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Interkulturelle Kommunikation in Institutionen

Die Bedeutung von Mehrsprachigkeit und interkultureller Bildung bei Kindern mit Migrationshintergrund in Kindertagesstätten

Hausarbeit 2007 22 Seiten

Pädagogik - Kindergarten, Vorschule, frühkindl. Erziehung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Mehrsprachigkeit - Entwicklung und Definition
1.1 Entstehung
1.2 Zur Begriffsdefinition „Mehrsprachigkeit“

2. Aspekte zur Mehrsprachigkeit in Kindertagesstätten
2.1 Die Bedeutung der Muttersprache
2.2 Die Bedeutung von Mehrsprachigkeit in der Kindertagesstätte
2.3 Interdependenz-Hypothese

3. Interkulturelle Aspekte in Kindertagesstätten
3.1 Interkulturelle Kommunikation in Kindertagesstätten
3.2 Interkulturelle Bildung in Kindertagesstätten

4. Aktuelle Maßnahmen der Politik zur Sprachförderung

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

In der deutschen Bildungsdiskussion ist die Integration und Förderung ausländischer Kinder ein zentrales Thema - insbesondere nach der PISA-Studie 2001, die Defizite im deutschen Bildungssystem im Hinblick auf den Ausgleich sozialer Unterschiede und die Bildungsbeteiligung von Kindern aus Familien mit Migrationshintergrund auf­gezeigt hat. Vor allem die Sprachdefizite von Migrantenkindern in der deutschen Sprache werden hervorgehoben. Während Mehrsprachigkeit einerseits als wichtige Kompetenz anerkannt wird, sieht es bei der Erziehung von Kindern mit Migrationshin­tergrund anders aus: In der Regel werden nicht die spezifischen mehrsprachigen und interkulturellen Entwicklungsprofile gesehen, sondern die Mehrsprachigkeit dieser Kinder wird problemorientiert betrachtet und eher als Belastung im Kindergartenalltag empfunden.

Diese Arbeit setzt sich mit dem Thema Mehrsprachigkeit bei Kindern mit Migrations­hintergrund und der Bedeutung von interkultureller Bildung in Kindertagesstätten auseinander. Es soll insbesondere auf die Probleme hingewiesen werden, die so­wohl für die Kinder in den Tagesstätten als auch für die Institutionen bestehen. In diesem Zusammenhang muss auch auf die Rolle der pädagogischen Fachkräfte und auf die besondere und wichtige Rolle der Muttersprache aufmerksam gemacht werden.

Die Arbeit gliedert sich in vier Kapitel:

Im ersten Kapitel erfolgt eine kurze Erläuterung zur Entstehung von Mehrsprachigkeit in Deutschland sowie eine Definition zum Begriff Mehrsprachigkeit.

Im zweiten Abschnitt erfolgt ein Überblick über die Bedeutung der Muttersprache und die Mehrsprachigkeit - zum einen für die Kinder mit Migrationshintergrund und zum anderen für die Kindertageseinrichtung. Anschließend wird die Interdependenz­Hypothese vorgestellt, die einen wichtigen Beitrag zur Annerkennung der Mutter­sprache von Kindern mit Migrationshintergrund geleistet hat.

Im dritten Abschnitt werden interkulturelle Aspekte in der Kindertageseinrichtung dar­gestellt - insbesondere Aspekte zur interkulturellen Bildung.

Im letzten Kapitel erfolgt ein Überblick über aktuelle Maßnahmen der Politik zur Sprachförderung speziell in Niedersachsen.

1. Mehrsprachigkeit - Entwicklung und Definition

1.1 Entstehung

Die Verbreitung von Mehrsprachigkeit in Deutschland hat seit dem Beginn des Zu­zugs von ausländischen Arbeitskräften und deren Familien seit den 1960er Jahren stattgefunden. Hinzu kamen Aussiedler und bleibeberechtigte Flüchtlinge.

Bereits vor über 20 Jahren waren die Sprachprobleme von Kindern mit Migrationshin­tergrund bildungspolitisch ein wichtiges Thema.1 Durch den Besuch des Kindergar­tens und dem damit verbundenen so genannten „Sprachbad“2 in der deutschen Sprache erhoffte man sich eine Verbesserung der Integration der Kinder und Famili­en, sowie eine Unterstützung und Hilfestellung bei der sprachlichen Entwicklung. Die anfänglich einseitig auf die deutsche Sprache ausgerichteten Konzepte wurden bald einer kritischen Revision unterzogen, da die Bedeutung der Muttersprache wissen­schaftlich nachgewiesen wurde3 (siehe hierzu Kapitel 3.3: Interdependenz­Hypothese).

Seit der Veröffentlichung der PISA-Studie im Jahr 2001 gewinnt das Thema Sprach- förderung von Kindern mit Migrationshintergrund, insbesondere im Elementar- und Primarbereich, an Bedeutung. In der PISA-Studie werden explizit die Sprachdefizite von Migrantenkindern in der deutschen Sprache hervorgehoben. Zudem macht die Studie darauf aufmerksam, dass der Schulerfolg in Deutschland stark von der sozia­len Herkunft abhängt und insbesondere Kinder aus Familien mit Migrationshin­tergrund benachteiligt sind.

Es entstehen Maßnahmen und Programme der Bundesregierung zur Sprachförde- rung. Für die Eltern gibt es verpflichtende Sprachkurse und für die Kinder Sprachför- derprogramme auch schon vor der Einschulung (siehe Punkt 5: Aktuelle Maßnahmen der Politik).

Im Jahr 2000 lebten rund 486.000 ausländische Kinder im Alter bis zu 6 Jahren in Deutschland, 88% davon sind in Deutschland geboren worden.4

Im Gegensatz zu den Eltern deutscher Kinder, die hauptsächlich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf als Grund für einen Kindergartenbesuch nennen, ist für die Eltern von Kindern mit Migrationshintergrund vor allem der Bedarf nach Sprachförde- rung das Hauptkriterium.5

1.2 Zur Begriffsdefinition „Mehrsprachigkeit“

In der einschlägigen Literatur ist meist von Mehrsprachigkeit die Rede, obwohl die Kinder mit Migrationshintergrund für viele Menschen auf den ersten Blick zweispra­chig sind. Aber diese Sichtweise täuscht, denn jede Sprache besteht aus einem kom­plexen, flexiblen und dynamischen Gefüge von Ausdrucksweisen.6 Hinzu kommen Dialekte, Soziolekte, Fachsprachen und Jugendsprache bzw. Slang. „Eine Sprache ist viele Sprachen“7 und jede hat ihre spezifische Funktion: Sie stellen regionale, so­ziale oder fachliche Milieus her und kennzeichnen sie durch die jeweilige Sprache. „Muttersprachler können je nach Milieu die passenden Ausdrucksweisen wählen (so- ziolinguistische Kompetenz) und zwischen ihnen umschalten (Switching: psycholin- guistische Kompetenz), um dasselbe zu sagen.“8

Allerdings wird Mehrsprachigkeit in einer einsprachigen Umgebung, „die auf das Funktionieren in nur einer Sprache fixiert ist, und eine öffentliche Meinung, die durch die Sichtweise von Personen geprägt ist, die einsprachig aufgewachsen sind, zumin­dest ihrem Verständnis nach“9, zum Problem sowohl für die Kinder als auch für die Institutionen. Dabei bleibt häufig unberücksichtigt, dass mehrere Sprachen zu be­herrschen eine Leistung und eine Aufgabe darstellt und weniger ein Problem. Mehr­sprachig aufwachsende Kinder besitzen besondere Fähigkeiten, die in den Institutio­nen unterschätzt und nicht anerkannt werden. Dazu zählt die Fähigkeit, absichtsvoll zwischen den Sprachen zu wechseln, das so genannte Code-Switching. Dieses Phänomen gilt weit verbreitet immer noch als ein Anzeichen dafür, dass weder die eine, noch die andere Sprache richtig beherrscht wird. Die Kinder werden dann als „doppelt halbsprachig“ bezeichnet. Allerdings entsteht der Sprachwechsel selten durch sprachliche Unkenntnis, sondern es handelt sich um eine besondere Leistung.

Während des Gesprächs, welches durch den geschickten Umgang innerhalb der ver­schiedenen Sprachen unterschiedliche Strategien verfolgt, wie beispielsweise der Markierung eines Themenwechsels oder der Einbeziehung eines neuen Gesprächs­partners, werden die verschiedenen Sprachen bewusst und funktionell eingesetzt. Zudem machen die Kinder durch ihr alltägliches Code-Switching darauf aufmerksam, dass sie die verschiedenen Sprachen nicht voneinander isolieren.

Ferner hat das absichtsvolle Sprachwechseln identitätsstiftende Wirkung. Besonders Jugendliche markieren so ihre Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe. „Mit der Fähigkeit zum Sprachwechsel geht die Fähigkeit zur Sprachtrennung einher.“10 Kin­der, die mehrsprachig aufwachsen, besitzen die Fähigkeit, schon früh die Sprachen unterscheiden zu können und passen sich an ihre Sprachpartner an.

2. Aspekte zur Mehrsprachigkeit in Kindertagesstätten

2.1 Die Bedeutung der Muttersprache

„Der Begriff der Muttersprache ist in der deutschen Tradition stark ideologisch ge­färbt. In der Spracherwerbsforschung von mehrsprachigen Kindern hat er wieder ein Anwendungsfeld gefunden und widersprüchliche Konnotationen erhalten: Sprache der Emotionen und Vertrautheit, aber auch Sprache, die als negative Bedingung für den Deutschspracherwerb gesehen wird, sowie Sprache, die die deutsche Mehrheit zum großen Teil ausschließt.“11

Wie bereits erwähnt, wird Mehrsprachigkeit bei Kindern mit Migrationshintergrund in Kindertageseinrichtungen häufig negativ und als Belastung angesehen. Dadurch wird aber der emotionale, intellektuelle und kommunikative Stellenwert der Muttersprache außer Acht gelassen.

Die Muttersprache hat in den ersten Jahren der Kinder mit Migrationshintergrund „ei­ne entscheidende Funktion auf der emotionalen, intellektuellen und kommunikativen Ebene“,12 denn der aktive Sprachgebrauch und der Spracherwerb der Kinder bezie­hen sich in dieser Zeit fast ausschließlich auf sie. Die Muttersprache ist Bestandteil der gesamten Lebenserfahrungen und ist fest in den Alltag integriert. In ihr findet die Herausbildung von Begriffen statt und sie bietet eine Basis für eine Verallgemeine­rung von Erfahrungen.

Auf der emotionalen Ebene ist die Muttersprache eng verbunden mit elementaren Erlebnissen und Erfahrungen im Zusammenhang mit Beruhigungen, Sorge und Pfle­ge sowie Liebkosungen. Außerdem stellt die Muttersprache eine Verbindung zu den wichtigsten Bezugspersonen dar.

Die Muttersprache ist also das Medium der Kommunikation für die Kinder mit Migra­tionshintergrund. Durch die Weiterentwicklung wird sie zu einem zunehmend wichti­geren Bestandteil der Kommunikation der Kinder. „Kinder im Kindergartenalltag ha­ben sich an die Sprache als ein zuverlässiges Mittel gewöhnt, mit dem sie sich mit ihrer sozialen Umwelt in Beziehung setzen.“13

2.2 Die Bedeutung von Mehrsprachigkeit in der Kindertagesstätte

Da viele Kindergärten einen wichtigen Auftrag in der Vermittlung der deutschen Sprache sehen, sind andere Sprachen meist nicht präsent. Für das Kind bedeutet der Verlust seiner Sprache aber, dass es in seiner Selbstständigkeit und in seinen Kompetenzen weit zurückgeworfen wird. Als Reaktionen der Kinder in der Anfangs­phase des Kindergartens sind dann auch das völlige Verstummen und der Rückzug in die Isolation bzw. die ausschließliche Hinwendung zu Kindern mit gleicher Mutter­sprache oder gar aggressives Verhalten zu beobachten. Diese Phase dauert oft wo­chen- bzw. monatelang an. „Überraschend ist dann für viele Fachkräfte, wenn Kinder nach einer langen Phase der Sprachlosigkeit dann mit einer relativ hoch entwickelten Kompetenz in der deutschen Sprache zu sprechen beginnen.“14 Das Ausprobieren der neuen Sprache im vertrauten familiären Umfeld deutet darauf hin, dass die Kin­der ein Bewusstsein von Sprache entwickeln und sich in der Rolle des sprachlichen Außenseiters wahrnehmen. Die Voraussetzung für den aktiven Gebrauch scheint eine gewisse passiv erworbene Kenntnis der neuen Sprache zu sein.15

Durch den neuen Lebensraum Kindergarten gewinnt die deutsche Sprache zuneh­mend an Bedeutung: Der Kontakt zur Erzieherin und zu den anderen Kindern, Aktivi­täten in der Einrichtung, neue Fähigkeiten und Fertigkeiten, Rituale (Morgenkreis,

[...]


1 vgl. Jampert 2002, S.10

2 vgl. ebd. 2002, S.11

3 vgl. ebd. 2002, S.11

4 vgl. Die Beauftragte der Bundesregierung für Ausländerfragen S. 142

5 Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2003, S.143

6 vgl. Stölting 2005, S.236

7 Stölting 2005, S.236

8 ebd.2005, S.236

9 ebd.2005, S.235

10 Petersen 2007, S.196

11 Jampert 2002, S.78

12 ebd. 2002, S.85

13 ebd. 2002, S.87

14 ebd. 2002, S.88

15 vgl. Jampert 2002, S.88

Details

Seiten
22
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640994755
ISBN (Buch)
9783640995974
Dateigröße
456 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v177750
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg – Pädagogik
Note
1,3
Schlagworte
interkulturelle kommunikation institutionen bedeutung mehrsprachigkeit bildung migrationshintergrund kindertagesstätten Sprachförderung Kinder Deutsch als Fremdsprache Deutsch als Zweitsprache Kindergarten

Autor

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