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Von der Großmutter zur Göttin. Zur Konsekration der Livia unter Claudius

Seminararbeit 2001 18 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1 Die Kindheit des Claudius: Fundament einer erfolgreichen Herrschaft?
1.1 Claudius’ Verhältnis zur Kaiserfamilie
1.2 Großmütterliche Zuneigung?
1.3 Folgen der Jugenderfahrungen

2 Herrschaftsantritt des Claudius
2.1 Politische Situation des Claudius bei Herrschaftsantritt
2.2 Maßnahmen zur Verbesserung seiner Position

3 Das Propagandaprogramm des Claudius: Ehrungen für die Familie
3.1 Ehrungen für die Eltern
3.2 Ehrungen für den Bruder
3.3 Ehrungen für die Großmutter

4 Diva Augusta
4.1 Livia in den Augen der Bevölkerung
4.2 Die Consecratio der Livia: Ablauf und Art der Ehrungen
4.3 Dauer des Kultes
4.4 Einfluss auf spätere Konsekrationen

Fazit

Quellen- und Literaturverzeichnis

Einleitung

Früher war alles anders – die Ansichten der alten Römer über das Überirdische haben mit heutigen Gottesbildern nur wenig gemein. Apotheosen Normalsterblicher waren keine Seltenheit, besonders in den zwei Jahrhunderten nach der Zeitenwende hatte dieses Phänomen Hochkonjunktur. Meist waren es männliche Angehörige hocharistokratischer Familien, denen derartige Ehren zuteil wurden. Im Jahr 42 n. Chr. jedoch erwirkte Kaiser Claudius die Konsekration seiner Großmutter, der Augustus-Gattin Livia. Sie war die erste Kaisergattin, der eine förmliche Apotheose zuteil wurde. Damit setzte ein Umdenken ein, in dessen Folge unzählige Kaiserfrauen, -schwestern, -nichten und -töchter in den Götterstand erhoben wurden.

Warum ließ Claudius seiner Großmutter diese Ehrung zukommen? War es nur ein letzter Ehrerweis des Enkels? Vielleicht sogar ein Liebesdienst? Oder ein politisches Symbol, das dazu dienen sollte, einem frischgebackenen Herrscher auf wankendem Thron zusätzliche Legitimation zu verschaffen? Und kann diese Handlungsweise als richtungsweisend für spätere Konsekrationen von Kaiserinnen betrachtet werden?

Die Suche nach Antworten führt zuallererst in die Biographie des Claudius. Es stellt sich die Frage, wie die Kindheit des Claudius sich dargestellt hatte, und wie sie sein Vorgehen beeinflusste. Besonders der Einfluss Livias auf die Charakterbildung des Claudius ist zu untersuchen. Weiterhin wird zu analysieren sein, mit welchen Mitteln er seine Herrschaft zu deren Beginn zu konsolidieren suchte, und welche Rolle Livia in diesem Zusammenhang zukam.

Eine interessante Frage ist, welche Konsequenzen die Apotheose der Livia nach sich zog. Welche Ehrungen wurden ihr zuteil? Welche Stellung nahm sie fortan im römischen Staatskult ein? Inwieweit wurde sie zum Vorbild für spätere Konsekrationen?

In der Literatur wird dieses Thema leider kaum behandelt. Die Lebensbeschreibung des Claudius und die Biographien Livias enthalten lediglich kurze Absätze, die sich damit befassen.

Als erstklassige Ressource für die Beantwortung der Fragen nach dem wie und warum der Konsekration Livias hat sich das Papier Marleen B. Florys erwiesen. Das Buch Hildegard Temporinis über die Frauen am Hofe Traians bot wertvolle Informationen über Konsekrationen nach Livia. In Barbara Levicks Claudius-Biographie fand sich umfassendes Material zum Familienleben am Hof des Augustus und zur Erziehung des Claudius.

Als Quellengrundlage dient vor allem die Claudius-Vita des Sueton. Auch Tacitus’ Annalen und eine kurze Beschreibung der Ehrungen des Claudius für seine Familie, verfasst von Cassius Dio, boten Einblicke in das Geschehen am römischen Hof.

Zusätzlich stützt sich diese Arbeit auf diverse Münzprägungen verschiedener Kaiser, auf denen weibliche Angehörige des Kaiserhauses dargestellt werden. Eine hervorragende Zusammenstellung bedeutender Prägungen findet sich bei Hans-Markus von Kaenel. Ulrike Hahn bietet einen umfassenden Kommentar zu Münzen aus den verschiedensten Gegenden des Reiches, vornehmlich dem Osten.

1 Die Kindheit des Claudius: Fundament einer erfolgreichen Herrschaft?

1.1 Claudius’ Verhältnis zur Kaiserfamilie

Tiberius Claudius Nero Germanicus wurde am 1. August 10 v. Chr. in Lugdunum geboren. Sein Vater war Nero Claudius Drusus, Sohn der Livia aus deren erster Ehe mit Tiberius. Mütterlicherseits entstammte er dem Geschlecht der Iulier. Seine Mutter war Antonia Minor, Tochter des Triumvirn Marc Anton und der Octavia, Schwester des Augustus. Claudius war somit Enkel der Livia und Großneffe des Augustus.

Mit dieser Abstammung standen die Chancen des Claudius, seinem Onkel Tiberius auf dem Thron zu folgen, eigentlich hervorragend. Augustus war nicht mit einer besonders großen Nachkommenschaft gesegnet. Aus erster Ehe hatte er nur eine Tochter, die er in Verbannung schickte. Seine zweite Frau brachte zwei Söhne mit in die Ehe: Tiberius Claudius Nero hatte aus seiner zweiten Ehe einen Sohn, Drusus Cäsar. Tiberius’ Bruder Nero Claudius Drusus hatte zwei Söhne und eine Tochter. Drusus fiel ein Jahr nach der Geburt des Claudius, Germanicus, der Bruder des Claudius, und Drusus Cäsar starben ebenfalls in der Schlacht.

Unglücklicherweise hatte die Natur den jüngeren Sohn des Drusus nicht mit einem gesunden Körper gesegnet. In seiner Jugend litt er an verschiedenen Erkrankungen, die sowohl physische als auch geistige Schäden hinterließen. Er soll zwar als erwachsener Mann groß und kräftig gewesen sein, hatte jedoch schwache Knie, einen schwankenden Gang und zittrige Hände. Auch sprach er undeutlich und stockend.[1]

Für solch ein missgebildetes Kind war am Hof des „weisesten Herrschers und der klügsten Frauen“[2] kein Platz. Claudius wurde von seiner Familie mehr als Last denn als Segen empfunden. Seine Mutter bezeichnete ihn als „Missgeburt von Menschen“, und behauptete, „die Natur habe ihn nur skizziert, nicht vollendet“[3]. Aus diesen Gründen bemühte sich die Familie, Claudius möglichst vollständig dem Blick der Öffentlichkeit zu entziehen und ihn ständig zu kontrollieren, um Fehltritte zu vermeiden. Besonders Augustus war sich unklar über die geistigen Fähigkeiten seines Enkels und scheint die Angst gehegt zu haben, öffentlicher Spott über Claudius könnte das Ansehen des Herrscherhauses beschädigen.

Die Feier seiner Volljährigkeit wurde daher ohne großes Aufsehen im engsten Familienkreis vollzogen. Auch nach der Zeremonie wurde er weiterhin von einem Tutor betreut, was sonst nur bei Minderjährigen üblich war. Weiterhin berichtet Sueton: „Bei dem Gladiatorenspiel, das er mit seinem Bruder zusammen dem Volk zum Gedenken an seinen Vater gab und wobei er den Vorsitz führte, [erschien er] in einen Kapuzenmantel eingehüllt [...].“[4] Ein Kleidungsstück, das Kranken und Invaliden vorbehalten war und unter dem sie ihre Mängel verbergen konnten.

Dumm oder geistig behindert kann Claudius nicht gewesen sein, begann er doch auf eigene Faust ein Geschichtsstudium. Dennoch hielt man ihn nicht für voll zurechnungsfähig, und „selbst im vorgerückten Mannesalter [wurde er] für keinerlei öffentliche oder private Berufstätigkeit fähig erachtet [...].“[5] Sowohl Augustus als auch dessen Nachfolger Tiberius gestanden Claudius keine Ämter zu. Immerhin wurde er während der Herrschaft seines Onkels zweimal zum Patron und Sprecher des Ritterstandes gewählt. Erst unter Caligula erreichte er sein Ziel, ein Konsulat.

1.2 Großmütterliche Zuneigung?

Das Verhältnis des Claudius zu seiner Großmutter Livia muss ein denkbar schlechtes gewesen sein. Zwar wuchs er in ihrem Haus auf, kam jedoch kaum mit ihr in Kontakt. Sie scheint seine Gegenwart konsequent gemieden zu haben. So berichtet Sueton: „Seine Großmutter Augusta behandelte ihn stets mit höchster Verachtung und redete mit ihm nur in den seltensten Fällen, und wenn sie ihn zu ermahnen hatte, so geschah es immer in einem kurzen und bitteren Billett oder mündlich durch Dritte.“[6]

Doch es war Livia, die darauf drang, Klarheit über Claudius’ künftigen Werdegang zu schaffen. Suetons Claudius-Biographie enthält einen Brief des Augustus, in dem dieser seiner Frau mitteilt, welche Rolle sein Großneffe bei dem oben erwähnten Gladiatorenspiel zukommen sollte. Die Formulierung zu Beginn des Briefs („Ich habe deinem Verlangen gemäß, liebe Livia, mit Tiberius Rücksprache darüber genommen [...].“[7]) suggeriert, dass er mit dem Brief auf ein Schreiben Livias reagierte. Augustus war zwar willens, seinen benachteiligten Großneffen zu fördern, scheute sich aber, ihn der Öffentlichkeit zu präsentieren. Er entschied, Claudius nur bei Gelegenheiten auftreten zu lassen, bei denen sich seine Mängel kaschieren ließen.

Auch die Ehe mit seiner ersten Frau Plautia Urgulanilla verdankte Claudius vermutlich seiner Großmutter. Diese war eine Tochter der einflussreichen Urgulania, einer engen Freundin Livias.

Großmütterliche Zuneigung zu Claudius scheint Livia nicht gehegt zu haben.

1.3 Folgen der Jugenderfahrungen

„Durch die harte und lieblose Behandlung von Seiten seiner Familie [hat Claudius] schweren Schaden an Geist und Seele erlitten.“[8] Durch die Vernachlässigung konnte sich der Charakter des Claudius nur mangelhaft entwickeln. Es fehlte ihm zeitlebens an Willenskraft, Selbständigkeit und -bewusstsein. Er war daher immer auf den Rat seiner Vertrauten angewiesen. Diese rekrutierten sich hauptsächlich aus Freigelassenen, ein Relikt aus seiner Jugend, das bis in die Zeit seiner Herrschaft fortbestand[9]. (Sein einziger Gefährte von Stand in jungen Jahren war der jüdische Prinz Agrippa.) Außerdem soll Claudius unglaublich vergesslich gewesen sein.

[...]


[1] Vgl. Paulys Realenzyklopädie der classischen Altertumswissenschaft..., Spalte 2832 f.

[2] Paulys Realenzyklopädie der classischen Altertumswissenschaft..., Spalte 2782.

[3] Beide Zitate: Sueton, Claudius, 3, in: Sueton, Kaiserbiographien..., S. 7.

[4] Sueton, Claudius, 2, in: Sueton, Kaiserbiographien..., S. 7.

[5] Ebenda.

[6] Sueton, Claudius, 3, in: Sueton, Kaiserbiographien..., S. 7.

[7] Sueton, Claudius, 4, in: Sueton, Kaiserbiographien..., S. 8.

[8] Paulys Realenzyklopädie der classischen Altertumswissenschaft..., Spalte 2834.

[9] Vgl. Paulys Realenzyklopädie der classischen Altertumswissenschaft..., Spalte 2835.

Details

Seiten
18
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638111003
Dateigröße
534 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v1789
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Historisches Institut
Note
1
Schlagworte
Großmutter Göttin Konsekration Livia Claudius Roms

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