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Gewalt im Geschlechterverhältnis in der Literatur des Mittelalters und der Gegenwart

Eine Textanalyse des "Erec" mit Unterrichtsvorschlägen für die Oberstufe

Hausarbeit 2011 16 Seiten

Germanistik - Didaktik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Männliche Gewalt an Frauen im Erec: eine Textanalyse ausgewählter Szenen
2.1. Hoffräulein und Zwerg
2.2 Enite und Erec
2.3. Enite und Oringles
2.4. Zusammenfassung der Textanalyse

3. Männliche Gewalt gegen Frauen in der Literatur des Mittelalters und der Gegenwart: Vorschläge zur unterrichtlichen Umsetzung
3.1 Vermittlung von Literatur des Mittelalters im Schulunterricht
3.2 Ältere und Gegenwartsliteratur
3.3 Zusammenfassung

4.Literaturverzeichnis

1. Einführung

Gewalt im Geschlechterverhältnis meint nach Carol Hagemann-White „jede Verletzung der körperlichen oder seelischen Integrität einer Person, welche mit der Geschlechtlichkeit des Opfers und des Täters zusammenhängt und unter Ausnutzung eines Machtverhältnisses durch die strukturell stärkere Person zugefügt wird“.[1] In als westlich bekannten Gesellschaften ist besonders das Bild des körperlich gewalttätigen Mannes und der psychische Gewalt ausübenden Frau verbreitet, wobei das Wort „Gewalt“ trotz zahlreicher weiblicher Beispiele, die sich mit Männern in dieser Disziplin ohne Scham messen können, noch immer mit Männlichkeit verbunden zu sein scheint.

Im Gegensatz zu anderen Ausprägungen von Gewalt wie Mobbing, Amok oder rechts- und linksextremer Gewalt, welche Phänomene der Gegenwart zu sein scheinen, kehrt Gewalt im Geschlechterverhältnis in der Menschheitsgeschichte konstant wieder. Vor allem in der Literatur, welche sich wie jede Kunstform als Spiegel ihrer jeweiligen Zeit verstehen darf, ist Gewalt im Geschlechterverhältnis ein beliebtes Motiv: Neben der Gegenwartsliteratur und Werken wie Tiger, Tiger von Margaux Fragoso taucht sie in der Neueren deutschen Literatur bei Heinrich von Kleists Penthesilea, in Johann Wolfgang Goethes Heidenröslein oder gar in den Kinder- und Hausmärchen Jakob und Wilhelm Grimms auf. Zur Verdeutlichung der Konstanz von Geschlechter-Gewalt als literarischem Motiv bietet sich aber auch die Betrachtung von Texten der Älteren deutschen Literatur an. Hier finden sich sowohl Beispiele für weibliche als auch für männliche Gewalt in ausuferndem Ausmaß: Während Isoldes Mordanschlag auf Bragäne in Gottfrieds von Straßburg Tristan noch vereitelt werden kann und von ihr zutiefst bereut wird, erklärt Brünhild im Nibelungenlied weibliche physische Gewalt an ihrem Hof in Island zur Normalität, und Kriemhild stachelt beständig Ritter zum Kampf auf und greift schließlich selbst zum Schwert, um den Helden Hagen zu enthaupten. Männliche Gewalt in der deutschen Literatur des Mittelalters bedarf sicher keiner Illustrierung durch Beispiele: Sie ist in jener Epoche allgegenwärtig, unangefochten und zur Legitimierung von Sicherheit garantierender Hierarchie notwendig.

Ein Vergleich von Literatur des Mittelalters und Literatur der Gegenwart vermag neben der Allgegenwärtigkeit des Phänomens Gewalt im Geschlechterverhältnis aber vor allem auch dessen unterschiedliche Darstellung in der Literatur und vermeintliche Unterschiede oder Gemeinsamkeiten der hier portraitierten Gesellschaften zu Tage bringen. Besonders für den Unterricht in der Oberstufe kann ein solcher Exkurs äußerst belebend sein und Fragen aufwerfen, die über flüchtige Alltagsbetrachtungen zu Annahmen über Gründe für Geschlechtergewalt, geschlechtliche Unterdrückung oder geschlechterspezifischen Ausprägungen von Gewalt führen. Darüber hinaus kann durch diesen Vergleich das in deutschen Schulen eher unbeliebte Thema der Mittelalterliteratur eingebracht werden, ohne das potentielle Interesse der Schüler an eher fremden Werken vorab durch aufwendige theoretische Vorbereitungen wie Einführungen in die Sprachgeschichte oder Epochenüberblicken möglicherweise abzutöten.

Als Beispiel für männliche Gewalt gegen Frauen bietet sich Erec von Hartmann von Aue besonders an. Gleich zu Beginn der âventiure -Fahrt Erecs wird ein Hoffräulein von einem ungehobelten Zwerg übel mit der Peitsche zugerichtet. Die Gewalt gegen weibliche Figuren wird vom Held des Artus-Romans fortgesetzt: Der frisch gebackene Ehemann Erec droht seiner Frau Enite mehrmals Gewalt an und lässt sie schwere körperliche Arbeiten verrichten, welche diese ohne Widerstand erduldet. Zu allem Überfluss muss sich Enite vom Grafen Oringles auch noch vor dessen versammelten Hofe ins Gesicht schlagen lassen, ehe sie von ihrem Mann gerettet wird und Erec sich bei ihr für vergangenes Unrecht entschuldigt.

Um Erec im Unterricht behandeln zu können, müssen jene drei Szenen vorerst sorgfältig analysiert werden; auf Grundlage der Textanalyse können dann Vorschläge für eine unterrichtliche Umsetzung des Textes und des Themas erstellt werden. Die folgende Arbeit orientiert sich somit an jener Gliederung:

2. Männliche Gewalt an Frauen im Erec: eine Textanalyse ausgewählter Szenen

Im Erec wird männliche Gewalt gegen Frauen an den eingangs bereits beschriebenen Stellen dargestellt. In der folgenden Analyse sollen die Gewalt gegen das Hoffräulein durch den Zwerg, gegen Enite durch Erec und gegen Enite durch den Grafen Oringles in ihrer Art der Darstellung und ihrer Form bestimmt werden. Um Rückschlüsse auf die Wahrnehmung des Phänomens Gewalt im Geschlechterverhältnis im Mittelalter ziehen zu können, sollen zudem die Einstellung der Figuren und des Erzählers zu jener Gewaltausprägung beobachtet werden.

2.1. Hoffräulein und Zwerg

Da sie wissen möchte, wer der Ritter ist, der, begleitet von einer schönen Frau und einem Zwerg, in Eile durch ihr Land reitet, schickt Ginover, die Frau des König Artus, ihr Hoffräulein zu ihm. Es sei betont, dass Erec sich aufdrängt, diesen Dienst an der Zofe statt zu übernehmen, und dennoch von der Königin abgelehnt wird. Der Grund hierfür mag darin liegen, dass eine höfische Dame, ganz im Gegensatz zum Ritter Erec, als Zeichen friedvoller Absicht gilt. Tatsächlich wird auch wiederholt jene gewaltlose Form des Kommunikationsversuchs vom Autor betont: Das Fräulein spricht den Zwerg mit zühten (V.31)[2] an und betont auch die friedvolle Absicht der Königin (mugget ir mich daz wizzen lân, / âne schaden ir daz tuot, V.42-43). Nachdem der Zwerg das Fräulein zurückweist, und diese den Versuch unternimmt, zu dem Ritter vorzudringen, schlägt er sie mit seiner Peitsche über huobet und über hende (V.56). Bei der Beschreibung jenes Ereignisses wechselt die Fokalisierung vom Zwerg und dem Fräulein zu Erec und Ginover, welche von weitem den Vorgang beobachten. Nur so kann die physische und offensichtlich willkürliche Gewalt gegen die Hofdame von Erec und Ginover als missewende (V.57) bewertet werden. Als die Zofe zur Königin zurückkehrt, wird, durch das Mittel des Fokalisierungswechsels, die Auswirkung der Gewalt betrachtet und darüber hinaus als Zeichen gewertet: Das Hoffräulein zeigt Ginover, wie heftig sie geschlagen worden ist (V.59-62), und die Königin beklagt heftig, dass sie muoste ane sehen jener Vorfall (V.63-65). Aus jenen Versen lässt sich schließen, dass die Gewalt des Zwerges gegen das schutzlose Fräulein schändlich und unangemessen ist, und Ginover nun, da sie Zeugin des Ereignisses geworden ist, zu einer Handlung zwingt. Auch Erec ist dadurch, dass er den Verstoß des Zwerges gegen höfische Regeln bezeugt hat, zum Handeln gezwungen. Gleichzeitig beschreibt der Erzähler in der festen Fokalisierung auf Erec das korrekte Verhalten angesichts von Gewalt starker Männer gegen höfische Frauen:

Êrec dô ahten began,
der ritter enwære dehein vrum man,
daz er ez vor im vertruoc
daz sîn getwerc die maget sluoc.

(V.66-69).

Erec reitet nun, diesmal mit Erlaubnis der Königin, zum Zwerg, um Auskunft über die Identität des Ritters zu bekommen und um den Zwerg zur Rede zu stellen. Abermals offenbart die Figurenrede des Protagonisten die höfisch geprägte Haltung zu Gewalt gegen Frauen. Laut Erec habe der Zwerg sich missetân und er hätte die zuht nicht beachtet (V.78-79). Daraufhin erleidet Erec, der so ungeschützt und unbewaffnet wie das Fräulein ist, das gleiche Schicksal wie sie, weshalb er die Königin verlässt, um den Ritter und sein Gefolge zu stellen.

[...]


[1] Hagemann-White, Carol: Strategien gegen Gewalt im Geschlechterverhältnis. Bestandsanalyse und Perspektiven. Pfaffenweiler 1992, S.23.

[2] Hartmann von Aue: Erec, hg. von Thomas Cramer. Frankfurt am Main 2007. Nach dieser Ausgabe wird zitiert.

Details

Seiten
16
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656000242
ISBN (Buch)
9783656000471
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v178100
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für Deutsche und Niederländische Philologie
Note
1,0
Schlagworte
gewalt geschlechterverhältnis literatur mittelalters gegenwart eine textanalyse erec unterrichtsvorschlägen oberstufe

Autor

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