung und die Beschäftigung mit kulturellen Aspekten des Lebens dienten dem Bürgertum dazu, sich sowohl nach oben in Richtung des Adels, als auch nach unten zum einfachen Arbeiter hin, abzugrenzen.

Das Bild des ehrenhaften und pflichtbewussten Offiziers, das im Kaiserreich zum Idealbild reifte, bestimmte viele Entwicklungen innerhalb des Bürgertums maßgeblich mit. Besonders die Auffassung und Umsetzung von Bildung, an der die bürgerlichen Schichten zu großen Teilen beteiligt waren, wurde von diesem Idealbild geprägt. Dabei war das Erstreben einer militärischen Karriere lediglich die Erfüllung dieses Ideals.

„Lerne vom Militär! […] Gerade Sitzen! Ruhe! Mund halten! Griffel hoch! Hände hoch! Hefte zeigt! ...“ (Ullrich 2007 S.399)

Die Prägung durch einen militärischen „Kodex“ begann bereits in den ersten Schuljahren. Auch im Elternhaus war ein strenger Ton üblich.

„Früh eingeübt wurde auch das auf Leistung, Pünktlichkeit und Pflichterfüllung gegründete bürgerliche Arbeitsethos.“ (Ullrich 2007, S.319).

In den sehr oft kinderreichen Familien stand die Autorität des Vaters über allem. Das Ideal des Offiziers diente als „roter Faden“ in der gesamten Erziehung der bürgerlichen Jugend. Söhne wurden auf ihre militärische Karriere vorbereitet und Mädchen bekamen das Rollenbild der Offiziersfrau vermittelt.

Die Volksschule, die durch Einführung der Schulpflicht schon vor der Reichsgründung einen hohen Zulauf erhalten hatte, wurde im Laufe der Kaiserzeit permanent reformiert um den erweiterten An- forderungen gerecht zu werden. Die Zahl der Schüler in einer Klasse sank trotz steigender Schülerzahlen von 1886 bis 1911 von 64 auf 51 Schüler (vgl. Ullrich 2007, S.341). Somit schrumpfte die Zahl der An- alphabeten auf ein Minimum zusammen. Die höheren Schulen (Gymnasium, Realgymnasium und Realschule) die ebenfalls mit Reformen auf gestiegenen Schülerzahlen und die Bedürfnisse der Wirtschaft und der Universitäten reagierten, blieben trotz Ausbau des Volksschulwesen Bildungseinrichtungen für die gesellschaftliche Elite (vgl. Ullrich 2007, S.344ff). Der Zugang zur Universität und dem höheren Militärdienst blieb primär Bürgertum und Adel vorbehalten. Die autoritäre Prägung der Erziehung setzte sich somit verstärkt an den, fast ausschließlich von Jungen besuchten, höheren Schulen fort.

Die Freiheiten der jungen Männer wurden weitestgehend beschnitten bzw. soweit wie möglich unter schulische Kontrolle gestellt. Auch die Eltern waren an diesem System, dass um maximale Effizienz bemüht war interessiert. Da der Zugang zu den höheren Schulen durch be- trächtliche Schulgelder erst ermöglicht wurde (vgl. Ullrich 2007 S.340), waren besonders für Eltern aus den nicht so wohlhabenden Schichten des Bürgertums die Kosten für Ausbildung ihrer Söhne nur schwer zu erbringen. Ein System, was keinen Müßiggang zuließ, war daher anerkannt und willkommen.

Die Militarisierung setzte sich an der Universität fort. Das schlagende Corpswesen, dass in der Kaiserzeit sein Blüte erlebte, war ein mächtiges Instrument um eigenständiges Denken und Handeln in die gewollten Bahnen zu lenken und junge Bürgerliche auf ihre Aufgaben in der kaiserlichen Gesellschaft vorzubereiten (vgl. Möller 2004 S.50ff).

Töchter aus der bürgerlichen Gesellschaft waren ähnlich wie ihre Brüder einer starken Prägung durch das Bildungssystem unter- worfen. Eine höhere Bildung blieb den Mädchen in der Regel ver- wehrt. Auf der „höheren Töchterschule“ lernten sie, sich in ihre ge- sellschaftliche Rolle zu fügen und ihre Zukunft als Hausfrau und Ge- sellschafterin des Ehemannes zu verbringen (vgl. Ullrich 2007, S.319).

Eine Aufklärung der behütet aufgewachsenen Mädchen in sexueller Hinsicht fand in diesem Zuge genau wie im Elternhaus nicht statt, so dass Ullrich von einer Erziehung der Frau als „asexuellem Wesen“ (Ullrich 2007, S.323) spricht. In Kontakt mit Sexualität kamen bürger- liche Frauen demnach in der Regel erst in ihrer Hochzeitsnacht. Nach diesen Erfahrungen waren die Vorzeichen für ein erfülltes Sexualleben höchstwahrscheinlich nicht immer die besten.

Abschließend ist zu bemerkten, das die Grundcharakteristika der bürgerlichen Erziehung im Kaiserreich eine Kindheit und Jugend in der heutigen Vorstellung nicht ermöglichten. Das starke Elitedenken und die gesellschaftlichen Moralvorstellungen denen Jungen wie Mädchen zu genügen hatten, zwängten die meisten kindlichen Be- strebungen in ein Korsett aus unbarmherzigen Regeln, denen nur in Ausnahmefällen zu entkommen war. Jugendliche aus der Arbeiter- schicht, die sich ebenfalls im schulischen Bereich der Autorität des Bildungssystems beugen mussten, konnten teilweise gewisse Frei- räume außerhalb der Schule genießen. Dennoch galt auch für diese Gruppe eine unbeschwerte Jugend als unerreichbares Ideal.

„Die sich häufende Zahl von Schülerselbstmorden um die Jahr hundertwende zeigt, dass manche dieser Bürde nicht gewachsen waren.“ (Ullrich 2007 S.319).

1.6 Zwischenfazit: bürgerliches Leben im Kaiserreich

In einer kurzen Zusammenfassung möchte ich nun noch einmal ein Gesamtbild des bürgerlichen Lebens zeichnen. Ich beziehe mich in diesem Abschnitt nur noch auf das Bürgertum, da diese Be- völkerungsschicht auch im Weiteren im Fokus der Betrachtung liegen wird.

Es muss für die Menschen ein beeindruckendes Gefühl gewesen sein, dass das Land in dem sie lebten, sich quasi über Nacht zur wirtschaftlichen und militärischen Weltmacht erhob. Wo vor einiger Zeit noch hohe Arbeitslosigkeit und brache Flächen vorherrschten, suchen nun die Besitzer von neu errichteten Fertigungsstätten nach Personal. Es ist nachvollziehbar, dass sich viele von der „es geht voran Stimmung“ anstecken ließen. Besonders die höheren Kreise der Gesellschaft, denen es möglich war mehr oder weniger direkt an diesen Prozessen zu partizipieren ergaben sich bereitwillig in den Strudel der Ereignisse. Aufgeklärte, selbstdenkende, kritische Bürger, die bereit waren die Vorgänge zu hinterfragen, waren nicht erwünscht. Das System forderte ökonomisch erfolgreiche, das Private in den Hintergrund stellende Miteiferer, die sich am schneidigen Auftreten eines Offiziers und den übertrieben selbst- bewussten Forderungen des Reiches seinen Verbündeten gegen- über, berauschen konnten. Was zählte war die Außenwirkung. Private Probleme wurden genau wie innenpolitische Querelen mit entschiedener Härte bekämpft oder totgeschwiegen. Eine biedere, Minderheiten unterdrückende Bürgerschicht, die ihre Emotionen nur beim glorifizieren der deutschen Flotte offenbarte, war oftmals die Realität.

Zu erwähnen sind aber auch die Errungenschaften des Kaiserreichs, von denen unsere heutige Gesellschaft noch profitiert. Die Grundlage unseres Sozial- und Bildungssystems sowie die Stellung Deutsch- lands als internationaler Exporteur von Spitzentechnologien und schwerindustriellen Gütern, beruhen zu großen Teilen auf vorbild- lichen Weichenstellungen aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg.

Der angepasste Bürger zu dieser Zeit, verehrte den Kaiser und das Reich und wird nicht mit Selbstbewusstsein gespart haben, wenn er die wirtschaftlichen Erfolge der letzten Jahre bezifferte. Er war es schließlich der seinen Anteil dazu beigetragen hatte und die ge- waltige Expansion die innerhalb weniger Jahrzehnte von statten ging miterleben durfte.

So bleibt doch bei allen Errungenschaften die Kehrseite dieser Großmacht. Es gab so gut wie keinen Spielraum für die freie Ent- faltung des Geistes und Handelns. Frauen, Mitglieder der jüdischen Minorität und politisch Andersdenkende wurden gnadenlos unter- drück und bekamen in dem patriarchal rassistischen Umfeld des Kaiserreiches ihren klaren Platz zugewiesen. Ähnliches galt für Kinder und Jugendliche. Rebellion oder Selbstfindung waren im monarchischen System nicht vorgesehen, die zu bewältigenden Auf- gaben und die einzunehmende Rolle wurden in den meisten Fällen aufoktroyiert. Verstöße gegen diese Zuweisungen wurden mit ge- sellschaftlicher Ächtung oder harten Sanktionen bestraft. Es ent- wickelte sich zur alltäglichen Praxis das die Bürger denen ihre Frei- heit etwas bedeutete diese im Verborgenen auslebten bzw. eine ge- sellschaftliche Nische fanden, in der sie sich ohne Kontrolle entfalten konnten. Subkulturen waren in den großen Städten zahlreich vor- handen. Die Wandervogelbewegung mit der ich mich im Weiteren auseinandersetzen möchte ist ein Beispiel für eine solche „Nischen- bewegung“. Neben ihr gab es aber noch viele andere.

[...]


1 Besonders hervorzuheben sind in diesem Zusammenhang zeitgenössische Darstellungen der Krönungszeremonie, wie z.B. „Die Proklamation des Deutschen Kaiserreiches" von Anton von Werner, die Wilhelm I. 1877 zu seinem 80. Geburtstag überreicht bekam (vgl. Ullrich 2007, S.23f).

2 In ihrem Verlauf erinnert diese Situation sehr an die Ereignisse des „TelemedienHypes“ in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts.

3 Der Kulturkampf bzw. die Sozialistengesetze sind charakteristische Beispiele für die bismarcksche Art von Innenpolitik, die oft durch Hetzkampagnen in der Presse unterstützt wurde, eine nähere Erläuterung der Ereignisse würde in diesem Zusammenhang aber den Rahmen sprengen.

4 Erläuterungen zum „Gründerkrach von 1873“ in Abschnitt 1.1 Wirtschaft und Industrie

Details

Seiten
124
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640993819
ISBN (Buch)
9783640995134
Dateigröße
4.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v177275
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
Note
1,8
Schlagworte
Jugendbewegung Wandervogel Kaiserreich

Autor

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Titel: Sozialpsychologische Aspekte der Wandervogelbewegung im Deutschen Kaiserreich