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Sprache und Identität im fanzösischen Rap am Beispiel Rim'K

Hausarbeit 2011 21 Seiten

Romanistik - Französisch - Linguistik

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der Rapper Rim’K

3. Kategorien der Identitätskonstruktion
3.1 Der Künstlername als Identitätsakt
3.2 Selbstdarstellung als Identitätsakt
3.3 Genre
3.3.1 Toasting
3.3.2 Signifying
3.3.3 Dissing
3.3.4 Boasting

4. Fremdsprachliche Elemente und interkulturelle Referenzen
4.1 Symbolische Funktionen der Herkunftssprache
4.2 Patchwork-Identitäten
4.3 Code-Switching (CS)

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wie in den USA hat sich auch der Rap[1] in Frankreich in den urbanen Randzonen entwickelt und entstand zunächst in der Banlieue von Paris, Lyon und Marseille bis später hin zu kleineren Städten wie Toulouse und Straßburg.[2] Aus dem Import-produkt der USA bildet sich in Frankreich eine eigenständige Variante, die sich neben ihrer lokalen Anpassung und Aneignung auch durch eine ethnische Vielfalt auszeichnet.[3] Diese ethnische Vielfalt - insbesondere das Maghrebinische, das nach und nach aufgrund sprachlicher und musikalischer Einflüsse bereits zum Bestandteil der französischen Kultur geworden ist - entwickelte eine kulturelle Widerstandskraft nicht nur entgegen der westlichen Dominanz, die die Kultur der Eltern- und Großelterngeneration der jeunes issus de l’immigration[4] nicht anerkennt, sondern auch entgegen der tendenziellen Homogenisierung von außen. So entsteht in einer Welt, in der die Pluralität negiert und die différence von der Gesellschaft nicht akzeptiert wird, bei den Betroffenen ein Gefühl der Stigmatisierung und Ausgrenzung. Diese Situation führt bei den jugendlichen banlieusards zu dem Versuch sich neu zu positionieren, wobei nach neuen Bezugspunkten gesucht und kulturelle Resistenzformen entwickelt werden.[5]

Der französische Rap dient den marginalisierten Jugendlichen, von denen die meisten unter ihnen maghrebinischer Herkunft sind, als Sprachrohr der Sozialkritik und stellt gleichzeitig die lokale Lebenswelt, in der sie leben, dar. Durch das hohe Engagement auf politischer Ebene, sowohl auch durch die Integration vielfältiger kultureller Elemente, hat sich der französische Rap weitestgehend vom amerika-nischen Vorbild emanzipiert. Lokale Probleme und Konflikte werden genauso aufgegriffen und thematisiert wie die Frage nach der eigenen Identität.[6]

In dieser Hausarbeit sollen anhand zweier Rap-Textbeispielen von Rim‘K sprachliche Strukturen analysiert werden, um herauszufinden, wie sich die in Frankreich leben-den jeunes issus de l‘immigration in ihrem sozialen Kontext verorten und sich dabei von der dominanten Kultur abgrenzen. Die Raptexte, deren Verfasser maghre-binischer Herkunft ist, sollen nicht nur Aufschluss darüber geben, wie Sprache und Kultur des Herkunftslandes mit der des Aufnahmelandes in Verbindung gebracht werden, sondern auch wie sich durch kreatives Arbeiten an der Sprache Identitäts- und Wirklichkeitskonstruktionen bilden. Das Ziel dieser Arbeit ist es darzustellen wie sich im Kontext sozialer Abgrenzung und der Suche nach Anerkennung Identitäten durch kreative Selbstdarstellung bilden und neu entfalten.

2. Der Rapper Rim’K

Der richtige Name des französischen Rappers ist Abdelkarim Brahmi-Benalla.[7] Er wurde am 21. Juni 1978 geboren und lebt seit seiner Kindheit im südlichen Pariser Vorort Vitry-sur-Seine. Seine Eltern stammen ursprünglich aus der Kabylei, Al-gerien, sodass er schon frühzeitig mit der traditionellen Musik in Berührung kam und damit aufwuchs.[8] Mit 14 Jahren begann er seine ersten Erfahrungen als Rapper zu sammeln und fiel dabei nicht nur durch seine eingängigen Takte auf, sondern vor allem durch seine Texte, die über das Leben der Banlieue handelten und typische Cliches aufgriffen.[9] Bekannt wurde er als Rapper zunächst mit der Gruppe 113[10], die 1996 gegründet wurde.[11] So entdeckte er auf seinen Tourneen das Herkunftsland seiner Eltern und fand von da an seine Begeisterung dafür, welche sich u.a. in dem Lied Rachid System widerspiegelt. Im Jahre 2004 nahm der Rapper sein erstes Soloalbum L’enfant du pays auf, worin er, wie in vielen späteren Liedern auch, seine Erfahrungen und Erlebnisse, die er auf seinen Reisen durch Algerien gesammelt hatte, verarbeitete.[12] Neben reinen Rapstücken, ist das Album auch durch verschiedene Beteiligungen arabischer Sänger und Sängerinnen wie beispielsweise die in Algerien geborene Cheba Zahouania, deren Eltern unterschiedlicher marok-kanischer und algerischer Herkunft sind, in Rachid System geprägt.[13] Im selben Jahr gründete er mit ein paar Gruppenmitgliedern das Label Frenesik und wird somit nicht nur Mitbegründer dessen, sondern auch Produzent.[14]

3. Kategorien der Identitätskonstruktion

Im Folgenden soll nun dargestellt werden, auf welche unterschiedliche Weise Identität vom Rapper Rim‘K konstruiert wird, welche Elemente und Mittel er dazu verwendet, um sich Orientierung und Zugehörigkeit zu verschaffen und wie es ihm gelingt, die Sprache auf ästhetische Weise zu nutzen, um sich letztendlich dadurch in die Gesellschaft einzubringen.

3.1 Der Künstlername als Identitätsakt

Kennzeichnend für die Jugendsprache in den Vororten ist das parler argotique. Damit wird eine kodierte und geheime Sprache beschrieben, die bereits im 17. Jahrhundert von Bettlern und Gaunern aus der Unterwelt verwendet wurde, um Nachrichten und Sinnzusammenhänge vor Außenstehenden zu verschleiern und sie dadurch unzugänglich zu machen.[15] Boucher beschreibt dies auf folgenderweise:

„A cette époche, l’argot est d’abord l’appellation des mendiants et des gueux mais, peu à peu, il désigne leur langage. L’argot est donc une ‘langue spéciale’, secret ou codé, utiliser par des marginaux, les malfaiteurs et ceci au moins jusqu’au XIXième siècle. […] l’argot, aussi appelé ‘langue verte‘ […]“ (Boucher 1998: 174).

Auch wenn das parler argotique im Verlauf der Zeit immer wieder Veränderungen durchlief, blieben wesentliche Funktionen davon bis heute erhalten.[16] Denn nach wie vor drückt die Verwendung des argot sowie die des verlan[17], welche eine Nebenform des argot bildet, nicht nur die Zugehörigkeit an eine Umgebung aus, sie ist auch Ausdruck einer bestimmten Klassengemeinschaft.[18] Diese Tatsache lässt sich am Beispiel des untersuchten Rappers Rim’K darstellen, der seinen wahren bürgerlichen Namen durch ein Pseudonym bzw. Codenamen verhüllt und sich dadurch eine alternative Identität konstruiert.[19] So wird zum einen aus dem arabischen Namen Karim durch die Funktion der Verlanisierung Rim’Ka. Durch den Akt der Silbeninversion, der von den jugendlichen banlieusards innerhalb ihres Soziolekts praktiziert wird, entsteht eine sprachliche Abgrenzung nach außen, der symbolisch für den gesellschaftlichen Widerstand steht. Zum anderen ist sein Pseudonym apokopiert, d.h., dass einzelne Silben weggelassen werden, sodass Rim’K mit rime oder rimer in Zusammenhang gebracht werden könnte. Somit lässt sich durch die kryptische Funktion die Bedeutung des ursprünglichen Namens des Rappers von Außenstehenden nur schwer herleiten. Schließlich ist der arabische Vorname, der sich hinter dem Codenamen verbirgt, ein Hinweis auf ihre nationale maghrebinische Teilidentität und referenziert gleichzeitig auf die glokale und transnationale Iden-titätskomponente.[20]

3.2 Selbstdarstellung als Identitätsakt

„Die Vergangenheit kolonialisierter Völker, die Migranten (oder multikulturellen Bevölkerungen) der Gegenwart, haben alle keine andere Wahl, als in einer Welt zu leben, die zwischen den Kulturen liegt, die unsere Identitäten aus widersprüchlichen und gegensätzlichen Traditionen bildet. Wir sind ganz einfach ‚das eine und das andere‘, gefangen in dem Prozess der kulturellen Übersetzung“ (Kimminich 2003: 21).

Kimminich (2003: XVI) beschreibt Identität nicht nur als einen dynamischen, sondern auch als einen narrativen Prozess, der stets in Diskurse und Geschichten verstrickt sei. In diesem Zusammenhang betont Schmidt (2003: 5) die Tatsache, dass Identität nicht nur hergestellt, sondern auch dargestellt werden müsse. Ferner wäre die daraus resultierende Konsequenz, dass Identitätskonstruktion und Erzählen unlösbar miteinander verwoben seien. Geprägt durch einen hohen Grad an Egozentrismus, stellen Rap-Texte durch das Verbalisieren eigener Lebenserfah-rungen aus der banlieue authentische Zeugnisse der jeunes issus de l’immigrations dar, welche dann in Szene gesetzt werden. Im Folgenden sollen nun zur Veranschaulichung einige Elemente aus Rim’K s Song-Texten dargestellt werden, die die Selbstdarstellung und identitäre Verortung des Vortragenden beinhalten[21]:

[...]


[1] „Der Englische Ausdruck ‚to rap‘ bedeutet ‚quasseln, schwatzen‘ – französisch ‚tchatcher‘ – aber auch rhythmisches Schlagen“ (Bierbach/ Schulz 2007: 250f.).

[2] vgl. Kimminich 2001: S. 146.

[3] vgl. Stemmler 2005: S. 126.

[4] „Im Falle von Jugendkulturen wie der jeunes issus de l’immigration handelt es sich dabei um Subkulturen, die aus einer multiethnischen und plurikulturellen Lebenswelt hervorgehen und durch das Verfahren der Bricolage gekennzeichnet sind“ (Bradt 2005: 38).

[5] vgl. Stemmler 2005: S. 146f.

[6] vgl. Gergel 2006: S. 5f.

[7] vgl. Musicplayon.

[8] vgl. Gergel 2006: S. 31.

[9] vgl. Musicplayon.

[10] „Name der Gruppe bei der Rim’K mitwirkt“ (Gergel 2006: S. 86).

[11] vgl. Musicplayon.

[12] vgl. Gergel 2006: S. 31.

[13] vgl. Musicplayon.

[14] vgl. ebd.

[15] vgl. Boucher 1998: S. 174ff.

[16] vgl. ibid.

[17] „Das Sprachspiel verlan, das in der banlieue als eine Art interethnischer Geheimcode entwickelt wurde, ist gängiges Stilmerkmal des maghrebinisch geprägten Rap“ (Stemmler 2005: S. 150f.).

[18] vgl. ibid. S. 177.

[19] vgl. Gergel 2006: S. 34.

[20] vgl. ebd. S. 35.

[21] vgl. Gergel 2006: S. 36.

Details

Seiten
21
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656006787
ISBN (Buch)
9783656007302
Dateigröße
561 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v178568
Institution / Hochschule
Universität Mannheim
Note
3
Schlagworte
Sprache Identität Rap

Autor

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