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Urbanisierung und kommunale Daseinsvorsorge im Deutschen Kaiserreich

von Martin Finkenhäuser (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 24 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Städtewachstum
1. Das Bevölkerungswachstum
2. Migration und Mobilität
3. Eingemeindungen

3. Leben in der Stadt

4. Kommunale Daseinsvorsorge
1. Verwaltungsstruktur der Kommunen
2. Kommunale Maßnahmen
3. Kommunale Betriebe

5. Fazit

6. Quellen- und Literaturverzeichnis

O Zarathustra, hier ist die große Stadt: hier hast du nichts zu suchen und alles zu verlieren. Warum wolltest du durch diesen Schlamm waten? Habe doch Mitleiden mit deinem Fuße! Speie lieber auf das Stadttor und - kehre um! Hier ist die H ö lle für Einsiedler-Gedanken: hier werden große Gedan ken lebendig gesotten und klein gekocht. Hier verwesen alle großen Gefühle: hier dürfen nur klapperdürre Gefühlchen klappern! Riechst du nicht schon die Schlachthäuser und Garküchen des Geistes? Dampft nicht diese Stadt vom Dunst geschlachteten Geistes?1

1. Einführung

In den Jahrzehnten des ausgehenden langen 19. Jahrhunderts fand die Entwicklung von der Agrar- hin zur Industriegesellschaft statt und damit der Übergang von der traditio- nellen Bevölkerungsweise mit hoher Fertilität und hoher Mortalität zur modernen Be- völkerungsweise.2 Es handelte sich dabei um einen tiefgreifenden gesamtgesellschaft- lichen Strukturwandel, der enorme soziale und wirtschaftliche Probleme mit sich brach- te. Nach einer Darstellung dessen, was man unter Urbanisierung in diesem Zeitraum verstehen kann, soll das Ziel dieser Arbeit sein, zu untersuchen, welche Probleme sich aus diesem Prozess ergaben, wie diesen Problemen begegnet wurde und welche Rolle die Kommunalpolitik dabei gespielt hat. Es soll dabei nicht um die Frage gehen, ob es sich „um ein neues Phänomen handelt, das sich kaum mit den Zielen und der Struktur kommunaler Selbstverwaltung der ersten Jahrhunderthälfte in Verbindung bringen l äß t.3 Es soll stattdessen gezeigt werden, wie in dem Maße, in dem die Stadt gewach- sen war, neue Lebensformen entstanden sind und dass die Reaktionen der Kommunal- verwaltungen darauf den Weg für den Aufstieg des modernen Interventions- und Wohl- fahrtsstaates bereitet haben.4 Dabei soll versucht werden, dem aktuellem Stand und den Perspektiven der Urbanisierungsforschung Rechnung zu tragen.5 Gemeint ist zum einen die Ablösung des Industrialisierungsparadigmas6 durch das Modernitätsparadigma, das die Stadt inter- und transdisziplinär als vieldimensionales Forschungsfeld begreift.7 Zum anderen sollen nicht nur Metropolen und Großstädte Gegenstand der Untersuchung sein, sonder auch Mittel- und Kleinstädte. Und darüber hinaus soll stadtplanerische Intervention als Spezifikum der „europäischen Stadt“ im Unterschied zur „mediterranen Stadt“ verstanden werden.8

2. Städtewachstum

2.1. Das Bevölkerungswachstum

Tabelle 1. Wachstumsziffern zur deutschen Bev ö lkerungsgeschichte 1871-19139

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In der Zeit von 1871 bis 1914 ist die Bevölkerung des Deutschen Reiches von 41 auf 68 Millionen, also um 58%, gewachsen. Im Königreich Sachsen hat sich die Bevölke- rung mit einem Wachstum von 88% fast verdoppelt. Da die absolute Zahl derer, die auf

dem Land lebten, also in Gemeinden mit weniger als 2.000 Einwohnern, in dieser Zeit ungefähr gleich blieb, wird klar, wieviele Menschen die deutschen Städte in dieser Zeit aufnehmen mussten.10 Die beiden wesentlichen Gründe dafür waren das Sinken der Mortalitätsrate von 28,3‰ auf 15‰ und ein drastisches Absinken der Fertilität seit der Jahrhundertwende. Die Ursachen dafür sind zahlreich. Zum einen verbesserten sich der Kalorien- und Vitamingehalt der Nahrung, die hygienischen Bedingungen und die medizinische Versorgung durch bessere Medikamente, mehr Ärzte, Lebensmittelkon- trollen, Impfungen, die Eindämmung von Epedemien und Infenktionskrankheiten. Zum anderen sank die durchschnittliche Arbeitszeit, die Reallöhne stiegen und es verbesser- ten sich die Lebensstandards und Konsummöglichkeiten. All dies führte dazu, dass ab den 1890er Jahren vor allem die Säuglingssterblichkeit stark abnahm. Es fällt sicherlich auf, dass der Zugang zu all den Neuerungen für die verschiedenen sozialen Gruppen in sehr unterschiedlicher Weise gegeben war. Die Überlebenschancen eines ehelichen Kindes einer protestantischen Beamtenfamilie waren sehr viel höher als die unehelicher Kinder ungelernter Arbeiter.

Tabelle 2. Säuglingsmortalität (pro 1.000) in Preußen nach Berufsposition des Vaters 1877/ 191311

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Außerdem stiegen die Überlebenschancen deutlich an, wenn die Mutter keiner Erwerbstätigkeit nachgehen musste und Zeit zum Stillen hatte, da keines der Ersatzprodukte die Immunisierungswirkung und die Bekömmlichkeit der Muttermilch ersetzen konnte.

Neue Möglichkeiten der Kontrazeption und Geburtenkontrolle erlaubten eine Familienplanung, was mit dem Sinken der Mortalität, vorallem der Säuglingssterblichkeit, dazu führte, dass die durchschnittliche Zahl der Kinder in einer Familie zurückging, wobei die Fertilität in den Großstädten sehr viel stärker sank. Die „steigende Menschenflut“ wurde von den Zeitgenossen durchaus wahrgenommen und wirkte sich mitunter auch auf das politische Denken aus.

2.2. Migration und Mobilität

Die wesentliche Ursache für den Verstädterungsprozess waren jedoch die riesigen Wanderungsbewegungen. Man kann dabei drei Verlaufstypen von Mobilität unter- scheiden. Zum einen die regionale Mobilität und die Fernwanderung: 1907 lebten von 60,4 Mio Menschen im Reich 29 Mio, also 48%, nicht mehr in ihrer Geburtsgemeinde. Zum anderen war die innerstädtische Mobilität rapide gestiegen, da Wohnung und Arbeitsplatz mitunter mehrere Kilometer entfernt lagen, eine Strecke, die anfangs noch zu Fuß zurückgelegt werden musste und erst nach und nach per Nahverkehr bewältigt werden konnte. Durch das selbe Problem wuchs auch die innerstädtische Umzugsmo- bilität. Ständig auf der Suche nach einer preiswerten Wohnung in günstiger Lage zogen vor allem die Zugewanderten häufig um.12

Die Binnenwanderung, eine in Ausmaß und Wirkung neuartige Erscheinung, er- möglichte erst die Bereitstellung des industriellen Arbeitskräftepotentials. Bei der Fern- wanderung zeigt sich ein deutliches zahlenmäßiges Ost-West-Gefälle. Es waren vor allem Menschen aus den ostelbischen Gebieten, die in die Industriezentren zogen, also hauptsächlich ins Ruhrgebiet, aber auch nach Berlin und Sachsen. Vorwiegend brachen junge, ledige Männer auf. Es kam zwar häufig zum Nachzug der Familie, wenn die Existenz einigermaßen sicher schien, aber der Anteil der männlichen Bevölkerung in den Großstädten stieg deutlich an.13 Viele Bergbau- und Schwerindustrieunternehmen unterhielten Werbeagenturen, deren „Schlepper“ gezielt Wanderungslustige in den Ostgebieten suchten, die dann in den Industriegebieten in sogenannten „Zechenkolo- nien“ untergebracht wurden. In die Ostgebiete kamen wiederum russisch-polnische und galizische Wanderarbeiter, da hier in der Landwirtschaft saisonal großer Arbeitskräfte- mangel herrschte. Diese wurden auf ähnliche Weise in „Schnitterkasernen“ unterge- bracht.14 Zu den Migranten gehörten jedoch nicht nur Industriearbeiter, sondern auch viele, deren Ausbildung in den rasant wachsenden Städten dringend benötigt wurde, zum Beispiel Lehrer, Beamte oder Verwaltungsangestellte.15

Oft war die Abwanderung aus den Ostprovinzen das einzigste Ventil, um den Bevölke- rungsdruck abzuleiten.16 Sehr viel stärker forcierte jedoch die Nahwanderung das enorme Städtewachstum. Häufig konjunkturabhängig zogen viele in die nächste Stadt und im Falle von Arbeitslosigkeit wieder zurück. So bildete sich meist eine Art Kreis- lauf, der zum Teil von den Gewerkschaften angetrieben wurde, welche viele Arbeiter zur zeitweiligen Rückkehr aufs Land animierten, um die Streikkassen zu entlasten.

Tabelle 3. Bev ö lkerungswachstum und Wanderungsvolumen deutscher Großstädte 1880-191017

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Stadt Duisburg wuchs innerhalb von 50 Jahren von knapp 13.000 auf 103.000 Einwohner an. Vom Einwohnermeldeamt wurden jedoch über 710.000 Zu- und Wegzüge registriert, denn meistens blieben die Wanderer weniger als ein Jahr und zogen dann in die nächste Stadt. Dementsprechend sollte die Bezeichnung „Urbanisie- rung“ nicht zu der Annahme verleiten, dass eine Masse vom Land in die Stadt zog. Die Zuwanderung von Stadt zu Stadt war sehr viel höher. Die sozialen Folgen waren häufig Heimatlosigkeit, Entwurzelung, Orientierungslosigkeit und Anomie18 - eine Einschät- zung, die man differenziert betrachten muss, denn oft lebten diese Menschen weit weniger in Verunsicherung und chaotischen Verhältnissen, als mitunter angenommen wird.19 Gerade bei saisonalen Wanderern dürfte dies wohl eher selten der Fall gewesen sein.20 Trotz der vielen Belastungen, der häufigen Armut, der Wohnungsnot und den vielen sozialen Problemen, war die Migration vor allem für junge Leute dennoch sehr attraktiv. In der amerikanischen Urbanisierungsforschung meint der „Bright light“- Faktor, dass der Barlohn anstelle von Naturaldeputat es ermöglichte, das in der zunehmend entstehenden Freizeit sehr reiche Vergnügungs- und Kulturangebot wahrzu- nehmen. Darüber hinaus bedeutete der Wegzug in die Stadt für viele eine Flucht vor der rigiden dörflichen Sozialkontrolle und der Idiotie des Landlebens: „Stadtluft macht frei.21 Außerdem bestand die Aussicht auf sozialen Aufstieg. Auch wenn dieser einem selbst nicht gelang, so sollte es doch wenigstens den Kindern einmal besser gehen. Und das Wohnungselend war in der Stadt oft nicht wesentlich schlimmer, als auf dem Land.

Außer durch personenbezogene Faktoren, wie Geschlecht, Alter, Familienstatus, Bezie- hungen zu Verwandten und Freunden, Ausbildungsstand werden der Entschlußzur Mobili- tät und die Formen der Wanderung bestimmt durch soziale und ö konomische Faktoren, wie Konjunkturverlauf, Wirtschafts- und Bev ö lkerungsstruktur von Ausgangs- und Zielgebiet, Verkehrsverhältnisse, Informationsfluß, Wohnsituation, kulturelle Attraktivität oder ... durch fehlende bzw. nur unzureichend ausgebildete gesellschaftspolitische Hilfen.22

[...]


[1] Nietzsche, Friedrich: Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen, Köln 2005, S. 134 (=

Friedrich Nietzsche: Werke in drei Bänden, Bd. 2, Hg. v. Karl Schlechta, München, 1954, S. 425)

[2] Vgl. dazu Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 3, München 1995, S. 493

[3] Lenger, Friedrich: Städtisches Bürgertum und kommunale Selbstverwaltung im 19. Jahrhundert: Die größeren Städte der preußischen Westprovinzen und Bayerns im Vergleich, in: ders.: Stadtgeschich- ten. Deutschland, Europa und die USA seit 1800, Frankfurt am Main 2009, S. 173; Eine Diskussion der Kontroverse über die vermeintliche Kontinuität dieser Entwicklung findet sich in Süßmann, Johannes: Die Wurzeln des Wohlfahrtsstaats - Souveränität oder Gute Policey, in: HZ 285, 2007, S. 19-47

[4] Vgl. dazu Langewiesche, Dieter: „Staat“ und „Kommune“. Zum Wandel der Staatsaufgaben in Deutschland im 19. Jahrhundert, in: HZ 248, 1989, S. 621f

[5] Zur Entwicklung der Stadtgeschichtsforschung und der Rolle Erich Maschkes bei der Zusammen- führung dieser mit der Wirtschafts- und Sozialgeschichte vgl. Fouquet, Gerhard: Erich Maschke und die Folgen - Bemerkungen zu sozialgeschichtlichen Aspekten deutscher Stadtgeschichtsforschung seit 1945, in: ders./ Zeilinger, Gabriel (Hg.): Die Urbanisierung Europas von der Antike bis in die Moderne (Kieler Werkstücke, Reihe E: Beiträge zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Bd. 7), Frankfurt am Main 2009, S. 15-42

[6] Das Industrialisierungsparadigma ist die Idee, dass Städtewachstum und sozialer Wandel im Wesent- lichen Industrialisierungsreflexe sind. Diese Idee blieb auch mit der Interessenverschiebung der Geschichtswissenschaften in den 1980er Jahren hin zum Bürgertum und dessen Wandel vom Stand zur kommunalen Elite im 19. Jahrhundert erhalten, vgl. dazu Lenger Friedrich: Stand und Perspektiven der europäischen Urbanisierungsforschung zum 20. Jahrhundert, in: Bohn, Thomas M. (Hg.): Von der „europäischen Stadt“ zur „sozialistischen Stadt“ und zurück? Urbane Transformationen im östlichen Europa des 20. Jahrhunderts, München 2009 , S. 23f

[7] Vgl. dazu Saldern, Adelheid von: Stand und Perspektiven der Stadtgeschichts- und Urbanisierungs- forschung, in: Informationen zur modernen Stadtgeschichte, Heft 2, 2002, S. 54-62

[8] Vgl. dazu Reulecke, Jürgen/ Zimmermann, Clemens: Zwölf Bemerkungen zur Stadt- und Urbanisie- rungsgeschichte, in: Informationen zur modernen Stadtgeschichte, Heft 2, 2002, S. 55/ 59

[9] Übersicht 69 in Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, S. 494

[10] Vgl. dazu Laux, Hans Dieter: Demographische Folgen des Verstädterungsprozesses: Zur Bevölke- rungsstruktur und natürlichen Bevölkerungsentwicklung deutscher Städtetypen 1871-1914, in: Teuteberg, Hans Jürgen (Hg.): Urbanisierung im 19. und 20. Jahrhundert. Historische und Geogra- phische Aspekte, Köln 1983, S. 65f

[11] Nach Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, S. 497

[12] Vgl. dazu ebd. S. 504f

[13] Vgl. dazu Laux, Hans Dieter: Demographische Folgen des Verstädterungsprozesses, S. 88; zum sta- tistischen Anteil der Frauen und Kinder an der Wanderungsbewegung vgl. Kamphoefner, Walter Dean: Soziale und demographische Strukturen der Zuwanderung in deutsche Großstädte des späten 19. Jahrhunderts, in: Teuteberg, Hans Jürgen (Hg.): Urbanisierung im 19. und 20. Jahrhundert, S. 104f

[14] Vgl. dazu Mergel, Thomas: Das Kaiserreich als Migrationsgesellschaft, in: Müller, Sven O./ Torp, Cornelius (Hg.): Das deutsche Kaiserreich in der Kontroverse, Göttingen 2009, S. 374ff

[15] Vgl. dazu Kamphoefner, Walter Dean: Soziale und demographische Strukturen der Zuwanderung, S. 114

[16] Vgl. dazu Reulecke, Jürgen: Geschichte zur Urbanisierung in Deutschland, Frankfurt am Main 1985, S. 72f

[17] Gerundete Zahlen, Übersicht 70 in Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, S. 506

[18] Vgl. dazu ebd., S. 509

[19] Vgl. dazu Reulecke, Jürgen: Geschichte zur Urbanisierung in Deutschland, S. 76

[20] Vgl. dazu Kamphoefner, Walter Dean: Soziale und demographische Strukturen der Zuwanderung, S. 98

[21] Vgl. dazu Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, S. 510

[22] Langewiesche, Dieter: Wanderungsbewegungen in der Hochindustrialisierungsperiode. Regionale, interstädtische und innerstädtische Mobilität in Deutschland 1880-1914, in: VSWG 64, 1977, S. 6

Details

Seiten
24
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656005902
ISBN (Buch)
9783656006213
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v178547
Institution / Hochschule
Technische Universität Chemnitz – Europäische Geschichte
Note
1,0
Schlagworte
urbanisierung daseinsvorsorge deutschen kaiserreich

Autor

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    Martin Finkenhäuser (Autor)

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