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Die Akzeptanz von Ganztagsschulen bei Mehrkindfamilien

Welche Motive einer Mehrfachmutter sprechen gegen eine Anmeldung an einer Ganztagsschule?

Hausarbeit 2011 18 Seiten

Pädagogik - Schulwesen, Bildungs- u. Schulpolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entwicklung der Forschungsfrage und der Hypothesen
2.1 Hypothesen
2.2 Begrifflichkeiten

3. Methoden
3.1 Qualitative Sozialforschung
3.2 Problemzentriertes Interview nach Witzel
3.3 Grounded Theory

4. Feldzugang und Erhebung der Daten
4.1 Feldzugang und Sampling
4.2 Interviewdurchführung
4.3 Transkription

5. Auswertung der Ergebnisse

6. Fazit und Ausblick

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Betrachtet man die Haushaltsgröße, so zeigt sich, dass der Anteil an Einzelkin- dern, die den Ganztag besuchen, höher ist als aus Mehrkindfamilien.“ (Prein u.a., S. 85), daher wird vermutet, dass die Entscheidung für oder gegen eine Anmel- dung des Kindes an einer Ganztagsschule von der Vereinbarkeit von Beruf und Familie und vom Umfang der Erwerbstätigkeit abhängen (vgl. ebd.). Zu beachten ist aber auch, dass die Ganztagsschule für einen Teil der Eltern „auf Grund der spezifischen historischen Traditionen des reformpädagogischen Diskurses über ganztägige Beschulung in Deutschland keine Schule für alle“ (Reh, S.69) ist. Oft wird unterstellt, „Eltern seien nicht mehr in der Lage, die erziehlichen Aufgaben zu übernehmen“. In der Ganztagsschule sollen spezifische familiäre Defizite kom- pensiert werden. Es geht darum, Bildungsdefizite und bildungsarme Milieus zu kompensieren, damit Kinder, die keine ausreichende schulisch relevante Förde- rung in den Familien erhalten, im Hinblick auf das Erreichen schulischer Ab- schlüsse nicht benachteiligt werden. (vgl. ebd. S. 68). Viele Eltern halten die Ganztagsschule daher zwar für nötig, aber eben nur für soziale Notlagen und für Eltern, die „aus welchen Gründen auch immer - nicht für einen guten, den grund- sätzlich möglichen gesellschaftlichen Stand der „Humanvermögensbildung“ ent- sprechenden Umgang mit ihren Kinder sorgen können.“ (Reh, S.69) , aber nicht für die eigenen Kinder. Die ganztägige Betreuung von Kindern in der Schule ist also in Deutschland immer noch mit einer Abwertung von Familien bestimmter Milieus verbunden und behindert so den Kompensationsgedanken. (vgl. ebd.).

Hier findet sich eine Forschungslücke, die als Ansatz für die hier vorliegende Hausarbeit dient. Welche weiteren Faktoren spielen eine Rolle dabei, dass sich eine Mutter gegen die Anmeldung ihres Kindes/ihrer Kinder an einer Ganztags- schule entscheidet? Welche Rolle spielen ihre eigenen Kindheits-/Schulerfahrung- en und ihr „Familienverständnis“? Welche anderen Bildungsangebote zieht sie vor bzw. nutzt sie und warum?

2. Entwicklung der Forschungsfrage und Hypothesen

„Beobachtungen bilden gewissermaßen den Beginn der empirischen Sozial- forschung. Viele Forschungen gehen auf irritierende Anfangsbeobachtungen zu- rück, an die sich gezielte methodische Erhebungen sowie theoretische Erklärungen anschließen.“ (Brüsemeister, 2011, S.25). Im Jahr 2010 beobachtete man, dass sich die gesamte Elternschaft einer Klasse geweigert hat, ihre Kinder auf eine Schule zu schicken, die seit dem Schuljahr 2007/08 mit der Genehmigung des Kultusmi- nisteriums Baden-Württemberg eine vorläufig teilgebundenen Form des Ganz- tagsbetriebs eingeführt hatte. Seither wurde die Schule schrittweise zur vollgebun- denen Ganztagsschule ausgebaut. Im Schuljahr 2010/11 wurden an der Schule ca. 430 Kinder in zwanzig Klassen von 20 Klassenlehrern und 13 Fachlehrern1 unter- richtet. Viele Eltern, deren Kinder im Schuljahr 2011/2012 in die Schule kommen sollen, haben sich dennoch wieder dagegen gewehrt, ihr Kind auf diese Schule zu schicken. Schließlich wurden die Schulbezirke innerhalb der Stadt aufgehoben und die Eltern können jetzt "frei" wählen in welche Schule ihr Kind geht. Auffallend dabei war der hohe Anteil von Mehrkindfamilien, die das Angebot der Ganztags- schule ablehnten, woraus sich die Forschungsfrage entwickelte.

Mit der „Einführung der Ganztagsschule (sollen) die Familien gestärkt und Eltern darin unterstützt werden, die für sie jeweils bestmögliche Balance zwischen Fami- lientätigkeit und Erwerbstätigkeit zu finden. Damit die Ganztagsschule die an sie gestellten Erwartungen erfüllen kann, muss eine Reihe von Voraussetzungen ge- geben sein, die sich auf die Gestaltung ganztägiger Bildungs-, Betreuungs- und Erziehungsangebote insbesondere aus der Perspektive der betroffenen Kinder und Jugendlichen sowie der Eltern beziehen.“ (Bundesministerium für Familien, Seni- oren, Frauen und Jugend, S. 4). Somit stellt sich die Frage nach welchem Prinzip Eltern ihre Entscheidung treffen und ein solches Angebot ablehnen?

Nach Hartmut Esser müssen soziale Prozesse als Folge verschiedener Ursachen erklärt werden. Dazu ist Folgendes zu beachten: 1. „Logik der Situation“: Sie ver- bindet „die Erwartungen und die Bewertungen des Akteurs mit den Alternativen und den Bedingungen in der Situation“. 2. Die „Logik der Selektion“: Sie ver- knüpft „die Akteure und das soziale Handeln“, nach dem Akteure je nach Situation eine „bestimmte Alternative“ wählen. 3. „Die Logik der Aggregation“: Sie führt zur „Verknüpfung zwischen den individuellen Handlungen und den kollektiven Folgen - dem eigentlich interessierenden soziologischen Explanandum“ (Esser, 1999, S.94ff). Das „Ziel ist es, theoretische Erklärungen für die beobachteten sozi- alen Phänomene zu finden.“ (Brüsemeister, 2011, S.28). Aus einer soziologischen Perspektive und mit Hilfe des problemzentrierten Interviews nach Witzel soll hier versucht werden die Motive einer Mutter mit mehreren Kindern eine Entscheidung gegen eine Anmeldung an einer Ganztagsschule zu treffen, zu erklären. Die For- schungsfrage lautet dementsprechend:

Welche Motive einer Mehrfachmutter sprechen gegen eine Anmeldung an einer Ganztagsschule?

Die Formulierung der Fragestellung beeinflusst das gesamte Forschungsdesign. Sie darf daher weder zu breit noch zu eng gehalten werden. Ist sie zu breit gehal- ten, gibt sie keine „Orientierung bei der Planung und Umsetzung der Studie“. (Flick, 2010, S.259). Eine zu eng gehaltene Fragestellung verhindert dagegen eher die „Entdeckung des Neuen“ (siehe Flick, ebd.). „Fragestellungen sollten so for- muliert werden, dass sie (im Rahmen der geplanten Studie und mit den zur Verfü- gung stehenden Ressourcen) beantwortbar sind“ (Flick, 2010, S. 259).

„Die Begriffe „Überprüfung“ und „Entdeckung“ bezeichnen den Hauptunter- schied, aus dem sich alle weiteren Unterschiede zwischen den Methoden ergeben.“ (Brüsemeister, 2011, S.28). Da in diesem bestimmten Fall noch keine Theorie be- steht, die das Entscheidungsverhalten der Mehrfachmütter hinreichend erklärt und es noch keine Studie gibt, die Antworten auf die Forschungsfrage geben könnte, könnte hier also Neues entdeckt werden. Qualitative Forschung kann offen „für das Neue im Untersuchten, das Unbekannte im scheinbar Bekannten“ sein (Flick, 2010. S. 17). Aus diesem Grund wurde ein qualitatives Forschungsdesign gewählt.

2.1 Hypothesen

Da das Vorwissen des Forschenden durch Hypothesen auf bestimmte Aspekte festgeschrieben wird, besteht die Gefahr, dass die „Angemessenheit der vom For- scher verwendeten Kategorien und seine Offenheit für das potentiell ‚Andere‘ des Forschungsfeldes“ (Flick, 2010, S.267) nicht mehr sichergestellt ist. Aus diesem Grund „lehnt man hier überwiegend die Formulierung von Ex-ante-Hypothesen ab“ (Flick, 2010, S.266). „Natürlich gehen qualitative ForscherInnen niemals mit ganz leeren Händen in ein Untersuchungsfeld“ (Brüsemeister, 2011, S.32).

Hypothesen dienen in der qualitativen Forschung dazu die Forscherinnen in eine ungefähre Richtung zu lenken (Brüsemeister, 2011, S.31), aber nicht zur Überprüfung einer bereits bestehenden Theorie.

Die vorläufigen Hypothesen lauten daher:

H1: Die Entscheidung gegen eine Anmeldung an der Ganztagsschule resultiert aus eigenen Kindheits-/Schulerfahrungen.

H2: Die Entscheidung gegen eine Anmeldung an der Ganztagsschule hängt von der Möglichkeit der Nutzung anderer individueller bzw. spezifischer Bildungsan- gebote ab.

H3: Die Entscheidung gegen eine Anmeldung an der Ganztagsschule resultiert aus dem „Familienverständnis“ der Mutter.

2.2 Begrifflichkeiten

Es gibt verschiedene Definitionen für Familien mit mehreren Kindern. Ab welcher Anzahl von Kindern man von einer kleinen bzw. großen Familie spricht, hängt stark von Kultur und Epoche ab. Heutzutage hat die deutsche Normfamilie in der Regel ein bis zwei Kinder. Im Rahmen dieser Arbeit wird unter Mehrkindfamilie eine Familie verstanden, ein (Eltern-)Paar mit mindestens zwei im Haushalt leben- den Kindern.

Der Begriff Ganztagsschule wird von der Kultusministerkonferenz wie folgt definiert: „Unter Ganztagsschulen werden Schulen verstanden, bei denen im Primaroder Sekundarbereich I

- über den vormittäglichen Unterricht hinaus an mindestens drei Tagen in der Woche ein ganztägiges Angebot für die Schülerinnen und Schüler bereitgestellt wird, das täglich mindestens sieben Zeitstunden umfasst,
- an allen Tagen des Ganztagsbetriebs den teilnehmenden Schülerinnen und Schülern ein Mittagessen bereitgestellt wird, die nachmittäglichen Angebote unter der Aufsicht und Verantwortung der Schul- leitung organisiert und in enger Kooperation mit der Schulleitung durchgeführt werden und in einem konzeptionellen Zusammenhang mit dem Vormittagsunter- richt stehen.

Es werden drei Formen unterschieden:

In der voll gebundenen Form sind die Schülerinnen und Schüler verpflichtet, an mindestens drei Wochentagen für jeweils mindestens sieben Zeitstunden an den ganztägigen Angeboten der Schule teilzunehmen.

In der teilweise gebundenen Form verpflichtet sich ein Teil der Schülerinnen und Schüler an mindestens drei Wochentagen für jeweils mindestens sieben Zeitstun- den an den ganztägigen Angeboten der Schule teilzunehmen. In der offenen Form ist ein Aufenthalt verbunden mit einem Bildungs- und Betreuungsangebot in der Schule an mindestens drei Wochentagen von täglich mindestens sieben Zeitstun- den für die Schülerinnen und Schüler möglich. Die Teilnahme an den ganztägigen Angeboten ist jeweils durch die Schülerinnen und Schüler oder deren Erziehungs- berechtigte für mindestens ein Schulhalbjahr verbindlich zu erklären." (KMK, 2003, S.4)

3. Methoden

„Qualitative Forschung hat den Anspruch, Lebenswelten ‚von innen heraus‘ aus der Sicht der handelnden Menschen zu beschreiben. Damit will sie zu einem bes- seren Verständnis sozialer Wirklichkeit(en) beitragen und auf Abläufe, Deutungs- muster und Strukturmerkmale aufmerksam machen.“ (Flick, 2010, S.14)

[...]


1 Anmerkung: Die Anzahl der weiblichen Lehrbeauftragten überwiegt stark: 3 Klassenlehrer / 17 Klassenlehrerinnen, 2 Fachlehrer / 11 Fachlehrerinnen

Details

Seiten
18
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640999781
ISBN (Buch)
9783640999972
Dateigröße
450 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v177993
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
2.0
Schlagworte
Modul 2A Ganztagsschule Empirische Bildungswissenschaft Fernuni Hagen qualitative Forschung Methoden

Autor

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