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Chancen und Risiken für Jugendalter und Jugendarbeit

Bachelorarbeit 2011 55 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Jugendalter

2 Die Bedeutung Sozialer Netzwerke
2.1 Der Mensch: ein soziales Wesen
2.2 Der Individualisierungsprozess nach Beck
2.3 „Strong ties“ vs. „weak ties”
2.4 Das soziale Kapital nach Bourdieu
2.5 Charakteristika sozialer Netzwerke

3 Das Internet: Die Welt ist ein Netzwerk
3.1 Funktionsweise des Internets
3.2 Web 2.0, Massenmedien oder Social Media?
3.3 Warum nutzen Jugendliche das Internet?

4 Soziale Online-Netzwerke (SON’s)
4.1 Funktionsweise SON’s
4.2 SON’s als Instrument der Selbstdarstellung
4.3 Sprachmittel Jugendlicher in SON‘s

5 Chancen und Risiken SON’s für das Jugendalter
5.1 Chancen
5.1.1 Identitätsarbeit
5.1.1.1 Fan-Identitäten
5.1.1.2 Ethnische Identitäten
5.1.1.3 Stigmatisierte Identitäten
5.1.2 Vergrößerung des Freundschaftsradius
5.2 Risiken
5.2.1 Cyper-Grooming
5.2.2 Cyber-Mobbing
5.2.3 Gefährdung der Privatsphäre

6 Jugendarbeit
6.1 Geschichte
6.2 Jugendarbeit: gesetzliche Bestimmungen
6.3 Aufgaben der Jugendarbeit
6.4 Aktuelle Diskurse der Jugendarbeit
6.4.1 Myjuleica.de
6.4.2 Netzcheckers.de und watchyourweb.de
6.4.3 Das Luftballonprojekt: „Der Baum aus 1000 Luftballons“

7 Zusammenfassung

8 Anhang

9 Quellenverzeichnis

Einleitung

Das Zeitalter des 21.Jahrhunderts ist geprägt von der rasanten Entwicklung neuer Technologien. So wäre ein Leben in der heutigen Zeit ohne Computer wohl kaum denkbar. Sei es bei der Nutzung eines modernen PKWs, welches durch Mikroprozessoren gesteuert wird, das Bezahlen mit der EC-Karte in einem Supermarkt, oder die Steuerung moderner Kraftwerke zur Energiegewinnung. Auch die Möglichkeit mit anderen Menschen zu kommunizieren, hat sich in den letzten Jahren stark verändert. So ist es den Menschen im Zeitalter des Internets möglich, mit anderen via E-Mail, Blogs, Chats, Foren und SON’s in Kontakt zu treten. Gerade Jugendliche wachsen heute in einer Gesellschaft hinein, in der sie sich diesen Technologien bedienen und das erste Mal in der Geschichte oft besser darüber Bescheid wissen als die Erwachsenen. In der Wissenschaft wird in diesem Zusammenhang häufig auch von der „digital natives-Generation“ gesprochen. In diesem Kontext wird sich die folgende Arbeit mit der Problematik auseinandersetzen, welche Bedeutung Soziale Online-Netzwerke, wie Facebook und SchülerVZ für das Jugendalter haben. So ist die Mitgliederzahl Jugendlicher, welche Sozialer Online-Netzwerke nutzen in den letzten Jahren drastisch angestiegen, wie sich in der vorliegenden Arbeit zeigen wird. Diese Tatsache und auch das persönliche Interesse Sozialer Online-Netzwerke sind für mich Grund, sich mit diesem Thema in Form einer Bachelorarbeit auseinanderzusetzen.

Ziel dieser Arbeit ist es (neben der zentralen Überschrift) dem interessierten Leser ein Verständnis zu vermitteln, warum Jugendliche Soziale Online-Netzwerke verwenden und wie sie diese nutzen. Des Weiteren steht auch die Frage im Mittelpunkt, inwieweit die Jugendarbeit davon profitieren kann.

Die Arbeit gliedert sich wie folgt: Punkt1 beschäftigt sich zunächst mit dem Begriff des Jugendalters. Wie sich herausstellen wird, ist die Abgrenzung vom Jugendalter zum Erwachsenenalter nicht ganz einfach. Im Anschluss wird sich Punkt 2 mit der Frage beschäftigen, was überhaupt unter einem sozialen Netzwerk zu verstehen ist und warum Menschen Beziehungen mit andern eingehen. Im darauffolgenden Punkt 3 wird die Thematik des Internets genauer beleuchtet. Es soll ein Grundverständnis vermittelt werden, nach welchem standardisierten Verfahren das Internet arbeitet und inwieweit sich die Nutzung des Internets in den letzten Jahren verändert hat. Außerdem werde ich In Punkt 3 auch der Frage nachgehen, was Jugendliche an dem Internet fasziniert. In Punkt 4 werde ich explizit auf die Sozialen Online-Netzwerke eingehen, das heißt, wie und warum diese von den Jugendlichen genutzt werden. Im Anschluss werde ich im Punkt 5 die Chancen und Risiken SON’s für das Jugendalter genauer beleuchten. In diesem Zusammenhang soll Punkt 6.4 ein Überblick über aktuelle Diskurse der Jugendarbeit geben und Punkt 6.4.3 schlussendlich in Form eines Projektes, welches im Rahmen des Studiums stattfand einen Anreiz geben, welche Möglichkeiten SON’s für die Jugendarbeit bieten.

Zunächst möchte ich jedoch noch eine Bemerkung hinsichtlich der Notation dieser Bachelorarbeit anfügen. Beim lesen dieser Arbeit wird auffallen, dass ich bei der Erwähnung von Personen (z.B. Jugendlicher, User etc.) die maskuline Ausdrucksform vorziehe.

Dieses hat keineswegs einen stigmatisierenden Hintergrund gegenüber Mädchen oder Frauen, sondern soll einen einheitlichen Lesefluss gewährleisten. In diesen Zusammenhang beziehe ich mich auf Mädchen und Jungen gleichermaßen.

1 Jugendalter

Wenn heutzutage von dem Begriff Jugend gesprochen wird, geht es im wissenschaftlichen Sinne um die Besonderheiten einer ganz bestimmten Lebensphase eines Menschen. Die Soziologie beschäftigt sich beispielsweise mit der Frage, inwieweit sich soziale Gruppenphänomene erklären lassen. Hierbei wird der Mensch in soziale Gruppen: Kinder, Jugendliche und Erwachsene unterteilt.1 Die große deutsche Jugendstudie Shell bezeichnet in diesem Zusammenhang alle Menschen im Alter von 13-25 Jahren als Jugendliche.2 Die KIM-Studie, welche sich mit dem Medienumgang junger Menschen beschäftigt, nimmt für Jugendliche eine Alterspanne zwischen 12-19 Jahren vor.3 Betrachtet man nun die gesetzlichen Bestimmungen des SGBIII, sind Jugendliche: „…wer 14, aber noch nicht 18 Jahre alt ist,…“4 Aus psychologischer Sicht stehen die psychischen Besonderheiten eines Menschen im Vordergrund. In diesem Zusammenhang wird nicht von dem Jugendlichen gesprochen, sondern von dem Adoleszenten. So kennt die Psychologie folgende Einteilung: Die Präadoleszenz (10-12Jahre), Frühadoleszenz (13-15Jahre), mittlere Adoleszenz (15-17Jahre) und die späte Adoleszenz (18-20Jahre). Im Zuge gesellschaftlicher Veränderungen z.B. durch die Ausdehnung der Verweildauer im Bildungssystem, lässt sich feststellen, dass sich die Jugendphase nach hinten verlagert.

Demzufolge existiert eine sechste Jugendphase nämlich die Postadoleszenz (21-25Jahre).5

Betracht man nun einen Jugendlichen aus biologischen Gesichtspunkten, spricht man von der Pubertät. Dieser Begriff findet auch überwiegend in Alltagssituationen Anwendung und umschreibt die biologischen Veränderungen eines Menschen.6 Noch vor 20 Jahren hatte man den Begriff Pubertät mit einem Eintrittsalter von 13 Jahren angesetzt, doch durch die zunehmenden gesellschaftlichen Veränderungen lässt sich feststellen, dass sich das Eintrittsalter in die Pubertät deutlich nach vorne verlagert hat. So ist z.B. durch den medizinischen Fortschritt und einer guten Ernährung der Eintritt in die Pubertät schon bei neun- bis zehnjährigen zu beobachten.7

In diesem Zusammenhang lässt sich erkennen, wie schwierig es ist eine Einteilung der Jugendphase vorzunehmen. Die Begriffe Jugendliche, Adoleszenten oder Pubertierende, müssen demzufolge immer in einem bestimmten Kontext gesehen werden. In der vorliegenden Arbeit wird der Begriff Jugendlicher und Adoleszent als Synonym verwendet. Des Weiteren werden in dieser Arbeit Statistiken verwendet, um das Nutzungsverhalten SON’s Jugendlicher zu beschreiben. Als Kerngruppe und Jugendalter werden die Jugendlichen im Alter zwischen 12-19 Jahren berücksichtigt.

2 Die Bedeutung Sozialer Netzwerke

2.1 Der Mensch: ein soziales Wesen

Biologisch betrachtet, besteht zwischen Mutter und Fötus bereits vor der Geburt (pränatal) eine soziale Bindung. So ist auch nach der Geburt (partus) der noch „unfertige“ Mensch nicht nur als Einzelwesen im Hinblick auf seine Individualität zu betrachten, sondern auch als soziales Wesen zu begreifen. Als Menschen werden wir von unseren Müttern in eine soziale Welt hineingeboren, in der wir gesellschaftlichen Normen und Werten unterliegen.8 So wäre es dem Säugling unmöglich völlig losgelöst und isoliert von seiner Gemeinschaft zu überleben. Der Mensch ist somit auf soziale Beziehungen angewiesen. Nicht nur im Hinblick auf die Existenz des Menschen, sondern auch in Anbetracht der Tatsache, dass wir in einer modernen sich ständig wandelnden Gesellschaft leben, in der stabile Beziehungsnetzwerke von Vorteil sein können.9

2.2 Der Individualisierungsprozess nach Beck

Ulrich Beck, ein deutscher Soziologe, spricht in diesem Zusammenhang vom Individualisierungsprozess, indem er beschreibt, ]dass wir in den modernen Industriestaaten von der eigentlichen Normalbiographie des 18.-19. Jahrhunderts herausgelöst wurden und seit Beginn des 20. Jahrhunderts einer Wahlbiographie unterliegen. Die Normalbiographie im bürgerlichen Leben war geprägt durch Wirtschaftsgemeinschaften, in denen die Existenzsicherung und der Erhalt der Generationsabfolge an oberster Stelle standen!10 So war z.B. die Heirat bereits durch Stand, Besitz und Religion vorgegeben und wurde durch das Netzwerk Familie, Verwandtschaft und Dorfgemeinschaft arrangiert. Die Ehe war somit nicht zwangsläufig nur Bund zweier sich liebenden Personen, sondern auch die zweier Familien oder Sippschaften. Jeder Einzelne dieser Familien oder Sippschaften war somit zuständig für den Erhalt der Wirtschaftsgemeinschaft Familie.

Im Zuge der gesellschaftlichen Entwicklung und des technischen Fortschrittes ist besonders Mitte des 20. Jahrhunderts eine Veränderung zu bemerken. Lebens- und Bildungschancen stiegen und auch der Lebensstandard unterer Bevölkerungsschichten hatte sich verbessert. Wo es in früheren Generationen noch ums „nackte Überleben“ ging, wurde nun für eine breite gesellschaftliche Schicht ein Level erreicht, welches erstmals Spiel- und Wahlmöglichkeiten in Bezug auf die Lebensgestaltung zuließ.11 Die Menschen wurden aus ihrer traditionellen bürgerlichen Normalbiographie herausgelöst, die einst Sicherheiten gaben und unterlagen von nun an ihrer Wahlbiographie mit all ihren „Zwängen und Frösten“.12 Dies bedeutet zum einen, dass der Bauplan der Industriegesellschaft für die Lebensführung der bürgerlichen Familie nicht mehr greift, indem die Familie aus einer Arbeitsbiographie (Mann) und einer lebenslangen Haushaltsbiographie (Frau) bestanden, weil nunmehr aufgrund der Gleichberechtigung der Frauen versucht werden muss, zwei Arbeitsmarktbiographien unter einen Hut zu bekommen.13 Die freigesetzten Individuen werden arbeitsmarktabhängig und damit bildungsabhängig! Vorstellungen von Familie, Ehe, Sexualität und Erotik unterliegen nun den Normen, Werten und Moralvorstellungen einzelner Individuen. Traditionelle Familienformen, die Verhaltensregeln und Vorschriften enthielten, wurden immer mehr abgelöst durch die Erweiterung des individuellen Lebensradius. Das bedeutet, dass dieser Lebensradius größer wurde und damit offener und gestaltbarer. Jeder einzelne befindet sich somit ständig auf der Ebene der Entscheidungen. Entscheidungen bezogen auf den Alltag oder aber der Lebensplanung. Unsere Gesellschaft verlangt von uns mündiger Bürger, aber auch kritischer und umwelt/-bewusster Verbraucher zu sein. Ist meine Ausbildung die richtige? Wenn ja, wo soll ich später hinziehen und wird dieser Beruf auch noch in 15 Jahren gefragt sein? Soll man um eine bestimmte Beziehung kämpfen oder lieber von ihr loslassen?14 Das Problem dieses Individualisierungsprozesses liegt also darin begründet, dass es nun neue Formen der Existenzsicherung gibt, die vom Arbeitsmarkt auf jede einzelne Person vermittelt werden. Unsere moderne Gesellschaft unterliegt den Gesetzen des Marktes in Hinblick auf Mobilität, Flexibilität, Konkurrenz und Karriere ohne dabei Rücksicht auf private Bindungen zunehmen. Wer sich nicht an diese Gesetze hält, riskiert damit Arbeitsplatz, Einkommen und soziale Stellung.15

2.3 „Strong ties“ vs. „weak ties”

Im Kontext des Individualisierungsprozesses wird deutlich, welche zentrale Bedeutung Netzwerke im Hinblick auf die Existenzsicherung von Familien und Sippschaften hatten. Doch wann genau ist überhaupt von Netzwerken zu sprechen? Hat der Begriff des Netzwerkes auch in unserer modernen Gesellschaft die gleiche Gültigkeit? Dieses soll im Folgenden geklärt werden.

Da man unter dem Begriff „soziales Netzwerk“ die Gesamtheit einzelner Beziehungen versteht (Alteri)16, möchte ich zunächst auf den Beziehungsbegriff eingehen. Nun ist davon auszugehen, dass den Menschen unterschiedliche Beziehungstypen zuzuordnen sind. Zum einen gibt es familiäre Beziehungen, die allein von der Geburt oder Verwandtschaft hin festgelegt sind, zum anderen aber freundschaftliche Beziehungen, die sich bei jedem Einzelnen im Laufe des Lebens entwickeln und verändern.17 Im Hinblick darauf lassen sich Beziehungen auch durch ihre Intensität oder subjektiver Bedeutsamkeit differenzieren. Mark Granovetter unterscheidet dabei zwischen engen Beziehungen (strong ties) und schwachen Beziehungen (weak ties). Strong ties finden sich in der Regel bei Lebens- bzw.

Liebespartner oder aber auch nahen Familienangehörigen sowie guten Freunden.

Diese Beziehung zeichnet sich vor allem durch starke Emotionalität und Intimität aus, indem die wechselseitige Offenbarung von Informationen, einschließlich Gefühlsoffenbarungen in Bezug auf den Beziehungspartner an oberster Stelle steht. Weiter können hierbei eine Vielzahl an persönlichen Interessen und Aktivitäten geteilt werden. Um dieses Beziehungsgeflecht längerfristig oder sogar dauerhaft bestehenlassen zu können, erfordert es jedoch einen hohen Zeitaufwand, sowie ein gewisse Reziprozität.18 So hat sicherlich jeder schon einmal erlebt, dass enge Beziehungen auch einen Verpflichtungscharakter mit sich bringen. So bittet ein guter Freund ihm beim nächsten Umzug zu helfen, der einem wiederum als Anerkennung in naher Zukunft Karten für ein limitiertes Konzert besorgt. Diese Reziprozität muss dabei nicht zwingend zeitgleich erfolgen, sondern kann wie in dem eben genannten Beispiel auch zu einem späteren Zeitpunkt (aufgeschobene Reziprozität) ausgeglichen werden, ohne dabei die Beziehung zu gefährden19. Gleichwohl ist es aber möglich, dass diese Beziehung nicht dauerhaft bestehen muss. So kann diese unter bestimmten schwierigen familiären Umständen sogar abbrechen oder aber auch eine Liebesbeziehung in die Brüche gehen.

„Weak ties“ sind im Gegensatz zu den „strong ties“ weniger auf Emotionalität und Intimität gestützt. Der zeitliche Aufwand ist oft spärlich gesät, auch in Bezug auf den gemeinsamen Interessen oder Aktivitäten. Diese schwachen Beziehungen bestehen meist zu entfernten Verwandten, Nachbarn oder im Kollegenkreis, die sich untereinander kaum kennen (Intransitivität). Man könnte nun daraus schlussfolgern, dass diese Art von Beziehung überflüssig zu sein scheint oder als oberflächlich gilt, doch erfüllt diese auch eine wichtige soziale Funktion. Zum einen kann die Möglichkeit bestehen, dass eine Defizitsituation vorherrscht, wenn bei einer Person z.B. starke Beziehungen fehlen. Schwache Beziehungen können dabei als Kompensation bzw. Ausgleichfunktion dienen und so z.B. soziale Isolation vorbeugen.20 So liegt die Stärke schwacher Beziehungen darin begründet, dass wir mit Menschen in Kontakt treten können, die uns in schwierigen Lebenssituationen unvoreingenommen zur Seite stehen. Des Weiteren können neue Orientierungen und Sichtweisen uns dabei helfen unseren Horizont zu erweitern, ohne dabei von eingefahrenen Denkmustern starker Beziehungen beeinflusst zu werden.21 Neben ihrer eben aufgeführten subjektiven Bedeutung einzelner Beziehungen lassen sich diese nicht nur in „strong ties“ oder „weak ties“ unterscheiden, sondern es besteht auch die Möglichkeit, Beziehungen nach ihrer Funktion und in ihrer Rolle zu den einzelnen Beziehungspartnern zu unterteilen. Die folgende Abbildung soll dies verdeutlichen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 zitiert aus: Döring 2003, S. 405

Die Bedeutung Sozialer Netzwerke

So scheint mir diese Abbildung deshalb von bedeutender Relevanz, weil sie eine kompakte Übersicht bietet, inwiefern soziale Beziehungen auf der Mikro- und Makroebene angesiedelt sein können, welche das Grundgerüst für ein soziales Netzwerk bildet. Wie diese Grafik zeigt, lassen sich soziale Beziehungen in formaleund persönliche Beziehungen unterteilen.

Formale Beziehungen sind dabei in Funktionssystemen eingebunden, die unter anderem gesellschaftliche Aufgaben erfüllen (Makroebene). So geht es dabei nicht primär um den Austausch von emotionalen und intimen Befindlichkeiten sondern vielmehr um den Transfer von Leistungen und Gütern. Als Beispiele wären hier zu nennen: die Verkäuferin im Supermarkt, die einem den Wochenendeinkauf abkassiert, der Ratsuchende, der sich an eine Beratungsstelle wendet, oder aber der Friseur, der einem die Haare schneidet. Hierbei ist in der Regel nicht von einer starken Bindung auszugehen, weil jeder einzelne nach formalisierten Rollenvorgaben handelt. So können große emotionale Nähe oder übertriebene Distanz die Aufgabenabwicklung sogar negativ beeinflussen.

Ausnahme jedoch gibt es im psychosozialen Bereich, indem eine emotionale Beziehungsebene als Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Arbeit gilt.22 Weiter ist natürlich anzumerken, dass im Laufe der Zeit eine starke Bindung zwischen Kollegen möglich ist oder gerade wegen des gemeinsamen Arbeitsplatzes enge Freundschaften entstehen können.

Im Gegensatz zu den formalen Beziehungen können persönliche Beziehungen (Mikroebene) stärker ausgehandelt werden und unterliegen somit größeren Freiheiten. Hierbei geht es nicht um den Austausch von Verschiedenen z.B. Leistungen/Gütern Vs. Geld sondern um das Teilen von Gleichen bzw. Ähnlichen z.B. Gefühle oder Verbundenheit, wechselseitige Wertschätzung und Vertrauen.23

Nun wurde im Punkt 1.3 von den sozialen Beziehungen gesprochen, wie diese sich durch ihre Intensität unterscheiden lassen, sie sich aber auch im Laufe des Lebens verändern können. Des Weiteren sollte die Abbildung 1 einen Überblick geben, inwieweit die Stärke sozialer Beziehung auf der formellen- und persönlichen Ebene variierend angesiedelt sein kann und diese sich so gegenseitig bedingen. Im Folgenden ist zu klären, warum Menschen überhaupt soziale Beziehungen eingehen.

So wäre es trivial zu behaupten, dass eine Person auf ein bestimmtes Beziehungsgeflecht keinen Einfluss hat, wie es beispielsweise in folgenden Konstellationen der Fall ist: Kollegen-/Kollegenbeziehung, Eltern/Kind-Beziehung, Verkäufer/Kunde oder aber Berater und der Beratende.

2.4 Das soziale Kapital nach Bourdieu

Bourdieu (*1930 - † 2002) war ein französischer Soziologe und ging zum einen der Frage nach, inwieweit sich Rückschlüsse aus der Entstehung bestimmter Beziehungsnetzwerke ziehen lassen können. Er war der Auffassung, dass es dem Menschen nur möglich sei, mit Hilfe des Kapitals als Ressource zu seinen Zielen zu gelangen. So unterscheidet Bourdieu drei Kapitalformen:

- Das ökonomische Kapital beinhaltet materiellen Reichtum wie z.B. Geld oder andere finanzielle Ressourcen.
- Kulturelles Kapital ist nach Bourdieu besonders wichtig, da es den gesamten Bereich der Bildung umfasst, also dem theoretischen und praktischem Wissen. So sehen Jugendliche mit einem guten Schulabschluss guten Ausbildungschancen entgegen.
- Das soziale Kapital als letzteres beinhaltet schließlich die Gesamtheit der Ressourcen auf die ein Individuum zurückgreifen kann um zu seinen Zielen zu gelangen.24

Bourdieu geht dabei auf die Tatsache ein, dass sich alle drei Kapitalformen untereinander konvertieren lassen. So besteht die Möglichkeit, ökonomisches Kapital unmittelbar in Geld zu konvertieren, welches sich besonders zur Institutionalisierung des Eigentumsrechts eignet.

Das kulturelle Kapital kann unter bestimmten Voraussetzungen in ökonomisches Kapital umgewandelt werden, indem z.B. ein fundierter angesehener Abschluss zum beruflichen Erfolg führen kann. Bourdieu ist der Auffassung, dass die Konvertierbarkeit Ausgangspunkt ist, um Strategien zu entwickeln, mit möglichst geringen Umwandlungskosten sein Kapital zu reproduzieren.25 Dabei befindet sich der Mensch innerhalb seiner sozialen Beziehungen stätig im sozialen Austausch (social exchange), des von ihm geschätzten Gutes. Was aber nicht bedeuten muss, dass es sich um die gleiche Art von Gut handeln muss oder beide Beziehungspartner denselben Profit erwarten.26 Grundvoraussetzung dieses Austauschprinzips ist, wie im Punkt 1.3 beschrieben, die Reziprozität. Erst diese stellt sicher, dass auch in Zukunft Austauschvorgänge stattfinden können. So kann das Sozialkapital, welches aus den persönlichen Netzwerken entsteht, dabei helfen zu symbolischen Profiten wie Status und Prestige zu gelangen, welche wiederum Macht signalisieren. Diese symbolische Macht ist beispielsweise notwendig, um bei seinen Beziehungspartnern attraktiv zu bleiben und somit effizienter zu seinen Zielen zu gelangen.27 Der Umfang des Sozialkapitals einer Person ergibt sich also zum einen aus der Ausdehnung des Netzes (Netzwerks) und dem Umfang vom ökonomischen- und kulturellen Kapital, welches Personen besitzen, mit denen man in Beziehung steht.28 Die Schwierigkeit Soziales Kapital anzuhäufen besteht nun darin, dass eine gewisse Beziehungsarbeit notwendig ist. So können Mitgliedschaften in Alumni-Clubs, Absolvententreffen, der gemeinsame Besuch einer Oper oder die Mitgliedschaft in einem Sportverein dabei helfen, Kontakte zu knüpfen, die sonst nie entstehen würden. Granovetter zeigt z.B. in seiner Studie „The strength of weak ties“ auf, dass die Erfolgschancen Arbeitssuchender höher sind, wenn eine Person über „weak ties“ verfügt. Als Grund sieht er die Tatsache, dass in einer Gruppe mit hohem Zusammenhalt (strong ties) kaum Neuigkeiten in Bezug auf individuelle Perspektiven kommuniziert werden.

[...]


1 vgl. Fend 2000, S. 23

2 vgl. Shell 2006, S. 30

3 vgl. KIM-Studie 2010, S.1

4 zit. Nach Stascheit 2008, S. 1154

5 vgl. Baacke 2000, S. 40

6 vgl. Fend 2000, S.22f

7 vgl. Baacke 2000, S. 41

8 vgl. Vester 2009, S.25f

9 vgl. Kneidinger 2010, S.19

10 vgl. Beck 2005, S.69

11 vgl. Beck 2005, S. 68

12 Wysocki, zit. Nach Beck 2005, S. 12f

13 ders. S. 14

14 vgl. Fiebig 2001, S. 116f

15 vgl. Beck 2005, S. 73f

16 vgl. Döring 2003, S. 409

17 vgl. Kneidinger 2010, S. 19

18 vgl. Vester 2009, S. 75

19 vgl. Döring 2003, S. 407

20 dies. 2003, S. 411 und Röll 2008, S. 217f

21 vgl. Döring 2003, S. 408

22 vgl. Döring 2003, S. 406f

23 dies., S. 405f

24 vgl. Balintfy 2009, S. 6ff

25 vgl. Czech 2009, S. 13f (URL1)

26 vgl. Vester 2009, S. 75f

27 vgl. Dederichs 1999, S. 151

28 vgl. Czech 2009, S. 14 (URL1)

Details

Seiten
55
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656005438
ISBN (Buch)
9783656005599
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v178506
Institution / Hochschule
Hochschule Neubrandenburg
Note
1,3
Schlagworte
chancen risiken jugendalter jugendarbeit

Autor

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Titel: Chancen und Risiken für Jugendalter und Jugendarbeit