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Korvettenkapitän a. D. Paul Emil Engelhard (1868-1911) mit dem Flugschein Nr. 3

Heft 28 aus der Dokumentenreihe über den Flugplatz Berlin-Johannisthal 1909-1914

von Alexander Kauther (Autor) Paul Wirtz (Autor)

Fachbuch 2011 78 Seiten

Geschichte - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Anmerkungen der Autoren

Zur Person und die Familie Engelhard

Flugmaschine Wright GmbH

Engelhard als Fluglehrer

Wright-Flüge in St. Moritz im Februar bis März 1910

Internationale Flugwoche im Mai 1910 in Johannisthal

Budapester Flugmeeting vom 5. bis 17. Juni 1910

Nationale Flugwoche vom 7. bis 13. August 1910 in Johannisthal

Fliegen in der Lüneburger Heide im September 1910

Überlandflug Trier-Metz vom 27. September bis 1. Oktober 1910

Umbauten auf dem Flugplatz

Der Tag der Katastrophe am Freitag, 29. September 1911

Trauerfeier auf dem Flugfeld Johannisthal

Beerdigung in Bremen

Grabstelle Paul Engelhard in Bremen

Brief von Wilbur Wright an die Witwe von Paul Engelhard

Nachruf von Melli Beese für Paul Engelhard von 1923

Luftfahrtversicherungen des Flugzeugführers Engelhard

Quellen
Zeitungen und Periodika
Literatur
Bildnachweis
Personenregister

Anlage 1 - Aufstellung der Wright-Flieger von 1910-1914
Anlage 2 - Biografie des Vaters aus dem Lexikon Deutscher Generale
Anlage 3 - Ausschreibung Nationale Flugwoche September-Oktober 1910

Anmerkungen der Autoren

Kapitän z. See Paul Engelhard war der erste Flugschüler der „Flugmaschine WrightGesellschaft mbH“ in Berlin und erster Marineoffizier mit einer Flugerlaubnis des „Deutschen Luftschiffer-Verbandes (DLV)“.

Die Autoren der Dokumentation haben anhand von Veröffentlichungen in verschiedenen Büchern, Zeitungen und Archiven, das kurze Leben des Flugzeugführers Paul Engelhard nachgezeichnet.

Diese Dokumentation reiht sich in die bereits vorhandenen Hefte 1-32 über den Flugplatz Johannisthal für den Zeitraum von 1909-1914 ein.

Der erarbeitete umfangreiche Familienstammbaum über Paul Engelhard wurde aus Platzgründen nicht in die Dokumentation aufgenommen. Bei Interesse kann der Stammbaum unter info@johflug.de kostenfrei bestellt werden und wird als Pdf-Datei versandt.

www.johflug.de

Berlin-Johannisthal im September 2012

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Kapitän zur See a. D. Paul Emil Engelhard

* 27. Juli 1868 in Münster/Westfalen † 29. September 1911 in Johannisthal

Zur Person

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten1 2

Seit 18. Februar 1915 gibt es in Berlin-Johannisthal die „Engelhardstraße“. Sie liegt unmittelbar am ehemaligen Haupteingang des Flugplatzes.

In seiner Geburtsstadt gibt es seit 1936 in 48167 Münster (48145 Gremmendorf) einen „Paul-Engelhard-Weg“. Er befindet

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

sich in der Nähe der ehemaligen Luftnachrichtenkaserne und dem. damaligen Flugplatz Loddenheide.

Der Josef-Suwelack-Weg ist nach dem Flugzeugführer Josef Suwelack (1888-1915) benannt.

In 14469 Potsdam gibt es seit 1999 eine „Paul-Engelhard-Straße“ im Entwicklungsgebiet Bornstedter Feld.

Paul Engelhard wurde als Sohn des Generalmajors August Emil Engelhard (1829- 1885) und seiner Mutter Luise Amalie geb. Keller (1842-1914) in Münster/Westfalen geboren. Sein Vater war zu diesem Zeitpunkt Adjutant (Major) beim GeneralKommando des VII. Armee-Korps Münster in der Lotharinger Kaserne.3

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Stadtplan von 1928.

Das Wohnhaus der Familie Engelhard im Zentrum von Münster, Hörsterstr. 27. (Heute ein Hotel)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Geburtshaus von Paul Engelhard. Aufnahme um 1928.4

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Lotharinger Kaserne, unweit vom Wohnhaus der Familie Engelhard entfernt.5

Wie alle zu den Armee-Korps abkommandierten Offiziere war die Familie Engelhard nicht lange in Münster. 1869 wurde August Engelhard als Kommandeur des Füsilier- Bataillons im Grenadier-Regiment König Friedrich Wilhelm IV. Nr. 2 nach Stettin versetzt.

Sicher so vom Vater erzogen, endschied sich Paul Engelhard nach Absolvierung des Gymnasiums 1886 für eine Karriere als Marineoffizier und brachte es bis zum Kapitänleutnant. 1904 trat er aus dem aktiven Dienst aus und erhielt den Charakter eines Korvettenkapitäns. Eine Zeitlang war er in Bremen Inspektor des Deutschen Schulschiffer Vereins6.

Als die Aviatik auf ihrem Siegeszug auch nach Deutschland kam, war er einer der ersten, der sich dem neuen Sportzweig mit Begeisterung zuwandte. Orville Wright (1871-1948) kam nach Berlin und gründete am 13. Mai 1909, finanziert von der AEG und Borsig, die „Gesellschaft Flugmaschine Wright“ zur Verwertung des Aeroplans des Wrightschen Systems und später die „Flugmaschine Wright-Gesellschaft mbH“ mit dem Geschäftsführer Richard v. Kehler. Sie war ein Zweigunternehmen der „Luft-Fahrzeug-Gesellschaft mbH“ (LFG) und diese wiederum eine Tochtergesellschaft der im Jahre 1906 auf Anregung und mit finanzieller Beteiligung des Kaisers gegründeten „Motorluftschiff-Studiengesellschaft mbH“ in Berlin- Reinickendorf.7

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Kapitänleutnant Paul Engelhard mit 34 Lebensjahren.8

Die Flugmaschine Wright GmbH

Am 4. September 1909 begann Orville Wright auf dem Berliner Tempelhofer Feld mit öffentlichen Schauflügen zur Werbung für seinen Wright-Flugzeugapparat. Seine Schauflüge beendete er am 20. September 1909, danach siedelte er auf das Bornstedter Feld über und bildete seine ersten deutschen Flugschüler aus, die künftig die Flugzeuge der „Flugmaschine Wright GmbH“ einfliegen und als Fluglehrer in der Fliegerschule der Gesellschaft tätig sein sollten. Dazu gehörte auch Paul Engelhard als erster Flugschüler.

In dem Flugzeugschuppen auf dem Bornstedter Feld bei Potsdam, in der Nähe der Artilleriekaserne, wurde der Flugschüler Paul Engelhard von dem großen Amerikaner Orville Wright im September 1909 im Steuern seines Zweideckers unterwiesen, der damals der erfolgreichste Flugmaschinentyp war. Es war der deutsche Nachbau des Wright-Doppeldeckers, der in der Werkstatt der LFG in Berlin-Reinickendorf gebaut wurde.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Werkstatt der LFG in Berlin-Reinickendorf. Auf dem Foto ist der erste Deutsche Nachbau des Wright-Flugapparates zu sehen, mit dem auch Engelhard flog.

Am 13. Oktober 1909 war Engelhards erster Flug auf dem Bornstedter Feld. Er blieb ungefähr 9 Minuten in der Luft. Zuvor flog Orville Wright mit weiteren Flugschülern einige Runden.

Im Dezember 1909 stürzte Engelhard bei einem Flugversuch ab. Er zerschnitt sich dabei das Gesicht und musste ins Krankenhaus. Am 23. Januar 1910 nahm er seine Flugversuche wieder auf. Während der Zeit seiner Genesung übernahm sein Mechaniker Fridolin Keidel9, der als zweiter Schüler bei Orville Wright das Fliegen erlernte und sich gerade selbst von einem Absturz erholte, den Flugunterricht in Johannisthal.

Wäre nicht der Flugunfall von Engelhard, könnte auch er auf dem Foto von 1911 sein:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die ersten deutschen Flugschüler 1909 in Johannisthal in der Motorflugschule der „ Flugmaschine Wright-Gesellschaft mbH “:

Von links: Raymund Eyring (1868-1911) mit Feuerlöscher, Oskar Heim (1882-?), Theodor Schauenburg (1885- 1. WK) Robert Thelen (1884-1968), der Ö sterreicher Dr. Josef Sablatnig und Dr. Georg Arntzen (1886-1916).

Vorn sitzend: Fridolin Keidel (1882-1960).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ansichtskarte 1910.

Anfang 1910 bezog das Wright-Unternehmen seinen Schuppen auf der Adlershofer Seite des Flugplatzes Johannisthal.

Engelhard erwarb als erster inaktiver Marine-Offizier und dritter deutscher Flieger nach August Euler10 und Hans Grade11 am 1. März 1910 das Pilotenzeugnis. Von diesem Tage an begann seine ruhmreiche Fliegerlaufbahn. Er nahm an zahlreichen Flugveranstaltungen in Deutschland und im Ausland teil. Manch reicher Preis fiel ihm zu, aber er erlitt auch einige schwere Stürze.

Engelhard wurde Fluglehrer, Technischer Leiter und Chefpilot bei der „Flugmaschine-Wright-GmbH“. Eine ganze Reihe von Wright-Piloten verdankt ihm ihre Ausbildung.12 Er galt als ungemein sicherer und vorsichtiger Flieger, der seine Maschine auch bei stärkstem Winde vollkommen in seiner Gewalt hatte. Engelhard kannte genau die Gefahren des Flugsports und er forderte die Gewalten nicht heraus, wenn es nicht unbedingt notwendig war. Er beherrschte seinen Zweidecker wie kaum ein anderer. Bei Windstärken, die die anderen Flieger für unüberwindlich hielten, flog Engelhard.

Mit Ruhe und Sicherheit führte er seine Flüge aus. Was er wollte war, vorsichtig alle Umstände erwägen, nie tollkühn drauf losfliegen.

Sein Motte war: „ Erst kam das Wägen, dann das Wagen! “

Der Wright-Flieger Fridolin Keidel, der seit Beginn der Wrights in Deutschland 1906 als Monteur, Kraftfahrer und später Fluglehrer tätig war und einen der populärsten Luftfahrtpioniere Robert Thelen13 ausbildete, hatte auch die Ballonfahrerin und erste deutsche Fallschirmspringerin Käthe Paulus14 als Flugschülerin. Sie brachte es aber nie zu einer Flugzeugführererlaubnis, obwohl sie sonst so erfolgreich in der Luft war. Zunächst versuchte es Paul Engelhard, ihr das Fliegen beizubringen, was ihn manchmal zur Verzweiflung gebracht haben soll. Dann kam es zwischen beiden zum Streit und Keidel führte die Ausbildung weiter.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Käthe Paulus

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ernennung zum Flugzeug-Führer. Der Ausweis Nr. 315 wurde vom Vorsitzenden des Deutschen Luftschiffer-Verbandes Berlin (DLV), Geheimrat Carl Georg Busley (1850-1928), unterzeichnet. Busley war Schiffsbauingenieur, Flottenpolitiker, Marineingenieur und war 1902 an der Gründung des DLV maßgeblich beteiligt.

Auch Keidel gelang es nicht, Käthe Paulus zur Motorfliegerin auszubilden und Käthe Paulus blieb beim Fallschirmspringen. Es hieß, dass sie als Ballonfahrerin an völlig geräuschloses Fliegen gewöhnt war und sie das laut knatternde Motorengeräusch völlig entnervte.16

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

“ Teltower Kreisblatt ” vom 23. November 1910.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Käthe Paulus mit Engelhard im Wright-Doppeldecker.

Im November 1910 kommt die Dresdner Bildhauerin Amelie Hedwig Beese (Melli Beese genannt)17 nach Johannisthal und möchte ebenfalls das Fliegen erlernen. Von den Albatros-Werken wurde sie an die Wright- Flugschule verwiesen. Dort habe man bereits Erfahrungen mit der Ausbildung von Käthe Paulus gesammelt. Sie kam in Kontakt mit dem Werkleiter und Leiter der Fliegerschule Paul Engelhard. Er aber erklärte unumwunden und schroff, dass Frauen für das Fliegen von vornherein ungeeignet sind.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Melli Beese 1910 in einem Wright-Doppeldecker.

Es wäre, „ als wolle man einer Frau die Befähigung zum Offizier erteilen “ . Er, der einstige Kapitän zur See, hält das für völlig ausgeschlossen. Melli Beeses Hinweise auf die Erfolge französischer Fliegerinnen ließen ihn unbeeindruckt.

Auch er schickte sie weiter zu Robert Thelen von der „Ad Astra-Fluggesellschaft“. Thelen nahm sie unter Vertrag und begann mit der Ausbildung. Es gab Abstürze und der abergläubische Thelen annullierte auf ihren Wunsch im Mai 1911 den Ausbildungsvertrag. Trotz weiterer vieler Widerstände und Schwierigkeiten und mit Unterstützung des Flugplatzdirektors Major a. D. Georg von Tschudi (1862-1928), schaffte Melli Beese bei den „Rumpler-Werken“ am 13. September 1911, ihrem 25. Geburtstag, die Flugzeugführererlaubnis. Damit war sie mit der Pilotenlizenz Nr. 115 auch die erste deutsche Motorfliegerin, die mit ihrer späteren Flugschule Flugrekorde erreichte und mit ihrer Lebensgeschichte zu den nennenswerten Flugpionierinnen gehörte.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Major a.D. Georg von Tschudi

Während der Flugwoche am 25. September 1911 bewies Melli Beese ihr Können und erreichte den 5. Platz unter 24 Teilnehmern.

„ Paul Engelhard, der auf dem Flugplatz als unumstrittene Autorität galt, kam extra im Auto nach dem neuen Startplatz, um ihr zu gratulieren. Er hatte im Jahr zuvor die Frau im Flugzeug a priori für unfähig erklärt und ihre Ausbildung zur Flugzeugführerin abgelehnt. “18

Einen Tag später verunglückte Engelhard tödlich auf dem Flugfeld Johannisthal.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Engelhard im Flug.

Wright-Flüge in St. Moritz im Februar bis April 1910

Im Auftrage der Wright-Gesellschaft erteilte Paul Engelhard ab Februar 1910 in St. Moritz Flugunterricht und bildete dort mehrere neue Wright-Schüler in der Fliegerkunst aus. In seiner Begleitung befanden sich ein Ingenieur und drei Monteure. Zwei für die Unterrichtsflüge bestimmte Wright-Aeroplane sind von Berlin nach St. Moritz überführt worden.19

Engelhard kehrte im April 1910 zurück und von seinem Erlebnissen in St. Moritz berichtete die B.Z. am Mittag.

„ Er hatte dort nach seinen ersten, kürzeren Flügen die Beobachtung gemacht, dass in der Höhe von 1.800 Meternüber dem Meeresspiegel, in der St. Moritz liegt, der Motor um 20-25 PS an Kraft verlor. Statt der 32 PS seines Wrightmotors wären also nur etwa 25 PS zur Verfügung gewesen. Mit diesen musste er eine um 10 PS höhere Geschwindigkeit erreichen, um seinen Apparat manövrierfähig zu halten. Je niedriger die Temperatur sank, der Durchschnitt betrug minus 20 Grad, desto ungünstiger beeinflusste sie die Vergasung, um so mehr verlor der Motor die Kraft, bis er an der Grenze seiner Leistungsfährigkeit anlangte, die bei seinen Flügen in etwa 30 bis 40 Meter Höhe, also 1.840 Meterüber dem Meeresspiegel, erreicht war. Ein Darüberhinausgehen hätte ihn zur Landung gezwungen. Sein längster Flug hätte 32 Minuten gedauert. Engelhard bedauerte, dass er durch die Gewöhnung an die eigenartigen Wetterverhältnisse verhältnism äß ig viel Zeit verloren habe, sodass die ihm zu Gebote stehenden Mittel erschöpft waren, als er sich der Situation gewachsen fühlte. Unter diesen Umständen war an ursprünglich beabsichtigte Passagierflüge nicht zu denken. “ 20

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Engelhard bei seinen Flugvorbereitungen in St. Moritz vor einem Aufstieg mit einem Flugschüler.21

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Werbeanzeige in der „ Deutschen Zeitschrift für Luftschiffahrt “ vom 23. Oktober 1910.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Engelhard bei der Landung.22

In der „Neue Züricher Zeitung“ (NZZ) vom 10. März 2010 wurde aus Anlass des 100-jährigen Flugereignisses in St Moritz geschrieben:

Drei Runden über dem St. Moritzersee

Am 10. März 1910 startete zum ersten Mal ein Motorflugzeug in der Schweiz.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Historische Aufnahme eines der Flüge von Paul Engelhard in St. Moritz im März 1910.23

Vor genau hundert Jahren hob erstmals in der Schweiz ein Motorflugzeug vom Boden ab. Mit einem Wright-Doppeldecker startete der Deutsche Paul Engelhard auf dem St. Moritzersee und flog während fünf Minuten drei Runden. Knapp sieben Jahre, nachdem die Brüder Wright in den Dünen von Kitty Hawk an der amerikanischen Ostküste mit ihrem Doppeldecker zu ihren ersten kurzen Hüpfern gestartet waren, begann auch in der Schweiz die Ära des Motorflugs. Es war ein deutscher Korvettenkapitän namens Paul Engelhard, der den zugefrorenen St. Moritzersee als passendes Startgelände entdeckte. Nur wenige Monate, nachdem er bei den Brüdern Wright bei deren Aufenthalt in Deutschland selber fliegen gelernt hatte, hob er dort zu seinen Flugversuchen ab und leitete damit auch in der Schweiz das Zeitalter der motorisierten Fliegerei ein. Wie das Schweizer Luftfahrt-Magazin „SkyPast“ in der März-Ausgabe berichtete, war Engelhard aber nicht der Erste, der von der Eisfläche des Sees in St. Moritz aus in die Luft wollte. Doch Engelhards Vorgänger, ein exzentrischer deutscher Adliger, brachte es 1909 nur zu einigen zwei-Meter-Hüpfern, worüber sich die lokalen Zuschauer köstlich amüsierten. Sie sollten aber einige Monate später doch das Staunen lernen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Paul Engelhard am Steuer seiner Wright-Maschine auf dem zugefrorenen St. Moritzsee.24

Preis von 2000 Franken ausgesetzt

Für den ersten Flug in der Schweiz wurde vom St. Moritzer Kurverein ein Preis von 2000 Franken ausgesetzt. Bedingung war, dass die Maschine 15 Minuten in der Luft bleiben musste. Im Februar 1910 wurden im Auftrag Engelhards zwei Wright- Doppeldecker aus Berlin mit der Bahn nach St. Moritz transportiert. Mitgereiste Monteure kümmerten sich um den Zusammenbau der Flugmaschinen. Die ersten Versuche mit dem Startapparat und dem Fallgewicht, welcher die Flugapparate wie eine Art Katapult auf Startgeschwindigkeit bringen sollten, begannen am 25. Februar.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Kapitän Engelhard im Flugeüber dem Moritzsee.25

Der Wright-Doppeldecker wird zum Start auf dem vereisten St. Moritzsee gebracht.26

Grossflug von über 31 Minuten

„Am 10. März kam dann die große Stunde. Engelhard gelang vor den für das zahlreich versammelte Publikum errichteten Tribünen ein Flug von über fünf Minuten und drei Runden über den See. Fünf Tage später absolvierte er dann sogar einen „Großflug“ von 31 Minuten und 40 Sekunden in einer Höhe von 10 bis 15 Metern. Damit gewann er den ausgesetzten Preis des Kur-Vereins mit Leichtigkeit.

Für den ersten Motorflug über Schweizer Boden wurde St. Moritz mit einer Weltreklame belohnt.“27

1910 hatte die „Neue Züricher Zeitung“ auch erstmals die Rubrik „Luftschiffahrt“ eingeführt. In dieser erschien ein kurzer Bericht über den ersten Motorflug in der Schweiz, der die Redaktion auf dem telefonischen Weg erreichte. Darin erfuhren die Leser auch, dass nach den Flügen Engelhards einer seiner Schüler ebenfalls einen Startversuch wagte, aber durch einen heftigen Windstoss in Schwierigkeiten geriet, wobei die rechte Seite des Apparates ziemlich stark beschädigt wurde.

[...]


1 Zur gesamten Familie ist ein gesonderter Stammbaum erstellt worden.

2 Berliner Adressbuch 1911.

3 Zur Biografie seines Vaters siehe Anlage 2. Das VII. Armee-Korps war ein Großverband der Königlich Preußischen Armee bzw. des Reichsheeres des Deutschen (Kaiser)Reiches. Es wurde 1815 zur Führung der preußischen Truppen in der Provinz Westfalen aufgestellt. Sitz des Generalkommandos war Münster.

4 Foto vom Stadtarchiv Münster, Anja Gussek.

5 Foto vom Stadtarchiv Münster, Anja Gussek.

6 Am 12. Januar 1900 wurde der Deutsche Schulschiffverein in Berlin gegründet mit dem Ziel, seemännischen Nachwuchs für die deutsche Handelsschifffahrt auszubilden.

7 „Als die Oldtimer flogen“, Günter Schmitt, Seite 85.

8 Foto von der Nichte, Ingeborg Caplice, aus Australien erhalten.

9 Fridolin Keidel (1882-1960), Flugzeugführererlaubnis Nr. 5 vom 27. April 1910 auf WrightZweidecker, Flugfeld Johannisthal.

10 August Euler (1868-1957), Flugzeugführerlizenz Nr. 1 am 1. Februar 1910 auf „Euler-Zweidecker“, Flugfeld Darmstadt-Griesheim.

11 Hans Grade (1879-1946), Flugzeugführerlizenz Nr. 2 am 1. Februar 1910 auf „Grade-Eindecker“, Flugfeld Johannisthal.

12 Siehe Anlage 1.

13 Robert Thelen (1884-1968), Flugzeugführerlizenz Nr. 9 am 11. Mai 1910 auf Wright-Doppeldecker, Flugfeld Johannisthal. Siehe Heft 27 der Dokumentenreihe.

14 Käthe Paulus (1868-1935), nach eigenen Angaben 516 Ballonfahrten und 147 Absprünge. Die letzte Fahrt erfolgte am 26. Juli 1914. Im Jahre 1915 eröffnete sie in Berlin-Reinickendorf eine Fertigungs- firma für Rettungsfallschirme, die zur Verwendung für Artillerie-Beobachter in Fesselballonen geeignet waren. Bis Kriegsende lieferte sie etwa 7000 Fallschirme.

15 Von der Nichte, Ingeborg Caplice (Australien), erhalten.

16 „Als die Oldtimer flogen“, Günter Schmitt, Seite 85.

17 Amelie Hedwig Beese (1886-1925), Flugzeugführerlizenz Nr. 115 am 13. September 1911 auf „Rumpler-Eindecker“, Flugfeld Johannisthal.

18 Melli Beese und die „Flügel am Horizont“, Zibler/Wittmann, trafo-Verlagsgruppe Berlin, 2009, Seite 57.

19 B.Z. am Mittag vom 9. Februar 1910.

20 B.Z. am Mittag vom 13. April 1910.

21 Deutsche Zeitschrift für Luftschiffahrt vom 23. März 1910.

22 Deutsche Zeitschrift für Luftschiffahrt vom 23. März 1910.

23 Dokumentationsbibliothek St. Moritz.

24 Dokumentationsbibliothek St. Moritz.

25 Deutsche Zeitschrift für Luftschiffahrt vom 23.03.1910

26 Dokumentationsbibliothek St. Moritz.

27 Ausschnitte aus der „Neue Züricher Zeitung“ (NZZ) vom 10. März 2010

Details

Seiten
78
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640996155
ISBN (Buch)
9783640996513
Dateigröße
18.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v177745
Note
Schlagworte
Johannisthal Wright Luftfahrt Adlershof Pilot

Autoren

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Titel: Korvettenkapitän a. D. Paul Emil Engelhard (1868-1911) mit dem Flugschein Nr. 3