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Der Deutsche Ostmarkenverein und der Allgemeine Deutsche Schulverein

Produkte oder Katalysatoren preußischer Politik?

Hausarbeit 2011 14 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

I. Einleitung

II. Die preußische Polenpolitik und der Ostmarkenverein

III. Böckh und der Allgemeine Deutsche Schulverein

IV. Fazit I

V. Fazit II

VI. Quellen und Literaturverzeichnis
1. Quellen:
2. Literatur:

I. Einleitung

Der traditionelle preußisch–polnische Konflikt, der seine Ursachen in der Aufteilung des polnischsprachigen Gebietes im 18. Jahrhundert hatte, dauerte bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges an. Die Notwendigkeit einer deutsch-polnischen Nachbarschaft innerhalb eines Staatsgebildes[1] konnte gerade in der wilhelminisch geprägten imperialistischen Ära nicht ohne Konflikte bleiben und erreichte gegen Ende des Krieges ihren Höhepunkt, als die Reichsleitung eine Expansion des Deutschen Machtbereiches in Richtung Osten und weiter in das polnischsprachiges Gebiet in Russland plante.[2]

Historisch gesehen lässt sich die „Kolonialisation“ ostelbischer Gebiete bis in 12. Jahrhundert zurückverfolgen, welche bereits unter Heinrich dem Löwen politisch aktuell war[3]. In der imperialistischen wilhelminischen Ära stand die Ausdehnung des „Deutschtums“ in der Welt im Widerspruch zu der Einengung der deutschen Bevölkerung insbesondere in Posen, wo die polnische Bevölkerung ab den 1880er Jahren weitaus stärker anzuwachsen begann als die deutsche.[4][5] Somit stießen die Deutschen bei ihren Versuchen, Argumente für die Legitimation der preußischen Herrschaft im überwiegend von Polen bewohnten Gebiet zu rechtfertigen, an ihre Grenzen.[6]

Vor diesem Hintergrund erscheint es nicht verwunderlich, dass kurze Zeit nach der Thronbesteigung Kaiser Wilhelms II. im Jahr 1888, als Konsequenz des von ihm getragenen imperialistischen Gedankengutes[7] Vereinigungen entstanden, welche der potentiellen polnischen „Bedrohung“ für die Deutschen im ostelbischen Raum zu begegnen versuchten. Der Allgemeine Deutsche Schulverein und der Deutsche Ostmarkenverein agierten in diese Richtung.

Offen bleibt jedoch zunächst die Frage, inwieweit die Zielsetzungen dieser Vereine mit der preußischen Politik tatsächlich konform waren, und schon Zeitgenossen beschäftigte die Frage: War es „die kräftige Anregung, die der Verein zur Förderung des Deutschthums in den Ostmarken` dem deutschen Nationalgefühl gegeben [hat], oder hat die wiederaufgenommene Repressionspolitik der Regierung schon solchen Erfolg gezeigt?“[8][9][10] Der Forschungsstand bietet uns einen umfangreichen Einblick in die Organisation, Zielsetzung und Handlungsweisen solcher nichtstaatlichen Agitationsvereine, als auch in das bereits ausgiebig erforschte Phänomen des radikalen Nationalismus in der wilhelminischen Epoche. Hervorzuheben ist hier insbesondere das Werk Sabine Grabowskis, die sich bereits intensiv mit dem Deutschen Ostmarkenverein auseinandergesetzt hat. Gerhard Weidenfellers Buch über den Allgemeinen Deutschen Schulverein gehört zweifelsfrei zu den einschlägigsten Beiträgen zu diesem Thema.

In der vorliegenden Arbeit soll untersucht werden, ob die Aktivitäten des Ostmarkenvereines stets im Einvernehmen mit der preußischen Politik stattfanden; war der Verein nur ein Instrument und verlängerter Arm preußischer Politik, oder war er aus einem Volkswillen entstanden, dem eine eigene Dynamik zugrunde lag?

Ferner soll ein Vergleich aufgestellt werden, ob die Lehren des Werkes „ der deutschen Volkszahl und Sprachgebiet “ von Richard Böckh tatsächlich der Agitation des Allgemeinen Deutschen Schulvereins entsprach. Ebenso soll kurz untersucht werden, wo sich der Verein politisch im Reich positionierte.

II. Die preußische Polenpolitik und der Ostmarkenverein

Wenn von preußischer Polenpolitik die Rede ist, muss eine genauere Differenzierung bezüglich der Kanzlerschaft Bismarcks und seiner Nachfolger erfolgen. Die Politik von Bismarcks Nachfolger, Reichskanzler General Leo von Caprivi, war durch Maßnahmen wie beispielsweise einer Erleichterung der Bismarckschen Ausweisungsgesetze gekennzeichnet,[11] welche jedoch weniger auf die Gewinnung von Sympathien bei den Polen ausgerichtet war, sondern darauf, die deutschen ostelbischen Agrarier positiv für Caprivis Politik zu stimmen.[12] Dennoch wurde daraufhin von den Gründungsmitgliedern des Ostmarkenvereins behauptet, dass „die schwächliche Haltung der Staatsregierung gegen die Polen“[13] die Gründung des Vereins notwendig machte[14] ; dies kommt einer Zustimmung des Vereins, der vier Jahre nach der Entlassung Bismarcks ins Leben gerufen wurde, zur antipolnischen Politik des ersten Reichskanzlers gleich.

Um die antipolnische Politik rechtfertigen zu können, scheute man sich nicht davor, zu behaupten, dass die Polen in diesem „erbitterten Kampf“[15] die Absicht hätten, den polnischen Staat bis an die Ostsee wieder entstehen lassen zu wollen[16], denn die Polen seien „patriotisch und nationalistisch gesinnt“[17]. Zur Legitimation der Eigentumsrechte der Deutschen auf die ostelbischen Gebiete berief man sich auch gerne auf historische Begebenheiten, „Weit mehr Dörfer als man glauben möchte, sind wahrscheinlich deutsche Gründungen, da schon im 13. Jahrhundert von den Zisterziensern, […] große Mengen deutscher Ansiedler in das Land gerufen wurden.“[18] Schon zu Bismarcks Regierungszeit wurden dem ersten Reichskanzler Attribute wie national und kolonialfreundlich zugeschrieben[19], was auf eine Identifizierung nationalistischer Vereinigungen mit Bismarck begünstigend gewirkt haben muss. Auch äußerte sich der Kanzler ganz offen darüber, dass er sich über den „schnellen Fortschritt der polnischen Nationalität auf Kosten der Deutschen in Posen und Westpreußen“[20] sorgte. Die bekanntermaßen antipolnische Politik Bismarcks gipfelte in der Gründung der königlich-preußischen Ansiedlungskommission im Jahr 1886[21], die „Preußen zur Verteidigung der Ostmarken“[22] errichtete. Ursächlich hierfür waren wirtschaftliche und soziale Gründe wie beispielsweise die Abwanderung Deutscher aus Ostelbien nach Westdeutschland und nach Übersee.[23] Die Förderung des „Deutschtums“ und somit die Unterdrückung der Polen wurde durch die Schaffung der Ansiedlungskommission offiziel Bestandteil preußischer Politik[24] ; somit lässt sich an diesem Punkt urteilen, dass das preußischer Staatswesen durch die Legitimation der Unterdrückung von Minderheiten eindeutig eine rassisitsche Politik geführt hat. Der 1894 gegründete „Verein zur Förderung des Deutschtums in den Ostmarken“, später umbenannt in „Deutscher Ostmarkenverein“, zielte unter anderem auf die Förderung der deutschen Wirtschaft durch die Vergabe von Krediten und zur Ansiedlung deutscher Arbeitskräfte in Ostelbien ab[25], denn „Deutsche und Polen strebten danach, durch ökonomische Mittel ihre politische Stellung zu stärken, […]“[26]. Tatsächlich gelang es dem Verein, bis 1914 120000 Deutsche im genannten Gebiet anzusiedeln[27]. Identische Bemühungen gingen vom preußischen Staat aus, der im Ansiedlungsgesetzt von 1886 durch einen Fond 100 Millionen RM zur Verfügung stellte[28][29], um aus dem Westen stammende deutsche Siedler zu unterstützen, denn „es soll uns auf ein paar Millionen, ja auf einige Duzend Millionen [Reichsmark] nicht ankommen, wenn nur der Zweck der Germanisation erreicht wird.“[30]. Kam es jedoch zu einem Abdriften antipolnischer Politik in Preußen, war der Ostmarkenverein durchaus in der Lage, sich gegen die Obrigkeit zu emanzipieren; so schrieb die Ostmark 1899, „daß sie [die deutschen Ostmärkler] in dem weiteren Ausbau ihres Zusammenschlusses und in der nachhaltigen Förderung deutscher Art nimmer rasten dürfen, ohne Rücksicht darauf, welche Männer gerade das Staatsschiff steuern.“[31]

[...]


[1] Vgl. Grabowski, S. 22.

[2] Vgl. Ulrich, S. 537.

[3] Vgl. Knopp, S. 98.

[4] Vgl. Grabowski, S. 24.

[5] Vgl. Mitscherlich S. 187.

[6] Vgl. Engeldinger, S. 74.

[7] Vgl. Ulrich, S. 144.

[8] Vgl. Delbrück, Bd. 93, S. 187.

[9] Mit „Erfolg“ sind die Manatsverluste der Polen bei den Wahlen von 1898 gemeint.

[10] Der „Verein zur Förderung des Deutschthums in den Ostmarken“ wurde 1899 in „Deutscher Ostmarkenverein umbenannt.

[11] Vgl. Widdern, Cardinal von, S. 34.

[12] Vgl, Grabowski, S. 33.

[13] Widdern, Cardinal von, S. 12.

[14] Vgl. Grabowski, S. 28.

[15] Huret, S. 418.

[16] Ebd.

[17] Ebd.

[18] Bock, S. 167.

[19] Vgl. Schilling, Konrad, S.21.

[20] Bismarck, Otto Fürst von, Bd.2, S.127.

[21] Vgl. Winkler, S. 252.

[22] Widdern, Cardinal von, S. 63.

[23] Vgl. Winkler S. 252.

[24] Ebd. S. 253.

[25] Vgl. Grabowski, S. 107.

[26] Mitscherlich, S. 7.

[27] Vgl. Winkler, S. 253.

[28] Vgl. Mai, S. 123.

[29] Vgl. Huret S. 420.

[30] Delbrück, Bd. 93, S. 580.

[31] Die Ostmark, S.69.

Details

Seiten
14
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640996308
ISBN (Buch)
9783640996544
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v177790
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,7
Schlagworte
deutsche ostmarkenverein allgemeine schulverein produkte katalysatoren politik

Autor

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Titel: Der Deutsche Ostmarkenverein und der Allgemeine Deutsche Schulverein