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Günther Anders und „Die Antiquiertheit des Menschen“

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 19 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Antiquiertheit des Menschen

3. Konzept und Kritik

4. Resümee

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Die Antiquiertheit des Menschen“ von GüntherAnders trägt den passenden Untertitel „Über die Seele im Zeitalter der zweiten Industriellen Revolution“. Die zweite Industrielle Revolution bezeichnet für Anders in diesem Zusammenhang das Zeitalter der Moderne, in dem technische Innovationen wie Fernsehen und Radio ebenso wie Automobile und Flugreisen beginnen zum alltäglichen Erscheinungsbild der Welt zu gehören. Da die zu behandelnden Phänomene hauptsächlich durch diese Modernisierung verursacht werden, liegt nachvollziehbarer Weise der Fokus auf den westlichen Industrienationen, insbesondere den Vereinigten Staaten, auch wenn im Folgenden von „Welt“ gesprochen wird. Denn gerade hier, so glaubt Anders zu erkennen, schreitet die „Entmenschlichung“ und „Entindividualisierung“ des Menschen ebenso rasch wie unbemerkt voran. Den durch die Technik induzierten Veränderungen und Gefahren widmet Anders diesen Text. Ausführlich und überaus gewandt deckt er die manipulativen Eigenschaften, vorrangig der Medien, auf und stellt die Frage, ob die Technik denn wirklich bloßes Mittel zum wertneutralen Gebrauch sein kann oder ob mit ihr nicht doch immer schon Zwecke einhergehen. Diese sehr interessante Arbeit macht unvergleichlich eindrücklich, wie groß das Prometheische Gefälle, die Kluft zwischen technischer Innovation und moralischer und normativerAnpassung, sein kann; oder besser: sein könnte.

„Die Antiquiertheit des Menschen“ ist in einer Art und Weise verfasst, die die behandelten Inhalte dem Rezipienten möglichst Intensiv zu Bewusstsein kommen lassen will.

Ob und wie Anders Kritik an der modernen Menschheit gerechtfertigt ist, soll in dieser Arbeit untersucht werden. Zunächst werden hierzu die wichtigsten Punkte seiner Theorie nachvollzogen, um anschließend kritisch betrachtet zu werden.

2. Die Antiquiertheit des Menschen

Die Antiquiertheit des Menschen gilt als eines der Hauptwerke Anders und ist, geprägt von den Jahren seines Exils in Amerika, 1956 erschienen. Der erste Teil, um den es an dieser Stelle gehen soll, trägt den bezeichnenden Untertitel „Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution“ und enthält hauptsächlich eine philosophische Reflexion über die Natur des Menschen und der menschlichen Gesellschaft in einem Zeitalter des Rundfunks und Fernsehens. Den ersten Paragraphen leitet Anders mit der Feststellung ein, dass die unüberlegte Unterscheidung der Dinge, namentlich Fernsehen und Rundfunk, in Mittel und Zwecke, bzw. Mittel zum Zwecke, nicht zutreffend sei.[1] Vielmehr sei es ein Irrglaube, uns der Technik nur als Mittel bedienen zu können, da die vermeintlichen Mittel uns bereits maßgeblich mit prägen und verändern. Die gesamte Schrift, erklärt Anders, solle denjenigen zur Erklärung dienen, die sich nach oder während einer Sendung einmal gefragt haben: „Was tue ich da eigentlich?“ bzw. „Was tut man mir da eigentlich?“[2] Bereits hier zeigt sich die Grundtendenz, die sich durch das ganze Thema ziehen wird, die „neuen Medien“ Rundfunk und Fernsehen als finstere Machtkomplexe hinzustellen, die uns, gleichsam beseelt, als mit scheinbarem Eigenwillen versehene Kräfte, entgegentreten und denen wir als Menschen der Moderne beinahe schutzlos ausgeliefert sind. Diese Darstellung wird uns noch häufiger begegnen.

Kennzeichnend für die Radio- und TV-Industrie sei es, dass sie als Massenware produziert würden und vor allem auch als Massenware konsumiert werden wöllten, denn nichts widerspräche der Absicht hinter alldem mehr, als die gemeinschaftliche Konsumierung einer Ware durch viele Konsumenten.[3] Zugleich wären die Medien bestrebt nicht nur die Ware en masse an den Mann zu bringen, sondern gleichsam den Konsumenten, degeneriert zu einer von Anderen isolierten Art von Eremit, zum unbezahlten Mitarbeiter an der Produktion von „Masseneremiten“ seinesgleichen zu machen.[4] „[...] [Der Konsument] zahlt also dafür, daß er sich selbst verkauft; selbst seine Unfreiheit, sogar die, die er mit herstellt, muß er, da auch diese zur Ware geworden ist, käuflich erwerben.“[5] Die Medien wollen den Menschen zum isolierten Konsumsklaven degradieren, welches sie bewusst dadurch anstreben, dass die Entprägung und Entmachtung des Individuums durch den scheinbaren Erhalt des Rechtes der Persönlichkeit und der Individualität verschleiert wird.[6] Dass dieser Prozess auch familiären Verhältnissen abträglich sein muss, ist nur folgerichtig. Sobald ein TV Gerät in einen Familienhaushalt Einzug gehalten hat, ist es unumschränkter Herrscher und bewirkt, dass die familiäre Privatheit zerfällt und das Heim zum bloßen „Container“ degradiert wird, dessen Funktion sich darin erschöpft den Bildschirm für die Außenwelt zu enthalten.[7] Das unbewusste Ziel familiärer Zusammenkünfte vor dem Fernsehapparat, und zu nichts anderem trifft man sich laut Anders mehr, ist das Erlöschen der Gemeinsamkeit.[8] Die Schlussfolgerung, dass derjenige, der ins TV Gerät sieht, nicht mehr gesehen wird, also ein Eremit wird, überträgt Anders auch auf Rundfunkempfänger. Da die Geräte uns das Sprechen abnehmen, verlernen wir dadurch gleichsam die Sprache und werden stumme Zuhörer. Und da wir weder eine Gegenrede zum Radio halten können noch wollen, werden wir damit „nur Hörende“, also „Hörige“.[9] Dem Umstand, dass im Fernsehen Ereignisse aus aller Welt gezeigt werden können, widmet Anders besondere Aufmerksamkeit und stellt dazu einige Thesen auf, welche hier kurz zusammengefasst werden sollen: Da die Welt auf diese Weise zu uns kommt, sind wir kaum noch mehr als deren schlaraffenlandartige Konsumenten.[10] Da uns nur Abbilder geliefert werden, sind diese phantomhaft, also halb an- und abwesend. Da wir über die ganze gelieferte Welt verfügen, sind wir Inhaber gottähnlicher Macht, wiewohl gleichzeitig der Interaktion beraubt, mundtot, bloße

Voyeure und unfrei.[11] Ein Ereignis, das gesendet wird, verliert seine Eigenschaft ein wirkliches und singuläres Ereignis zu sein, und verkommt stattdessen zur bloßen Ware.[12] Da dieser Ware aber eine gewisse soziale Wichtigkeit beigemessen wird, wird der Unterschied zwischen Bild und Wirklichkeit aufgehoben.[13] Wenn nun aber die Reproduktion sozial wichtiger ist, als die Vorlage, so muss die Vorlage sich zwangsläufig an ihrer Reproduktion orientieren und zur bloßen Matrize für diese werden.[14]

Durch die Sendung gelangt die Welt zu uns, statt wir zu ihr. Damit ist die Notwendigkeit des Erfahrens der Welt, indem wir uns zu ihr hin begeben, nicht länger Notwendigkeit, sondern höchstens noch lästiges Übel.[15] Dies fügt dem Dasein des sprachlosen und ungesehen Eremiten eine weitere degenerative Komponente hinzu, da uns dadurch nicht nur die Kenntnis der wirklichen Welt abhanden kommt, sondern auch die Fähigkeit sie zu erfahren.

Durch das Aufzeigen der Folgen der neuen Technik wird in drastischen Tönen ein negatives Bild des modernen Menschen gezeichnet, der der Welt völlig entfremdet ist. Und dahinter steckt durchaus Methode. Durch die Verbiederung bzw. Anbiederung dessen, was uns im TV gezeigt wird, soll dieser Inhalt als „echt“ gelten. Es ist dessen Ziel das eigentlich „Echte“ zur bereits erwähnten Matrize für die „neue Wirklichkeit“ herab zu stufen, so dass dieses uns umso einfacher erreichen und umhüllen kann: „Der Effekt der vorgeblich den Gegenstand nahebringenden Methode läuft also gerade darauf hinaus, den Gegenstand zu verdecken: ihn zu verfremden oder geradezu abzuschaffen. Jawohl, abzuschaffen.“[16] DieserVorgang ist laut Anders höchst betrügerisch, da das Gezeigte sich alle Mühe gibt, sich als das hinzustellen, aus dem es eigentlich entstanden war.[17]

Dem Phänomen, dass das Gesendete eine scheinbar merkwürdige Zwielichtexistenz führt, widmet Anders besondere Aufmerksamkeit. Er nennt dieses Phänomen „Phantom“ und die Phantomhaftigkeit ist ihm aufgrund seiner ontologischen Zweideutigkeit zu eigen.[18] Jene liegt darin begründet, dass sie im Gegensatz zu anderen Bildern und Abbildern kein Zeitgefälle mehr zum gezeigten Gegenstand aufweisen, sondern zeitgleich mit ihm auftauchen und auch wieder verschwinden, gerade so als wären sie gegenwärtig und real, zudem die Sendung alles tut um den verbliebenen Grat zwischen echtem Ereignis und sich selbst zu verschleiern.[19] Da die Sendung aber doch nicht gänzlich das gezeigte Ereignis sein kann, die Gesamtheit der reproduzierten Waren nicht zugleich die eigene Mat]rize sein kann, sind die Sendungen in ihrem Spagat zwischen Sein und Schein, im Phantomhaften, gefangen. Um die Entfremdung des Konsumenten voran zu treiben, bedienen sich diese Phantome nicht nur des Ausgebens als tatsächliche Wirklichkeit und der Isolierung des Konsumenten, sondern sie fördern auch gezielt eine „künstliche Schizophrenie“.[20] Der moderne Mensch lechzt förmlich, gleich einem von zerstörerischen Drogen Abhängigen, danach, jedes einzelne seiner Organe und jeden einzelnen Sinn beschäftigt zu halten, aus Angst, dass er zu sich selbst fände und seine Entfremdung bemerkte, würde er nicht stetig beschäftigt sein. Diesem „horror vacui“ wird durch die Medien aufs vortrefflichste Vorschub geleistet, durch die schiere Vielfalt ihrer Erscheinungsformen, sowie ihrer Eigenart eine scheinbare Omnipräsenz, und damit Ablenkung, zu gewährleisten.[21] Der moderne Mensch wird absichtlich „zerstreut“ und dadurch zur Schizophrenie angehalten.

Die Unentschiedenheit zwischen Sein und Schein machen sich die Phantome noch auf eine weitere Art und Weise zu nutze. Dadurch, dass im TV oder Radio verhältnismäßig einfach eine fiktive Begebenheit konstruiert werden kann und eine reale Begebenheit durch die Sendung derselben zum Phantom verkommt, verwischt der Unterschied zwischen beiden.

[...]


[1] 'Vgl. Anders, Günther, Die Antiquiertheit des Menschen, S. 99.

[2] Vgl. Ebd., S. 101.

[3] Vgl. Ebd.

[4] Vgl. Ebd., S. 103.

[5] Ebd.

[6] Vgl. Ebd., S. 104.

[7] Vgl. Ebd., S. 105.

[8] Vgl. Ebd., S. 107.

[9] Vgl. Ebd., S. 109.

[10] Vgl. Ebd., S.111.

[11] “Vgl. Ebd.

[12] Vgl. Ebd.

[13] Vgl. Ebd.

[14] Vgl. Ebd.

[15] Vgl. Ebd., S. 115.

[16] Ebd., S. 120.

[17] Vgl. Ebd., S. 122.

[18] Vgl. Ebd., S. 131.

[19] Vgl. Ebd., S. 132 f.

[20] Vgl. Ebd., S. 137.

[21] Vgl. Ebd., S. 137 f.

Details

Seiten
19
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656008224
ISBN (Buch)
9783656008392
Dateigröße
464 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v177839
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Philosophie
Note
1,7
Schlagworte
Günther Anders Antiqiertheit des Menschen Modernisierung Industrialisierung Konsumgesellschaft Medienkritik prometheisches Gefälle

Autor

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Titel: Günther Anders und „Die Antiquiertheit des Menschen“