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Vom Naturzustand zum Leviathan

Thomas Hobbes’ Staatskonzeption

Hausarbeit 2009 19 Seiten

Philosophie - Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Vom Naturzustand zum Leviathan
2.1 Werkstoff und Konstrukteur des Leviathan: der Mensch
2.2 Bellum onmium contra omnes
2.3 Vernunft gebietet den Vertrag
2.4 Kein Vertrag ohne das Schwert
2.5 Die Geburt des Leviathan
2.6 Der Souverän

3. Resümee

4. Quellenund Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Hobbes’ Leviathan gilt als Begründungsschrift der modernen Staatsphilosophie.1 Ausgehend von der Analyse staatlichen Versagens und von dem Potenzial der menschlichen Vernunftbegabung versucht Hobbes in diesem Werk nicht nur die dringende Notwendigkeit, sondern auch die Realisierbarkeit der Neubegründung der Gesellschaft und der konkreten Gestalt eines gelingenden Staates aufzuzeigen.

Das Zentrum, gewissermaßen das Herz der Hobbesschen Staatskonzeption ist der Übergang vom Naturzustands-Menschen zum Staat durch den Gesellschaftsvertrag, der jene „krumme, gewundene Schlange“2, jenes „im Buche Hiob ( ) als das stärkste und unbändigste Tier geschilderte Seeungeheuer“3 hervorbringt und entfesselt.

Die vorliegende Arbeit stellt den Versuch dar, diese maßgeblich im 17. Kapitel des Leviathan aus den vorangehenden Kapiteln zusammenfließende Schlüsselstelle in ihren Kernaussagen zu skizzieren.

So zentral dieser Abschnitt auch ist er ist dennoch nur ein Mosaiksteinchen des Leviathan, das auf die in den vorangehenden Kapiteln entfalteten Grundlagen aufbaut und sich nur durch deren Einbezug komplett erschließt. Eine von den Grundlagen losgelöste Betrachtung ist daher nicht unproblematisch allerdings aufgrund ihres geringen Umfanges für diese Arbeit der einzig gangbare Weg.

Um den oben benannten Hauptuntersuchungsgegenstand in irgendeiner Weise ergiebig behandeln zu können, muss sowohl auf eine detaillierte Einordnung desselben in den Gesamtzusammenhang als auch auf einen Abriss der wissenschaftlichen HobbesDiskussion weitgehend verzichtet werden.

Die Grundlagen, die Hobbes vor allem im ersten Teil, also den Kapiteln 1 bis 16 des Leviathan, entwirft, müssen also vorausgesetzt werden ebenso wie der größte Teil der in dieser Arbeit verwendeten Hobbes-spezifischen Begrifflichkeiten und biografische Angaben zu Hobbes’ Person.

Auch eine kritische Verortung des Werkes in seiner Zeit, also eine Berücksichtigung der Wirkungsgeschichte, kann nicht geleistet werden.

Wenn die vorliegende Arbeit auch eine Behandlung der benannten Punkte nicht leisten kann, ist es doch ihr Anspruch, Hobbes’ Grundgedanken bzgl. der Fragestellung der Arbeit klar herauszuarbeiten, seine Argumente zu benennen und somit eine Art Konzentrat der Hobbesschen Vorstellung vom Übergang vom Menschen zum Staate zu gewinnen.

Sämtliche Leviathan-Zitate in dieser Arbeit beziehen sich auf die im Quellenverzeichnis benannte Ausgabe und werden allein durch Angabe der Seitenzahl in Klammern ausgewiesen.

2. Vom Naturzustand zum Leviathan

2.1 Werkstoff und Konstrukteur des Leviathan: der Mensch

Hobbes Leviathan ist eine Staatstheorie. Ihm liegt die Frage zugrunde, wie und unter welchen Voraussetzungen ein Staat gelingen kann, das heißt, wie der Staat geschaffen sein muss, damit er die Aufgaben, zu deren Erfüllung er existiert bzw. geschaffen wird, auch tatsächlich uneingeschränkt erfüllen kann. Was diese elementaren Aufgaben eines Staates sind, wird Hobbes im Laufe des Werkes nicht müde zu betonen: es sind die Gewährleistung von Sicherheit nach außen und von Ordnung nach innen. Beide sind Voraussetzung für ein Leben der Bürger in Frieden und Rechtssicherheit, für Fortschritt, Prosperität und letztlich die Ausbildung aller zivilisatorischen Errungenschaften.

Am Anfang des Leviathan steht jedoch nicht nur die Frage, unter welchen Voraussetzung ein wie auch immer gearteter Staat gelingen kann. Hinzu kommt die (freilich mit der ersten Frage eng verwobene) Suche nach einer neuen Legitimationsgrundlage des Staates, nachdem im Zuge der Religionskriege des 17. Jahrhunderts eine Begründung und Herleitung von Staat und Herrschaft aus dem göttlichen Willen unmöglich geworden war.4

Der Leviathan stellt demnach den Versuch dar, Legitimation und Beschaffenheit jenes Idealstaates herauszuarbeiten, der ein drängendes Problem der Hobbesschen Zeit, die Orientierungslosigkeit und das politische Chaos der konfessionellen Bürgerkriege, endlich überwinden kann.

Nicht grundlos beginnt Hobbes seine Konstruktion dieses herbeigesehnten Leviathan mit dem Menschen, dem er ein nahezu gleichgroßes Kapitel widmet wie dem Staate. Denn niemand anderes als der Mensch ist, wie Hobbes in seiner Leviathan-Einleitung feststellt, „Werkstoff und Konstrukteur“ (5) des Leviathan. Hobbes’ Staat beginnt mit dem einzelnen Bürger, dem Individuum. Der Wille des einzelnen Bürgers füllt das Vakuum, das die Religionskriege geschaffen haben. Er ist die neue Legitimations- grundlage, das von Hobbes erstmals errichtete Fundament des Staates.5

Doch wie vollzieht sich der Schritt vom Bürger zum Staat? Zwei Erkenntnisse aus Hobbes’ Menschenanalyse im ersten Teil des Leviathan sind ausschlaggebend: zum einen die relative Gleichheit aller Menschen hinsichtlich körperlicher, vor allem aber auch geistiger Fähigkeiten wie Erfahrung, Klugheit und Vernunft,6 zum anderen Konkurrenz, Misstrauen und Ruhmsucht als konstitutive Elemente der menschlichen Natur.

2.2 Bellum omnium contra omnes

Auf der Grundlage dieses Menschenbildes entwirft Hobbes den Naturzustand. Dieser ist ein Gedankenexperiment,7 das nach dem menschlichen Verhalten fragt in einem Szenario gänzlicher Anarchie, das heißt im Falle des Fehlens jeglicher Staatlichkeit.

In Hobbes Naturzustands-Modell wird der Mensch zum Überlebensrisiko für seinesgleichen.8 Denn da es keine die Macht und den Willen der Menschen beschränkende Gewalt gibt, hat jeder Mensch das natürliche Recht auf alles, „selbst auf den Körper eines anderen“ (99) wobei es zwangsläufig zum Konflikt kommen muss, denn das Recht und der Anspruch eines Menschen enden ja nicht, wo Recht und Anspruch eines anderen beginnen.

Die beiden von Hobbes herausgestellten Menschen-Charakteristika entwickeln sich in besonderer Weise zu Konfliktursachen:

Die Gleichheit der Menschen an Erfahrung, Klugheit und Vernunft verhindert die Entstehung natürlicher Herrschaftsverhältnisse,9 da niemand einen Rang oder Vorteil für sich beanspruchen kann, den nicht auch ein anderer einfordern und erlangen könnte, und da es niemandem gelingen kann, sich entscheidend von den anderen abzusetzen und über sie zu erheben10 weil noch der „Schwächste stark genug ist, den Stärksten zu töten“ (94), z.B. durch Hinterlist.

Aus dieser Tatsache ergibt sich eine unüberwindbare Konkurrenzsituation, die Feindschaft und Furcht gebiert.11 Niemand kann jemals sicher sein, Misstrauen wird zur Überlebensstrategie. Um das Überleben zu sichern, also nicht Opfer dieser Situation zu werden bzw. der Gefahr insofern begegnen zu können, dass man den Konkurrenten ausschaltet, kommt es zu einem Zustand des „Wettrüstens“.12

Die Menschen wissen zwar, dass dieses Aufrüsten den Konflikt verschärft, doch kann sich niemand der unheilvollen Dynamik entziehen.13 Für Hobbes „ergibt sich klar, daß die Menschen während der Zeit, in der sie ohne eine allgemeine, sie alle im Zaum haltende Macht leben, sich in einem Zustand befinden, der Krieg genannt wird, und zwar in einem Krieg eines jeden gegen jeden“ (96). Der permanente Kriegszustand ist im Naturzustand ein Faktum, das „aus den natürlichen Leidenschaften der Menschen notwendig folgt“ (131).

Sein im Naturzustand entfesseltes Menschenbild leitet Hobbes nicht aus den angenommenen, unterstellten Leidenschaften theoretischer Wesen, z.B. eines Urzeitmenschen, sondern aus den real existierenden Menschen ab. Hobbes Naturzustand beschreibt das Verhalten des Menschen seiner Gegenwart, die Bedürfnisse des Bürgers einer zivilisierten Gesellschaft, und das Verhalten, in das diese Menschen verfallen würden, wenn niemand mehr über Gesetz und Vertrag wacht.14

„Um zum Naturzustand zu gelangen, schob Hobbes das Gesetz beiseite, nicht jedoch die gesellschaftlich erworbenen Verhaltensweisen und Begierden des Menschen.“15 Das Naturzustands-Modell beschreibt also nicht, wie es einmal war, sondern wie es werden könnte.

[...]


1 vgl. u.a. Willms (1987), 22ff., Schneider (2003), 9, Klenner (2000), 27f. und Kersting (1996a), 9ff.

2 So die Übersetzung des hebräischen Wortes „Leviathan“ nach Voigt (2000a), 16.

3 Schmitt (1982), 10. Die Diskussion über Carl Schmitts Positionierung zum Nationalsozialismus und etwaige Konsequenzen für die Beurteilung seines Werkes soll zumal wegen des geringen Stellenwertes für die vorliegende Arbeit an dieser Stelle nicht geführt werden.

4 Zur Rolle des Bürgerkrieges für Hobbes’ Biografie und vor allem den Leviathan s. Willms (1987), insbes. S. 89-124.

5 vgl. Voigt (2000b), 42.

6 Die Gleichheit schließt eine natürliche Hierarchie, wie etwas bei Aristoteles in den drei natürlichen Herrschaftsverhältnissen, aus. Vgl. Nida-Rümelin (1996), 112.

7 vgl. Nida-Rümelin (1996), 112, oder auch „logische Hypothese“, Macpherson (1996), 131.

8 vgl. Willms (1987), 138.

9 vgl. Chwaszcza (1996), 106.

10 vgl. Klenner (2000), 29.

11 vgl. Nida-Rümelin (1996), 112.

12 Kersting (1996b), 211, vgl. auch „Aufrüsten“ bei Chwaszcza (1996), 106.

13 vgl. „überlebensnotwendige Rationalität des offensiven Misstrauens und vorbeugender Gewaltanwendung“ bei Schneider (2003), 48.

14 vgl. Macpherson (1996), 132.

15 ebd.

Details

Seiten
19
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656011620
ISBN (Buch)
9783656011811
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v178901
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Institut für Philosophie
Note
1,0
Schlagworte
Hobbes Naturzustand Leviathan Staat Staatstheorie; Staatsvertrag Staatsphilosophie Krieg jeder gegen jeden Souverän

Autor

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Titel: Vom Naturzustand zum Leviathan