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"Good Idea, but not invented here!" Die Messung des Not Invented Here (NIH)-Syndroms mittels des Impliziten Assoziationstests

Diplomarbeit 2011 105 Seiten

BWL - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung und Relevanz
1.2 Zielsetzung der Arbeit
1.3 Aufbau der Arbeit

2 Not Invented Here Syndrom
2.1 Begriffsbestimmung
2.2 Einordnung in die Betriebswirtschaftslehre
2.3 Einflussfaktoren auf die Entstehung
2.4 Konsequenzen für die Performance von Innovationsprojekten
2.5 Interventions- und Präventionsinstrumente
2.6 Forschungslücken und Einordnung der Studie

3 Theoretische Grundlage der empirischen Studie
3.1 NIH-Syndrom auf der Einstellungsebene
3.1.1 Einordnung in die Sozialpsychologie
3.1.2 Bestimmung der Betrachtungsebene
3.1.3 Entstehung und Wirkung von Einstellungen
3.2 Explizite versus implizite Verfahren zur Messung von Einstellungen
3.2.1 Notwendigkeit verschiedener Messverfahren
3.2.2 Nachteile expliziter Messverfahren
3.2.3 Ursprung und Vorteile impliziter Messverfahren
3.3 Einstellungsmessung mit dem Impliziten Assoziationstest
3.3.1 Idee und Ziel
3.3.2 Technische Hilfsmittel und Messverfahren
3.3.3 Aussagekraft des IAT-Effekts

4 Empirische Studie
4.1 Datengrundlage
4.1.1 Grundgesamtheit
4.1.2 Gesamtstichprobe
4.1.3 Umgang mit Daten
4.2 Studiendesign
4.2.1 Hypothese
4.2.2 Eingesetzte technische Hilfsmittel und Materialien
4.2.3 Aufbau des Impliziten Assoziationstests
4.2.4 Durchführung des Impliziten Assoziationstests
4.3 Ergebnisse des Impliziten Assoziationstests
4.3.1 Auswertung und Diskussion der Studentenergebnisse
4.3.1.1 Deskriptive Statistik
4.3.1.2 Statistische Prüftests
4.3.2 Auswertung und Diskussion der Doktorandenergebnisse
4.3.2.1 Deskriptive Statistik
4.3.2.2 Statistische Prüftests
4.3.3 Gegenüberstellung der Hauptgruppenergebnisse
4.3.3.1 Deskriptive Statistik
4.3.3.2 Statistische Prüftests

5 Schlussbetrachtung
5.1 Kritische Beurteilung der Erkenntnisse
5.2 Implikationen für zukünftige Forschungsvorhaben
5.3 Implikationen für technologieintensive Unternehmen

Anhang

Literaturverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Gründe für die Entstehung des NIHS bei F&E-Managern

Tabelle 2: Gründe für die Entstehung des NIHS bei F&E-Mitarbeitern

Tabelle 3: Konsequenzen des NIHS für die Projektperformance

Tabelle 4: Bereinigte Gesamtstichprobe

Tabelle 5: Verteilung der IAT-Effekte bei Studenten

Tabelle 6: Durchschnittliche IAT-Effekte der Studenten

Tabelle 7: Tests der Inner- und Zwischensubjekteffekte (Studenten)

Tabelle 8: t-Test bei verbundenen Stichproben (Studenten)

Tabelle 9: Verteilung der IAT-Effekte bei Doktoranden

Tabelle 10: Durchschnittliche IAT-Effekte der Doktoranden

Tabelle 11: Tests der Inner- und Zwischensubjekteffekte (Doktoranden)

Tabelle 12: t-Test bei verbundenen Stichproben (Doktoranden)

Tabelle 13: Durchschnittliche IAT-Effekte der beiden Hauptgruppen

Tabelle 14: Verteilung der IAT-Effekte in den beiden Hauptgruppen

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

1.1 Problemstellung und Relevanz

Sollten Mitarbeiter von Unternehmen stolz sein auf den Titel ,Dieb des Jahres‘? Bei British Petroleum sind sie es. Hier wird Mitarbeitern diese Auszeichnung für die bes- te, nicht intern generierte Idee in der Anwendungsentwicklung verliehen. Das Unter- nehmen Texas Instruments vergibt aus ähnlichen Motiven den Preis „ Not invented here, but I did it anyway “.1 Auch Apple beherrscht, Potentiale extern entwickelter Technologien für unternehmensinterne Produktentwicklungen (z.B. iPod2 ) zu nutzen.3

Insbesondere technologieintensive Unternehmen4 stehen zunehmend im globalen Wettbewerb zueinander, Produktlebenszyklen verkürzen sich und technologische In- novationen werden schneller entwickelt.5 Ein Produkt, dass heute die Wettbewerbs- fähigkeit eines Unternehmens sichert, kann morgen schon überholt sein. Getrieben von der Dynamik der Märkte sind viele Unternehmen einer enormen Wettbewerbsin- tensität ausgesetzt. Das übergeordnete Ziel lautet ,Outperformance‘. Überdurch- schnittliche Leistung setzt jedoch voraus, dass Marktbedürfnisse frühzeitig erkannt und passende innovative Produkte und Prozesse entwickelt werden. Oft genügt es nicht nur passiv auf die Bedürfnisse des Marktes zu reagieren. Um dem Wettbewerb einen Schritt voraus zu sein, spielen ausgeprägte Antizipationsfähigkeiten und ein Gespür für maßgeschneiderte Innovationen eine entscheidende Rolle. Die Fähigkeit Innovationen hervorzubringen, ist abhängig vom technischen Know-how der unter- nehmensinternen F&E-Einrichtung, welches jedoch begrenzt ist. Es wird immer wich- tiger, diese limitierte interne Wissensbasis mit extern verfügbarem technologischen Wissen zu ergänzen,6 weil komplexe Innovationsprozesse eine „ ö konomisch optima le interne Nutzung extern entwickelter Technologie7 erfordert. Tom McKillop, CEO von Astra Zeneca8 formuliert die Notwendigkeit für Unternehmen offen für externe Technologien zu sein, mit den Worten “ Ninty-nine percent of everything exciting that happens will happen outside your own research labs9.

Die Entscheidung, ob externes technologisches Wissen bei der Entwicklung neuer Produkte und Prozesse genutzt werden soll, wird typischerweise von der Führungs- spitze eines Unternehmens getroffen. Damit ist nicht automatisch gewährleistet, dass externes Wissen auch tatsächlich genutzt wird. Entscheidend für die optimale Ver- wendung außerhalb generiertem Wissen ist die Einstellung des F&E-Managers und die ihm untergeordneten F&E-Mitarbeiter gegenüber externem Wissen. Wird von diesen beiden Gruppen nicht nach externem Wissen recherchiert bzw. die Einfüh- rung von externem technologischen Wissen grundsätzlich abgelehnt, könnte dies mit dem sogenannten ,Not Invented Here‘ (NIH)-Syndrom erklärt werden.

Das NIH-Syndrom beschreibt allgemein die Einstellung und das daraus resultierende Verhalten von Mitarbeitern, externe Technologien bei der Entwicklung neuer Produkte oder Prozesse, teilweise oder vollständig zu ignorieren.10 Die Überbewertung inter- nen Wissens und gleichzeitige systematische Ablehnung externer Wissensbeschaf- fung kann negative Effekte auf die Innovationsfähigkeit von Unternehmen haben.11 Um diese Entwicklung zu vermeiden, sollten Unternehmen prüfen, ob und in wel- chem Ausmaß das NIH-Syndrom bei Managern und Mitarbeitern in F&E-Einrich- tungen verbreitet ist und wie gegebenenfalls eine Reduzierung auf ein ,vertretbares‘ Maß gelingen kann. Auch der Open-Innovation-Ansatz, als mögliche Innovationsstra- tegie zur Sicherung des unternehmerischen Erfolgs, kann nur dann angewendet werden, wenn ein innovationsförderndes Umfeld innerhalb von F&E-Abteilungen vorliegt. Die Existenz von Tendenzen zum NIH-Syndrom (NIHS-Tendenzen) könnte sich negativ auf die Innovationsfähigkeit auswirken.12 Die Ursachen für das NIH-Syndrom werden in der Literatur meist auf verschiedene kulturspezifische und psychologische Gründe zurückgeführt. Gleichzeitig existieren nur wenige empirische Studien, die diese Zusammenhänge analysieren.13

1.2 Zielsetzung der Arbeit

Diese Arbeit geht der Frage nach, ob das NIH-Syndrom mit dem in der neueren sozi- alpsychologischen Forschung entwickelten ,Impliziten Assoziationstest‘ (IAT)14 ge- messen werden kann. Grundsätzlich existieren zwei Herangehensweisen zur Be- schreibung des NIH-Syndroms.15 Einerseits äußert sich das NIH-Syndrom im tat- sächlich gezeigten Verhalten über die „ (...) ö konomisch nicht-begr ü ndbare Vernach- l ä ssigung bzw. suboptimale Nutzung externer Technologie16. Derartige Verhaltens- weisen lassen sich zum Beispiel durch direkte (explizite) Befragungen oder Beobach- tungen untersuchen. Andererseits kann das NIH-Syndrom auch als ablehnende Ein- stellung von Individuen gegenüber externem Wissen definiert werden.17 Zur Messung von Einstellungen können indirekte (implizite) Messmethoden, wie der Implizite As- soziationstest geeignet sein. Anders als bei Befragungen werden beim Impliziten As- soziationstest die Versuchsteilnehmer nicht direkt mit dem NIH-Syndrom konfrontiert.

Der Implizite Assoziationstest wird an einem Computer durchgeführt und beruht auf reaktionsbasierte Reize (z. B. Wörter, Farben, Bilder), die zügig durch Tastenklicks bestimmten Kategorien zugeteilt werden sollen. Damit wird sichergestellt, dass die eigentliche Intention der Untersuchung für die Versuchsteilnehmer weitgehend un- durchschaubar bleibt. Explizite Methoden zur Einstellungsmessung, zum Beispiel über Fragebogen, besitzen gegenüber den impliziten Messmethoden verschiedene Nachteile. Ein wesentlicher Nachteil entsteht aus dem Umstand, dass Menschen bei direkten Fragen und einer relativ langen Bedenkzeit generell dazu neigen, nicht wahrheitsgemäß zu antworten, mit dem Ziel sich ,ins rechte Licht zu rücken‘. Dieser unerwünschten Verzerrung der Messergebnisse kann durch einen Impliziten Assozia- tionstest entgegengewirkt werden.

Neben der Auswahl der Messmethode beeinflussen auch Proxy-Variable18 die Aus- sagekraft der Ergebnisse. Das NIH-Syndrom ist aufgrund seines sozialpsychologi- schen Charakters lediglich mit Hilfe von indirekten Variablen bzw. Indikatoren messbar.19 Zum Beispiel wählen Katz und Allen (1982) in ihrer Studie die Kommuni- kationsintensität von F&E-Projektgruppen als eine mögliche Proxy-Variable zur Mes- sung des NIH-Syndroms.20 In dieser Arbeit soll im Rahmen einer eigenen Studie ge- zeigt werden, welche Vorteile der IAT-Effekt21 als Proxy-Variable besitzt.

Statt Mitarbeiter aus F&E-Einrichtungen werden in der empirischen Studie Studenten und Doktoranden in den Disziplinen Maschinenbau und Elektrotechnik betrachtet. Diese Vorgehensweise kann angewandt werden, weil auch die hier betrachteten Mit- glieder der beiden ingenieurwissenschaftlichen Disziplinen in einem gewissen Wis- senswettbewerb zueinander stehen. Im späteren Arbeitsleben ist die Bereitschaft ihrer Zusammenarbeit ausschlaggebend für die Entwicklung innovativer Produkte und damit auch für den beruflichen Erfolg. Hinzu kommt, dass im Zusammenhang mit dem NIH-Syndrom das `Ingroup/Outgroup‘-Phänomen22 genannt wird, welches sich auf den in der Studie betrachteten Sachverhalt übertragen lässt. Hier kann von NIHS-Tendenzen gesprochen werden, wenn Mitglieder der einen Wissensdisziplin (,Ingroup‘) gegenüber der anderen Wissensdisziplin (,Outgroup‘) negativ eingestellt sind.

Vorrangiges Ziel dieser Arbeit ist, mit einer eigenen empirischen Untersuchung fest- zustellen, ob der Implizite Assoziationstest als Methode zur Messung des NIH-Syn- droms geeignet ist. Im Mittelpunkt der Betrachtung steht der IAT-Effekt und seine Verwendbarkeit als valide Messgröße im Hinblick auf eine angestrebte Operationali- sierung von NIHS-Tendenzen als ein sozialpsychologisches und kulturelles Kon- strukt. Die Einstellungsmessung beider Gruppen könnte Hinweise auf erste NIHS- Tendenzen vor Beginn der beruflichen bzw. akademischen Laufbahn geben. Der IAT- Effekt bei Studenten wird mit dem IAT-Effekt bei Doktoranden verglichen. Aus der Gegenüberstellung der jeweiligen IAT-Effekte können weitere Erkenntnisse über die sozialpsychologischen Ursachen des NIH-Syndroms gewonnen werden. Die Anwen- dung des IAT-Effekts setzt voraus, dass sich die ablehnende Einstellung von Indivi- duen gegenüber externem Wissen tatsächlich mit Hilfe des IAT-Effekts operationali- sieren lässt. Gelingt die Messung des NIH-Syndroms mittels IAT-Effekt, können spä- tere Arbeiten die praktische Anwendbarkeit in Unternehmen prüfen. Denn negative ökonomische Konsequenzen können klassischerweise in F&E-Einrichtungen be- obachtet werden, wenn Mitarbeiter für die Entwicklung innovativer Produkte externes Wissen aus Quellen ausserhalb des eigenen Unternehmens vollständig oder teilwei- se vernachlässigen.

1.3 Aufbau der Arbeit

Die Arbeit ist in drei Hauptkapitel unterteilt. Im zweiten Kapitel liegt der Fokus auf bisherige Forschungsergebnisse im Hinblick auf Ursachen und Auswirkungen des NIH-Syndroms. Darauf aufbauend werden Maßnahmen vorgestellt, mit denen es ge- lingen kann die Entstehung des NIH-Syndroms zu vermeiden bzw. zu reduzieren, falls NIHS-Tendenzen bereits vorliegen. In der anschliessenden Zusammenfassung des Kapitels werden Forschungslücken identifiziert, um die Notwendigkeit der eige- nen empirischen Untersuchung rechtfertigen zu können. Gegenstand des dritten Ka- pitels ist die Schaffung einer konzeptionellen Basis, in der grundsätzliche Erkenntnis- se der sozialpsychologischen Einstellungsforschung im Mittelpunkt stehen. Die da- raus entwickelte theoretische Grundstruktur dient der Interpretation der hier vorge- stellten Studie. Das folgende vierte Kapitel beschäftigt sich schließlich mit der eige- nen empirischen Studie mit Hilfe der Messmethode IAT. Auf Grundlage der generier- ten Messdaten soll anschließend die Eignung des Impliziten Assoziationstests zur Messung des NIH-Syndroms beurteilt werden. Im fünften Kapitel werden die Kern- aussagen der Arbeit zusammengefasst und die wesentlichen Erkenntnisse kritisch auf ihre Plausibilität hinterfragt. Abschließend werden Implikationen für die betriebs- wirtschaftliche Forschung und Praxis aufgezeigt.

2 Not Invented Here Syndrom

2.1 Begriffsbestimmung

Der Begriff ,Not Invented Here‘ wird von Mitarbeitern in Unternehmen und Forschungsinstituten spätestens seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts als Synonym für die Abneigung gegenüber einer nicht intern erfundenen Innovation verwendet. Erstmals wird der ,NIH‘-Begriff von Clagett (1967) im Rahmen seiner Masterarbeit am Massachusetts Institute of Technology einer empirischen Untersuchung unterzogen.23 Dabei fällt ihm auf, dass im Zusammenhang mit dem NIH-Begriff oft von einer Art Leiden bzw. Erkrankung die Rede ist:

Not Invented Here (N.I.H.) has been used among technical organizations as a shorthand to describe the attitude (often spoken of as if it were a diseas) of technical organizations who resist adoption of an innovation proposed from a source outside of the organization.24

Entsprechend der negativen Charaktereigenschaften einer Erkrankung, herrscht seither weitgehende Einigkeit darüber, dass das NIH-Syndrom einen Zustand beschreibt, der unvorteilhafte Auswirkungen auf die Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen haben kann.25

Die meistzitierteste NIH-Definition ist die von Katz und Allen (1982). In einer groß an- gelegten empirischen Studie untersuchen die beiden Autoren 50 F&E-Projektgrup- pen. Dabei greifen sie die Beobachtungen von Clagett (1967) auf und bezeichnen das Phänomen als eine Art „ Syndrome26. Schließlich definieren sie das NIH-Syn- drom als " (...) the tendency of a project group of stable composition to believe it pos sesses a monopoly of knowledge of its field, which leads it to reject new ideas from outsiders to the likely detriment of its performance "27. Die Autoren beziehen ihre Untersuchung demnach nicht nur auf einzelne Forscher und Entwickler, sondern versuchen Ursachen und Auswirkungen der Abneigung ganzer Projektgruppen gegenüber neuen Ideen außerhalb von Unternehmen zu identifizieren.

De Pay (1989) untersucht in ihrer Studie unter anderem das Ausmaß des NIH-Syn- droms und ihre Wirkung auf Innovationszeiten. Um kulturspezifische Unterschiede zu verdeutlichen, vergleicht die Autorin deutsche und US-amerikanische Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen miteinander. Die Definition von de Pay entspricht im Kern der von Katz und Allen (1982), wobei sie bemerkt, dass nicht nur Forscher und Entwickler sondern auch „ andere Mitarbeiter “ außerhalb von F&E-Abteilungen ex- trem von ihren eigenen Leistungen überzeugt sein können und skeptisch gegenüber fremden Resultaten sind.28

Im Gegensatz zu de Pay (1989) ist für Mehrwald (1999) die Verwendung des NIH- Syndroms auf solche Unternehmen zu beschränken, die willens und fähig sind Erfin- dungen innerhalb ihrer eigenen F&E-Abteilung hervorzubringen.29 Der Autor betrach- tet das NIH-Syndrom in einem sozialpsychologischen Kontext und kommt zu der Er- kenntnis, dass es sich um Vorurteile - einer Sonderform der sozialen Einstellung - gegenüber externer Technologie handele. Vor diesem Hintergrund versteht Mehrwald (1999) unter einem NIH-Syndrom „ (...) eine negativ wertende, invalide, generalisie- rende und rigide Einstellung von Individuen bzw. Gruppen gegen ü ber extern entwi- ckelter Technologie30.

Lichtenthaler und Ernst (2006) versuchen mit ihrer Arbeit einen ganzheitlichen Ansatz für das Wissensmanagement zu entwickeln, wobei das NIH-Syndrom lediglich einen Teilbereich des externen Wissenserwerbs darstellt. In Anlehnung an Katz und Allen (1982) verstehen die Autoren unter dem NIH-Syndrom eine negative Einstellung zu Wissen außerhalb des eigenen Unternehmens.31 Sie weisen jedoch darauf hin, dass ein optimales Wissensmanagement nicht darin bestehen kann externem Wissen grundsätzlich positiv gegenüber zu stehen. Die systematische Bevorzugung von externem technologischen Wissen wird als ,Buy-In‘ (BI)-Syndrom bezeichnet.32 Die bedingungslose Nutzung von externem Wissen bzw. die stets positive Einstellung gegenüber externem Wissen kann zu einer Unterbewertung und Vernachlässigung des internen Wissens und der internen Potentiale führen.33

Kathoefer und Leker (2010) betrachten das NIH-Syndrom nicht in einem industriellen sondern akademischen Kontext. Die Autoren messen in ihrer Studie das NIH-Syn- drom bei Professoren aus dem Gebiet Physik bzw. Ingenieurwissenschaften. Dabei stützen sie sich auf die Begriffsdefinition von Lichtenthaler und Ernst (2006), die der Auffassung sind, dass sich das NIH-Syndrom als eine „ negative attitude to knowled- ge that originates from a source outside the own institution34 darstellt.35

In der vorliegenden Arbeit soll keine grundsätzlich neue Definition des NIH-Syndroms hergeleitet werden. Die Bedeutung des NIH-Syndroms wird jedoch auf den hier beschriebenen Kontext übertragen. Im Folgenden wird unter einem NIH-Syndrom eine negative Einstellung von Personen einer Wissensdisziplin (Ingroup) gegenüber Wissen einer anderen Wissensdisziplin (Outgroup) verstanden.

2.2 Einordnung in die Betriebswirtschaftslehre

Wörtlich betrachtet beschreibt das Not-Invented-Here-Syndrom die negative Einstel- lung von Personen gegenüber ,nicht intern Erfundenem‘. Der Ausgangspunkt einer Erfindung basiert auf einer Idee, wie beobachtete oder antizipierte Bedürfnisse be- friedigt werden können. Um eine Idee zu einer Erfindung reifen zu lassen bedarf es Wissen. Handelt es sich um eine technologische Erfindung ist technologisches Wis- sen erforderlich.36 Die Hauptaufgabe des F&E-Managements besteht darin internes technologisches Wissen zu generieren, um Erfindungen hervor zu bringen, die zu einer Innovation führen.37

Während eine Erfindung lediglich eine „ erste kreative Phase “ beschreibt, wird mit ei- ner Innovation auf die absatzgenerierende Einführung einer Erfindung in den Markt abgezielt.38 Demnach können Erfindungen, die zwar einen nachweislichen Nutzen erfüllen, jedoch keine Nachfrage im Markt erfahren, nicht als Innovation im klassi- schen Sinne deklariert werden.39 Das Innovationsmanagement beschäftigt sich mit erfolgreichen Platzierungen von Folgeinnovationen40 mit dem Ziel, die Marktposition langfristig abzusichern.41 Hingegen geht es im Technologiemanagement um die Frage, wie technologisches Wissen extern beschafft, intern gespeichert, sowie intern und extern verwertet werden kann.42

Im Rahmen dieser Arbeit wird das NIH-Syndrom innerhalb des Technologie- und Innovationsmanagements (TIM) diskutiert. Im Zentrum der Betrachtung stehen die negativen Einflüsse des NIH-Syndroms auf die notwendige Beschaffung von exter- nem technologischen Wissen für den internen Innovationserfolg, weshalb insbeson- dere das Technologiemanagement betroffen ist. Indirekt wird jedoch auch die Qualität des Innovationsmanagements vom NIH-Syndrom beeinflusst, weil das vom Techno- logiemanagement extern beschaffte Wissen in den Innovationsprozess miteinfließt.

2.3 Einflussfaktoren auf die Entstehung

Gelingt es die Gründe für die Entstehung des NIH-Syndroms zu identifizieren, kön- nen Gegenmaßnahmen, die zur Reduktion des NIH-Syndroms führen, abgeleitet werden. In allen bisherigen Studien wird festgestellt, dass die Ursachen für das NIH- Syndrom einen sozialpsychologischen oder kulturellen Hintergrund besitzen, wobei ökonomische bzw. rationale Aspekte eine untergeordnete Rolle spielen.43 Um die Ur- sachen zu beschreiben, ist im Vorfeld die Existenz des NIH-Syndroms auf den ver- schiedenen Hierarchiestufen innerhalb eines Unternehmens zu lokalisieren. Grund- sätzlich kann die Unternehmensführung als auch der F&E-Manager und die ihm un- tergestellten einzelnen Forscher und Entwickler innerhalb der F&E-Abteilung betrof- fen sein. In den folgenden Ausführungen wird deutlich, warum und wie insbesondere die Unternehmensführung und das F&E-Management die Entstehung des NIH-Syn- droms beeinflussen.

Die Entstehung des NIH-Syndroms kann daraus resultieren, dass das vom F&E-Ma- nagement extern eingeführte technologische Wissen unzureichend mit den F&E-Mit- arbeitern abgestimmt wird. Die mangelnde Beteiligung am Implementierungsprozess kann eine Schwächung des Teamgeistes unter den F&E-Mitarbeitern zur Folge ha- ben und damit den Widerstand gegenüber extern bezogenem Wissen erhöhen.44 Dies ist insbesondere dann zu beobachten, wenn F&E-Mitarbeiter kurz vor dem Ab- schluss einer neuen Entwicklung stehen. Wird in einer solchen Situation vom Mana- gement eine vergleichbare Entwicklung kurzfristig extern beschafft, muss das interne Entwicklungsprojekt eingestellt werden.45 Die so entstehende negative Einstellung gegenüber externer Technologie wird von der Unternehmensspitze ausgelöst.

Clagett (1967) beschreibt diesen speziellen Sachverhalt mit den Worten „ (...) from this case it would appear that NIH is made not born46. Eine weitere Verstärkung erfährt das NIH-Syndrom, wenn F&E-Mitarbeiter bereits eine gewisse „ resistance to change “-Neigung aufweisen, die sich in Form einer Abneigung gegenüber jeder Art von Veränderung zeigt.47

Eine weitere Ursache kann ihren Ursprung in der Zugehörigkeitsdauer von Forschern und Entwicklern in F&E-Projektgruppen haben. Katz und Allen (1982) zeigen in einer Studie, je länger ein F&E-Mitarbeiter einer Projektgruppe angehört, desto wahr- scheinlicher ist der Rückgang seiner internen und externen Kommunikationsaktivitä- ten. Dabei geht es nicht um die Intensität der projektbezogenen Kommunikation per se, sondern um die Kommunikation mit Personen oder Institutionen, die den Erfolg des Projekts direkt beeinflussen können. Die zunehmende Ignorierung solcher kriti- schen Quellen kann schließlich zu einer stärker werdenden Isolation führen.48 Hin- tergrund hierfür könnte das aus der Sozialpsychologie bekannte Phänomen mensch- lichen Verhaltens sein, Stresssituationen zu vermeiden und jede Form von Verände- rung mit ungewissen Folgen blockieren zu wollen. Dies gilt im besonderen Maße dann, wenn sich in geschlossenen Gruppen bereits eindeutige Zuständigkeiten und Aufgabenteilungen entwickelt haben.49

Ursachen für das NIH-Syndrom können auch auf kulturelle Aspekte zurück geführt werden. Beispielsweise sind Japaner eher darum bemüht, das Optimum für das Kol- lektiv „Unternehmen“ zu realisieren.50 Das eigene Ego tritt dabei in den Hintergrund und die Einführung von externem Wissen wird aktiv von den F&E-Managern und F&E-Mitarbeitern betrieben, ohne dass die Unternehmensführung an der fachlichen Kompetenz oder Innovationsfähigkeit seiner Angestellten zweifelt. Im Gegensatz da- zu wird den Deutschen oder US-Amerikanern eher eine individuumorientierte Einstel- lung nachgesagt. Dabei spielt die Steigerung der persönlichen Reputation eine zen trale Rolle.51 Anreize, das eigene Ansehen zu erhöhen, basieren auf die Vergabe von Prämien und Preise für intern entwickelte Innovationen.52 Als Konsequenz werden externe Wissensquellen ignoriert, womit der Nährboden für die Entwicklung eines NIH-Syndroms geschaffen wird.

Die Studie von Mehrwald (1999) gibt einen umfassenden Einblick in die Einstellung von F&E-Angestellten gegenüber extern bezogenem technologischen Wissen. Dabei analysiert er systematisch die Quellen der potentiellen Ursachen in Abhängigkeit der Hierarchiestufen innerhalb von technologieintensive Unternehmen. Der Autor stellt fest, dass die Einstellung von F&E-Managern gegenüber externem Wissen und ihre Verhaltensweisen dafür verantwortlich sein können, dass NIHS-Tendenzen unter den F&E-Mitarbeitern verstärkt werden. Außerdem seien F&E-Mitarbeiter in Bezug auf Nutzungsrechte externer Technologien maßgeblich von den Entscheidungen des Managements abhängig (siehe Tabelle 1 und 2).

Tabelle 1: Gründe für die Entstehung des NIHS bei F&E-Managern

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene tabellarische Zusammenfassung in Anlehnung aus den Darstellungen der Studie von Mehrwald, H. (1999). Das Not Invented Here Syndrom in Forschung und Entwicklung. S. 139-144.

Tabelle 2: Gründe für die Entstehung des NIHS bei F&E-Mitarbeitern

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene tabellarische Zusammenfassung in Anlehnung an den Darstellungen der Studie von Mehrwald, H. (1999). Das Not Invented Here Syndrom in Forschung und Entwicklung. S. 173-178.

Im Gegensatz zu den dargestellten Ursachen zur Entstehung eines NIH-Syndroms aus sozialpsychologischen und kulturellen Gründen werden in einer Studie von Agrawal, Cockburn und Rosell (2009) geographische Ursachen untersucht. Die Autoren zeigen, dass das NIH-Syndrom bei F&E-Angestellten großer Unternehmen in sogenannten „ Company Towns “ vergleichsweise stärker ausfällt.53

In einer weiteren Studie von Kathoefer und Leker (2010) wird das NIH-Syndrom im universitären Umfeld analysiert. Dabei werden die Einstellungen von Professoren in den Disziplinen Physik und Ingenieurwissenschaften gegenüber externem technolo- gischen Wissen miteinander verglichen. Die Autoren stellen fest, dass zwar in beiden Gruppen ein NIH-Syndrom gemessen werden kann, jedoch die Differenziertheit des NIH-Syndroms zwischen beiden Disziplinen nicht signifikant ist. Daraus schließen sie, dass eine Infizierung mit dem NIH-Syndrom nicht davon abhänge, welcher Wis- sensdisziplin ein Wissenschaftler angehört sondern (in Anlehnung an Mehrwald, 1999) abhängig von verschiedenen sozialpsychlogischen Charaktereigenschaften der Wissenschaftler sei. Auch die reine Anzahl der Publikationen pro Jahr, die ein Professor veröffentlicht, sei nicht ausschlaggebend für das Ausmaß seines NIH-Syn- droms. Jedoch scheint nach den Autoren die persönliche Favorisierung von Grundla- genforschung und eine vergleichsweise niedrige Anzahl an Partizipierungen an ex- ternen Projekten einen negativen Einfluss auf die Höhe des NIH-Syndroms zu besit- zen. Außerdem weisen sie darauf hin, dass auch besondere nationale und akademi- sche Kulturmerkmale einen Einfluss haben können. Ein möglicher kultureller Einfluss auf die Entstehung eines NIH-Syndroms wird jedoch von den Autoren nicht untersucht.54

Mit der Darlegung verschiedener Ursachen, die für das Vorliegen eines NIH-Syn- droms bzw. die Entwicklung von NIHS-Tendenzen verantwortlich sein können, ist nun ein argumentatives Grundgerüst zur Betrachtung der im nächsten Abschnitt dargestellten Auswirkungen geschaffen.

2.4 Konsequenzen für die Performance von Innovationsprojekten

In den meisten Studien wird ein negativer Einfluss des NIH-Syndroms auf den Inno- vationsprozess festgestellt. Als einer der wenigen, versuchen Lichtenthaler und Ernst (2006) ein ganzheitliches Modell zu entwickeln, worin sie auch negative Aspekte identifizieren, wenn von Unternehmen eine zu starke Ausrichtung nach externem Wissen praktiziert wird. Boyens (1998) sowie Lichtenthaler und Ernst (2006) be- schreiben dieses Phänomen als BI-Syndrom. Eine ausführliche Analyse in Bezug auf die Neigung von F&E-Managern, externes Wissen gegenüber den internen Entwick- lungspotentialen höher zu bewerten, wird von Menon und Pfeffer (2003) vorgelegt. Tabelle 3 stellt die wesentlichen Beobachtungen wichtiger Studien und ihre Auswir- kung auf die Projektperformance dar.

Tabelle 3: Konsequenzen des NIHS für die Projektperformance

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.5 Interventions- und Präventionsinstrumente

Das Oberziel eines jeden Unternehmens ist, möglichst langfristige Strategien zu ent- wickeln, um den reibungslosen Ablauf des Betriebs zu gewährleisten. Steht ein Un- ternehmen vor kurzfristigen Herausforderungen, ist ein gutes Krisenmanagement ge- fragt. Den Interventionsfähigkeiten eines Krisenmanagements sind jedoch wegen verschiedenen zeitlich- und ressourcenbedingten Engpässen Grenzen gesetzt. In besonderem Maße gilt dies im Zusammenhang mit dem NIH-Syndrom. Hier geht es um Menschen, die bereits ausgeprägte Widerstände gegen externem Wissen besit- zen und kaum oder nur mit erheblichen Anstrengungen vom Gegenteil zu überzeu- gen sind. Clagett (1967) stellt innerhalb seiner Fallstudien fest, dass „ (...) when resis- tance is created (...) it is a difficult thing to overcome55. Vor diesem Hintergrund ist die optimale Strategie, geeignete und effektive Maßnahmen zu treffen, die bereits die Entstehung des NIH-Syndroms verhindern können.

Eine Möglichkeit um mehr Akzeptanz für extern bezogene Technologien zu erreichen, ist eine transparente und auf Dialog basierende Informations- und Kommunikationspolitik zwischen der Unternehmensführung, dem F&E-Management und den direkt betroffenen F&E-Mitarbeitern.56 Als Vermittler zwischen diesen drei Parteien kann ein „ technological gatekeeper “ eingesetzt werden. Das Ziel des Technological Gatekee pers kann darin bestehen, Ängste von F&E-Mitarbeitern aufzulösen und sich darum zu bemühen, die sich aus extern bezogenen Technologien ergebenden Vorteile und Chancen für alle Beteiligten aufzuzeigen.57

Die Mitglieder von F&E-Projektgruppen sollten, sofern möglich, nicht länger als fünf Jahre einem Projektteam angehören. Bei einer längeren Zugehörigkeitsdauer gehen die kritischen internen und externen Kommunikationsaktivitäten deutlich zurück. Die größten Wachstumsraten bezüglich der Projektperformance werden bis zu einer durchschnittlichen Gruppenzugehörigkeitsdauer von circa 1,5 Jahren erzielt. Danach bleiben die Wachstumsraten nahezu konstant, bis schließlich ab dem fünften Jahr das Wachstum in der Projektperformance merklich zurückgeht. Die Autoren Katz und Allen (1982) schlagen eine durchschnittliche Zugehörigkeitsdauer von drei Jahren vor.58 Laut den Autoren biete sich als logische Konsequenz der regelmäßige Austausch von einzelnen Gruppenmitgliedern an, um die Entstehung eines NIH-Syn- droms und den Rückgang der Projektperformance zu vermeiden.59

Mehrwalds (1999) Ansätze zur Vermeidung sowie zum Abbau eines NIH-Syndroms basieren auf Einstellungsänderungen. Er stellt fest, dass die direkte Erfahrung mit externer Technologie, mangels Kontrollierbarkeit und Einflußnahme kein geeignetes Instrument zur Vermeidung bzw. zum Abbau eines NIH-Syndroms darstellen kann. Dieses Instrument könne nicht gewährleisten, dass sich die Einstellung der F&E-Ma- nager und -Mitarbeiter ausschließlich zum Positiven ändert.60

Als wesentlich effektiver wird der gezielte Einsatz ,überzeugender Argumente‘ (,per- suative Kommunikation‘) angesehen, obwohl diese Variante sehr zeitaufwendig und kostenintensiv sein kann. Nach Mehrwald eignet sich dieses Instrument nachhaltig sowohl zur Vermeidung, als auch zum Abbau eines NIH-Syndroms bei F&E-Mitarbei- tern. Als problematisch hingegen wird der Einsatz der ,persuativen Kommunikation‘ bei F&E-Managern beurteilt, da es an geeigneten Persönlichkeiten mangelt, die wil- lens und in der Lage sind, derartige Gespräche mit dem ,Chef ‘ zu führen.61 Weiterhin wird vom Autor der Einsatz von Anreizen vorgeschlagen, um F&E-Manager oder F&E-Mitarbeiter zu motivieren, die „ Integration externer Technologien in interne F&E- Prozesse “ voran zu treiben. Dieses Instrument sei relativ einfach und schnell um- setzbar und verfüge daher über eine große Praxisrelevanz. Als Nachteil wird die mangelnde Nachhaltigkeit dieses Intruments beurteilt. Denn es bestehe die Gefahr, dass beim Wegfall der Anreize auch die Motivation nachlasse, externe Technologien weiterhin für interne Entwicklungs- und Innovationsprozesse zu berücksichtigen.62

2.6 Forschungslücken und Einordnung der Studie

In sämtlichen Studien zum NIH-Syndrom wird die Einstellung zu externem Wissen bzw. die Einstellung zu extern erworbenen Technologien mit expliziten Messmethoden gemessen. Hierzu setzen die Autoren Fragebögen ein (z.B. Mehrwald, 1999; Kathoefer/Leker, 2010) und/oder führen direkte Befragungen/Interviews durch (z.B. Clagett, 1967; Katz/Allen, 1982). Aus der Einstellungsforschung ist jedoch bekannt, dass aufgrund der Manipulierbarkeit solcher expliziten Messmethoden, ihre Eignung als valides Messverfahren problematisch sein kann.63 Wie im folgenden Kapitel dargelegt wird, existiert neben der bewussten, artikulierbaren Einstellung (explizite Einstellung) auch die automatische, unbewusste Einstellung (implizite Einstellung). Werden explizite Messmethoden angewandt, kann nicht ausgeschlossen werden, dass sich die befragten Personen ,sozial erwünscht‘64 präsentieren, auch wenn ausdrücklich auf die Anonymisierung der Daten hingewiesen wird.

Das NIH-Syndrom ist ein „ hypothetisches Konstrukt “, dass sich nicht direkt messen lässt.65 Um das NIH-Syndrom empirisch messbar zu machen, bedienen sich die Au- toren der NIH-Studien verschiedener Proxy-Variablen. Bei Katz und Allen (1982) bei- spielsweise dienen die Kommunikationsaktivität und die Zugehörigkeitsdauer von Gruppenmitgliedern als Proxy-Variablen. Die Wahl der Proxy-Variablen von Kathoefer und Leker (2010) ist zwar naheliegend, die Ergebnisse sind jedoch kritisch zu beur- teilen, weil die reine Anzahl der externen Projekte bzw. Publikationen als Messgrö- ßen dienen, nicht jedoch die Projektperformance bzw. die Mitwirkung externer Co- Autoren der Publikationen.66 In Mehrwalds (1999) fragebogenbasierten Studie kom- men Einstellungsskalen zum Einsatz, die ungeeignet sind, minimale Abweichungen zwischen den Befragten abzubilden.67

In der hier vorgestellten Studie steht die Messung der impliziten Einstellung gegen- über externem Wissen im Vordergrund. Angesichts der Mängel expliziter Messme- thoden, wird auf ein bewährtes Verfahren zur Messung impliziter Einstellungen, dem Impliziten Assoziationstest, zurückgegriffen. Der maßgebliche Vorteil des Impliziten Assoziationstests ist seine Robustheit gegenüber Manipulationen durch Probanden. Die Messergebnisse werden kaum verzerrt, da die eigentliche Intention des Experi- ments kaum durchschaut werden kann.68 Als Proxy-Variable dient der sogenannte IAT-Effekt, der als eine Tendenz zum NIH-Syndrom interpretiert wird.

In der Studie wird die implizite Einstellung von Mitgliedern der Gruppe Maschinenbau gegenüber dem Wissen der Gruppe Elektrotechnik und umgekehrt gemessen. Damit ist gewährleistet, dass Einstellungen von Gruppenmitgliedern gemessen werden, die in einem gewissen Wettbewerb zu einander stehen. Der Unterschied zu der Studie von Kathoefer und Leker (2010) liegt zum einen in der angewandten Messmethode bzw. der gewählten Proxy-Variable und zum anderen in den betrachteten Gruppen. Während hier gezielt die implizite Einstellung von Mitgliedern zweier sich nahe ste- hender ingenieurwissenschaftlicher Wissensdisziplinen gemessen wird, besteht bei Kathoefer und Leker (2010) die Untersuchung darin, Einstellungen und Verhaltens- weisen von Professoren aus der Physik und den verschiedenen Ingenieurwissen- schaften zu messen.

Die Erkenntnisse aus dieser Studie sollen zeigen, ob sich der Implizite Assoziationstest zur Messung des NIH-Syndroms eignet. Gelingt der Beweis, wäre mit dem IATEffekt eine Proxy-Variable zur Messung von NIHS-Tendenzen auf der impliziten Einstellungsebene gefunden.

[...]


1 Vgl. Davenport/Pursak, 2000, S. 53.

2 Anm.: Mitte 2000 erwirbt Apple die Lizenz für eine MP3-Software namens Soundjam der Firma C&G und engagiert die wichtigsten Softwareentwickler des Unternehmens. Bereits ein halbes Jahr später stellt Apple die neue Musiksoftware mit angeschlossener Datenbank mit dem Namen iTunes vor, die fast ausschließlich Soundjam-Features enthält. Im Oktober 2001 präsentiert Apple den tragbaren MP3-Player iPod. Die Idee eine Musikdatenbank mit dem tragbaren MP3-Player iTunes zu verbinden, ist ebenfalls nicht von Apple selbst, sondern von einem jungen unabhängigen Entwickler, der Steve Jobs (CEO von Apple ) auf einem Kongress davon überzeugen konnte. Vgl. Wentz, 2008, S. 147-149.

3 Vgl. Wentz, 2008, S. 147-149.

4 Anm.: Unter Unternehmen werden in dieser Arbeit allgemein alle Organisationen verstanden, die eine F&E-Abteilung besitzen (z. B. Industrieunternehmen, unabhängige und universitäre Forschungs- institute).

5 Vgl. z. B. Fuhl, 2006, S. 1; Gassmann, 2006, S. 223.

6 Vgl. z. B. Kurokawa, 1997, S. 124; Sen/Rubenstein, 1998, S. 123; Artz et al., 2010, S. 725.

7 Mehrwald, 1999, S. 76.

8 Anm.: Astra Zeneca ist ein US-Pharmakonzern, der in rund 100 Ländern vertreten ist. Der Jahresumsatz im Jahr 2010 betrug 33,3 Milliarden Dollar.

9 Escribano/Fosfuri/Tribó, 2009, S. 96.

10 Vgl. Katz/Allen, 1982, S. 7; Mehrwald, 1999, S. 8.

11 Vgl. Menon/Pfeffer, 2003, S. 509.

12 Vgl. z. B. Chesbrough, 2006, S. 49; Gassmann/Enkel/Chesbrough, 2010, S. 214; Herzog, 2010, S. 208.

13 Vgl. Mehrwald, 1999, S. 34.

14 Anm.: Der ,Implizite Assoziationstest‘ (IAT) wurde erstmals von den Psychologen Greenwald, McGhee & Schwartz im Jahre 1998 vorgestellt. Das indirekte (implizite) Verfahren dient der Messung von Assoziationsstärken zwischen mentalen Repräsentationen von Objekten im Gedächtnis. Der IAT wird am Computer durchgeführt. Innerhalb eines Gemeinschaftsprojektes zwischen Harvard Universi- ty, University of Washington und University of Virginia wurde eine internetbasierte Demo-Version ent- wickelt. Der interessierte Leser kann unter https://implicit.harvard.edu/implicit/ einen IAT kostenfrei durchführen.

15 Vgl. Mehrwald, 1999, S. 44f.

16 Mehrwald, 1999, S. 8.

17 Vgl. Katz/Allen, 1982, S. 7.

18 Anm.: Proxy-Variable sind Variable, die als indirektes Maß verwendet werden, weil die eigentlich zu messende Variable nicht direkt messbar ist (vgl. Stahlecker/Trenkler, 1993, S. 707).

19 Vgl. Mehrwald, 1999, S. 2.

20 Vgl. Katz/Allen, 1982, S. 7f.

21 Anm.: Der IAT-Effekt ist ein Maß zur Schätzung der Stärke assoziativer Verknüpfungen (vgl. Mierke 2004, S. 15 und insbesondere Greenwald et al., 2002, S. 12). Die Bedeutung und Aussagekraft des IAT-Effekts wird in Kapitel 3.3.3 dargelegt.

22 Vgl. z. B. Mehrwald, 1999, S. 74f.; Lane et al., 2007, S. 79; Agrawal/Cockburn/Rosell, 2009, S. 5f.; Kathoefer/Leker, 2010, S. 5.

23 Anm.: Die Erfahrungen, die Clagett während seiner Tätigkeit als Ingenieur und Manager eines Forschungszentrums sammelt, bewegen ihn dazu das NIH-Syndrom einer empirischen Untersuchung zu unterziehen (vgl. Clagett, 1969, S. 1).

24 Clagett, 1967, S. ii.

25 Anm.: Beispielhaft ist hierzu Mehrwald (1999, S. 6) zu erwähnen, der unter einem NIH-Syndrom einen „ generell unerw ü nschten Zustand “ versteht. Im Gegensatz dazu stellt die Studie der Autoren Menon und Pfeffer (2003, S. 498) eine der wenigen Arbeiten dar, in dem der Versuch unternommen wird, aufzuzeigen dass F&E-Manager oft dazu neigen externes Wissen zu präferieren, weil dieses einfacher in das Unternehmen zu transferieren sei als internes Wissen.

26 Anm.: Seit der empirischen Untersuchung von Katz und Allen (1982) wird bis heute überwiegend vom NIH-Syndrom gesprochen. De Pay (1989, S. 134) spricht in ihrer Studie teilweise von einem „ NIH-Effekt “ . Entsprechend den Ausführungen der Autorin ist jedoch davon auszugehen, dass der NIH-Effekt als Synonym für das NIH-Syndrom verwendet wird (vgl. Mehrwald, 1999, S. 27).

27 Katz/Allen, 1982, S. 7.

28 Vgl. de Pay, 1989, S.156.

29 Vgl. Mehrwald, 1999, S. 6.

30 Mehrwald, 1999, S. 73.

31 Vgl. Lichtenthaler/Ernst, 2006, S. 367f.

32 Vgl. Boyens, 1998, S. 59; Lichtenthaler/Ernst, 2006, S. 372. Anm.: Als Synonym zum BI-Syndrom wird auch der Begriff „Not-Invented-There“ (NIT)-Syndrom verwendet (vgl. Laden, 1996, S. 10).

33 Vgl. Menon/Pfeffer, 2003, S. 509; Menon/Thompson/Choi, 2006, S. 1129.

34 Lichtenthaler/Ernst, 2006, S. 368.

35 Vgl. Kathoefer/Leker, 2010, S. 2. Anm.: Lichtenthaler und Ernst (2006) weisen explizit darauf hin, dass sich ihre NIH-Definition inhaltlich nicht von der von Katz und Allen (1982) unterscheidet. Es ist zu vermuten, dass Kathoefer und Leker (2010) dennoch die NIHS-Interpretation von Lichtenthaler und Ernst (2006) verwenden, weil diese den in ihrer Studie beschriebenen Sachverhalt besser wieder spiegelt.

36 Vgl. Brockhoff, 1999, S. 35.

37 Vgl. Rotering, 1990, S. 8.

38 Vgl. Wentz, 2008, S. 12.

39 Anm.: Neben der Innovation im klassischen Sinne ist die sog. ,Prozessinnovation‘ ebenfalls ein wichtiger Bestandteil für nachhaltige Wettbewerbsvorteile, weshalb in dieser Arbeit unter Innovationen auch Prozessinnovationen verstanden werden.

40 Anm.: Die Platzierung einer einzigen Innovation kann eine nachhaltige Wettbewerbsfähigkeit nicht gewährleisten, weshalb in bestimmten Intervallen Folgeinnovationen notwendig werden.

41 Vgl. Wentz, 2008, S. 13.

42 Vgl. Brockhoff, 1999, S. 70.

43 Vgl. Mehrwald, 1999, S. 34.

44 Vgl. Clagett, 1967, S. 43.

45 Vgl. Clagett, 1967, S. 18.

46 Clagett, 1967, S. 29.

47 Vgl. Clagett, 1967, S. 58.

48 Vgl. Katz/Allen, 1982, S. 15ff.

49 Vgl. Katz/Allen, 1982, S. 17.

50 Vgl. de Pay, 1995a, S. 80f.

51 Vgl. Baliga/Sjostrom, 1997, S. 1ff.

52 Vgl. Albach et al., 1993, S. 157.

53 Vgl. Agrawal/Cockburn/Rosell, 2009, S. 24. Anm.: Mit „ Company Towns “ werden Städte beschrie- ben, in denen die Innovationsleistung hauptsächlich in einem einzigen Unternehmen konzentriert ist.

54 Vgl. Kathoefer/Leker, 2010, S. 9-12.

55 Clagett, 1967, S. 29.

56 Vgl. Clagett, 1967, S. 53; Katz/Allen, 1982, S. 12f.; de Pay, 1995a, S. 133; de Pay, 1995b, S. 83ff.; Mehrwald, 1999, S. 227f.

57 Vgl. Katz/Allen, 1982, S. 16; Mehrwald, 1999, S. 227.

58 Vgl. Katz/Allen, 1982, S. 7 und 15ff.

59 Vgl. Katz/Allen, 1982, S. 12f.

60 Vgl. Mehrwald, 1999, S. 224.

61 Vgl. Mehrwald, 1999, S. 225-228.

62 Vgl. Mehrwald, 1999, S. 228-231.

63 Anm.: Manipulierbarkeiten und andere Vor- und Nachteile expliziter Messmethoden werden in Kapitel 3.2 der vorliegenden Arbeit beschrieben.

64 Vgl. Fazio et al., 1982, S. 341; Mehrwald, 1999, S. 162; Banaji, 2001, S. 127.

65 Mehrwald, 1999, S. 2.

66 Vgl. Kathoefer/Leker, 2010, S. 12.

67 Vgl. Thomas, 1990, S. 136; Mehrwald, 1999, S. 127.

68 Vgl. Nosek/Greenwald/Banaji, 2005, S. 278.

Details

Seiten
105
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656004783
ISBN (Buch)
9783656005339
Dateigröße
808 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v178378
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen – Technology and Innovation Management Group
Note
1,3
Schlagworte
Not Invented Here Syndrom NIH-Syndrom Impliziter Assoziationstest Technologie- und Innovationsmanagement Einstellungsforschung implizite Messverfahren

Autor

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Titel: "Good Idea, but not invented here!" Die Messung des Not Invented Here (NIH)-Syndroms mittels des Impliziten Assoziationstests