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Umgang mit Heterogenität im Musikunterricht

Möglichkeiten der individuellen Förderung

Seminararbeit 2008 19 Seiten

Musikwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung und Überblick
1.1 Was ist Heterogenität?
1.2 Heterogenität als Chance?
1.3 Was bedeutet Didaktische Differenzierung?
1.4 Zielsetzung der vorliegenden Arbeit

2 Heterogenität im Musikunterricht
2.1 Ethnische, sprachliche und kulturelle Unterschiede
2.2 Jugendliche Subkulturen
2.3 Physiologische und gesundheitliche Differenzen
2.4 Interesse an Musik

3 Möglichkeiten der individuellen Förderung
3.1 Aktives Musizieren
3.2 Musiktheorie
3.3 Musikgeschichte

Quellenverzeichnis

1 Einleitung und Überblick

1.1 Was ist Heterogenität?

Im Kontext der Pädagogik ist mit dem Begriff der Heterogenität die Verschiedenheit von Lernenden, in der Regel Schülern, in einer Gruppe gemeint. Den Bezugspunkt stellen in der Regel Eigenschaften dar, die als relevant zum Lernen gelten. Besonders häufig diskutiert werden Aspekte der Begabung, der schulischen Leistung, des Alters, des Geschlechts oder der kulturellen Hintergründe der einzelnen Schüler.

In jeder Schulklasse, jedem Lehrerkollektiv, jeder erdenklichen Gruppe von Personen gibt es Heterogenität. In unserem deutschen Schulsystem liegt die Tradition sehr tief verankert, eben diese Heterogenität zu vermeiden und den Gegensatz dessen anzustreben: möglichst homogene Gruppen. Doch selbst bei einem solchen Versuch ist lediglich die Varianz eines konkreten Merkmals ange- glichen. So könnten beispielsweise geschlechtshomogene Gruppen oder, wie es im Schulalltag in der Regel geschieht, altershomogene Gruppen gebildet wer- den. Selbst wenn verschiedene Merkmale im Fokus der Betrachtungen stehen und nach eben diesen Eigenschaften sortiert wird, etwa alle deutschen Männer im Alter von 30 Jahren, die gern Sushi essen, einen Golf fahren und Haus- besitzer sind, selbst hier gibt es keine Homogenität. Die Personen sind sich bezüglich mehrerer Merkmale sehr ähnlich, doch verengt sich der Betrach- tungswinkel entsprechend und diese Männer sind bei weitem nicht alle gleich, sondern haben vermutlich signifikante Differenzen in ihren Hobbys oder Le- bensgewohnheiten. Vollständig homogene Gruppen zu schaffen ist demnach unmöglich, lediglich die Einordnung in eine Gruppe, die homogen bzgl. einer oder mehrerer Eigenarten ist, ist denkbar.

Betrachten wir die deutschen Schulen, so wird traditionell das Ziel einer möglichst homogenen Klasse angestrebt. Den Ursprung zu dieser Denkwei- se hat bereits Johann Friedrich Harbart (1776-1841) mitbegründet indem er sinngemäss sagte, in der “Verschiedenheit der Köpfe” liege das zentrale Pro- blem des Unterrichts. Doch gerade in den Anfangsjahren der Schulzeit ist ein solches Vorhaben bestenfalls utopisch. Bestenfalls deshalb, weil es erziehungs- wissenschaftlich noch ungeklärt ist, ob ein hohes Mass an Homogenität über- haupt erstrebenswert ist. Nicht nur Entwicklings-, Leistungs- oder ethnische Unterschiede bringen die Kinder in die 1. Klasse mit sondern vor allem völlig unterschiedliche Wissensvoraussetzungen. Wer es sich leisten kann, der kann sein Kind bereits in den Vorschulunterricht schicken, so dass es möglicherwei- se schon lesen und schreiben kann wenn es eingeschult wird, andere Kinder wiederum hatten eine längere ungezwungene Kleinkindheit und gewöhnen sich nur schwer an den Schulrhythmus, bringen also bereits weniger Vorwissen mit und sind zudem noch langsamer im Fortschritt. Zu diesem Zeitpunkt können über keine der Kinder verlässliche Aussagen bezüglich Intelligenz oder Befähi- gung getroffen werden. Stattdessen muss ein Weg gefunden werden, alle Kinder voranzubringen.

1.2 Heterogenität als Chance?

Seit einigen Jahren wird im Forschungsbereich der Eriehungswissenschaft über die Alternative zu traditionell angestrebter Homogenität in Schulklassen dis- kutiert. Heterogenität möge als Chance verstanden werden. Die Schüler haben in einem gemischten Umfeld die Möglichkeit, vielseitig von ihren Mitschülern zu lernen und auf äusserst verschiedene Art und Weise sich Wissen anzueig- nen. Es gibt Vertreter für beide Positionen, jedoch haben nicht zuletzt die Ergebnisse der PISA-Studien von 2000 und der Folgejahre gezeigt, dass eine Heterogenität in der Klasse, die sich sowieso nicht vermeiden lässt, durchaus als Lernvorteil genutzt werden kann.

1.3 Was bedeutet Didaktische Differenzierung ?

Bei heterogenen Gruppen, besonders in Schulklassen, unterscheiden sich die Schüler neben verschiedenen Faktoren vor allem auch in ihrer Leistungsfähig- keit. Dabei muss es sich nicht zwingend um kognitive Aspekte handeln. Oft spielen auch Arbeitstempo, Schreibgeschwindigkeit, unterschiedliches Detailin- teresse oder Schwierigkeiten der eigenen Äusserung eine grosse Rolle. In solchen Situationen stellt sich die Frage, ob denn in besonders heterogenen Klassen je- der einzelne, für sich genommen, genausoviel vom Unterricht mit nach Hause nimmt wie alle anderen. In dieser Frage liegt die Herausforderung der didak- tischen Differenzierung. Angesetzt wird bei den unterschiedlichen Fähigkeiten und Leistungsniveaus der Schüler mit dem Ziel, jeden genau an der Stelle und mit der Intensität zu fördern, wie der Schüler es braucht.

Eine solche individuelle Förderung der Schüler kann auf unterschiedliche Weise realisiert werden. Der Lehrer kann in seiner Anleitung/Zuwendung dem Schüler gegenüber variieren, ebenso kann die Differenzierung über unterschiedliche Lernhilfen und Unterrichtsmaterial erfolgen. Voraussetzung hierbei ist ein sehr guter Kenntnisstand der Schüler. Besonders gut für eine individuelle Förderung eignen sich dann Variationen der Geschwindigkeit, des Taktgefühls und der Gründlichkeit, mit der gearbeitet werden kann.

1.4 Zielsetzung der vorliegenden Arbeit

In der vorliegenden Arbeit werden Möglichkeiten aufgezeigt, sich als Lehrer im konkreten Fach Musik die Heterogenität der Schüler zunutze zu machen und als didaktisches Mittel einzusetzen. Einige der angesprochenen Varianten sind nicht spezifisch an den Musikunterricht gebunden und lassen sich auf andere Fächer ebensogut übertragen.

Darüber hinaus gibt es auch im Musikunterricht Möglichkeiten der individuellen Förderung der Schüler. Diese gestalten sich jedoch deutlich anders als in anderen Fächern, da im Fach Musik die Interessen, Vorerfahrungen und jeweiligen Kenntnisstände in der Regel stark auseinander gehen.

2 Heterogenität im Musikunterricht

Dass ein Lehrer ein grosses Mass an Toleranz und Akzeptanz an den Tag legen muss ist selbstverständlich. Die soziale Kultur von Jugendlichen (und teilweise auch schon von Kindern) ist so schnellem Wandel unterzogen, dass es nahezu unmöglich ist, sich über jeden Trend, jeden musikalischen Hit und jede jugendliche Wortneuschöpfung zu informieren, um auf dem aktuellen Stand der Schüler zu sein. Genaugenommen ist es natürlich nicht Pflicht des Lehrers, ebendies zu tun, jedoch ist in der Regel die Akzeptanz des Lehrers erheblich höher bei den Schülern, wenn er sich bemüht, sie zu verstehen und sich in sie hineinzuversetzen.

Unter Umständen bietet ein konkretes Schulfach Hilfestellungen, um die durch Heterogenität bestehenden Grenzen zwischen den Schülern untereinan- der und auch gegenüber dem Lehrer auf kommunikative Weise zu überwinden und sich, ohne sich von etwas überzeugen lassen zu müssen, auszutauschen und ins Gespräch zu kommen. Im Folgenden ist eine Reihe von beispielhaften Möglichkeiten gegeben, mit verschiedenen Arten von Heterogenität im Musik- unterricht umzugehen und sie in den Unterrichtsablauf thematisch einzuglie- dern.

2.1 Ethnische, sprachliche und kulturelle Unterschiede

In Abhängigkeit des Schulstandortes sowie der unmittelbaren Lage steht die Zahl der Nationalitäten, die in einer Klasse vertreten sind. 2003 waren 10% aller Schüler in Deutschland Einwandererkinder1. Es gibt Gebiete, in denen alle Schüler einer Klasse deutscher Herkunft sind und es keine sprachlichen Verständigungsprobleme gibt, aber der umgekehrte Fall ist auch anzutreffen, besonders in Ballungsgebieten. Berlin hat 38 Schulen, in denen der Prozentsatz nichtdeutscher Schüler über 80% liegt2.

Um im Musikunterricht solche Differenzen sinnvoll zu thematisieren, muss geschaut werden, ob im konkreten Aspekt der Unterschiedlichkeit der Schüler ein Bezug zur Musik zu finden ist. Nationalitäten sind immer auch mit einer eigenen Nationalhymne verknüpft. In herkunftsheterogenen Klassen bietet es sich also an, Nationalhymnen als Thema zu behandeln. Dabei liegt es nahe, bestimmten Schülern, die anderer Nationalität sind, die Aufgabe einer Vorstel- lung der jeweiligen Nationalhymne zu übertragen. Diese Entscheidung muss jedoch sorgfältig (vielleicht im persönlichen Gespräch vor dem Unterricht) ge- prüft werden, denn der Schüloer könnte sich sonst in einer unangenehm expo- nierten Situation wiederfinden. Falls der/die Schüler nicht zu einer Vorstellung bereit sind, sind sie vielleicht gute Korrektoren, wenn jemand anderes ihre Na- tionalymne vorstellt. Dazu ist es vielleicht sinnvoll, hin und wieder inhaltliche Bestätigungen vom Schüler zu suchen, durch Blickkontakt oder durch offene Fragen wie “Habe ich das so richtig verstanden?” oder “Weisst Du dazu noch etwas genaueres?”.

Voraussetzung für eine fruchtbare Arbeit mit Schülern ist die gemeinsame Basis der sprachlichen Verständigung. Dass hin und wieder, gerade auch in oben angesprochenen Ballungsgebieten, diese Basis nicht existent ist, ist be- kannt, soll aber hier nicht Thema sein. Dahingegen ist es duraus interessant, wenn ein Schüler noch zusätzlich die Sprache seines Heimatlandes spricht. Da- durch wird es möglich, auch inhaltlich (aus erster Hand) auf eine Nationalhym- ne oder ein sonstiges Lied, welches aus dem entsprechenden Land stammt, ein- zugehen und Aspekte wie Aussprache oder Redewendungen zu thematisieren, die bei einer Standard- Übersetzung eventuell verloren gehen. Selbstverständ- lich gilt auch hier das Prinzip, den Schüler nicht in eine Position zu bringen, die ihm selbst unangenehm sein könnte.

Viele Inhalte, die in Liedern aus anderen Ländern vorkommen, wirken in unserem kulturellen Kontext eher seltsam und ungewöhnlich. Es ist eine grossartige Gelegenheit und ein Gewinn für Lehrer und Schüler, wenn ein Schüler in der Klasse ist, der ein paar dieser Dinge, die uns fremd erschei- nen, erläutern kann, weil er vertraut ist mit den kulturllen Besonderheiten des Landes. Oft wird erst durch die Kenntnis von Traditionen, der Geschichte des Landes und religiöser Weltanschauung der Inhalt eines Liedes (oder sonstigen Textes) für Fremde verständlich.

[...]


1 Der Spiegel, Artikel “Schlechte Noten für Integration”, September 2003

2 Berliner Morgenpost, 17.07.2005

Details

Seiten
19
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640988044
ISBN (Buch)
9783640988105
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v177291
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Institut für Erziehugnswissenschaften
Note
Schlagworte
musikunterricht heterogenität individuell förderung musik unterricht

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Titel: Umgang mit Heterogenität im Musikunterricht