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Die Physiobiologie der Kindesvernachlässigung

Genetische und Umwelteinflüsse auf die Gehirnentwicklung

Hausarbeit 2010 18 Seiten

Psychologie - Entwicklungspsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definitionen

3. Biologische Grundlagen
3.1 Stress und Immunsystem
3.2 Gehirnentwicklung bei Kindern
3.3 Traumatologie Modell

4. Umwelteinflüsse
4.1 Umwelt und emotionale Faktoren
4.2 elterliches Verhalten
4.3 Belastende familiäre und soziale Umwelteinflüsse
4.4 Zuhause und Familie
4.5 Wachstum und Ernährung

5. Forschungsstand
5.1 Historischer Rückblick
5.2 aktuelle Forschungsergebnisse
5.3 Zusammenhang von Kindesvernachlässigung und kognitiven Entwicklung, neuropsychologische und psychologische Folgen

6. Fazit und Diskussion

7. Literatur

1. Einleitung

Im Jahr 2002 zählten 896.000 Kinder zu den Opfern von Missbrauch und Misshandlung. In den USA beliefen sich dabei 60% auf Kindesvernachlässigung. Diese erschreckenden Ergebnisse stehen in Zusammenhang mit einer negativen psychologischen Entwicklung von Kindern (vgl. De Bellis, 2005). „Maltreatment is one of the most severe and stressful experiences that affect the development of children” (Cicchetti & Lynch, 1995).

Viele Beobachtungen von vernachlässigten Kindern, die nicht nur psychische, sondern auch physische Schaden erlitten, lassen vermuten, dass ein solcher Gewaltakt zu erheblichen Störung in der Entwicklung führen und vor allem im frühen Kindesalter zu einer fehlerhaften Entwicklung des Gehirns beitragen können. Viele Kinder leiden an unterschiedlichen Subtypen von Vernachlässigungen oder anderen Formen von Misshandlung, welche zu ähnlichen neurobiologischen und psychologischen Schädigungen führen können oder mit Kindesvernachlässigung einhergehen.

In dieser Hausarbeit wird der aktuelle Forschungsstand zur Psychobiologie der Kindesvernachlässigung skizziert. Wann eine bestimmte Behandlung von Kindern bereits eine Vernachlässigung darstellt, welche einen schädlichen Einfluss auf die Entwicklung einnimmt, ist nicht einheitlich geklärt. De Bellis (2005) merkt daher an, dass es notwendig ist, zuverlässige, valide und standardisierte Instrumente zu entwickeln, um das Fehlen von kulturell erwartetem Elternverhalten erfassen zu können. Deshalb basiert der Fokus der hier skizzierten Studien auf der Definition der Federal Child Abuse Prevention and Treatment Act von Kindesvernachlässigung. D.h. es werden nur solche Fälle betrachtet, die den oben erwähnten Definitionen von Kindesvernachlässigung entsprechen (vgl.DeBellis,2005).

2. Definitionen

Kindesvernachlässigung wird als ein krimineller und gewalttätiger Akt beschrieben, der sich in körperlicher, medizinischer, erzieherischer und emotionaler Vernachlässigung unterteilt.

Laut dem Child Protective Service (CPS) gilt als Vernachlässigung „a significant omission in care by a parent or caregiver, which causes (the Harm Standard) or creates an imminent risk of (the Endangerment Standard) serious physical or mental harm to a child under 18 years of age” (De Bellis. 2005. S. 151).

Körperliche Vernachlässigung äußert sich in mangelnder Aufsicht durch die Eltern bzw. den Erziehungsberechtigten. Wenn dem Kind Grundbedürfnisse (Kleidung, Nahrung, Hygiene und Sicherheit) verweigert werden, zählt dies ebenfalls zu körperlicher Vernachlässigung. Von medizinischer Vernachlässigung wird dann gesprochen, wenn es dem Kind nicht ermöglicht wird, ausreichend medizinisch und psychisch versorgt zu werden. Hier geht es also um die physische und psychische Gesundheit des Kindes, welche vernachlässigt wird.

Emotionale Vernachlässigung wird als eine mangelnde oder verzögert eintretende psychologische Fürsorge des Kindes durch die Eltern definiert. Auf emotionale Zuwendung und Aufmerksamkeit wird unzureichend eingegangen. Das Kind erhält keine emotionale Unterstützung von den Eltern bzw. einem Elternteil. Auch das Aussetzen oder Zulassen von häuslicher Gewalt gegen das Kind ist nicht nur eine körperliche Misshandlung, sondern auch eine emotionale Vernachlässigung des Kindes. Formen der Bildungsvernachlässigung zeigen sich entweder im Zulassen von häufigen Schulschwänzen oder dadurch, dass die Eltern dem Kind den Zugang zu Bildung nicht ermöglichen, indem sie die Kinder zum Beispiel aus der Schule fernhalten (vgl. De Bellis, 2005).

3. Biologische Grundlagen

3.1 Stress und Immunsystem

Das Stress-Response System dient dem Umgang mit kritischen Lebensereignissen, wie Stresssituationen und der damit verbundenen Regulierung von Emotionen. Bei akutem Stress werden multiple Neurotransmitter- und Neuroendokrine-Systeme aktiviert. Diese sind mit dem Immunsystem verbunden, um die Reaktion auf akuten und chronischen Stress zu modellieren.

Der Sympathikus, die limbischen Hypothalamus–Hypophysen–Nebennieren-Achse (LHPA) und das Serotonin (5–HT) System sind die drei wichtigen Stress-Response Systeme. Sie beziehen sich auf Stimmung, Angst und Störung der Impulskontrolle. Erregung, Stressreaktion, Verhalten und Emotionsregulation hängen alle von diesen Systemen ab.

Stress wirkt auf den Körper und das Gehirn ein. Empfinden wir zum Beispiel starke Angst, werden der Locus Coeruleus und das Sympathische Nervensystem (SNS) aktiviert (vgl. De Bellis, 2005). Dabei werden verschiedenen Neurotransmitter, wie Dopamin, Serotonin und Noradrenalin, die zu biologischen Veränderungen führen, ausgeschüttet. Die Transmitter Adrenalin, Noradrenalin und Dopamin sind chemisch eng miteinander verwandt und werden Katecholamine genannt (vgl. Birbaumer & Schmidt, 2006).

Wenn die Produktion von Katecholamin erhöht wird, sorgen das SNS und das Nebennierenmark (eine endokrine Drüse, welche sich oberhalb der Nieren befindet) dafür, dass die Stresshormone Kortisol und Epinephrin abgesondert werden. Die Kampf- oder Flucht-Reaktion gehen einher mit einem erhöhten Blutdruck und Puls, sowie gesteigerter Aufmerksamkeit.

Durch die Aktivierung des Locus Coeruleus und die damit einhergehenden biologischen Aktivitäten und Veränderungen, wird nun die Amygdala ebenfalls aktiviert. Sie ist für die Regualtion von Angst und Emotionen zuständig (vgl. Schröger, 2010). Sie wird auch oft als das „emotionale Gedächtnis“ (Schröger, 2010, S. 89) bezeichnet. Die Amygdala wiederrum stimuliert den Hypothalamus und öffnet dadurch die Eingänge für Dopamin im Präfrontalen Cortex. Diese scheinen besonders empfindlich für Stress zu sein. Die Aussetzung von chronischem Stress könnte zu einer gesteigerten Dopaminaktivität im Präfrontalen Cortex führen, sodass mehr Dopamin produziert wird, als notwendig, welches letztlich eine Schädigung der Funktion des Präfrontalen Cortex zur Folge haben kann.

Der schon oft erwähnte Neurotransmitter Serotonin ist ein sehr wichtiges Stress-Response System. Er ist zuständig für die Emotionsregulation und Verhaltenskontrolle in Bezug auf Aggression und Impulsivität. Eine niedrige Serotininfunktion wird mit suizidalem und aggressivem Verhalten von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen verbunden. Bei chronischem Stress sendet das Stress-Response System über die LHPA-Achse und dem SNS ein Signal an das Immunsystem. Verschiedene Arten von Stressoren führen zu einer Unterdrückung der immunen Reaktionen. Tiere, welche unter Stress stehen, sind anfälliger für Infektionen. Wie später zu sehen sein wird, gibt es Grund zur Annahme, dass diese Beobachtung auch auf den Menschen übertragen werden kann. Kinder, die in einer Institution aufgezogen wurden mit den denkbar schlechtesten Bedingungen, wiesen eine hohe Todes- und Infektionsrate auf[1] (vgl. De Bellis, 2005).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1

Schematische Darstellung der drei Hauptabschnitte des Gehirns

[...]


[1] Siehe IV a.

Details

Seiten
18
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640990023
ISBN (Buch)
9783640990351
Dateigröße
685 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v177376
Institution / Hochschule
Technische Universität Dortmund – Institut für Psychologie
Note
1,7
Schlagworte
psychobiologie kindesvernachlässigung genetische umwelteinflüsse gehirnentwicklung

Autor

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Titel: Die Physiobiologie der Kindesvernachlässigung