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Politische und gesellschaftliche Bedingungen für die Produktion und Rezeption der lateinamerikanischen Literatur der Gegenwart

Seminararbeit 2006 19 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

INHALT

I. Lateinamerikanische Literatur der Gegenwart

II. Politische und gesellschaftliche Bedingungen für die Produktion und Rezeption
1 Politische Bedingungen für die Produktion
1.1 Politisch motivierte Erwartungen an den Autor
1.2 Politische Unruhen, Exil und Kubanische Revolution
1.3 Institutionen
1.4 Demokratisierung
1.5 Globalisierung und Kapitalismus- Bedrohung der Identität?
2. Gesellschaftliche Bedingungen für die Produktion
2.1 Gesellschaftliche Erwartungen an die Schriftsteller
2.2 Lebensumstände der Intellektuellen
2.3 Literarische Bewegungen
2.4 Literarischer Boom
3. Politische Bedingungen für die Rezeption
3.1 Zielgruppen der Literatur
3.2 Politische Stellung der Literaten
3.3 Emigration
3.4 Aufgeschlossenheit der Leser
3.5 Demokratisierung
4. Gesellschaftliche Bedingungen für die Rezeption
4.1 Aufgeschlossene Erwartungshaltung den Schriftstellern gegenüber
4.2 Voreingenommenheit der Gesellschaft
4.3 Globalisierung und Modernisierung
4.4 Soziale Unterschiede in der Gesellschaftsstruktur

III. Komplexe Bedingungen

Literatur

I. Lateinamerikanische Literatur der Gegenwart

Seit den fünfziger Jahren des 20.Jahrhunderts ist neben dem internationalen auch das nationale Interesse an lateinamerikanischer Literatur stark angestiegen.

Ausschlaggebend für diese Aufmerksamkeit ist unter anderem die politisch und gesellschaftlich meist brisante Lage in den Herkunftsländern der schreibenden Intellektuellen. Tatsache ist, dass Schriftsteller durch ihre vielfältigen kritischen, visionären und politisch motivierten Beiträge besonders an gesellschaftlichen und sozialen Veränderungen, aber auch an der nationalen Identitätsbildung beteiligt sind. (Arrosa Soares 2004, 230) Arrosa Soares sagt über Intellektuelle und Schriftsteller sogar:

„Als Hüter des nationalen Gewissens fordern sie als Kritiker immer mehr Verantwortung, als Bollwerke der Grundsätze und der Geradheit haben während fast fünf Jahrhunderten die lateinamerikanischen Intellektuellen mit ihren Schriften, Lehren, Reden und anderen Tätigkeiten viele soziale Institutionen und Akteure ersetzt.“[1]

II. Politische und gesellschaftliche Bedingungen für die Produktion und Rezeption

Welche- selten eindeutig voneinander abgrenzbaren- politischen und gesellschaftlichen Bedingungen müssen für Produktion und Rezeption der lateinamerikanische Literatur der Gegenwart also gegeben sein oder behindern sie und sollten daher ausgeräumt werden?

1 Politische Bedingungen für die Produktion

Vielfältige Bedingungen auf politischer Ebene wirken direkt, aber auch indirekt durch ihren Einfluss auf die Lebensumstände der Autoren und Probleme der Bevölkerung auf die Inhalte und Intentionen der literarischen Produktion ein. Generell richten sich Schriftsteller nach den landes- und zeitspezifischen Herausforderungen der Politik. (Hernández Rodríguez 2004, 50)

1.1 Politisch motivierte Erwartungen an den Autor

Die Person des Schriftstellers ist umstritten. Eine universale Bedingung für unvoreingenommenes Schreiben besteht in der Autonomie und Unabhängigkeit des Intellektuellen gegenüber Wirtschaft und Staat, so dass Kritikfähigkeit und die Forderung nach universellen humanen Werten möglich sind. (Arrosa Soares 2004, 232) Intellektuelle Literaten sollten sich politisch als Gegenspieler von Technokraten, Einebnung von kultureller Vielfalt und neokonservativen Diktaturendverstehen.d(ebd.)

Konträr zu dieser idealistischen Forderung gaben diverse Schriftsteller Lateinamerikas ihre kritische Opposition gegen die Regimes auf und integrierten sich in deren Machtstrukturen, wobei potenzielle Intellektualität und Hinterfragung verloren gingen, die sonst zu alternativen Gesellschafts- und Politikentwürfen beigetragen sowie soziale Missstände angeprangert hätten. (Mansilla 2004, 19)

Jedoch können Schriftsteller als Parteimitglieder auch die Werte der Parteien anachronistisch beeinflussen, wie es z.B. der Fall war bei der ursprünglich sozialdemokratischen Partei Partido Aprista Peruana (PAP), die durch den Einfluss Intellektueller schließlich prämoderne, irrationale und pseudoreligiöse Werte aufnahm. (a.a.O.: 29)

Als Versäumnis wird betrachtet, dass sich Schriftsteller erst mit ökologischen, juristischen, gesellschaftlichen und die Korruption betreffenden Problemen befassten, nachdem bereits internationale Organisationen darauf aufmerksam gemacht hatten (a.a.O.: 31)

Andere meinen, Literaten sollten sich von Sozialwissenschaftlern abgrenzen und nur mit ihrem Talent und ihrer Phantasie die Kultur der Menschen mit ihren Schöpfungen bereichern. (Hernández Rodríguez 2004, 44) In Argentinien allerdings beweisen sogenannte Intellektuellen-Philosophen, z.B. Alberdi, Mitre und Sarmiento, die enge Beziehung zwischen schriftstellerischer Tätigkeit und politischer Aktivität. (Quiroga 2004, 189)

1.2 Politische Unruhen, Exil und Kubanische Revolution

Als in den 1960ern und 70ern Diktaturen Lateinamerika überzogen und die Zensur offenen Erfahrungs- und Informationsaustausch sowie nationale und internationale Meinungsäußerungen verhinderte, wurden viele Intellektuelle zum Schweigen gezwungen oder umgebracht. (Arrosa Soares 2004, 230) Besonders gefährlich war die Situation kritischer Intellektueller in Argentinien während der Militärdiktaturen 1966 und 1976. (Quiroga 2004, 194) Etliche gingen daher ins Exil nach Europa oder in die USA oder zogen sich verstummt in ihre innere Gedankenwelt zurück. (Arrosa Soares 2004, 231)

In der Emigration bestand für viele Literaten dieser Zeit der einzige Weg frei schreiben und Kontakt mit der Außenwelt halten zu können, so dass lateinamerikanische Literatur hauptsächlich im Ausland entstand und dort Erfahrenes thematisiert wird: Entfremdung, Identitätssuche, Einsamkeit, Selbstbehauptung und Angst vor dem Verlust des heimischen Publikums. (Wiese 1992, 41)

Die Auswanderung förderte allerdings das liberale, sozialpolitische Denken und die Thematisierung lateinamerikanischer Abhängigkeit, staatlicher Intervention in der Marktwirtschaft, des Autoritarismus, sozialer Bewegungen, der Situation der Bevölkerung sowie des erhofften Übergangs zur Demokratie, so dass die Wirklichkeit Lateinamerikas erstmals klar dargelegt wurde. (Hernández Rodríguez 2004, 47) Dies festigte das Verantwortungsgefühl der Schriftsteller und förderte ihre politische Aktivität. (a.a.O.: 46)

In Lateinamerika selbst dagegen verfielen viele marxistische Literaten blinder Ideologisierung und verhinderten dadurch jegliche fortschrittliche Veränderung. (a.a.O.: 47)

Viele Schriftsteller sahen in den Staatsstreichen der Militärs, in Bürgerkriegen und Folter, Bücherverbrennungen, in den Revolutionen und Gegenrevolutionen der 1970er und 80er Jahre (Arrosa Soares 2004, 231) einen Ansporn, die Hoffnung auf eine Besserung der Verhältnisse nicht aufzugeben und als leuchtende Vorbilder vorauszugehen.

Bei der Zuspitzung des Kalten Krieges in den 60er und 70er Jahren versuchten die USA ihre politischen Institutionen, Polizeiapparat und Organisationsformen, Sozial- und Wirtschaftsprogramme auf Lateinamerika zu übertragen, um weitere Vorfälle wie in Kuba zu vermeiden, jedoch stärkten diese nordamerikanischen Eingriffe erst recht die Guerilla und hatte neue Militärputsche zur Folge. (Hernández Rodríguez 2004, 46) Bis heute steht diese Zeit für die straffreie Unterdrückung unter dem Deckmantel der Demokratie und freien Welt. (ebd.) Die Mehrzahl der Schriftsteller setzte sich für die kubanische Revolution und ihre Ideale nicht nur schriftlich, sondern auch als Aktivanten ein, z.B. Fuentes und Neruda. (Hernández Rodríguez 2004, 54)

Der Kubanischen Revolution von 1959 wird darüber hinaus eine Einheit stiftende Funktion unter den Intellektuellen nachgesagt wird, da diese fast einstimmig die Revolution und kulturpolitischen Reformen befürworteten, wenngleich sie sich z.B. im Fall des kubanischen Dichters Padilla in Kritiker und Sympathisanten teilten. (Wiese 1992, 39f)

Der Sozialismus wird überdies oft als einzige Alternative zu kapitalistischen oder militärdiktatorischen Systemen angesehen. (Hernández Rodríguez 2004, 57)

Bis 1980 herrschte ein eher revolutionäres Klima - radikale Reformen und Fortschritt wurden für notwendig befunden und man konfrontierte die prämoderne lateinamerikanische Weltvorstellung mit der nordamerikanischen modernen Konsumgesellschaft. (Mansilla 2004, 25) Häufig wurde dabei ohne kritische Hinterfragung nur ein neoliberales und postmodernistisches Muster nachgeahmt. (ebd.)

1.3 Institutionen

Die sinkende Qualität staatlicher Universitäten steigert die Tendenz zu Privatuniversitäten mit v.a. kommerziellen, wirtschaftlich ausgerichteten Studiengängen. (Mansilla 2004, 22) Daraus resultiert zwar auf den ersten Blick eine verringerte Produktion an literarischen, geistes- und kulturwissenschaftlichen Werken, jedoch kann in den nächsten Jahren gerade dadurch sozusagen als Interessenausgleich das Bedürfnis und die Nachfrage danach steigen.

Literarisch schlägt sich auch der Zusammenbruch der Institutionen in Argentinien seit dem Rücktritt des Präsidenten Fernando de la Rúa nieder, da autoritäre Militärs die akademische Welt der Intellektuellen durch Eingriffe in öffentliche Universitäten zerstören und bestimmte Studienfächer, unbequeme Professoren und kritische Sozialforschung verbieten. (Quiroga 2004, 195)

Dennoch finden sich auch zu Zeiten der Diktatur, Verfolgung und Zensur Freiräume für oppositionelle Meinungen und kritischen Austausch der Intellektuellen, so gibt es z.B. in Argentinien seit diesen Universitätsumstellungen das Phänomen der „[...] Universität der Katakomben [...]“.[2]

Insgesamt jedoch entfernen sich in Argentinien aufgrund strafloser Missachtung des Gesetzes und Menschenrechtsverletzungen durch den autoritären Staat Gesellschaft und Politik immer mehr voneinander, so dass sich die Gewalt durch die Autoritätskrise und Instabilität der Regierung weiter ausbreiten kann. (a.a.O.: 185) Eine Änderung dieses Zustandes ist nur in einer Neuordnung des gesamten institutionellen Systems zu sehen, da der Staat seine Glaubwürdigkeit eingebüßt hat. (ebd.) Dabei müsste die Autorität der Institutionen vom Einfluss und Ansehen der Intellektuellen unterstützt werden, damit kulturelle und soziale Funktionen und somit neue Konzepte und Sinngebungen in den Vordergrund treten. (ebd.)

1.4 Demokratisierung

Laut Lechner gibt es vier Aspekte, die die Demokratisierung Lateinamerikas unterstützen: Erstens Staatsstreiche, da diese das Leben der Bürger so beeinflussen, dass diese endlich die politische Situation überdenken, zweitens kann sich das Gedankengut erst durch international mobile, eventuell emigrierte Intellektuelle erneuern, drittens bringt die intellektuelle und kulturelle Horizonterweiterung die Kenntnis bislang unbekannter Autoren und neuer Ideen mit sich und zuletzt trägt auch die zunehmende Professionalisierung der Intellektuellen zu verbesserter Handlungsfähigkeit bei. (Quiroga 2004, 196)

Widerstand gegen autoritäre Regierungen und Forderung nach Wahlen waren oft der Hauptantrieb für die Produktion Schriftsteller linker Orientierung, die sich als Ankläger stellvertretend für viele gegen Diktaturen sahen. (Arrosa Soares 2004, 229) Waldo Ansaldi und Mário dos Santos sehen es sogar als Pflicht für heutige Intellektuelle der Demokratie anzuhängen (Arrosa Soares 2004, 231), was sich auf politisch motivierte Schriften auswirkt.

[...]


[1] Maria Susana Arrosa Soares „Die lateinamerikanischen Intellektuellen- gestern und heute.“, in Die Entzauberung des kritischen Geistes. Intellektuelle und Politik in Lateinamerika, hrsg. v. Wilhelm Hofmeister; H.C.F. Mansilla (Bielefeld 2004), S. 320

[2] Hugo Quiroga, „Intellektuelle und Politik in Argentinien. Anmerkungen zu einer schwierigen Beziehung.“, in Die Entzauberung des kritischen Geistes. Intellektuelle und Politik in Lateinamerika., hrsg. v. Wilhelm Hofmeister; H.C.F. Mansilla, (Bielefeld, 2004), S.196

Details

Seiten
19
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640994113
ISBN (Buch)
9783640995356
Dateigröße
424 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v177626
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,2
Schlagworte
Lateinamerikanische Literatur Hispanoamerikanische Literatur Gesellschaft Politik Gegenwartsliteratur Literaturrezeption Literaturproduktion

Autor

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