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Das Gleichnis vom verlorenen Sohn

Eine Parabel von religionspolitischer Brisanz?

Hausarbeit 2010 23 Seiten

Theologie - Biblische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der textkritische Befund
2.1 Textkritischer Apparat
2.2 Diskussion der verschiedenen Übersetzungen
2.3 Eigene Übersetzung

3 Synchrone Untersuchung des Textes
3.1 Kontextabgrenzung und Einordnung
3.2 Segmentierung und Analyse der Story
3.2.1 Rekonstruktion der Ereignisfolge
3.2.2 Aktantengerüst
3.3 Sprachliche Analyse
3.3.1 Wortschatz
3.3.2 Wortarten und Wortformen
3.4 Syntaktische Analyse
3.4.1 Verknüpfung von Wörtern und Sätzen
3.4.2 Stilmerkmale
3.5 Semantische Analye
3.6 Pragmatische Analyse
3.6.1 Standort des Autors
3.6.2 Leserprofil
3.6.3 Intention

4 Diachrone Untersuchung des Textes
4.1 Literarkritik
4.2 Traditionskritik
4.3 Redaktionskritik
4.4 Literarische Abhängigkeiten
4.4.1 Synoptischer Vergleich
4.4.2 Alttestamentliche Zitate
4.5 Formale Abhängigkeiten
4.5.1 Form- und Gattungskritik
4.5.2 Motivkritik
4.5.3 Sitz im Leben

5 Fazit

6 Quellen- und Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Nach Ernst Troeltsch vollzog sich in Deutschland ein Prozess im Zeitraum von fünfzig Jahren, bis es zu einer offenen Debatte über die Problematik historisch-kritischer Hermeneutik kam. Anfang der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts kamen zunächst Persönlichkeiten wie Ferdinand Hahn, Martin Hengel und Peter Stuhlmacher kritisch zu Wort.[1] Im Laufe der Debatte stellten sich vor allem folgende Anfragen an die Exegese: Oft erachtete man die distanzierte Herangehensweise an Bibeltexte als „atomistisch und zersetzend“[2]. Gerade im pastoralen Kontext führte dies zu Unsicherheiten im Umgang mit biblischer Literatur. Das Ziel, dem Leser durch die biblische Lektüre die Reich-Gottes-Botschaft zu vermitteln, schien das Gegenteil zu erreichen, da man mit der sehr wissenschaftlich und akademischen kritisch-historischen Methode wenig in einer christlichen Gemeinschaft erreichen konnte. Der lebenspraktische Wert schien irrelevant zu werden.

In heutiger Situation ist dennoch eine Art Apologie der historisch-kritischen Methode zu beobachten, die sich auf folgende Argumente stützt: Sie bietet Raum für eine pluralistische Argumentation biblischer Texte, kontrolliert durch historische Belege und vermeidet eine zu individualistische Auslegung durch Abwägung von Argumenten und Gegenargumenten.[3]

Auch diese Hausarbeit bedient sich historisch-kritischer Methoden zur Erschließung einer lukanischen Parabel, die jedermann bekannt sein sollte: Das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Dabei wird eingrenzend der zweite Teil des Gleichnisses untersucht. Hier gilt es, nach einer ausführlichen Darstellung des textkritischen Apparates die Verfassung einer eigenen Übersetzung zu versuchen, sowie unter synchronen und diachronen Untersuchungen die Eigenarten des Textes herauszuarbeiten.

Beim ersten Lesen von Lk 15,25-32 stellen sich bereits mehrere Fragen: Unterstellt der ältere Sohn seinem Bruder, dass dieser sein Erbe mit Dirnen durchgebracht hat oder woher wusste er dies (Vers 30)? Er ist zornig, obwohl er nichts von der Bekehrungsabsicht des Jüngeren weiß. Weiter ist unklar, warum der Vater zum Älteren seiner Söhne sagt: „Alles meinige ist dein.“, doch dieser ihn um ein Böcklein bitten muss, bevor er es bekommt. Drittens ist unschlüssig, woher der Vater weiß, dass sein älterer Sohn draußen steht, obwohl man nichts davon erfährt, dass der Sklave ihm Bescheid gesagt hat. Diese Ansätze führen womöglich schon zu diachroner Untersuchung und sollen im Laufe der Arbeit geklärt werden.

2 Der textkritische Befund

Zunächst wird der textkritische Befund vorgestellt, den das Novum Testamentum Graece[4] zusammen getragen hat. Ebenso werden ausgewählte deutsche Übersetzungen miteinander verglichen, bevor eine eigene Arbeitsübersetzung vorgeschlagen und begründet wird.

2.1 Textkritischer Apparat

Die Rekonstruktion von Lk 15,25-32 bei Nestle-Aland ist bisher die Version, die der Urversion am nächsten kommt. Dennoch gibt es einige Textvarianten, die erwähnt werden müssen, da sie Diskussionsstoff liefern.

Vers 25 bietet eine Variante zur Textversion, die allerdings nur in der Majuskel D vorgefunden wurde. Hier steht statt „και ως ερχομενος ηγγισεν“ „ελθων δε και εγγισας“. Da die Majuskel gemäß der Kategorienliste[5] eher minder eingestuft wird und zudem ins 6. Jahrhundert eingeordnet wird, ist die Version, die in den Text aufgenommen wurde, dem Urtext wahrscheinlich näher.

Für Vers 26 schlägt der textkritische Apparat mehrere Varianten vor: Die alternative Lesart τι ειη ταυτα ist zwar im Codex Sinaiticus belegt, welcher durch sein Alter qualitativ hoch eingestuft wird. Ebenso bezeugen etliche Majuskeln diese Lesart[6], auch wenn der Papyrus 75[7], der dem 3. Jahrhundert zugeordnet wird, den Ausschlag gibt, die im Text vorkommende Version für ursprünglicher zu halten. Diese Version hat den Vorzug trotz kürzerer Lesart der oben genannten Alternative[8]. Es existieren noch weitere Varianten, die allerdings in wenigen und qualitativ minderen Handschriften erwähnt werden.[9] Die in den Text aufgenommene Lesart wird in P75, in den Majuskeln B, N, P, Q und Ψ, sowie in den Minuskelfamilien 1 und 13, den Minuskeln 1241 und 1424 erwähnt. Außerdem findet man sie in den Lektionaren 844, 2211 und weiteren wieder.

Für Vers 29 entschied sich die frühere Nestle-Aland-Ausgabe dafür, das αυτου wegzulassen. Beleg dafür waren der Codex Sinaiticus (Kategorie I, 4. Jahrhundert) sowie die Majuskeln L, W, Θ, Ψ die Minuskelfamilie 1 und die Minuskel 33. Ebenso bezeugen dies die syrischen Texte bearbeitet von Thomas Harkel. Ausschlaggebend für die Änderung, die in der 27. Auflage vorgenommen wurde, ist erneut P75 sowie etliche Majuskeln unter anderem ägyptischen Texttyps. Desweiteren wird die aktuelle Lesart des Textes belegt in der syrischen Überlieferung (Cureton-Syrer, Sinai-Syrer und Peschitta) sowie in der gesamtlateinischen Überlieferung.

Das Wort εριφον in der Textversion ist in Majuskel D als εριφον εξ αιγων belegt, durch die kategoriale Zuordnung und nach textkritischen Kriterien allerdings von nicht großem Belang. Gewichtiger ist allerdings die Beobachtung, dass sich die Textedition in diesem Fall nicht für die Lesart εριφιον entschied, die sowohl in P75, einem relativ alten Manuskript, als auch in der qualitativ hohen Majuskel B belegt wird. Einen Lösungsansatz kann man in der Verwandtschaft zwischen Majuskel B und P75 formulieren gemäß der zweiten Regel der Textkritik. Da die Majuskel B jünger ist, ist sie wahrscheinlich eine Abschrift von P75 oder beide Schriften haben einen gemeinsamen Vorfahren.[10] Demnach bezeugt diese Lesart nur noch eine Quelle. Es bleibt dennoch offen, wie viele Handschriften die im Text verwendete Version bezeugen, da sie im textkritischen Apparat nicht genannt werden. Für das Verb ευφρανθω findet sich in der Majuskel D sowie in der altlateinischen und Vulgata-Überlieferung αριστησω als alternative Lesart. Vermutlich ersetzte man im 6. Jahrhundert das Wort ευφρανθω durch das Verb αριστησω, da man es in Verbindung mit einem Böcklein logischer erachtete, von essen und nicht von feiern zu sprechen.

Für Vers 30 wird eine alternative Lesart angeboten, die die Majuskel D sowie die Handschriften der e-Gruppe[11] und syrische Handschriften (Peschitta) bezeugen: „τω δε υιω σου τω καταφαγοντι παντα μετα των πορνων και ελθοντι εθυσας (…)“. Hier wird wieder der Papyrus 75 Ausschlag gegeben haben, auch wenn er im textkritischen Apparat nicht erneut erwähnt wird. Bei dem Wort των vor πορνων gehen die Handschriften erneut auseinander. Die Majuskeln A, (D), L, Q, Ψ sowie die Minuskel 579 und weitere setzen den Genitiv-Artikel davor. In der Textversion wurde er weggelassen. Gemäß der Regel, dass eine kürzere Lesart ursprünglicher sei, könnte man vermuten, dass spätere Redaktoren den Genitiv-Artikel hinzugefügt hatten, womöglich, weil sie es als grammatikalisch korrekter erachteten. Das Mastkalb wird in den Handschriften unterschiedlich genannt. Die Textversion spricht von σιτευτον μοσχον, alternativ wird μοσχον τον σιτευτον angeboten. Vom Sinn her macht es keinen Unterschied. In beiden Fällen steht der Akkusativ sowohl im Substantiv als auch im Partizip. Da die Textversion in P75 belegt wird, ist sie die ursprünglichere Lesart.[12]

Schließlich sind einige Varianten in Vers 32 zu finden: Für das Verb εζησεν steht alternativ ανεζησεν in mehreren Handschiften[13]. Wichtiges Indiz dafür, dass diese Version jünger ist, zeigt die korrigierte Form des Codex Sinaiticus, die diese Version unter anderem bezeugt. Sie geht auf das 7. Jahrhundert zurück und ist eindeutig später als die für die Textversion bezeugenden Handschriften.[14] Man kann vermuten, dass die Redaktoren mit Blick auf Vers 24, in dem ανεζησεν steht, die Parallele der Verse 24 und 32 stärker herausbilden wollten.

Außerdem wird in den Majuskeln D, Θ und Ψ, und Minuskeln wie f 1.13 und weiteren das και nach εζησεν weggelassen. Im Codex Sinaiticus wird sogar eine Version angeboten, in der nach απολωλως ein ην gesetzt wurde[15]. Das και fehlt auch hier. Eine weitere Version macht es ähnlich, nur lässt sie das και vor απολωλως stehen.[16] Dennoch ist hier absolut nachvollziehbar, dass die Textversion die ursprünglichere Lesart sein muss, da sie von den ältesten Handschriften[17] bezeugt wird. Wahrscheinlich wurde in späteren Redaktionen das so oft wiederholte και durch ein Komma ersetzt und ein ην hinzugefügt, um eine parallele Satzstruktur zu νεκρος ην zu erzielen.

2.2 Diskussion der verschiedenen Übersetzungen

Die vielen Bibelübersetzungen weisen zwar viele Übereinstimmungen auf, auch bei dieser Bibelstelle. Aber interessant ist es auch, gezielt zu betrachten, welche unterschiedlichen Formulierungen gerade bei kritischen Stellen angeboten werden. Mit kritisch sind die im vorherigen Schritt festgestellten Alternativ-Lesarten gemeint. Verglichen werden die Übersetzungen der Luther-Bibel, Zürcher Bibel, Einheitsübersetzung und des Münchener Neuen Testaments. In Vers 25 fällt nur die Übersetzung Luthers heraus, die als einzige „der“ und nicht „sein älterer Sohn“ übersetzt. Auffällig ist, dass wiederum in der Luther-Übersetzung (, aber auch in dem Münchener Neuen Testament,) anders übersetzt wurde. Hier wird das απελαβεν ins Präteritum übersetzt und nicht als Perfekt. Letzteres würde aber besser passen, da es sich um eine vergangene Handlung handelt, die Bezug zur Gegenwart hat. Der Vater hat ihn zurückbekommen und jetzt ist er da. Außerdem passt es besser, einen starken Aoristen, der eine einmalige Handlung signalisiert, mit dem Perfekt zu übersetzen.

Interessant ist der Vergleich bei Vers 28: Bemerkenswert ist die Parallele von Luther- und Münchener Übersetzung. Bei beiden bat der Vater den Sohn. Diese Übersetzung passt nicht so recht in den Kontext des Dienens des Sohnes (Vers 29). Der Vater wird dadurch weniger autoritär dargestellt. Die Zürcher Übersetzung entscheidet sich für „und redete ihm zu“; die Einheitsübersetzung geht sogar weiter und ergänzt dies durch „und redete ihm gut zu“. Hier erhält die Handlung des Vaters eine viel barmherzigere Konnotation, da er seinen Sohn quasi nicht nur überreden möchte, sondern ihn in seinem Zorn erweichen möchte. Eine ganz andere Stoßrichtung erhält diese Bibelstelle beim Blick in das Wörterbuch von Gemoll: Hier wird für das griechische Verb παρακαλεω neben trösten und bitten sogar ermahnen vorgeschlagen. Dadurch wird der Vater zwar viel autoritärer dargestellt, doch verliert sich dadurch das Bild des barmherzigen Vaters.

Auch in Vers 29 fällt auf, dass die Übersetzungen übereinstimmen außer der Luther-Übersetzung. Luther verwendet statt „feiere“ die Formulierung „fröhlich gewesen wäre“. Inhaltlich ist dies aber weniger von Belang.

In Vers 30 liegt in der Verknüpfung von Haupt- und Nebensatz ein Unterschied zwischen der Münchener Übersetzung im Gegensatz zu den anderen. Dort wird die Rückkehr des jüngeren Sohnes temporal an den Hauptsatz geknüpft, wo hingegen Zürcher und Luther-Bibel kausal anschließen. Die Einheitsübersetzung erlaubt sich mit „kaum aber ist der hier gekommen“ eine viel freiere Übersetzung. Trotz grammatikalischer Differenz verändert sich inhaltlich an dieser Stelle nichts.

Schließlich werden in Vers 32 unterschiedliche Varianten angeboten. Gerade an dieser Stelle, die die Pointe der gesamten Parabel sowie des zweiten Teilabschnitts bildet, differiert die letzte Aussage des Vaters stark: Von der Zeitform wählen alle Übersetzungen außer die Münchener den Präsens und betonen den Appellcharakter der Aussage. Die Münchener Übersetzung lässt die Aussage wie eine Rechtfertigung des Vaters darstellen. Luther übersetzt so, dass der Vater den Sohn direkt auffordert, sich mit ihm zu freuen. Die Zürcher Bibel wählt die „man“-Perspektive und schließt eventuell nicht nur Vater und Sohn, sondern auch die Leserschaft des Lukasevangeliums ein. In der Einheitsübersetzung redet der Vater in der „wir“-Form und deutet damit auf die Gemeinschaft zwischen den Söhnen mit dem Vater hin. Jede Übersetzung lässt unterschiedliche Interpretationsansätze zu, die das gesamte Gleichnis auf unterschiedliche Weise verstehen lassen.

[...]


[1] Vgl. NEUDORFER, HEINZ-WERNER/SCHNABEL, ECKHARD J.: Die Interpretation des Neuen Testaments. In: NEUDORFER, HEINZ-WERNER/SCHNABEL, ECKHARD J. (Hgg.): Das Studium des Neuen Testaments. Wuppertal 2006, 19.

[2] NEUDORFER/SCHNABEL: Interpretation (Anm. 1), 23.

[3] Vgl. NEUDORFER/SCHNABEL: Interpretation (Anm. 1), 24.

[4] NESTLE-ALAND, Novum Testamentum Graece. Stuttgart 271993.

[5] ALAND, KURT/ALAND, BARBARA: Der Text des Neuen Testaments. Stuttgart 21989, 167-171.

[6] die dazu noch alexandrinisch, also bevorzugte Majuskeln sind gemäß der Regel, das ägyptische Texttypen gegenüber Koine- und D-Text bevorzugt werden.

[7] Papyrus 75, kurz P75 zusammen mit P4 gelten als die ältesten Handschriften des Lukasevangeliums. P75 ist alexandrinischen Texttyps.

[8] Die siebte Regel der Textkritik besagt, dass die kürzere Lesart in der Regel die ursprünglichere ist.

[9] τινα ειη ταυτα ist in der Majuskel L und wenigen anderen verzeichnet, τι θελει τουτο ειναι in Majuskel D. Gemäß dem Kategoriensystem liegen beide zwar bestenfalls in Kategorie II, sonst in III und IV, sind allerdings wesentlich jünger als die Majuskeln der anderen beiden Lesarten und als P75.

[10] Vgl. EBNER, MARTIN/ SCHREIBER, STEFAN: Einleitung in das Neue Testament. Stuttgart 2008, 55.

[11] K, N, P, Q, Γ, Δ, 0292. 565. 579. 700. 892. 1241. 1424. 2542. l 844. l 2211.

[12] Die alternative Lesart bezeugen A, W, Θ, Ψ, f 1.13 und der Mehrheitstext.

[13] Codex Sinaiticus2, A, D, W, Θ, Ψ, , f 1.13, 33, Mehrheitstext.

[14] P75, ursprünglicher Codex Sinaiticus, B, L, Δ, 579, pc.

[15] Außerdem in Minuskel 1241 und wenigen anderen.

[16] Mehrheitstext.

[17] P75, A, B, L, W, 579. 892. l 2211 pc, syh.

Details

Seiten
23
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640990801
ISBN (Buch)
9783640990887
Dateigröße
574 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v177423
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,3
Schlagworte
Gleichnis vom verlorenen Sohn historisch-kritische Methode Exegese Neues Testament Parabel Lukas Synoptiker

Autor

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