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Empirische Untersuchung zur Prototypentheorie

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 36 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Wie entsteht eine prototypische Vorstellung?

Der Fragebogen

1. Möbelstücke

2. Obstsorten

3. Vogelarten

4. Getränkearten

5. Hundearten

6. Urlaubsziele

7. Baumarten

8. Automarken

9. Fast Food Arten

10. Krankheiten

11. Zeitschriften

12. Deutsche Seen

13. Definition von Lüge

14. Graduierung einer Beispiellüge

15. Definition von Stolz

16. Definition von Romantik

Schlusswort

Literatur-/Quellenverzeichnis

Einleitung

Im Gegensatz zur Merkmalssemantik, die einen Begriff in seine semantischen Merkmale zerlegt, kann in der Prototypensemantik nur auf der Basis einer empirischen Untersuchung geforscht werden. Dazu bieten sich drei Formen der Untersuchung an: Die Beobachtung und Analyse von an Aphasie leidenden Menschen, die Analyse des Spracherwerbs bei Kindern oder Feldforschung durch Fragebögen. Letztere Methode habe ich bei 30 Personen angewendet, mit dem Ziel, die Herkunft oder Art der Erzeugung von Prototypen nachvollziehen zu können, etwaige regionale, kulturelle oder soziale Einflüsse und Auswirkungen aufzuzeigen und wenn möglich die Ergebnisse von Eleanore Rosch aus den 70er Jahren zu widerlegen oder zu bestätigen. Sicherlich sind 30 Testpersonen keine repräsentative Menge, dennoch zeichnen sich einige Tendenzen sehr deutlich ab, was durch eine größere Anzahl an Personen nur noch verstärkt werden würde.

Wie entsteht eine prototypischer Vorstellung?

Anhand der Studie von Eleanor Rosch u.a. lassen sich verschiedene Kriterien ableiten, welche die Erzeugung einer prototypischen Vorstellung maßgeblich beeinflussen. Zunächst wäre da das Kriterium der Frequentalität zu nennen. Je häufiger ein Element einer Kategorie in der näheren Umgebung eines Individuums vorkommt, desto eher wird dieses Element als prototypisches Beispiel genannt oder rückt näher an den Prototypen heran. So wird der Deutsche wohl eher den BMW oder Mercedes als prototypischen Pkw angeben, während der Franzose wahrscheinlich Peugeot oder Citroen nennt. Die Häufigkeit des Vorkommens eines Elements einer Kategorie in einem beschränkten geographischen Raum allein garantiert jedoch nicht, dass dieses zu einer mentalen Repräsentation als typisches Mitglied der Kategorie wird.

Sicherlich spielt auch die Relevanz eines Objekts eine große Rolle. Dabei ist nicht nur die lokale Relevanz von Bedeutung, so wie die Bewohner einer Küstengegend z.B. Fisch als wichtigstes Nahrungsmittel nennen würden und der Chinese vielleicht Reis, sondern auch die Bedeutsamkeit für das Individuum selbst, welches von seinem sozialen Status, Geschlecht, Alter und weiteren Aspekten geprägt wird. Ein hoher Bankangestellter oder Geschäftsmann wird als typische Tageszeitung eher die FAZ als die Bildzeitung angeben, zumindest erstere in ihrer Relevanz überordnen.

(vgl. Schwarz, Monika/Chur, Jeannette: 1996, Seite 49)

Expertenwissen kann ebenfalls die Wahl des Prototypen oder dessen mentale Repräsentation beeinflussen. Der Biologie wird eine Fledermaus auf Grund seines speziellen Fachwissen sofort als Säugetier einordnen, während der Fachunkundige die Fledermaus zwar an den äußersten Rand der Kategorie Vogel platzieren würde, sie aber dennoch als eine Art Vogel empfinden würde, obwohl er vielleicht ahnt oder flüchtig mitbekommen hat, dass es sich um ein Säugetier handelt. (vgl. Schwarz, Monika/Chur, Jeannette: 1996, Seite 52)

Die Einordnung eines Objektes in eine Kategorie kann auch entscheidend von dessen Aussehen gelenkt werden, muss aber nicht zwangsläufig davon beeinflusst sein. Dies wird deutlich, wenn man bedenkt, dass ein Spatz eher ein prototypischer Vogel ist, im Gegensatz zu einem Strauß.

Neben all diesen Kriterien gibt es jedoch noch etwas, dass ich hier als Typikalität bezeichnen möchte, was in manchen Fällen den oben genannten Prinzipien widerspricht und ihre Berechtigung in Frage stellt. Manche Exemplare einer Kategorie scheinen jedenfalls einfach „bessere“ Vertreter derselben darzustellen, ohne dass dies durch eine rationale Begründung belegt werden könnte. So geht aus den Farbexperimenten von Berlin/Kay hervor, dass die Testpersonen einen roten Farbton als ein „besseres Rot“ einstufen können und einen anderen als ein weniger typisches Rot, obwohl die eindeutige Unterscheidung wohl nur von einem Physiker durchgeführt werden könnte. (vgl. Aitchison, Jean: 1987, Kapitel 5)

Die Frage wie eine prototypische Vorstellung in einem Individuum erzeugt wird und welche Faktoren dabei eine Rolle spielen, lässt sich daher nur thesenartig beantworten, wenn überhaupt. Es ist eigentlich nicht einsichtig, wie Menschen zu den Bewertungen kommen, da die Kriterien dafür sehr heterogen sind.

Der Fragebogen

Der Fragebogen wurde an 30 Personen unterschiedlichen Alters und Berufs ausgegeben, zumeist an Studenten/innen im Alter von 20-25, aber auch an Schüler/innen ab 16 Jahren aufwärts und Erwachsene im Alter von mehr als 30 Jahren. So ergibt sich ein interessanter Durchschnitt durch verschiedene Altersschichten, Berufsstände, soziale Milieus und Lebenseinstellungen, der in manchen Fällen durch die Komponente Geschlecht modifiziert wird.

Die Testpersonen wurden gebeten, einen Fragebogen mit insgesamt 18 Fragen auszufüllen und ihre Antworten dabei spontan und instinktiv zu geben. In den Fragen 1-13 wurden jeweils drei Vertreter einer Basiskategorie des Prototypenkonzepts verlangt, und zwar in den Kategorien Möbelarten, Obstsorten, Vogelarten, Getränkearten, Speisen, Hundearten, Urlaubsziele, Baumarten, Automarken, Fast Food Arten, Krankheiten, Zeitschriften und deutsche Seen. In den Fragen 14-18 hingegen wurden Eigenschaften abstrakter Begriffe verlangt, einerseits spontane Assoziationen zum Begriff, als auch eine genauere Definition, möglichst stichwortartig. Dabei blieb es der Testperson weitgehend selbst überlassen, in welcher Art und Weise sie die Frage beantwortet, assoziativ oder definierend bzw. beides. Gefragt wurde nach den Begriffen der Lüge, des Stolz, der Romantik und des Wahnsinns, wobei bei Lüge einerseits eine Definition und andererseits die Graduierung einer Beispiellüge im Rahmen einer Skala von eins bis sieben verlangt wurde.

Die Fragen Nummer 5 und 18 wurden nach den ersten Ergebnissen nicht mehr ausgewertet, da sie zu häufig Missverständnisse und unpräzise Ergebnisse lieferten. Es handelt sich dabei um die Fragen nach den Speisen und der Definition von Wahnsinn. Im folgenden möchte ich jede der 18 Frage, abgesehen von den eben genannten, einzeln analysieren.

1. Möbelstücke

Die Auswertung der Frage nach drei Möbelstücken ergab keine Überraschung gegenüber der Erwartungshaltung. Offensichtlich scheint es einige ganz typische Möbelstücke zu geben, die sofort ins Bewusstsein der Testpersonen kommen, sobald der Kategoriename gelesen wird. Es ließen sich sogar Gruppen der graduierten Typikalität feststellen: So bekam der Stuhl 22% aller Antworten, das Bett 21%, der Tisch 18% und der Schrank 17%, während die zweite Gruppe, bestehend aus Schreibtisch, Sofa, Regal und Sessel, mit Prozentsätzen von 7-25% zu Buche schlug. An Hand dieser Daten lässt sich das Prinzip der Frequentalität und der Relevanz leicht ablesen: Denn erstens handelt es sich bei der Spitzengruppe um Möbelstücke, die wirklich fast jeder besitzt und die auch unentbehrlich für den durchschnittlichen Lebens-standard der westlich geprägten Welt sind, und zweitens möchte ich behaupten, dass diese Objekte auf Grund ihres Allgegenwärtigseins als Institutionen in unserer Alltags- und Gedankenwelt verankert sind. Diese These belegt auch, dass z.B. Regal oder Sessel als nicht zwangsläufig unentbehrliche, aber dennoch offensichtlich übliche Standard-Möbelstücke die zweite Gruppe bilden. Die geringe Zahl der Antworten, die nur einmalig genannt wurden und damit unter „Sonstige“ fallen, nämlich gerade mal 4%, stützt obige Vermutung ebenfalls, zumal in dieser Sparte nur Recamiere, Bierbank, Vitrine und Barhocker stehen, die man beim besten Willen nicht als typische Möbelstücke erachten kann. Im Gegensatz zu den anderen Fragen zeichnet sich hier jedenfalls eine hohe Übereinstimmung aller Testpersonen ab, so dass es nicht schwer fällt, den Stuhl als Prototypen zu akzeptieren, da auch aus Roschs Umfragen der „chair“ als prototypisches Möbelstück resultiert. Unterschiedlich wäre es möglicherweise in kulturell anders geprägten Räumen, in denen auf dem Boden sitzend gegessen wird, was Tisch und Stuhl dort wahrscheinlich gänzlich als mögliche Antworten ausschließen würde. Gegen das Argument der Frequentalität stellt sich allerdings die Frage, was mit in der Realität nicht minder häufig vorkommenden Objekten wie dem Kühlschrank passiert ist? Offensichtlich existiert im Bewusstsein darüber hinaus etwas, dass den Prototypen Stuhl als typischeres Möbelstück oder als „möbliger“ als einen Kühlschrank auszeichnet. Vielleicht liegt dies jedoch auch nur daran, dass der Kühlschrank eher in die Gruppe „Haushaltsgeräte“ einzuordnen ist.

2. Obstsorten

Wenn man sich im Voraus den Apfel als Prototypen gewünscht hat, wird man hier nicht enttäuscht. Mit 31% Prozent der Gesamtantworten übt er eine gewaltige Versuchung aus, ihn als Prototypen zu bezeichnen. Denn einerseits ist er wohl eines der am häufigsten angebauten Obstsorten in Süddeutschland sowie auch eines der wichtigsten, was man allein daran sieht, wenn man die Auslage eines Supermarktes oder eines Marktstandes betrachtet bzw. die Vielfalt der vorhandenen Apfelsorten. Der Apfel bestätigt als Prototyp Frequentalität als auch Relevanz als Einfluss nehmende Elemente, wenn man sich überlegt, das wohl in Afrika oder Südamerika eher die Banane dessen Stelle einnehmen würde. Umso überraschender ist es daher, die Banane mit 19% auf Platz Zwei zu finden, dicht gefolgt von der Birne mit 16%. Die Vorstellung der Banane als prototypisches Obst rührt wohl daher, dass sie in Deutschland inzwischen als eine Selbstverständlichkeit gilt, sie kann zwar bei uns nicht angebaut, dafür aber importiert werden. Im Gegensatz zur Banane, die sich des zweiten Platzes anscheinend auf Grund ihrer Beliebtheit erfreuen darf, bestätigt die Birne dieselben Faktoren der Prototypenbildung wie der Apfel. Dies wird durch die geringe Menge der „Sonstigen“ (2%) und durch das weite Feld peripherer Obstsorten, welche alle zwischen 10 und 2% liegen, unterstrichen. Unter diesen fanden sich, nach der Häufigkeit sortiert, Orange, Erdbeere, Kirsche, Pfirsich, Kiwis, Mango und Ananas. Trotz des eindeutigen Ergebnisses kann man sich gewisser Vorbehalte nicht erwehren, denn trotz Frequentalität und Relevanz scheint den ersten drei Obstsorten eine gewisse Typikalität anzuhaften.

3. Vogelarten

Genau wie Rosch, habe ich in diesem Test ebenfalls Vogelarten abgefragt, um zu sehen, ob die von ihr postulierten regionalen bzw. nationalen Unterschiede tatsächlich existieren. Während Rosch das Rotkehlchen als Prototypen ermittelt und in zweiter Instanz den Spatzen, Kanarienvogel, die Taube und die Amsel feststellt, komme ich zu dem Ergebnis, dass die Amsel sich mit 22% der Stimmen zwar als Prototyp an Stelle des Rotkehlchens aus Kalifornien auszeichnet, jedoch die restlichen genannten Vögel, außer dem Spatz (13%) und dem Fink (11%), die eine Vorreiterstellung einnehmen, relativ gleich zu sein scheinen. Jedenfalls bekam die Taube mit 2% der Stimmen ebenfalls ihren Platz im nahen Umfeld des Zentrums, wie auch der Adler, der Storch, die Meise, die Drossel, der Papagei u.ä., so dass das Kriterium der Frequentalität höchstens im Bereich des Prototypen abgeleitet werden kann. Andererseits unterscheidet sich Kalifornien bezüglich der Vogelarten nicht so grundlegend von Deutschland, dass man das Kriterium der Häufigkeit als komplett irrelevant bezeichnen könnte. Sicher ist, dass für den Eskimo eher einer der wenigen Vögel in seiner Umgebung als Prototyp gilt, wenn nicht gar der Pinguin, während in Deutschland oder Kalifornien eben Singvögel dominieren.

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Details

Seiten
36
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638223430
ISBN (Buch)
9783638645379
Dateigröße
698 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v17890
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Deutsches Seminar I
Note
1,7
Schlagworte
Empirische Untersuchung Prototypentheorie Hauptseminar Bedeutungstheorie

Autor

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Titel: Empirische Untersuchung zur Prototypentheorie