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Die Aktualität Theodor W. Adornos vor dem Hintergrund des Web 2.0

Führt der user-generated content Adornos Kulturindustrie-Theorie und dessen Produzenten-Konsumenten-Definition ad absurdum?

Hausarbeit 2009 15 Seiten

Medien / Kommunikation - Journalismus, Publizistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kulturindustrie - Aufklärung als Massenbetrug

3. Web 2.0 und Blogosphäre

4. Relevanz der Kulturindustrie-Theorie von Adorno für das Web 2.0 und umgekehrt
4.1 Form: Ästhetik oder Effekt?
4.2 Inhalt: Kunst oder Kulturware?
4.3 Rollenverständnis und -Verhältnis: Prosumer oder Produser?

5. Fazit

Literatur

1. Einleitung

Jürgen Habermas, Vertreter der Frankfurter Schule, feierte das Web auf einer Dresdener Soziologentagung 2006 als Ort, an dem die „Wurzeln einer egalitären Öffentlichkeit von Autoren und Lesern reaktiviert" (Stöcker 2006, Internet) würden. Sollte sich diese Euphorie bewahrheiten, hielte mit dem Web 2.0 womöglich der grundsätzliche Wandel Einzug, den Theodor W. Adorno und Max Horkheimer in ihrer „Dialektik der Aufklärung" als einzig möglichen Umsturz der Kulturindustrie erachten. Gleichwohl äußerte Habermas auch die Befürchtung, „Online-Debatten könnten zu einer Fragmentierung des Massenpublikums in eine Vielzahl themenspezifischer Teilöffentlichkeiten führen" (ebd.). Welche Tendenz zeichnet sich heute, 2009, ab?

Ich will mich der Frage widmen, ob Adornos Kulturindustrie-Theorie angesichts der - stellvertretend von Jürgen Habermas geäußerten - Hoffnungen und Ängste zum Web 2.0 besonders aktuell oder aber besonders überholt scheint. Adorno und Horkheimer haben ihre Kulturkritik unter den Eindrücken des deutschen Faschismus und der Massenmedien Radio, Fernsehen, Film (Kino), Print und Kunst entworfen. Die mediale und ökonomische Herrschaft letzterer war bis in die 90er-Jahre ungebrochen. Erst das Web 2.0 markiert einen Schnitt. Meine These lautet daher:

Der user-generated content führt die Theorie und Kritik der Kulturindustrie ad absurdum, weil Adornos Warencharakterbegriff und seine Produzenten- Konsumenten-Definition für das Web 2.0 nicht mehr zutreffend sind.

Um diese These zu be- bzw. widerlegen, werde ich vor allem Weblogs analysieren. Blogs als zu untersuchende Kategorie erscheinen besonders geeignet, weil die Anzahl 1999, 2001 und 2004 sprunghaft angestiegen ist (vgl. Ebersbach/Glaser/Heigl 2008: 59) und seither mitunter als Konkurrenz oder gar Wachablösung zu den etablierten Medien gehandelt wird. Andere Elemente des Social Web, wie z.B. Wikis, Podcasts, Social Networks und Social Sharing, können im Rahmen dieser Hausarbeit nicht untersucht werden. Angesichts der Komplexität des Themas einerseits und der limitierten Seitenzahl andererseits beansprucht diese Hausarbeit keine

Vollständigkeit. Die Diskussion, ob und wann Blogs Journalismus sind, ist meinem Thema zwar verwandt, wird hier aber nur am Rande behandelt. Gleichsam beziehen die Überlegungen zu Kommunikationsstruktur und - inhalt Adorno nur selten (direkt) ein und verweisen vielmehr auf Walter Benjamin, Jürgen Habermas, Niklas Luhmann und Marshall McLuhan. Diese Lücke gilt es mit vorliegender Hausarbeit zu füllen.

Zunächst werde ich die Grundzüge der Kulturindustrie-Theorie von Adorno und Horkheimer skizzieren. Darauf folgt eine kurze Definition von Weblogs aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive. Die Bedeutung von Adornos Ausführungen für das Web 2.0 und umgekehrt sollen aufgezeigt werden, indem Form, Inhalt und Rollenverständnis von bzw. in Blogs erforscht werden. Das Fazit fasst unter Berücksichtigung aller Kategorien zusammen, wie relevant Adorno vor dem Hintergrund partizipativer Online­Angebote ist bzw. überhaupt sein kann.

2. Kulturindustrie - Aufklärung als Massenbetrug

Die „Dialektik der Aufklärung" von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, 1944 in New York erstveröffentlicht, ist ein Werk der Kritischen Theorie. „Kulturindustrie - Aufklärung als Massenbetrug" betitelt das dritte von insgesamt fünf essayistischen Kapiteln und erklärt, wie „Vermassung von Kulturträgern diese zu Waren degradiert" (Jacke 2004: 32). Weil die Kulturindustrie auf die breite Masse zielt, stellt sie Form über Inhalt und „schlägt alles mit Ähnlichkeit" (Horkheimer/Adorno 2008: 128).

Dem Publikum kommt dabei eine entscheidende Rolle zu. Faktisch gesteht die Kulturindustrie ihm die Möglichkeit zu, nicht zu konsumieren, denn „ihre Verfügung über die Konsumenten ist durchs Amusement vermittelt; nicht durchs blanke Diktat (...)" (ebd.: 144). Weil die Kulturprodukte aber so sehr auf die Konsumenten zugeschnitten sind, werden sie auch konsumiert und erzielen einen Zustand aus „rückwirkendem Bedürfnis, in dem die Einheit des Systems immer dichter zusammenschießt" (ebd.: 129).

Die Tatsache, dass die Konsumenten erwerbstätig sind, hat zur Folge, dass Kulturwaren vor allem in der freien Zeit konsumiert werden und Müßiggang bedeuten (müssen). Das Publikum duldet also ein Abhängigkeitsverhältnis, weil es Entertainment will. Adorno konstatiert diesen (Nicht)Anspruch wie folgt:

„Es [Das Vergnügen] ist in der Tat Flucht, aber nicht, wie es behauptet, Flucht vor der schlechten Realität, sondern vor dem letzten Gedanken an Widerstand, den jene noch übriggelassen hat. Die Befreiung, die Amusement verspricht, ist die von Denken als von Negation. Die Unverschämtheit der rhetorischen Frage, ,Was wollen die Leute haben!’ besteht darin, daß sie auf dieselben Leute als denkende Subjekte sich beruft, die der Subjektivität zu entwöhnen ihre spezifische Aufgabe darstellt.“ (ebd.: 153)

Einmal dem Abhängigkeitsverhältnis ausgeliefert, muss der Konsument auch Konsument bleiben. Adorno und Horkheimer bieten keinen Ausweg innerhalb der Kulturindustrie aus der Kulturindustrie an: Hier ist alle Kultur Ware und auch Protest wider die Kultur entsteht entweder schon als kalkuliertes Produkt oder wird kurz nach dem Moment seines Entstehens Teil des Systems, weil er angesichts seines Exotenstatus zwangsläufig populär ist (vgl. Horkheimer/Adorno 2008: 140). Authentische Kunst, Gegenentwurf zur Kulturware, ist derweil zu rar und für den vormals

Kulturwarekonsumierenden ohnehin zu kompliziert (vgl. Jacke 2004: 52ff).

3. Web 2.0 und Blogosphäre

Web 2.0 bezeichnet eine Nutzungsmöglichkeit des Internets. Der Begriff wurde vom irischen Softwareentwickler Tim O’Reilly geprägt und meint nicht etwa ein technisches Update vom WWW, sondern eine gefühlte

Veränderung im Umgang damit. Praktisch zieht diese neue technische Neuerungen und vor allem Inhalt-Nutzer-Strukturen innerhalb des (alten) Web nach sich: „eine wachsende Dezentralität, Partizipation, Gleichheit und Vernetzung“ (Neuberger 2008: 21). Mit Social Web existiert ein schärferer Terminus, der dem Anstieg sozialer Interaktion deutlich Rechnung trägt. Weblogs - „aus den Abkürzungen Web (von: World Wide Web, der am stärksten verbreiteten Nutzungsvariante des Internets) und Log (für: Logbuch, d.h. chronologische Kurzeinträge; Begriff aus der Schifffahrt)“ (Kopper 2006: 432) - eignen sich für die Betrachtung partizipativer Elemente im Web 2.0, weil sie theoretisch von jeder Person zu jeder Zeit an jedem Ort betrieben werden können, die technischen Einrichtungen und Fertigkeiten einmal vorausgesetzt. In ihrer Aufmachung erinnern Weblogs, kurz Blogs, an

Tagebücher, die regelmäßig um neue Einträge ergänzt werden. Die Intention divergiert stark, meist sollen aber ein Thema diskutiert, Bilder, Videos oder Audiobeiträge zur Verfügung gestellt oder auch ganz persönliche Anekdoten geteilt werden. Die Fülle an Blogs und ihre Vernetzung untereinander wird Blogosphäre genannt.

Zwar führen auch Journalisten virtuell Tagebuch und Blogs sind mittlerweile Onlinenormalität auf den Seiten aller Zeitungsredaktionen, die überwiegende Masse der Autoren muss aber als nichtprofessionell beschrieben werden. Daraus resultiert die Befürchtung einer Berichterstattung als „Vermischung von privater Meinung und journalistischer Tätigkeit (...)“ (Kopper 2006: 433). Aus technisch-kommunikationswissenschaftlicher Sicht sind Blogs interessant, weil die ihnen immanente Funktion, Einträge kommentieren und dann diese Kommentare wiederum kommentieren zu können, ganz neue Dimensionen der Interaktion und des Feedback erschließt.

4. Relevanz der Kulturindustrie-Theorie von Adorno für das Web 2.0 und umgekehrt

Will man die Relevanz Adornos vor dem Hintergrund des Web 2.0 messen, erscheint eine vergleichende Analyse von Blogs und Kulturindustrie(waren) unter folgenden Gesichtspunkten besonders sinnvoll: Form, Inhalt und Rollenverhältnis und -verständnis.

4.1 Form: Ästhetik oder Effekt?

Bei Adorno und Horkheimer spielt die Form des Kulturproduktes eine entscheidende Rolle, weil über sie die Nutzung der Ware durch den Konsumenten geregelt wird. Der Inhalt ist nur noch von sekundärer Bedeutung hinter der „Vorherrschaft des Effekts (...)“ (Horkheimer/Adorno 2008: 133). In der Blogosphäre sind die Möglichkeiten der äußerlichen Gestaltung begrenzt. Über multimediale Elemente wie Videos, Tonaufnahmen oder Bilder versucht das Weblog, seine literarischen Vorläufer zu ergänzen, ein Blog nur wegen der Aufmachung besuchen trotzdem die wenigsten (vgl. Ebersbach/Glaser/Heigl 2008: 56).

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