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Die Paradiesszene in Heinrich von Kleists "Erdbeben in Chile" - Eine Interpretation auf der Grundlage ihrer mythologischen und philosophischen Bezüge

Seminararbeit 2003 18 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

I. Christliche und mythologische Anspielungen

II. Der Einfluss von Rousseaus
„Abhandlung über den Ursprung
und die Grundlagen der Ungleich-
heit unter den Menschen“

III. Die Triadenstruktur des
„Erdbebens“
Schlusswort

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die Paradiesszene in Kleists „Erdbeben in Chile“ ist auf drei Arten von besonderer Bedeutung

für die gesamte Novelle. Erstens beinhaltet sie viele Anspielungen auf christliche und mythologische Motive, zweitens gibt sie der Novelle durch ihre zentrale Stellung eine signifikante Triadenstruktur und drittens kann man sie vor dem Hintergrund von Rousseaus „Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen“ interpretieren. Im folgenden möchte ich auf jeden der angesprochenen Punkte näher eingehen, um die vielfältigen Verknüpfungen des „Erdbebens“ mit mythologischen, philosophischen und religiösen Themenbereichen aufzuzeigen.

I. Christliche und mythologische Anspielungen

Nachdem das Erdbeben Josephe und Jeronimo die Flucht vor ihrem Schicksal ermöglicht hat, rettet erstere ihr Kind aus dem Kloster und beginnt dann, nach vergeblicher Suche nach dem Geliebten, es in einem Fluss zu waschen. Durch einen Zufall erscheint Jeronimo, der ebenfalls auf der Suche gewesen ist, plötzlich doch (Seite 148). An dieser Stelle beginnt die Paradiesszene in Kleists „Erdbeben“, eingeleitet auf Seite 149 mit dem Satz „und fand ihn hier, diesen Geliebten, im Tale, und Seligkeit, als ob es das Tal von Eden gewesen wäre.“. Josephe und Jeronimo treffen sich nach dem überstandenem Erdbeben und sofort scheint die Welt aus ihrer Perspektive wie das Paradies zu wirken. Der Ort an dem sie sich befinden, zeigt laut Oellers (Interpretationen, Seite 92) tatsächlich auch alle Anzeichen eines locus amoenus: Die Nacht ist „voll wundermilden Duftes“, „silberglänzend und still“, es gibt eine „Talquelle“, der Mond scheint (alles Seite 149) und „die Nachtigall flötet im Wipfel ihr wollüstiges Lied“ in einem „prachtvollen Granatapfelbaum, der seine Zweige, voll duftender Früchte, weit ausbreitete“ (beides Seite 150). Dies stimmt ziemlich genau mit den Beschreibungen des klassischen Topos locus amoenus, wie man ihn beispielsweise schon aus den aventiuren des Mittelhochdeutschen kennt, überein. Die wichtigsten Elemente, Vogelgesang, eine Quelle oder ein Flüsschen und Blumen bzw. Früchte, kommen u.a. auch bei Kleist vor.

Kleist spielt jedoch gleichzeitig darauf an, dass es sich nur um eine Utopie handelt, um eine fiktional-trügerische Scheinwelt, „wie nur ein Dichter davon träumen mag“ (Seite 149), die beiden Protagonisten befinden sich an einem Ort, der nur so scheint, „als ob es das Tal von Eden gewesen wäre.“ (Seite 149). Damit stellt Kleist klar, dass die folgenden Beschreibungen ganz im Sinne der Wahrnehmung des Liebespärchen stehen, er relativiert diese durch häufige Verwendung von „als ob“ Konstruktionen, mit denen laut Altenhofer (in Wellbery, Seite 51) die biblischen und mythologischen Bezüge als „die Erfahrung des Trügerischen, des Scheins“ chiffriert sind.

Auf das Paradies-Motiv wird im „Erdbeben“ auch schon früher angespielt, wie Altenhofer (In Wellbery, Seite 50) feststellt, denn Jeronimo macht „in einer verschwiegenen Nacht den Klostergarten zum Schauplatz seines vollen Glückes“ (Seite 144).

Dass die beiden Liebenden unter einem „prachtvollen Granatapfelbaum“ zur Ruhe gehen, kann laut Kittler (in Wellbery, Seite 33) bloßer Zufall sein, da der Punica Granatum seit der Kolonialisierung Amerikas auch in Chile wächst. Andererseits bemerkt Kittler auch, dass es sich bei dem Granatapfelbaum um einen mythischen Baum handelt, der in den Fruchtbarkeitsritualen der Großen Mutter im Orient eine Rolle spielt, was eine Anspielung auf das Ereignis im Klostergarten sein könnte. Generell gilt der Granatapfelbaum in der Antike als Zeichen der Fruchtbarkeit auf Grund seiner vielen Kerne, wie Müller-Salget feststellt (Seite 163).

In der griechischen Mythologie steht der Granatapfelbaum jedoch als Symbol für die Unterwelt und die Sage um Persephone. Die Tochter der Demeter wurde von Hades, dem Herrscher der Unterwelt, in seine Welt entführt, auf Befehl von Zeus, dem Göttervater, jedoch, durfte sie wieder in die Welt der Lebenden zurückkehren, allerdings nur unter der Bedingung, nichts aus der Unterwelt mitzunehmen. Da diese sich jedoch nicht beherrschen kann, von dem am Ausgang des Hades stehenden Granatapfelbaum eine Frucht zu pflücken, muss sie für immer in der Unterwelt bleiben. Das Symbol des Granatapfelbaums kommt deshalb einer Vorausdeutung Kleists auf den drohenden Untergang Josephes und Jeronimos gleich, denn der Baum der „seine Zweige, [] weit ausbreitet“ (Seite 150), überschattet das Pärchen und sein Kind mit der Androhung des Todes. (vgl. Kittler in Wellbery, Seite 33 und Müller-Salget, Seite 163)

Darüber hinaus handelt es sich bei dem Granatapfelbaum auch noch um ein Symbol aus der Bibel, er spielt auf den Sündenfall und die daraus resultierende Verstoßung von Adam und Eva aus dem Paradies an, denn auch Jeronimo und Josephe müssen die Utopie des Garten Edens, in der sie sich befinden, kurz darauf wieder verlassen. Der Granatapfelbaum ist also ein sehr ambivalentes Symbol, dass in zwei der genannten Fällen eine Vorausdeutung des Schriftstellers auf den weiteren Verlauf der Novelle ist und in Bezug auf die Mythologie des Orients auf die Schwängerung im Klostergarten verweisen könnte.

Auf eine weitere Doppeldeutigkeit mit biblischem Bezug weist Werner Hamacher (in Wellbery, Seite 163) hin: der Ausruf Jeronimos „O Mutter Gottes, du Heilige!“ (Seite 148), nachdem er Josephe wiedergefunden hat, kann einerseits als eine Artikulation der Überraschung oder des Dankes an Gott angesehen werden, aber auch als Anrede an Josephe verstanden werden. Demnach könnte man Philipp, ihren Sohn, als Sohn Gottes und damit parallel zu Jesus erachten. Die Namen Josephe und Jeronimo haben, laut Hamacher, darüber hinaus biblische Vorbilder. Josephe spielt dabei auf den biblischen Joseph, den Ziehvater Jesus an, was sie praktisch zu „Frau Joseph“, also Maria, macht, wohingegen Jeronimo den Namen des heiligen Hieronymos trägt. Auch der Sohn des Don Fernandez trägt nach Hamacher einen biblischen Namen, Juan geht auf den Apostel Johannes zurück, der Name der Johannes-Mutter Elisabeth sei dagegen auf die Schwester von Juans Mutter, Donna Elisabeth, übergegangen.

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Details

Seiten
18
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638223461
ISBN (Buch)
9783638774826
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v17893
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Deutsches Seminar II
Note
2,3
Schlagworte
Paradiesszene Heinrich Kleists Erdbeben Chile Eine Interpretation Grundlage Bezüge Proseminar Kleist

Autor

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