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Unrealistischer Realismus? - Der Realismus auf dem Prüfstand

Stoffgebiet: Internationale Beziehungen

Hausarbeit 2005 23 Seiten

Politik - Internationale Politik - Allgemeines und Theorien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Der Realismus
a) Der klassische Realismus
b) Der Neorealismus

III. Die Schwächen des Realismus
a) Realismus und Institutionalismus
b) Realismus und Konstruktivismus
c) Realismus und Liberalismus
d) Realismus und Feminismus

IV. Schluss

V. Literaturverzeichnis

VI. Abstract/Zusammenfassung

I. Einleitung

Der Realismus war lange Zeit eines der „zentralen Weltbilder in den Internationalen Beziehungen“ (Krell 2004: 146). Gert Krell meint damit nicht nur das quantitative Übergewicht realistischen Schrifttums, sondern vor allem, dass sich „alle anderen […] Großtheorien [der Internationalen Beziehungen] auch und gerade in ihrer Abgrenzung und Kritik auf den Realismus bez[iehen], d.h. sich in erster Linie mit ihm auseinandersetzen“ (Krell 2004: 146). Der Realismus zeigt einige Schwächen auf, die andere Großtheorien herauskristallisieren und verarbeiten.

Ziel dieser Arbeit ist es daher, aufzuzeigen, welche Schwachpunkte des Realismus im Institutionalismus, Konstruktivismus und Liberalismus aufgearbeitet werden, wobei auch eine kritische Perspektive aus Sicht des Feminismus, der keinen Anspruch erhebt, eine einheitliche Großtheorie zu sein, dargelegt wird. Es geht nicht darum, die Grundannahmen dieser Theorien im Detail aufzuzeigen. Stattdessen werden nur jene Aspekte herausgearbeitet, die für die Fragestellung relevant sind. Dafür sollen zunächst die Grundannahmen sowohl des klassischen Realismus als auch des Neorealismus dargestellt werden. Auf dieser Grundlage hin werden die Schwachpunkte des Realismus in Position zu den anderen Großtheorien gesetzt. Der Institutionalismus setzt sich dabei mit der Rolle internationaler Institutionen auseinander, die im Realismus abgemindert wird. Der Konstruktivismus zweifelt die Folgen von Anarchie an, die besonders im Neorealismus proklamiert werden, und der Liberalismus betrachtet innenpolitische Entscheidungsprozesse, die im Realismus strikt der Außenpolitik untergeordnet bleiben. Der Feminismus schließlich kritisiert die Dominanz der Männlichkeit im Realismus.

Als primäre Textgrundlagen dienen vor allem Hans J. Morgenthaus sechs Prinzipien des politischen Realismus aus „Politic among Nations“ und das Kapitel „Anarchic Orders and Balances of Power“ aus Kenneth Waltz’ „Theory of International Relations“, da beide Autoren mit dem klassischen Realismus bzw. Neorealismus identifiziert werden. Um Schwachpunkte in ihren Theorien festzumachen, müssen zunächst ihre Hauptannahmen selbst dargelegt werden. Weitere Texte stammen von Vertretern anderer Großtheorien, aber auch von Autoren, die sich mit dem Realismus auseinandersetzen, dabei zum Teil auch kritisch.

II. Der Realismus

a) Der klassische Realismus

Die Tradition des klassischen Realismus begann in den 30er/40er Jahren des 20.

Jahrhunderts in Abgrenzung zum Idealismus. Den Hintergrund bildete die krisenhafte Entwicklung in den internationalen Beziehungen. Besonders das Scheitern des Völkerbundes, der Aufstieg des Totalitarismus und der Zweite Weltkrieg beeinflussten die frühen Realisten (Krell 2004: 147-149).

Vertreter des klassischen Realismus sind vor allem Edward Hellen Carr und Kissinger, doch konnte keiner einen größeren Einfluss auf den Realismus ausüben als Hans Joachim Morgenthau (Dougherty/Pfaltzgraff: 2001). Er ist der bekannteste und bedeutendste unter den klassischen Realisten und sein Werk „Politic among Nations“ zählt auch heute noch zu den Wichtigsten in der IB-Literatur (Krell 2004: 151). Daher dienen Morgenthaus sechs Grundsätze des politischen Realismus als Grundlage der Darstellung realistischer Lehrsätze.

Morgenthaus erster Grundsatz besagt, dass Politik von objektiven Gesetzen beherrscht wird, die ihre Wurzeln in der menschlichen Natur haben (Morgenthau 1985: 4). Mit diesen objektiven Gesetzen meint Morgenthau „wahrnehmungsunabhängige Kausalitätsbeziehungen, […] die allgemeine Gültigkeit besitzen“ (Zürn 1994: 309). Politik kann nur verstanden werden, indem politische Handlungen mit ihren absehbaren Konsequenzen untersucht werden, denn nur so werden die Ziele eines Staatsmannes ersichtlich (Morgenthau 1985: 4-5). Um den Fakten internationaler Politik rationale Bedeutung zu verleihen, muss man sich in die Position eines Staatsmannes begeben. Der zweite Grundsatz des Realismus ist das Konzept des Interesses definiert in Form von Macht (Morgenthau 1985: 5). Die internationale Politik ist ein Kampf um Macht, weshalb Macht die entscheidende Kategorie der Politik ist. Erst „Macht macht Politik zu Politik“ (Krell 2004: 154). Das Machtkonzept setzt Außenpolitik in eine autonome Sphäre (Morgenthau 1985: 5), denn vernünftige Außenpolitik ist nur möglich, wenn sie der innerstaatlichen demokratischen Kontrolle entzogen wird (Krell 2004: 154). Ohne dieses Machtkonzept wäre die Unterscheidung zwischen politischen und nicht- politischen Fakten unmöglich (Morgenthau 1985: 5). Interesse definiert in Form von Macht lässt die Betrachtung von Motiven und ideologischen Präferenzen außer Acht (Morgenthau 1985: 5). Wichtig für das Verständnis von Außenpolitik sind nicht die Motive eines Staatsmannes, sondern seine geistige Fähigkeit, das Wesentliche der Außenpolitik zu verstehen und seine politischen Fähigkeiten in erfolgreiche politische Handlungen zu übertragen (Morgenthau 1985: 6). Nur eine rationale Außenpolitik kann daher eine gute Außenpolitik sein, denn sie minimiert Risiken und maximiert Gewinne. Außerdem erfüllt eine rationale Außenpolitik sowohl moralische Verhaltensregeln als auch Klugheit (Morgenthau 1985: 10) und sie verbindet das moralische Gebot der Vorsicht mit dem politischen Erfordernis des Erfolges (Krell 2004: 154). Morgenthau erkennt, dass in einem anarchischen System die wahre Gefahr für Staaten Macht ist (1985: 9), und der historische Beweis gibt der Annahme des Machtkampfes Recht (Dougherty/Pfaltzgraff 2001: 76). Das normative Element des Realismus ist daher das rationale Element der politischen Realität (Morgenthau 1985: 10). Der dritte Grundsatz von Morgenthau besagt, dass das Schlüsselkonzept der Macht eine objektive Kategorie ist, die universelle Gültigkeit besitzt, d.h., das Machtkonzept ist von Zeit und Ort unabhängig (Morgenthau 1985: 10). Mit Macht meint Morgenthau die Herrschaft von Menschen über Menschen, übertragen auf Staaten (1985: 10). In einer anarchischen Welt, in der Nationalstaaten um Macht kämpfen, wird Überleben zum höchsten Ziel der Außenpolitik (Dougherty/Pfaltzgraff 2001: 78). Nur wenn das nationale Überleben gesichert ist, können Staaten andere Ziele anstreben (Dougherty/Pfaltzgraff 2001: 77). Sicherheit wird damit zum Primat der Außenpolitik (Zürn 1994: 311). Morgenthau streitet nicht ab, dass die Bedingungen der Außenpolitik unveränderlich sind, doch sieht er in der Balance of Power ein beständiges Element des internationalen Systems (1985: 11), die als regulativer Mechanismus dient (Dougherty/Pfaltzgraff 2001: 71).

Der vierte Grundsatz sagt aus, dass moralische Prinzipien nicht auf die Handlungen von Staaten in ihrer abstrakten universellen Formulierung übertragbar sind (Morgenthau 1985: 12). Das bedeutet, dass staatliches Handeln nicht mit denselben Maßstäben gemessen werden kann wie Privates (Krell 2004: 154). Die Verpflichtungen des Staatsmannes gegenüber der Bürgerschaft, das nationale Überleben zu sichern, erfordern eine andere Art der moralischen Beurteilung als die von Individuen (Dougherty/Pfaltzgraff 2001: 77). Während sich eine Privatperson an abstrakten ethischen Prinzipien orientieren kann, muss der Staatsmann immer die Folgen seiner Handlungen für andere bedenken (Krell 2004: 154). Seine Handlungen durch Konsequenzen zu beurteilen, bezeichnet Morgenthau als politische Moral. Für ihn ist politische Moral ohne politische Klugheit jedoch nicht denkbar. Politische Klugheit bedeutet das Abwägen von Konsequenzen (Morgenthau 1985: 12), wodurch politische Klugheit zur höchsten Tugend der Politik wird (Krell 2004: 154).

Morgenthaus fünfter Grundsatz besagt, dass die moralischen Sehnsüchte einer bestimmten Nation nicht mit moralischen Gesetzen des Universums gleichzusetzen sind (Morgenthau 1985: 13). Damit warnt er vor Moralisten (Krell 2004: 154). Nur das Interesse definiert in Form von Macht schützt vor moralischem Exzess und politischer Torheit (Morgenthau 1985: 13). Nur wenn ein Staatsmann die Gesetzmäßigkeiten der Macht kennt, kann er sowohl seine politische Pflicht, erfolgreich zu handeln als auch seine moralische Pflicht, überlegt und vorsichtig zu handeln, erfüllen (Krell 2004: 155). Schließlich, als sechster Grundsatz, erklärt Morgenthau, dass der Realismus sowohl eine intellektuelle als auch moralische Einstellung zur Politik hat (1985: 13). Mit der intellektuellen Einstellung wird die Autonomie der politischen Sphäre betont, der Denkstandards anderer Bereiche wie Religion oder Wirtschaft untergeordnet werden (Morgenthau 1985: 13-14). Für Morgenthau heißt das, dass politische Handlungen strikt nach politischen Kriterien beurteilt werden müssen, d.h. nach Machtkriterien (Dougherty/Pfaltzgraff 2001: 77). Mit der moralischen Einstellung meint Morgenthau, dass der Realismus um die unterschiedlichen Facetten der menschlichen Natur weiß und daher die Existenz und Wichtigkeit anderer Denkarten nicht missachtet. Für Morgenthau wäre „a man who was nothing but a „political man“[…] a beast, for he would be completely lacking in moral restraints” (1985: 16). Daher basiert der Realismus auf einer pluralistischen Konzeption der menschlichen Natur (Morgenthau 1985: 16).

Als philosophische Vordenker des Realismus gelten vor allem Thucydides (400 v. Chr.), Niccoló Machiavelli (1469-1557) und Thomas Hobbes (1588-1679).

Thucydides schrieb über die Ursachen des Krieges zwischen Athen und Sparta. Er kam zu dem Schluss, dass es hauptsächlich die wachsende Macht Athens war, die Sparta erschreckte und so zum Krieg zwang. Die Verschiebung im Kräfteverhältnis war letztlich die Ursache (Krell 2004: 135). Da er die Wichtigkeit von Macht betonte, passt Thucydides in die realistische Denkschule (Dougherty/Pfaltzgraff 2001: 69). Niccoló Machiavelli analysierte die innerstaatlichen Beziehungen des italienischen Systems des 16. Jahrhunderts. Vor allem durch sein Werk „Der Fürst“ ist er mit dem realistischen Denken verbunden (Dougherty/Pfaltzgraff 2001: 69). Machiavelli unterscheidet zwischen zwei unterschiedlichen Moralvorstellungen: zum einen gibt es die allgemeine religiöse Moral der Individuen, zum anderen die moralischen Verpflichtungen von Führern, die Handlungen vornehmen müssen, um die nationale Sicherheit zu gewährleisten (Viotti/Kauppi 1999: 59). D.h. Führer müssen andere moralische Standards als Individuen annehmen. Weitere Charakteristika realistischen Denkens sind Machiavellis Betrachtung von Macht, die Einsicht, dass Politik durch einen Kampf um Interessen charakterisiert ist sowie sein pessimistisches Menschenbild (Dougherty/Pfaltzgraff 2001: 69).

Thomas Hobbes sieht das Streben nach Macht und Selbsterhalt als Entscheidend für die menschliche Natur an (Dougherty/Pfaltzgraff 2001: 69). Für ihn liegen in der menschlichen Natur drei hauptsächliche Konfliktursachen, nämlich Konkurrenz, Misstrauen und Ruhmsucht (Hobbes 1978: 106). Aus Furcht vor Angriffen müssen Menschen für ihre Selbsterhaltung sorgen (Hobbes 1978: 145), und solange Menschen ohne eine sie „in Zaum haltende öffentliche Macht leben“, befinden sie sich „in einem Zustand, der Krieg genannt wird, und zwar in einem Krieg eines jeden gegen jeden“ (Hobbes 1978: 106).

Zusammenfassend können folgende Prämissen aus Morgenthaus Prinzipen abgeleitet werden: Staaten sind die Schlüsselakteure, die in einem anarchischen System um Macht kämpfen. Innenpolitik kann von Außenpolitik getrennt werden, daher sind Staaten einheitliche Akteure. Außerdem sind sie rationale Akteure. Das wichtigste Konzept, um staatliches Verhalten verstehen und erklären zu können, ist das Konzept der Macht (Dougherty/Pfaltzgraff 2001: 63-64). Nationales Interesse ist daher vornehmlich die Behauptung der äußeren Macht (Zürn 1994: 311), und Macht ist die höchste Garantie für Sicherheit (Dougherty/Pfaltzgraff 2001: 71).

b) Der Neorealismus

Der Neorealismus ist sowohl eine Abgrenzung zum als auch eine Erweiterung des klassischen Realismus und wird besonders mit dem amerikanischen Politologen Kenneth Waltz identifiziert. In seinem 1979 erschienenen Werk „Theories of International Relations“ entwickelte Waltz eine Theorie, die sich an systemtheoretischen Überlegungen und der Mikroökonomie orientiert. Laut Kenneth Waltz besteht ein System aus Struktur und Einheiten, die interagieren. Systeme bilden Strukturen, die das Handeln von Akteuren beeinflussen und sind gekennzeichnet von Ordnungsprinzipien, Eigenschaften der Akteure und dem Stärkeverhältnis der Akteure zueinander (Krell 2004: 162).

Es gibt zwei Ordnungsprinzipien: Hierarchie und Anarchie. Während Staaten national hierarchisch geordnet sind, ist das internationale System durch Anarchie gekennzeichnet (Waltz 1986: 98). Mit Anarchie meint Waltz die Abwesenheit einer Zentralgewalt (1986: 98). In Anarchie sind die Einheiten, d.h. Staaten, funktional gleich. Damit ist gemeint, dass Staaten souveräne Akteure sind. Der Unterschied zwischen den Staaten liegt in ihren unterschiedlichen Fähigkeiten (Waltz 1986: 101), d.h. ihren Machtpotentialen (Krell 2004: 165), vor allem begriffen als ihre militärische Stärke. John Mearsheimer unterscheidet dabei zwischen potentieller Macht, d.h. der Größe der Population eines Staates sowie dessen Wohlstand, welche beide Indikatoren für militärische Mittel sind, und tatsächlicher Macht, d.h. der Armee sowie Luft- und Flottenkräften, die einen Staat direkt unterstützen (2001: 43). Das Hauptproblem der Anarchie ist das Risiko der Gewalt (Krell 2004: 162). Da Staaten sich nie über die Absichten anderer Staaten, Gewalt anzuwenden, sicher sein können (Mearsheimer 2001: 31), wird Selbsthilfe zum Grundhandlungsprinzip in Anarchie (Waltz 1986: 31). Der internationale Imperativ lautet „Take care of yourselve“ (Waltz 1986: 103), und macht Sicherheit zum übergeordneten Ziel der Staaten. In diesem Zusammenhang ist es für Staaten wichtig, ihre Autonomie aufrechtzuerhalten (Waltz 1986: 104), um nicht von anderen Staaten abhängig zu werden (Krell 2004: 166). Interdependenz hat nämlich Verwundbarkeit zur Folge (Waltz 1986: 103) und ist daher im Neorealismus negativ bewertet. Interdependenz ist keine symmetrische Beziehung zwischen Staaten, sondern in der Regel Dominanz-abhängig (Viotti/Kauppi 1999: 76).

Da die Basis der Angst von Staaten die Fähigkeit anderer Staaten ist, jederzeit anzugreifen, sorgen sich Staaten nicht nur um Angriff, sondern kümmern sich auch um ihre Verteidigung. Daraus resultiert ein Sicherheitswettbewerb (Mearsheimer 2001: 35). Je tiefer dabei die Angst ist, desto intensiver ist der Sicherheitswettbewerb und desto wahrscheinlicher ist Krieg (Mearsheimer 2001: 42). Besonders problematisch ist dabei das Sicherheitsdilemma: die Maßnahmen, die ein Staat aufbringt, um seine Sicherheit zu verbessern, mindern normalerweise die Sicherheit anderer Staaten. Daher ist es für Staaten schwierig, ihre eigenen Überlebenschancen zu steigern, ohne das Überleben anderer Staaten zu bedrohen (Mearsheimer 2001: 36).

Die Sorge ums Überleben verursacht nicht nur das Sicherheitsdilemma, sondern erschwert auch Kooperation. Kooperation ist vor allem durch zwei Faktoren begrenzt: die Verteilung relativer Gewinne und die Sorge um Abhängigkeit (Waltz 1986: 102- 103). Bei der Verteilung relativer Gewinne müssen sich Staaten vor allem fragen, welcher der beiden Kooperationspartner mehr gewinnt.

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Details

Seiten
23
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640989997
ISBN (Buch)
9783640990306
Dateigröße
561 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v177366
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Institut für Politikwissenschaft
Note
1,2
Schlagworte
Realismus Neorealismus Institutionalismus Konstruktivismus Liberalismus Feminismus Theorien

Autor

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